Verfasst von: sauvradaeva | April 2, 2012

Empirische Dimension des Islamismus

Bevor ich in den folgenden Artikeln mit der eigentlichen Analyse beginne, möchte ich einen Überblick geben, in welcher Dimension sich islamistische Bewegungen ausgebreitet haben. Bestimmte Ideen herrschten natürlich auch vor der Durchsetzung kapitalistischer Verhältnisse, z.B. Autoritarismus, Unitarismus, Ablehnung anderer Auslegungen. Sie lassen sich bis weit in die Vergangenheit zurückverfolgen, wenn man so möchte bis ins 8. Jahrhundert. Ein gravierender Unterschied liegt in der Ausdehnung dieser Ideen. Sie waren sehr marginal. Der wesentliche Unterschied zwischen den Phasen liegt jedoch in der Gruppe, auf die man diese Ideen bezog. War es früher notwendig mit den Ideen die willkürliche Adelsherrschaft1 verbal anzugreifen und durch einen „gerechten Herrscher“ zu ersetzen bzw. eine Adelsherrschaft zu legitimieren, so hat sich der Bezugspunkt gewandelt. Früher hat man dem einzelnen Herrscher kritisiert, dass die Zurechenbarkeit seiner Herrschaft nicht sein Selbstinteresse sein dürfe. Jedoch hat man somit gleichzeitig bestätigt, dass er über allen anderen stand um die gesellschaftlichen Geschicke zu bestimmen. Die Vorstellungen vom gerechten Herrscher wurden schließlich um das gerechte System und das fromme Individuum zunächst erweitert und schließlich vollkommen abgelöst 2. Zunächst sollte also der Herrscher als Garant dafür einstehen, dass ein gerechtes System, das das allgemeine Beste ermöglicht, dauerhaft etabliert wird. Bis heute berufen sich auf diese Legitimationsstrategie die Herrscher in Saudi-Arabien, den V.A.E., Kuwait, Bahrain und Qatar. Diese Vorstellung löste sich zunehmend auf zu Ideen, wie die gerechte Gesellschaft als System über Werte etabliert werden konnte und wie sich die Individuen selbst darum zu bemühen hatten um die gesellschaftliche Ordnung zu vollbringen. Gerade auf den letzten Aspekt lege ich besonderen Wert, da er in der Ideologie der Islamisten ständig verwendet wird, allerdings gerade von vielen Analysten vernachlässigt.

Damit überhaupt klar wird, über welche Regionen gesprochen wird, stelle ich eine Karte der Bevölkerungsverteilung der Moslems (kleinere Population wurden wegen der besseren Übersicht fortgelassen, so z.B. in Europa und den Amerikas.) vor.

Abb1. Verteilung der muslimischen Bevölkerung, Daten nach UN World Population Prospect. eigene Darstellung

Für die meisten ist wahrscheinlich überraschend, in welchen Ländern sich die Mehrheit konzentriert: Auf Pakistan, Indien, Bangladesch und Indonesien entfällt fast die Hälfte der Moslems, zusammen etwa 650 Millionen. Je mehr Moslems in einem Land leben, hat aber nicht zur Folge, dass kausal auch Islamisten dort mehr Einfluss hätten. Wenn verschiedene Personen „vom Islam“ sprechen, fällt natürlich sofort auf, wie wenig Personen sie dabei berücksichtigen. Man hat oft den Eindruck, dass nur Araber, Türken, Albaner und Bosnier als Moslems gelten und mit den Erwähnungen in der Presse seit 2001 natürlich auch Afghanen und Pakistanis. 200 Millionen in Indien, 200 Millionen in Indonesien und 120 Millionen in Bangladesch u.v.a.m. sind dagegen nur unzureichend berücksichtigt. Das hat auch Parallelen unter Arabern. Für die meisten Saudis sind Indonesier, Bangladeschis, Pakistanis und Afrikaner3 auch keine richtigen Moslems.4

Eine erste historische Auseinandersetzung mit dem Islamismus hat Albert Hourani (1962) vorgelegt. Er nannte ihn natürlich nicht Islamismus, sondern nach einem wichtigen Bezugsmerkmal Salafismus. Mit as Salaf as Salih werden die ersten Generationen nach der Verkündigung des Islams bezeichnet, also Mohammed und die ersten vier Kalife (sog. Rashidun-Kalifat). Diese Zeit wird als Goldenes Zeitalter verklärt, zu dem man wieder zurückkehren müsse. Moderne Salafisten, z.B. Pierre Vogel, machen das auch in ihrem Kleidungsstil deutlich, in dem sie sich in die angebliche Tracht dieser Zeit kleiden. Das Ziel im 19. Jahrhundert war nun nicht der Hölle zu entkommen, sondern zutiefst säkular. Ägyptische Intellektuelle wollten zu Beginn des 19. Jahrhunderts Staat und Gesellschaft reformieren um sich militärisch behaupten zu können und wirtschaftlichen Wohlstand zu erreichen.5 Der frühe Salafismus wurde seinerzeit nirgends Staatsdoktrin, prägte aber die Diskussion. Auf Grundlage der Schriften Raschid Ridas6 entwickelte Hassan al Banna 1928 schließlich die Muslimbrüder (al ikhwan al muslimun). Während der Verfolgungsphasen in Ägypten flüchteten diese islamistische Gruppe vorwiegend nach Saudi-Arabien und übten Einfluss auf das saudische Erziehungswesen, die Entwicklungshilfe- und Missionseinrichtungen. Die Universitäten Medina und Jiddah gehören zu ihren Hochburgen.7 Wie Gilles Kepel (2002) angibt waren die saudischen Petrodollar ein wesentlicher Faktor den Islamismus in die muslimische Welt zu tragen.8 Aber die Muslimbrüder und Saudi-Arabien waren nur ein Faktor des Islamismus, der sich nur weitgehend auf den arabisch-sunnitischen Raum bezog. In Indien gründeten sich als Gegenbewegung zum britischen Kolonialismus, dem traditionellen und dem Reformislam mehrere Gruppen, am bekanntesten die Deobandis mit ihrem Sitz im gleichnamigen Ort Nordindiens, die Ahl-i Hadith und die Tablighi Jama’at. Aus ihnen gingen fast alle weiteren islamistischen Gruppen hervor, z.B. Jundullah (Armee Gottes), Lashkar-e Toiba (Miliz der Aufrichtigen), Jama’at-i Islami (Islamische Gemeinschaft),9 die Taliban.

Der Islamismus hatte seinen Höhepunkt in den 70er und 80er Jahren. Im Iran hatten sie die Macht erobert, in Ägypten Sadat ermordet und führten seit den 70er Jahren einen Bürgerkrieg sowie 1988 schließlich die UdSSR in Afghanistan besiegt. In Pakistan, Jemen und im Sudan übten sie enormen Einfluss auf die Politik aus, z.B. im Zivil- und Strafrecht, in der Erziehung und der Kultur. Gleichwohl befanden sie sich in anderen Ländern im Rückzug. In Syrien wurde 1982 die Hochburg Hama in einem Massaker ausgerottet. Ostpakistan erklärte sich trotz eines Völkermordes des pakistanischen Militärs, das von den Milizen der Jamaat-i Islami unterstützt wurde, als Bangladesch für unabhängig.10 Abbildung 2 zeigt die Gewalt des Islamismus für die 70er Jahre, wobei ich mich auf die großen Konflikte beschränkt habe. Kleinere Konflikte in Afghanistan, Ägypten und Saudi-Arabien sind zwar eingezeichnet, aber es handelte sich dabei jeweils nur um einige hundert Opfer – wie gesagt für die 70er Jahre.11

Abb. 2. Konflikte der 60er und 70er Jahre mit Opferzahlen, eigene Darstellung.

Es fällt natürlich auf, dass es sich eigentlich um Kriege von Moslems gegen Moslems handelt. Bei Huntingtons “blutigen Grenzen” der Kulturen, handelt es sich offensichtlich um eine wenig empirisch gedeckte These. Zudem sind alle Konflikte Bürgerkriege und damit nicht rein als ideologischer Konflikt zu sehen, sondern auch im jeweiligen Rahmen. Auf den Krieg im Nordjemen gegen den Baathismus kam ich bereits zu sprechen. In der Türkei handelt es sich um die Angriffe des Militärs, der Islamisten (Akincilar) und der Grauen Wölfe (Ülkücüler) auf Intellektuelle, Minderheiten, Gewerkschaftler und Linke. In Pakistan wurden vorwiegend politische Gegner und Minderheiten (Sikhs, Hindus, Ahmadiyya, Schiiten) ermordet, auch hier war das Militär federführend.12 In Ostpakistan/Bangladesch wurde im Unabhängigkeitskrieg ein Völkermord an den Bengalen verübt. Die Bengalen lehnten das allgemeinverbindliche Urdu als Verwaltungs- und Landessprache ab, das in Gesamtpakistan nur eine Minderheit sprach. In den Wahlen 1970 gewann die Awami League, die Sammelpartei der ethnischen und religiösen “Minderheiten”, die Wahl und wurde in einem kalten Putsch abserviert. Die Bengalen protestierten und das Militär rückte gegen sie aus. Es ermordete ca. 3 Millionen Menschen, vielleicht auch mehr. Die Jamaat-e Islami unter Maududi spielte eine besondere Rolle, da sie den Völkermord legitimierte (sie verurteilte die Sezession von Pakistan als Angriff auf den Islam und damit Ketzerei, worauf die Todesstrafe steht) und der JI-Führer in Ostpakistan, Gholam Azam, stellte die Razakar- und Ash Shams Milizen auf um den Widerstand zu brechen. In Indonesien putschte 1965 Suharto gegen Sukarno. Dabei wurden etwa eine Millionen Menschen ermordet. Die Arbeit wurde so aufgeteilt, dass das Militär in der Stadt die “Kommunisten”13 ermordete und die Islamisten sie auf dem Land. Bei diesen Massenmorden fallen zwei Sachen auf: (1) die Einbindung in nationale Konflikte, wobei Islamisten “nur” assistiert haben, (2) die enge Bindung an den Westen, v.a. als Kämpfer gegen den “Kommunismus” (siehe FS. 13).

Als Juniorpartner autoritärer Herrscher14, die oft Demokratien weggeputscht haben, drangen Islamisten in politische Ämter vor und konnten im Straf- und Zivilrecht Änderungen nach ihren konservativen Ansichten durchsetzen. Am weitesten schafften es die Muhammadiya und Darul Uloom (Haus der Gelehrten) in Indonesien, die Jamaat-e Islami in Pakistan unter drei Militärherrschern und die Jamaat-e Islami-e Bangladesch in Bangladesch15. Während der Militärherrschaft Kenan Evrens in der Türkei wurde zwar Necmettin Erbakan von der Politik ausgeschlossen und inhaftiert, seine Nationale Heilspartei verboten, aber in der Erziehung wurden die Imam-Hatip-Schulen den Gymnasien gleichgestellt und saudische Entwicklungshilfe verwendet. Damit sollte gegen die Linken und “Kosmopoliten”16 eine soziale Gegenbewegung aufgebaut werden, die ähnlich Thatcher, Reagen und Pinochet individuellen Leistungsethos, individuelle Tugendhaftigkeit und individuelle Verantwortungsbereitschaft propagierten. Besieht man sich den Zustand der türkischen Linke und Gewerkschaften, war dies zum Teil auch erfolgreich. Auch ist auffällig, dass Islamisten häufig neoliberale Koalititionspartner haben oder selber neoliberal sind.

Juniorpartner wollten natürlich nur die Wenigsten bleiben und Gruppen versuchten daher die Macht an sich zu reißen. Das große Fanal setzte die iranische Bevölkerung, als es den Massenmörder Reza Pahlevi aus dem Land jagte. In der Folge setzte Khomeini die “Islamische Kulturrevolution” durch und liquidierte die eigentliche revolutionäre Bewegung. Das zweite große Ereignis setzte 1981 Al-Jihad, als sie den ägyptischen Präsidenten Sadat ermordeten und einen Umsturz anstrebten, der aber vom ägyptischen Militär niedergeschlagen wurde. Die ägyptische Gama al-Islamiya17 führte zwar bereits seit den 70er Jahren einen Krieg gegen die ägyptische Regierung, der seinen Höhenpunkt in den 90er Jahren erlebte. Sie verübten alleine in diesem Jahrzehnt Anschläge auf Intellektuelle (Nagib Mahfuz, Faraj Foda), versuchten den Präsidenten Mubarak zu töten, ermordeten einen Geheimdienstminister und weitere ehemalige Minister, insgesamt etwa 2.000 Personen. Erfolgreich war ebenfalls der Krieg der Taliban in Afghanistan, die erst 1993 vollständig die Macht erobern konnten. Der algerische Bürgerkrieg kann zwar als Putsch betrachtet werden, allerdings gingen 1992 zuerst die Islamisten als Gewinner aus den Wahlen hervor und wurden vom Militär weggeputscht.18

Abbildung 3 veranschaulicht diese Entwicklung. Unter Einfluss wird dabei verstanden, dass Islamisten zwar nicht an der Regierung teilhaben, aber ihr Einfluss derart groß ist, dass in der Rechtsprechung Konzessionen gemacht werden müssen. Ein gutes Beispiel stammt aus Ägypten Anfang dieses Jahrtausends. Die Hetze der Islamisten gegen Homosexuelle trug die Regierung weiter um nicht als “weich” und “unislamisch” diffamiert zu werden.19 Bemerkenswert ist an der Entwicklung, dass nur vier Wahlen (2x Türkei) gewonnen wurden und sie nur in fünf Ländern (auch Türkei) als Koalitionspartner dienten. Es hat nur drei erfolgreiche Umstürze und Kriege gegeben (Iran, Afghanistan, Mauretanien). Besonders auffällig ist, dass in Afrika südlich der Sahara Islamisten nur wenig Erfolg haben.20

Abb.3. politische Beteiligung islamistischer Gruppen bis 2009. eigene Darstellung.

Obwohl westliche Medien, “investigative Journalisten” und “wissenschaftlich arbeitende” Autoren meinen, dass Islamisten moslemische Länder dominieren würde und man ja nicht zwischen Islamisten und Moslems unterscheiden müsse, stellen sich die Ergebnisse erstaunlich anders dar. Gemessen an der Empirie handelt es sich beim Islamismus in den meisten Fällen zwar um eine Bewegung, die Einfluss ausübt, aber Staat und Gesellschaften nur in wenigen Fällen beherrscht. Wahlen wie in der Türkei oder hohe Wahlergebnisse wie in Indonesien erreichen sie nur, wenn sie an die Gesellschaft Konzessionen machen und ihre Ideologie hin zu pragmatischen Managementmethoden öffnen. Der Wandel der Gruppen von ideologischen Aktivisten hin zu Mittelschichtsangehörigen verändert ihre Politik ebenfalls. Klassische Elemente eines aufstiegsorientierten, sich als tugendhaft verstehenden konservativ-darwinistischen Milieus finden sich dort genauso wie im Westen. Islamistische Gruppen spalten sich häufig über Fragen von Zielen und Mitteln in einen bürgerlichen und einen militanten Teil auf.21
Den Erfolg islamistischer Parteien zeigt sich nicht nur an den Regierungserfolgen, sondern auch an der Wahlergebnissen. Abb. 4 stellt die Ergebnisse von 2009 dar.22

Abb. 4. Wahlergebnisse islamistischer Parteien 2009. Eigene Darstellung.

Wahlergebnisse haben natürlich vorrangig mit den politischen Gegebenheiten zu tun, den großen Wahlthemen, der politischen Werbung und der wirtschaftlichen Situation. Ideologische Fragen sind i.d.R. nur wenig ausgeprägt bzw. reduzieren sich auf Sharia-Symbolik. Im Gegensatz zur BRD sind die Parteiensystem sehr instabil, d.h. Parteien zerfallen, weil sich Flügel unabhängig machen und die Politik nicht mehr mittragen bzw. sich besser darstellen möchten.23 Parteien verfügen auch nicht über einen Massenanhang, sondern nur über wenige tausend Mitglieder. Parteien, die sich nur einem einzigen Thema verschreiben, z.B. linke Parteien und soziale Frage, grüne Parteien und Umweltschutz, erreichen nur – im Falle der Linken nur noch – geringe Ergebnisse. Die soziale Frage wurde zunehmend “leistungsorientiert” aufgestellt, d.h. eine soziale Frage wird negiert und Armut dem Individuum angelastet. Nach der herrschenden Lehre ist selber verantwortlich voranzukommen und gesellschaftliche Widersprüche werden dem/r Einzelnen als persönliches Versagen angelastet. Islamisten in Algerien, Marokko und Ägypten operieren trotz allem mit der sozialen Fragen und vollkommen berechtigter Kritik an den jeweiligen Regierung, z.B. hinsichtlich Mitbestimmung, Korruption, bürgerliche Freiheiten. Dieser letzte Punkt macht auch im Wesentlichen die Erfolge der AKP in der Türkei aus, besonders im Jahr 2000. Die etablierten Parteien sind korrupt und bereichern sich am Staat, während die Bevölkerung ihnen wirtschaftliche Unzulänglichkeiten angelastet hat (z.B. die Hyperinflation, Arbeitslosigkeit). Die Hoffnungsfigur Tansu Ciller soll sich sogar als Premierministerin noch korrupter verhalten haben als ihre männlichen Kollegen.25 Nach dem Ausfall auch dieses letzten Hoffnungsträgers füllte die AKP um Erdogan die Lücke. Zudem war der Erfolg der AKP der 10%-Hürde geschuldet, die kleine Parteien massiv benachteiligt. Im Libanon ist die Teilung der Gesellschaft in die verschiedenen Konfession und die Nachwehen des Bürgerkrieges Hauptursache, dass die Hizbollah unter Schiiten so viel Zulauf gewonnen hat. In Bangladesch und besonders in Pakistan hat die Jamaat-e Islami ihren Höhepunkt hinter sich und muss heute mit mehreren islamistischen Parteien eine übergreifende Plattform bilden25 um überhaupt noch im Parlament vertreten zu sein.

Quellen:

Hourani, A. (1962). Arabic thought in the liberal age: 1798 – 1939.

Kepel, G. (2002). Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus.

Schmid, B. (2005). Algerien – Frontstaat im globalen Krieg?

Willis, M (1996). The islamist challenge in Algeria. A political history.

1. Es ist schwierig von einer Feudalordnung ähnlich der europäischen in islamischen Ländern auszugehen, da sie nur sehr begrenzt durchgesetzt wurde. Die zwei Seiten der Feudalordnung, die Hörigkeit der Leibeigenen gegenüber den Adligen und die Untergebenheit der Adligen gegenüber den Lehensherren, gab es fast nie. Einerseits bestand durch Nomaden und Fernhandel enorme Mobilität, zum anderen war die Herrschaft des Sultans/Kalifen auf der Organisation von Bewässerungslandwirtschaft, Handel und Handwerk aufgebaut. Zwar wurden Adlige von Kalifen und Sultanen in Lehen eingesetzt und ihnen damit untergeben (v.a. Kontrolle, Waffendienst und Ausbildung von Soldaten), aber die Bevölkerung war ihnen nicht Hörig und sie übten „offiziell“ keine Rechtsprechung aus. Es dominierten Großgrundbesitzer, die sich eine Vielzahl Kleinbauern durch Schuldknechtschaft Untertan gemacht hatten und eben nicht durch rechtliche oder politische Verpflichtungen. Somit war man auch bereits Jahrtausende vor den Europäern dem Arbeitszwang und Arbeitsterror ausgesetzt, allerdings eher auf der Basis eines, wie man heute sagen würde, freien Projektmitarbeiters.

2. Technizistisch könnte man sagen, dass erst durch moderne Kommunikationsmethoden und Massenintegration die Bevölkerung erreichbar ist, wohingegen früher Familie und Dorf („die Idiotie des Landlebens“) prägende Formen der Gemeinschaft waren. Dies übersieht allerdings die Massenintegration und Bürokratisierung durch die Bewässerungslandwirtschaft, die Funktion des Fernhandels und die einige Jahrhunderte vor Europa beginnende frühkapitalistischen Entwicklungen.

3. Das Arabische der Golfaraber verfügt übrigens über eine beeindruckende Liste rassistischer Beschimpfungen für Afrikaner, sehr gebräuchlich ist zanj (ursprünglich Schwarzer Sklave) und Abd für Arbeitsmigranten.

4. Das mag ein Grund für den mangelnden Erfolg der Moslembrüder in diesen Ländern sein. Der in Südasien häufig vorkommende Nachname Siddiq bezeichnet übrigens die Nachfahren von Arabern. In Bangladesch vollzieht sich das in einer sprachlichen Trennung zwischen ashraf (erhaben) und „Moslems“. Als ashraf gelten die richtigen Muslime arabischer und zentralasiatischer Herkunft, während Bangladeschis, die erst nach der Eroberung Indiens zum Islam konvertiert sind als “assimilierte Wilde” gelten.

5. Im Vorwort der 2. Auflage verweist Hourani darauf, dass es noch vor den Salafisten Gruppen gab, die ähnlich Ideen entwickelt hatten. Er führt aber nicht aus, um wenn es sich dabei gehandelt haben könnte, evtl. könnte er Ibn Taymiyya, den Naqschbanidya-Orden in Zentralasien unter der Herrschaft Tamerlans oder Schah Waliullah im Moghulreich gemeint haben.

6. Parlamentarismus nannte Rida „shura“ und dies war ein Bestandteil seines „islamischen Staates“. Diese Randnotiz soll veranschaulichen, dass der Islamismus nicht nur als Kalifatsstaatsidee verstanden werden kann.

7. Dem ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Nadeem Elyas, warf man wegen seines Studiums dort auch Kontakte zu den Muslimbrüdern vor, was allerdings bis heute nicht bewiesen wurde.

8. Saudi-Arabien war v.a. bestrebt den Baathismus und den Nasserismus zurückzudrängen. Eine Ideologie, die die Absetzung bzw. Ermordung von Königen vorsieht begegnete man im Königreich nicht sehr wohlwollend. Das ist ebenfalls ein Grund für ihre Feindschaft gegen die Mullahs im Iran. Innenpolitisch konnte sich der herrschende Saudi-Stamm mit der Entwicklungshilfe in verschiedene Länder als „gerechte Moslems“ darstellen und Kritik an ihrem Lebensstil abwehren. Saudische Islamisten, die die Ansicht vertraten, „islamische Gerechtigkeit“ auch auf die König und ihren obszönen Wohlstand auszudehnen, schickten sie regelmäßig in Konflikte, z.B. in den Jemenkrieg gegen Ägypten und nach Afghanistan. Zum einen war auch dies gut für ihre Reputation, zum anderen fielen tausende potenzielle Aufrührer.

9. Mit dem Begriff „Jama“, eigentlich heißt er nur Gemeinschaft, grenzen Islamisten ihre Gemeinschaft von der ummah ab. Jama ist keine Gemeinschaft politisch Gleichgesinnter oder ein politischer Klub. Jama ist die Gemeinschaft der rechtgläubigen Moslems. Islamisten unterscheiden davon die Ummah. Damit bezeichnen sie die Gesamtheit der Moslems, die allerdings vom Glauben abgefallen sind. Bezeichnungen wie z.B. Ummasozialismus zeugen von tiefer Unkenntnis verdeutlichen nur die Unkenntnis über die islamistische Doktrin. Zur Reislamisierung gründen Islamisten dann auch Missionswerke (sog. dawa), die als Hauptklientel die Moslems haben.

10. Man erkennt daran bereits, dass Ideologiekritik als Welterklärungsformel unzureichend ist um die Politik einer Bewegung darzustellen oder verständlich zu machen. Leider ist dies nur zu häufig der Fall, wobei am stärksten verbreitet die Koran- und Hadithexegesen verschiedener Autoren sind. Ihnen allen ist gemein, dass sie keinen Sinn für die reale Politik entwickeln.

11. Bekanntlich schwanken Opferzahlen aus verschiedenen Gründen. Häufig liegen keine genauen Zahlen vor für die Zeit vor und nach den Konflikten. Die Zählung ist fehlerhaft, da keine Zeugen oder Beweise gefunden werden, z.B. Dörfer, die komplett ausgelöscht werden, wo kein Zeuge überlebt hat, werden nicht als Opfer erfasst. Andersherum kommt es Flüchtlingsströmen, die wiederum als Todesopfer gezählt werden können, wenn man sie für tot erklärt. Die Täter sind natürlich stets bemüht die Opfer kleinzureden bzw. sie als gerecht darzustellen, da es sich um bewaffnete Aufständische gehandelt hätte. Pakistan erkennt z.B. nur etwas über 10.000 Opfer im bangladeschischen Unabhängigkeitskrieg an, behauptet aber über 1.000.000 Kämpfer legitim getötet zu haben.

12. v.a. Yahya Khan wurde mit den Ehrentiteln “Butcher of Bengal” und “Butcher of Belutchistan” bedacht.

13. Da die Bezeichnung “Kommunist” oft nur ein Kampfbegriff war/ist um unangenehme Positionen zu diffamieren und aus dem erlaubten und zurechenbaren Spektrum zu verweisen, steht dieser Begriff in Anführungszeichen. Das ist natürlich auch so in Indonesien gewesen. Die bekannteste Form hatte das Apartheidssüdafrika im “Ban of Communism Act” entwickelt. Demnach war Kommunismus alles, was gegen die Apartheid gerichtet war. Mittlerweile gewinnt in Dritte-Welt-Ländern der Begriff Terrorist Konjunktur. In Indien dagegen lautet er “Maoist” bzw. Naxalit. Es muss sich schon um sehr sonderbare Maoisten handeln, die keinen Klassenkampf kennen und Flüsse und Berge als Götter verehren. Mao war bekanntlich in dieser Hinsicht sehr engstirnig.

14. Was im alltäglichen Sprachgebrauch als Diktator bezeichnet wird, nenne ich autoritäre Herrschaft. Denn eigentlich ist die Diktatur ein römisches Herrscheramt, auf das (1) eine Person (2) für eine bestimmte Zeit gewählt wurde, (3) die gewisse Persönlichkeitsrechte nicht antasten durfte und (4) nach ihrer “Amtszeit” verantwortlich war für ihre Politik.

15. Sie dienten Khaleda Zia um die Eliten, siehe hierzu Fußnote 8, zu integrieren und saudische Entwicklungshilfe zu kanalisieren.

16. Kosmopolit war die Bezeichnung für nationale Abweichler und Nationenverächter, analog dem Begriff Multi-Kulti und Internationalist der deutschen Konservativen. Damit werden Personen bedacht, die weder am Nationalismus teilnehmen und sich ggf. gegen ihn aussprechen, insb. wenn Minderheiten diskriminiert werden.

17. Sie trägt denselben Namen wie die pakistanischen Islamisten. Gama und Jama sind begrifflich identisch, allerdings wird im ägyptischen Arabisch sehr häufig das G statt J gesprochen.

18. Analysen finden sich bei Schmid (2005) und Willis (1996).

19. Ungeachtet dessen, dass die Islamisten die Hetze begangen, kann diese nur gelingen, wenn homophobe Einstellungen auch in der Gesellschaft vorhanden sind.

20. Zu den Gründen siehe FS. 4.

21. In Pakistan wäre dies der Fall zwischen Jamaat-e Islami und den Deobandis, Lashkar-e Toiba und vielen anderen militanten Gruppen.

22. Für Ägypten habe ich die Kommunalwahl herangezogen, da sie demokratischer sind als die Parlamentswahlen. Sie sind jedoch weiterhin meilenweit von Demokratie entfernt.

23. Ähnliche Verhältnisse kennt man in Europa sonst nur aus Frankreich und Italien.

24. Eine tiefere Analyse der AKP folgt im Zusammenhang mit Milli Görüs, so z.B. die Teilung der Gesellschaft in gut versorgte kemalistische Eliten und aufgestiegene kleine und mittlere Unternehmen (KMU).

25. Das ist auch eine übliche politische Praxis in ganz Südasien, so z.B. Indien, so z.B. die Konservativen in der National Democratic Alliance, die Linken in der Left Front und der Congress mit seinen Außenstellen im United Progressive Alliance.

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