Verfasst von: sauvradaeva | April 2, 2012

Der gesellschaftliche Rahmen des Islamismus

Ursprünglich hatte ich vorgesehen anhand von Aziz al Azmehs “Islams and Modernities” (Islams im Plural!) zu untersuchen in welchem Umfeld sich der Islamismus entwickelt. Wie ich in die “empirische Dimension des Islamismus” (vgl. z.B. Abb. 4) dargestellt habe, ist der Islamismus weder ein allumfassende, noch einheitliche Erscheinung muslimischer Gesellschaften. Als weniger theoretisches wie handwerkliches Leitbild gilt mir Asef Bayats Aussage zu Iran und Ägypten (2007, S.16): “A revolution without movement, a movement without revolution” (eine Revolution ohne Bewegung, eine Bewegung ohne Revolution). Denn im Iran fand eine islamische Revolution statt, obwohl es keine islamistische Bewegung gegeben hat. In Ägypten war genau das Gegenteil. Es gab eine islamistische Bewegung, aber keine Revolution. Neben der unterschiedlichen Politik der iranischen und ägyptischen Islamisten, kommt er auf den Rahmen zu sprechen. Damit möchte er erklären, warum es im Iran unter nahezu vollkommener Abwesenheit einer starken islamistischen Bewegung zu einer ”islamischen Revolution” in den 80er Jahren gekommen ist, während in Ägypten Islamisten massenhaft Zulauf genossen und immer noch genießen, aber keine politische Mobilisierung erreichen konnten. Natürlich handelt es sich nur aus Forschersicht um einen “Rahmen”, um den Islamismus zu untersuchen. Denn tatsächlich ist es der Alltag, in welchem sich die Islamisten, ihre Politik und Ideologie entwickelt haben und ohne den weder die Ideologie noch politische Praxis, geschweige denn (Un-)Attraktivität zu verstehen ist.

Die Aktivität des Islamismus nicht kontinuierlich gleich geblieben, sondern stieg erst in den 70er Jahren an um schließlich Ende der 80er Jahre wieder abzusinken. Gleichwohl hatten sie auch danach noch Erfolge, mit dem Sieg der AKP in der Türkei dort ihren größten und nun in Ägypten und Tunesien. Diesen “Rahmen” kann ich nur grob darstellen, auch wenn ich einige Beispiele und Differenzierungen gebe. Denn es handelt es sich um mittlerweile mehr als 1,4 Milliarden Menschen, zuzüglich noch über einer weitern Milliarde nichtmuslimischer Menschen in den jeweiligen Ländern. Vor der Glaubwürdigkeit einer Theorie, die für sich in Anspruch nimmt alle Erscheinungen erklären zu können, die von Marokko bis Indonesien auftreten, sollte man sich als Leser wie als Autor ohnehin hüten. Daher werde ich später auch einige Länderstudien verfassen, in dem ich die Form des “Rahmens” und islamistischer Politik spezifisch darstellen kann. Die Untersuchung dieses ”Rahmens” weist implizit die von Medien, über Journalisten und Integrationsgipfel verbreitete Kategorie “Islam” als Dreh- und Angelpunkt einer “islamischen Kultur“, die alle Seins- und Daseinsbereiche bestimmt, zurück. 1

Leider gibt es eine starke Konzentration auf das Phänomen Islamismus, so dass sich mittlerweile nur noch sehr wenig Literatur zu den politischen und gesellschaftlichen Systemen der einzelnen Länder finden lässt 2 und diese zudem sehr anlassbezogen ist, z.B. Staatszerfall in Somalia, Terrorismus in Pakistan und natürlich der unvermeidliche Kulturalismus, der die Menschheit in aufgeklärten, demokratischen Westen und die Despotien und Failed States 3 der Dritten Welt teilt. Natürlich gibt es massenhaft gute Literatur in den jeweiligen Ländern, die allerdings den Nachteil haben, dass das Gros meiner Leser die Sprachen nicht versteht. Zudem soll die Literaturliste auch ein Leseanreiz sein und kein reines Quellenverzeichnis.

In Anlehnung an Jaafar Aksikas (2009), der Marokko untersucht hat, unterscheide ich in vier Perioden: Kolonialismus, postkolonialer Liberalismus, nachholende Modernisierung und (Neo-)Liberalismus. Dazu kommen außenpolitische Einflüsse, v.a. der Kalte Krieg. 4

Eine Vielzahl Autoren stellt fest, dass der Islamismus in der Nachfolge der nachholenden Modernisierung steht. Islamisten fanden nach ihnen erst Resonanz in der Bevölkerung als der “Neoliberalismus” die Wirtschaft zerrüttete. 5 An der genauen Nachfolge teilen sich die Autoren 6 in zwei Linien: (1) Islamisten sind die “authentischen” Nachfolger der Sozialpolitik und Geopolitik der postkolonialen Regierungen, die sozusagen eine “authentische” – weil islamische – Identität verfechten und damit die frühere nationalistische Emphasen, z.B. Panarabismus, Bengal Renaissance, verdrängen. Die Bevölkerung schließt sich ihnen an, weil sie eine Rückkehr zur ökonomischen Stabilität und nationaler Größe dieser Zeit oder angeblicher “Golden Ages” versprechen. Dass dieser Ansatz besonders beliebt ist unter “Kulturkämpfern” (s.o.) und ”Vulgär-Anti-Imps” 7 muss ich an dieser Stelle nicht besonders betonen. Ungeachtet dessen wird er auch in der Fachwissenschaft von einigen Personen vertreten 8 – allerdings ohne die essentialistischen Emphasen der eben genannten Beispiele. 9 (2) Die zweite Gruppe sieht die Islamisten dagegen als eine Erscheinung, die deswegen attraktiv ist, weil sie ein Konzept vorlegt, das politische und soziale Gleichheit verspricht und den Menschen damit eine Perspektive verspricht (z.B. Aksikas 2009, S.8, Samir Amin 2001). Das islamistische Konzept ist nicht so sehr wegen seiner Inhalte attraktiv, sondern, weil die früheren Regime abgewirtschaftet haben. Während der unter (1) geschilderte Ansatz einen positiven Ansatzpunkt aufzeigt, ist (2) ein negativer – die Ablehnung des alten Systems. So treten Islamisten gegen Korruption, Vetternwirtschaft und in einigen Fällen gegen Menschenrechtsverletzung und Einschränkung der Bürgerrechte ein (v.a. in Ägypten und Jordanien) auf. Der zentrale Unterschied zwischen diesen beiden Ansätzen liegt in der Beschreibung der Politik der Islamisten. Während die ersten spezifische Aussagen zur Politik machen, sind die zweiten geradezu inhaltslos. Diese Inhaltslosigkeit wird von Autoren u.a. auf die Konzeptlosigkeit der Islamisten selbst zurück geführt, die über offensichtlich oberflächliche Aussagen wie “der Islam ist die Lösung” nicht hinwegkommen (vgl. Roy 1994, Guazzone 1996) und bestenfalls den bestehenden wissenschaftlichen, politischen und ökonomischen Status Quo durch eine “Islamisierung” der Vokabeln eine islamische Tünche geben (Kuran 2004). Angesichts der faktischen Lage – Aufstieg des Islamismus in den 70er Jahren, Niedergang in den 90ern (laut Roy 1994 und Kepel 2002) – scheint dieser Ansatz sogar ziemlich stichhaltig zu sein. In diesem Artikel werde ich mich aber wie gesagt nur den Rahmen erörtern. Veränderungen des Islamismus stelle ich in weiteren Artikeln vor.

1. Kolonialismus und nationalistischer Antikolonialismus

Es wird hier nicht die Stelle sein das größte Schlachtfest der Geschichte, den europäischen Kolonialismus, in all seinen Details darzustellen. So kann man alleine in Südasien von einer hohen achtstelligen Opferzahl ausgehen. Viel mehr möchte ich einerseits die Verwerfungen und andererseits die Reaktionen darauf zeigen. In dieser Zeit fällt auch der Ursprung vieler islamistischer Gruppen, ohne allerdings viel Resonanz zu finden. 10 Hier zeigt sich auch ein für Beobachter befremdlicher Eindruck des Islamismus. Er trat überhaupt nicht in den Unabhängigkeitsbewegungen auf. Indonesien und Ägypten waren die beiden Ausnahmen, in welcher sich eine Minderheit der Islamisten aufgerafft hatte daran teilzunehmen. 11 Der Kolonialismus schien überhaupt keine Rolle für sie zu spielen. Während die Islamisten gegen ihre Glaubensbrüder hetzten, sie wahlweise als Ungläubige oder halbe Moslems bezeichneten, zogen anderen gegenüber den Kolonialherren richtig vom Leder. Jalali Ahmed schrieb in den 50er Jahren eines der einflussreichsten Werke des iranischen Nationalismus, Gharbzadegi – Verwestgiftung. Dies ist zwar erst nach dem Kolonialismus entstanden, aber bietet dennoch einen guten Einblick in das Bewusstsein. Er verglich darin die europäische Kultur mit Pest und Cholera, die sich dem Iraner schwer wie Blei um den Hals legt. Als Gegenmaßnahme empfahl er eine “Rückkehr” zur traditionellen Mode, z.B. Kopftuch für die Frau. 12 Vergleicht man das mit den Ausfällen des Islamismus aus den 80er und 90er Jahren, z.B. Muhammad al Ghazalis Machwerk “Die Finsternis aus dem Westen“, Khameneis “Tahajom-e Farhangi-ye Gharb” (Westlicher Kulturanschlag) und Bin Ladens “Aufruf gegen die Juden und Kreuzfahrer“, erkennt man den immensen Unterschied und den Wandel von Desinteresse in Aggression. 13

Üblicherweise setzten vielen Autoren den Kolonialismus gleich mit Modernisierung: 1798 hat Napoleon die Moderne nach Ägypten gebracht, die Engländer sogar einige Jahre früher nach Südasien und Afrika wurde erst etwas später “zivilisiert”. Je nach Bildungsstand und Rassismus des jeweiligen Autors, lebten vor dem Kolonialismus die “Edlen Wilden“ oder die “wilden Barbaren“, denen z.B. Kypling und Kitchner erst mal etwas Humanismus beigebracht haben. Wie es sich bereits in meiner Wortwahl darstellt, ist der Begriff Moderne mit einer gewissen Herablassung gegenüber allem verbunden, was ”Tradition” oder ”Vormoderne” ist oder sein könnte, insb. in Bezug auf die Dritte Welt. 14 Moderne und Modernisierung sind Begriffe, über die keine Einigkeit herrscht. Auf einen Inhalt hat sich niemand geeinigt und somit herrscht ein gewisser Pluralismus. 15 Gewöhnlich sind allerdings einige Stilelemente gleich: so z.B. der technische Fortschritt, die industriellen Revolutionen, die Arbeitsteilung, der stete Wandel des Lebens, weil Fortschritt Veränderung bringt, dem Individualismus, weil sich jede Person Bildung, Beruf und Konsummöglichkeiten erarbeiten und auswählen kann. 16 Marxisten würden auf gesellschaftlicher Ebene noch die ungesellschaftliche Gesellschaftlichkeit, den Arbeits- und Verwertungszwang, die Charaktermaske und die Entfremdung ergänzen. Durch die Zwänge des Kapitalismus 17 ist man genötigt zu Arbeiten um das Leben zu bestreiten, Essen, Haus und Antipersonenminen erwerben zu können. Um den Zugang zu Arbeit, die Höhe des Lohns und die Konsummöglichkeiten gibt es aber eine stetige Konkurrenz. Durch die Arbeitsteilung, Spezialisierung und technischen Errungenschaften führt diese Produktionsform allerdings zu einem höheren Güterausstoß, die man bei entsprechender Kaufkraft erwerben oder im gegenteiligen Fall durch eine Schaufensterscheibe betrachten kann. Die Rolle, die das Subjekt, im Produktionsprozess einnimmt, wird damit nicht nur zur Visitenkarte des sozialen Status, sondern es wird auch nur auf seine ökonomische Funktion begrenzt. Es interessiert ein Gegenüber nur, inwiefern man in der Lage ist bestimmte Aufgaben zu erledigen, pünktlich und qualitativ zu liefern und ebenso zu bezahlen. Der restliche Mensch mit seinen Gefühlen und Befindlichkeiten verschwindet hinter diesem ökonomischen Subjekt und das Leitmotto lautet dabei “sich zusammenzureißen“ oder wie in Indien “you have to be tough“ um den Kampf durchzustehen. Die ultimative Funktion ist die ökonomische Zurechenbarkeit – und mit Benchmarks, Evaluation und Systemanalyse ist dies auch tatsächlich berechenbar. Menschen sind formell und v.a. nach der Ideologie der Moderne voneinander unabhängig und individuell – allerdings nur nominell, denn die Arbeitsteilung und die Unmöglichkeit des Einzelnen alles herstellen, was man zum Leben benötigt, stellt dann doch die Abhängigkeit und somit die Gesellschaft her, allerdings negativ. Menschen treten sich in der Gesellschaft nur über Rechtsverhältnisse (Kaufvertrag, Arbeitsvertrag) gegenüber. Über diesen ökonomischen Zusammenhängen thront der Staat, der für sich in Anspruch nimmt die Zentrifugalkräfte der Ungesellschaftlichkeit zu zähmen um Rechtssicherheit herzustellen 18. Demgegenüber steht die Vormoderne, die Idiotie des Landlebens wie es Marx so poetisch ausgedrückt hat. Eine kleine Gruppe von Menschen bildet eine Überlebensgemeinschaft um ihre Leben zu fristen. Sie produziert alles für sich selbst und dadurch sind die Mitglieder der Gemeinschaft voneinander abhängig. Es gibt hier keinen Wandel, da man weder eine Berufswahl hat, noch technischer Fortschritt einen Wandel herbeiführen kann. 19 Das gesamte Leben wird damit zurechenbar. Was der Vater vor einem bzw. die Mutter vor einer getan haben, wird man auch tun. Im Gegensatz zur Ungesellschaftlichkeit des Kapitalismus soll es eine dörfliche Solidarität geben, da jeder als Arbeitskraft zählt um die Gemeinschaft durchzubringen. Persönliche Einstellungen werden dabei immer der Gruppe untergeordnet um die Stabilität zu wahren. Liest man sich dies durch, weiß man ganz genau, dass ist die weit verbreitete Meinung und sie trifft irgendwie den Kern der Sache nicht. Über die genauen ökonomischen Verhältnisse geht sie hinweg und empirische Befunde ließen sich mannigfach aufzählen um das Gegenteil zu belegen, sei es der Fernhandel über die Seidenstraße oder die Bazare um sich trefflich über die Nichtmarktgebundenheit lustig zu machen, die hoch entwickelten Staaten mit Bürokratie und stehenden Heer uvm. Sicherlich waren nicht alle Menschen marktlich eingebunden und oft herrschte die Produktion in Gemeinschaften vor, v.a. wegen der niedrigen Produktionstiefe. Allerdings möchte ich hier nicht meinen Sarkasmus weiter ausführen, sondern zweckdienliche Informationen geben. Eine wichtige Information ist aber somit bereits, dass die Begriffe Moderne und Tradition überhaupt nichts aussagen. Auch der Bauerntrick ein Kontinuum zwischen Vormoderne und Moderne anzunehmen, bringt hier nicht viel. Außerdem kann man mit dem Märchen aufräumen, dass die Moderne in Europa entstanden sei. Geeigneter erscheint mir die Periodisierung in Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus.

Tatsächlich herrschte in vielen Gesellschaften der sog. islamischen Welt ein Nebeneinander aus Kleinbauern, Nomaden 20 und einer Elite. Diese war sowohl eine politische wie wirtschaftliche. Da sie über viel Agrarland und Bewässerungstechnik verfügten. Da die meisten Länder in Trockengebieten liegen bzw. in den Tropen nur zwei Regenzeiten auftreten und damit der Niederschlag ungleichmäßig über das Jahr fällt, sind zusätzliche Bewässerungsmaßnahmen notwendig. Kleinere Anlagen mit Becken und Kanälen konnten Bauern in ihren Dorfgemeinschaften betreiben. Größere wurden dagegen von der Elite verwaltet und eine sog. Bewässerungsbürokratie sorgte für die Einziehung der Steuern und der Instandhaltung der Anlagen. So verwundert es nicht, dass z.B. religiöse Texte Regeln für Wasserrechte beinhalten. Im arabischen Raum hat sich ein besonderes Vertragssystem entwickelt, das Khamse (arab. fünf). Der Landbesitzer gab an einen Bauer Land, Wasser, Saatgut und Werkzeuge bzw. nur eines davon und der Bauer erbrachte das Fünfte, die Arbeitskraft. Die Ernte wurde dann prozentual auf die eingebrachten Leistungen aufgeteilt. Somit treten bereits zwei Vertragsformen auf – die Verpachtung und der Verkauf der Ernte. Diese Form Landwirtschaft zu organisieren führte zu einem enormen Wachstum der Städte, dem Aufblühen von Handwerk, Handel und, was heute immer noch in Relikten zu sehen ist, zu Künstlern. Um die Städte herum wurden die Bauern von städtischen Handwerkern mit Rohstoffen und Vorprodukten beliefert um Güter herzustellen, z.B. Textilien, Teppiche, Holz- und Eisenwaren. Diese Form der Ökonomie, der Rentenkapitalismus, war durch die geregelten landwirtschaftlichen Einkünfte sehr stabil. Sie war sogar so stabil, dass man als “Rentier” 21 überhaupt kein Interesse hatte die Einkünfte weiter zu investieren. Denn wieso sollte man das Risiko eingehen? Den Kleinbauern wiederum fehlten die Mittel. Wie es der Name Rentenkapitalismus schon verrät, handelt es sich um einen Kapitalismus. Dieser bezog sich auf den Rentier und auf die Pächter. Sie wurden nicht wie die Leibeigenen in Europa oder die Sklaven von ihrem Herren versorgt, sondern mussten ihre Ernte auf dem Markt losschlagen und anschließend den Rentier in Geld bezahlen. 22 In vielen Reichen war es zudem üblich Lehen an Militärpersonen zu vergeben. Im Gegenzug mussten sie Soldaten und Pferde stellen 23. Aus den Steuern mussten sie den Unterhalt bestreiten. Fernhandel war zudem sehr wichtig, weil er zusätzliche Einnahmen brachte. So waren die Stationspunkte der Seidenstraße stets umkämpfte Orte. Tamerlan, der größte Massenmörder des Mittelalters, ließ dazu extra Städte niederbrennen um den Fernhandel durch sein eigenes Territorium zu leiten. 24 Die Osmanen haben z.B. alle Haltepunkte von der Krim bis zum Jemen erobert, was allerdings vergeblich war, da die Portugiesen den Seeweg nach Indien und China gefunden hatten und somit des Landwegs nicht mehr bedurften. Technische Neuerungen und neue Produktionsmethoden werden sehr häufig auf den Kolonialismus zurückgeführt, was implizit natürlich aussagt, dass alle anderen Gesellschaften keine Veranlagung zum Fortschritt hätten. Einer der bekanntesten Fälle, in denen eigenständig diese Wege beschritten wurden, war Ägypten 1805 nach der Machtübernahme durch Muhammad Ali. Der Wandel, der hier im Vergleich zu vorher stattfand, war die zunehmende weltweite Verflechtung von Produktions- und Absatzmärkten. Konnte Ägypten früher noch ein Quasi-Monopol auf Baumwolle im Mittelmeerraum vorweisen, so traten insb. mit den indischen Baumpflanzern und den Sklavenhaltergesellschaften in den Südstaaten der USA Konkurrenten auf. Der Zugang zu Märkten wurde zudem durch Monopole, z.B. das englische Textilmonopol erschwert, so dass verarbeiteten Stoffe im Absatz behindert wurden. Daher wurde die ägyptische Baumwollproduktion umgebaut. Früher bauten Kleinbauern Baumwolle als Zuverdienst an 25. Jedoch investierte man nun in Plantagen und Großspinnereien, die zunächst die ägyptischen Kleinbauern vom Markt verdrängten. Durch den amerikanischen Bürgerkrieg und die Strategie der verbrannten Erde der Nordstaatler, die sogar noch mittelfristig die Erträge beeinflusste, konnte Ägypten als größter Baumwollproduzent aufsteigen. Allerdings mussten sie zunehmend mit Anbietern aus anderen Ländern konkurrieren, so dass die Preise wieder verfielen und Kredite aufgenommen wurden. Dieses Dilemma ist dem Konkurrenzdruck des Kapitalismus und dem Zwang zu größerer Produktivität immanent. Nachteilig wirkte sich auch die Branchenstruktur aus. Es wurden vorwiegend einfache Güter und Rohstoffe, sog. Ricardo-Güter, produziert. Eine Weiterverarbeitung oder Veredelung fand nicht mehr statt. Teure Produkte aus Europa wurden dagegen importiert. Weitere Investitionen folgten um sich international besser aufzustellen, z.B. der Bau des Suezkanals oder die Eisenbahn, die immer häufiger mit europäischen Krediten gedeckt wurden. Für die Ägypter führte das bereits zu Landflucht und Proletarisierung, natürlich noch in einer geringen Dimension. Zugleich wurden europäische Berater ins Land geholt und Studenten an europäische Universitäten geschickt 26. Auch das Pressewesen entwickelte sich. Mit dem Fortschritt der Europäer in Technologie und Militär und den zahlreichen militärischen Desastern besonders der Osmanen, Moghuln und Qajaren (Iran) und der zunehmenden Kolonialisierung wurden aber nationalistische Tendenzen sichtbar 27. Diese kamen aber aus der Mittelschicht. Denn die politischen und wirtschaftlichen Eliten hatten sich mit den Kolonialherren arrangiert. Diese beließen sie im Gegenzug in ihren Herrschaften. In Indien sind dafür die ”Princely States” ein Beispiel und die Integration von Gruppen ins Militär. 28 Jamal ed-Din Al Afghani war der berühmteste Vertreter, aber die ägyptischen Salafisten (vgl. Hourani (1983) waren die wirkmächtigsten, insb. Muhammad Abduh. Nach ihnen unterteilt sich die Welt in einen islamischen Raum und Europa, wobei alle Staaten untereinander konkurrierten. Pikanterweise drehten sie es so, dass sich der Fortschritt der Europäer aus einem Vergessen der christlichen Religion begründet, während es im “Islam” an der Verunreinigung der reinen Lehre durch Neuerungen lag, z.B. den Sufismus, den Synkretismus und die nichtarabischen Völker, v.a. die Osmanen. Die traditionelle Ulema sei nur noch Erfüllungsgehilfe der Eliten, um deren Politik zu legitimieren und ihre Tradition sei deshalb jeglichem Fortschritt und Inspiration entleert. Ihr Interesse und das der Eliten sei es nur noch den Status Quo aufrecht erhalten. Deshalb bedürfe es umfassender Reformen. Als Vorbild galt ihnen die “Golden Age”-Illusion des Propheten Mohammed und der nachfolgenden Kalifen. Im Arabischen werden sie als as-Salaf as-Salih – die ehrwürdigen Altvorderen – bezeichnet, woraus sich Salafismus ableitet. Diese Zeit galt es zu imitieren. 29 Noch durchgehend vertraten die Salafisten einen top-Down-Ansatz. Der Staat soll sich dafür einsetzen, dass man es mit den Kolonialherren aufnehmen könne 30 und durch Sozialreformen Fortschritt und Bildung sichern. Bemerkenswert ist einerseits die Liberalität, andererseits der emanzipative Charakter (z.B. Bildung für Frauen). Aber der Salafismus stand hinter dem Nationalismus zurück. Die sog. “Nahda” – Renaissance – des arabischen Nationalismus nahm ihren Anfang. Unabhängigkeit, Nationalismus, nationale Größe, Fortschritt und soziale Gerechtigkeit wurden seine Kenngrößen, der schließlich im Baathismus einen Ausgangspunkt fand. Er beeinflusste aber auch den Feminismus, die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie (z.B. Wafd-Partei). Der arabische Nationalismus war ebenso wie der Salafismus nicht nur auf Unabhängigkeit beschränkt, sondern forderte auch interne Reformen. Qasim Amin war z.B. einer der bedeutendsten Verfechter der Rechte der Frauen – natürlich für das 19. Jahrhundert gesehen. Im Gegensatz zum Salafismus wurde die soziale Frage intensiv thematisiert. Nach dem 1. Weltkrieg kam es zu zahlreichen Streiks und bewaffneten Aufständen. Der Islam wurde im Nationalismus so integriert, dass er als kulturelle Errungenschaft und traditionelles Erbe dargestellt wurde. Nationalismus war auch nicht auf den arabischen Raum beschränkt. Im Iran – noch vor der dem Kolonialismus – kam es 1905 zur konstitutionellen Revolution. Der Staat sollte nicht mehr dem Interesse des Shah dienen – damals noch der Qajaren-Shah und nicht die Massenmörder aus der Pahlevi-Dynastie -, sondern den Bürgern, der sozialen Gerechtigkeit und der Demokratie. Die Bewegung wurde schließlich von den Russen geschlagen, die den nördlichen Iran und die Engländern den südlichen Iran kolonialisierten. In der indischen Kronkolonie entwickelten sich mehrere nationalistische Bewegungen. Die bekannteste ist die „Bengal Renaissance“. Sie produzierten nicht nur die Literatur und Poesie wie die Werke von Rabindranath Tagore und Kazi Nasrul Islam, sondern forderte Reformen von Hindus und Moslems: Emanzipation der Frauen, Aufhebung der Kasten, Verzicht auf Frauenmord – heute werden sie als Mitgiftmorde, dowry murders, bezeichnet -, Verbot der Witwenverbrennung und ein Ende der Konflikte zwischen den Religionen. Aus der Bengal Renaissance stammt auch eine der einflussreichsten theologischen Neuerungen Indiens Ende des 19. Jahrhunderts, das Adi Dharma: Es sei nicht wichtig, wie man zu seinem Gott betet oder welche Form es annimmt, solange man nur Gott preist. Dies hatte auch Gandhi übernommen. Zugleich wurden soziale Einrichtungen und Lehranstalten geschaffen. Die bekanntesten Einrichtungen gründeten Sri Aurobindo und Swami Vivekanda mit der Ramakrischna-Mission. Die Verbindung aus Religion, Emanzipation, Bildung und sozialer Frage war auch der wesentliche Faktor, weswegen Religion in der indischen Unabhängigkeitsbewegung eine so große Rolle spielte, da man sie mit nachvollziehbaren Perspektiven verband. Ein wichtiges Detail ist die materielle Dimension. Am stärksten wurde sie in der Bengal Renaissance vom Standpunkt des Bedürfnis gesehen, während sie in anderen nationalistischen Bewegungen doch mehr den Charakter von sozialer Gerechtigkeit annahm, dass also ein Staat sich um die Bürger zu sorgen hat. Auf dieses Detail werde ich später noch zurückkommen und es mit den späteren Entwicklungen vergleichen, v.a. um die ideologische Entwicklung des Islamismus darzustellen.

Das attraktivste Identitätsmerkmal wurde die Nation, allerdings verbunden mit den “Stilelementen” Unabhängigkeit und soziale Frage. Besonders der letzte Aspekt wurde zur wichtigsten Triebfeder. Die Nation diente damit nicht nur als Authenzitätsangebot, sondern auch als Garant für Stärke, Gerechtigkeit und materielles Wohlbefinden. Der Islam als Identitätsangebot wurde nur am Rande wahrgenommen. War die islamische Identität im 19. Jahrhundert noch etwas stärker verbreitet, wurde sie bis Mitte des 20. Jahrhunderts weitgehend marginalisiert. Der Jihad des osmanischen Kalifen im 1. Weltkrieg als Appell an die Moslems gegen Frankreich und England aufzubegehren stieß auf keine Resonanz. Ganz im Gegenteil kämpften die Adressaten zu hunderttausenden in den Kolonialarmeen und im Arabischen Aufstand gegen das Osmanische Reich. Drei Bewegungen in Indien konnten dagegen den Islam stärker herausstreichen: (1) die Khilafat-Bewegung der frühen 20er Jahre. Sie wollte die Engländer dazu bewegen den osmanischen Kalifen nicht abzusetzen. 31 (2) die Pakistan-Bewegung Jinnahs um nicht als Minderheit in einem Hindu-Staat zu enden. Jinnah hatte aber keinerlei religiöse Ethik im Kopf oder dachte auch nur im Traum daran einen religiösen Staat zu errichten. 32 (3) Die wichtigste konservative Gruppe waren die Deobandis, die Ideengeber des Islamismus in ganz Südasien und Afghanisten. Sie sind benannt nach ihrem Hauptsitz Deoband im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Aus ihren Moscheen strömten hundert Jahre später die Taliban, Lashkar-e Toiba (Anschlag von Mumbai), Jundullah, aber auch die intellektuellen Zirkel des südasiatischen Islamismus. In der Unabhängigkeitsbewegung traten sie freilich auch nicht auf. Grundsätzlich wird dabei deutlich, dass zwar Religion als ein Identitätsangebot und eine religiös begründete Ethik auftritt, aber sie in einen liberalen wie konservativen Flügel zerfällt, je nach dem was Religion bewirken soll. Für die liberale Auslegung werden soziale, politische und ökonomische Probleme zwar durchaus auch mit Religion beseitigt, aber nur zusammen mit anderen Vorgehensweisen. Ideologisch gesehen legten die Konservativen ein Modell vor, in dem die religiöse begründete Ethik alle Probleme löst. Die ethnischen Vertreibungen und Pogrome während der Teilung Indiens verweisen auf die die reaktionäre Seite der Identität, während zugleich andere die liberalen Aspekte betonen 33. Schließlich wurde Gandhi auch nicht von einem Moslem ermordet, sondern von einem sog. Hindu-Faschisten der RSS, die heute immer stärker wird in Indien mit ihrem Angebot aus Identität, sozialer Reglementierung, der Beibehaltung des sozialen Status für die oberen Kasten und Neoliberalismus.

2. postkolonialer Integrationsstaat

Nach dem der Großteil der Staaten nach dem 2. Weltkrieg unabhängig wurde, stellte sich die Frage unter welchem Leitbild die weitere Entwicklung stand. Grundsätzlich muss man dabei unterscheiden zwischen zwei Gruppen, die die Macht ausübten und versuchten einander auszuschalten: (1) Die alten Eliten in Politik und Wirtschaft und damit verbunden in den kulturellen Eliten, die ihre Herrschaft rechtfertigten, v.a. viele Religiöse wie die Ulema, (2) und die aufstrebenden sowohl nationalistischen wie sozialistischen Gruppen wie der Baathismus, der arabische Nationalismus, Sukarnos Pancasila in Indonesien, die Congress Party in Indien, Jinnahs Entwicklungsprogramm für Pakistan (damals noch mit Bangladesch als Ostpakistan) oder auch der sozialistische Panafrikanismus Kwahme Nkrumahs, Senghors oder Modibo Keitas. Vielen ist gemeinsam, dass Religion überhaupt nicht oder nur untergeordnet (Sukarno, Jinnah, Keita) vorkommt. Ethnische Konflikte auf Grundlage der Religion forcierten sie nicht und gewährten auch keine Privilegien bzw. unterließen Diskriminierungen. 34 Der Konflikt zwischen alten Eliten und aufstrebenden Nationalisten wurde häufig gewalttätig gelöst. In Indien entmachte Nehru die Adligen in den Princely States 35 und in arabischen Staaten unterlagen Könige in Putschen (Syrien, Ägypten, Libyen, Irak) oder wurden von Attentätern (Jordanien) ermordet. In Indonesien und afrikanischen Staaten, z.B. in Mali und Ghana, löste der Gegensatz heftige interne Konflikte aus. Besonders im Verlauf von Unabhängigkeitskämpfen gegen die Kolonialherren konnten die Nationalisten sich durchsetzen (Algerien, Indonesien, Türkei). Unter Nationalisten wurden aber auch Kommunisten, Anarchisten und unabhängige Gewerkschaftler und Intellektuelle verfolgt, so z.B. in der Türkei, Algerien, Irak, Tunesien, Indonesien (40er Jahre) und Ägypten. Dies rechtfertigte sich dadurch, dass der Nationalismus totale Kontrolle beanspruchte und keine eigenständige Politik unter sich duldete. Wie es sich damit andeutet, wurden viele nationalistische Regime über die Jahre hinweg zunehmend autoritär. In Saudi-Arabien, Jordanien, Marokko und Iran gelang es dagegen den alten Eliten sich durchzusetzen und z.T. bis heute zu regieren. Zwischen ihnen und den Nationalisten kam es v.a. auf internationaler Ebene zu Konflikten. Ein Faktor, der insbesondere durch den Kalten Krieg enorme internationale Aufwertung erfuhr. Unter den arabischen Staaten reklamierte Nasser bald die Führungsrolle, was zu deutlichen Spannungen mit Jordanien, Saudi-Arabien und dem Iran führte. Denn die Ideologie des Nasserismus bot für sie zwar Platz, allerdings nur am Galgen. Im Jemen-Krieg, den kommunistischen Aufständen in Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten führten daher die beiden Seiten einen Stellvertreterkrieg.

Viele nationalistische Regierungen waren in der Blockfreien Bewegung organisiert, v.a. Indonesien, Ägypten und Indien, die einen Dritten Weg zwischen Ost und West einschlugen – zumindest ideologisch – und sich aus dem Ost-West-Konflikt heraushalten wollten. Das gelang natürlich nur selten. Quasi jeder Konflikt in und zwischen den Staaten war zugleich verschmolzen mit dem Kalten Krieg. Entweder musste man Position beziehen, oder einer der beiden Blöcke griff aktiv ein. So z.B. die Sowjetunion auf Seiten Israels im Arabisch-Israelischen Krieg und später wurden die Araber gegen Israel unterstützt. Die USA unterstützten bald Pakistan, da damals Indien als Bollwerk des Kommunismus galt. 36 In einigen Fällen machten sogar die Blöcke gemeinsame Sache. So wurden die nigerianische Zentralregierung sowohl von der Sowjetunion, wie von der Nato beim Völkermord in Biafra tatkräftig unter die Arme gegriffen. 37 Bei interner Instabilität förderte auch gerne eine der beiden Mächte den Konflikt oder führte gleich selbst den Putsch aus, z.B. im Iran, Mali oder Ghana 38. Es würde zu weit gehen, die Staaten nur als bloße Spielbälle zu betrachten, die sich eine der beiden Mächte als Schutzmacht aussuchen mussten bzw. von ihnen dazu erpresst wurden. Viele Beispiele sind bekannt, in denen Staatschefs beide Mächte gegeneinander ausspielten – z.B. Irak – oder die Seiten wechselten, wenn die andere die Unterstützung versagte (Ägypten 1955 und 1973). Andere Staaten strebten die vollkommene Autonomie und den ausschließlichen Handel zwischen der Dritten Welt an, v.a. Indien und die Pan-Afrikanisten. Gleichwohl gab es ein enormes Machtgefälle und wenn sich eine der beiden Mächte entschloss diesen Staaten “zu helfen”, war es schwer ihrer Umarmung auch wieder zu entkommen.

Gemeinsam für alle Gruppen, Nationalisten wie alte Eliten, war aber das Ziel, einen Staat aufzubauen, der das Land wirtschaftlich entwickeln, die gesellschaftlichen Probleme lösen, nach Innen Stabilität und international Autonomie verwirklichen konnte. Der Begriff Entwicklung gelangte dadurch zum omnipotenten Leitbild um alle Probleme zu lösen und eine Perspektive zu geben. Obwohl die Nationalisten Europa hassten, wurde es zu einem Vorbild ihre Staaten zu entwickeln. Andere verfolgten natürlich das Gegenprogramm, die sozialistische Alternative. Es muss auch nicht verwundern, dass dieser Weg attraktiv war. Denn die Kolonialherren waren ja Europäer. Deshalb hatten der Osten und mit Abstrichen die USA die Sympathien vieler Leute. Mit Europa verband man Gewalt, Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Armut. Der Sozialismus genoss v.a. Ansehen als Ideologie der Befreiung, der Unabhängigkeit und Selbstbehauptung, die zudem materiellen Wohlstand versprach. Die USA wurden dagegen mehr mit Liberalität, freier Entfaltung und einer boomenden Wirtschaft assoziiert. Die Amerikanischen Universitäten im arabischen Raum galten als Horte der freien Rede und Forschung. Durch die Weltwirtschaftskrise und die darauf folgende langsame wirtschaftliche Erholung standen freilich materielle Aspekte im Vordergrund, was die Abstriche in der amerikanischen Ideologie erklärt. Eine deutliche Orientierung an einer der beiden Ordnungen herrschte nur selten, z.B. in der Türkei, Iran und Marokko in Richtung Westen. Häufig proklamierte man eine Synthese daraus um einerseits Produktivität, andererseits Wohlergehen sicher zu stellen. Das Paradebeispiel ist der Arabische Sozialismus. Dieser war eine Verbindung aus Pan-Arabismus und Sozialismus. Sozialismus bedeutete dabei aber nicht den Ostblock zu imitieren. Er war nur dazu vorgesehen die Verwerfungen des Kolonialismus zu beseitigen um eine autozentrierte Entwicklung in Gang zu setzen. Mit dieser Entwicklung wollte man den Vorsprung der Europäer aufholen. Auch Sukarno in Indonesien, Nehru und seine Tochter Indira Gandhi in Indien sowie Jinnah und später Bhutto in Pakistan legten derartige Ziele fest.

Die Entwicklungspläne, häufig 5- und 10Jahrespläne, orientierten sich an bestimmten Zielen, z.B. Gesundheit, Infrastruktur, Bildung oder dem Aufbau von Wirtschaftsbranchen. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden landesweit Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen sowie technische Infrastruktur (Wasser, Strom, Straßen) aufgebaut – natürlich wurde niemals die ganze Bevölkerung versorgt. Vorwiegend wurden Großprojekte aufgebaut, entweder direkt vom Staat, oder mit seiner intensiven Subventionierung. Dabei handelte es sich um die kapitalintensiven Branchen wie Beton, Montanindustrie, Maschinenbau und Elektrotechnik. Es sollten nicht nur die Endprodukte gefertigt werden, sondern mittelfristig auch die Vorprodukte (z.B. Einzelteile von Maschinen). 39 Die Branchen waren dabei ausschließlich auf die Versorgung des eigenen Staats ausgerichtet, v.a. weil die anderen Länder durch Zölle ihre Märkte abschotteten und die Qualität nicht besonders gut gewesen ist. 40 Produktionsanlagen von enormer Größe, in der sich zehntausende Arbeiter wieder fanden, die vorher noch Bauern waren, wurden überall aufgebaut. 41 Infrastrukturprojekte enormer Größe wurden gebaut wie der Aswan-Staudamm in Ägypten oder der Akosombo-Damm in Ghana und die Rohstoffausbeutung forciert wie z.B. das Stahlwerk Rourkela in Indien, seinerzeit eines der größten der Welt. Agrarreformen wie in Ägypten, Irak und Algerien veränderten die Landwirtschaft. Land, das die früheren Kolonialherren besaßen, wurde nun an Kleinbauern verteilt 42 oder fiel im Fall von Monarchien den Herrschern zu (z.B. Marokko, Iran). Führten bereits die vorkolonialen Khames-Systeme zu einer Marktorientierung, wurde es unter den Kolonialherren durch Besteuerung und Vernachlässigung der Bewässerungswerke intensiviert. Die Agroindustrialisierung führte auch hier bald zu einer vollständigen Mechanisierung der Landwirtschaft, die viele Bauern vom Markt drängte und Landarbeiter überflüssig machte. Sie zogen dann in die Städte. Wurden die ersten noch mit Wohnraum – klassischer Betonbunker im architektonisch ansprechenden Design der 50er Jahre – versorgt, mussten sich die nachfolgenden Wanderungswellen in Elendsvierteln ansiedeln. Zur Versorgung der Haushalte wurden Lebensmittel subventioniert oder direkt verteilt und eine Preisdeckelung für Güter (Lebensmittel, Petroleum) festgelegt. Auch heute noch gibt es dies in Indien als den „Maximum Retail Price“ (MRT). In der Regel zahlen nur Touristen einen höheren Preis. Steuern blieben immer niedrig bzw. waren nur auf die Mittelschicht beschränkt. Mehrwertsteuern sind in vielen Ländern immer noch nicht Gebrauch. Die Haupteinnahmequellen waren die Zölle. Zölle und Beschränkung ausländischen Kapitals sollten sowohl die einheimischen Branchen schützen wie auch die Stabilität der Währung.

Unter den Arbeitsbedingungen dieser Zeit vollzog sich, was Marx mit der ursprünglichen Akkumulation beschrieben hat. Die herrschende Entwicklungsideologie versprach, dass Armut überkommen werden kann, wenn alle hart arbeiten. Durch die Produktivität und die staatliche (Fein-)Steuerung wird jeder seinen Anteil erhalten und sozial versorgt werden. Im Vergleich zum Kolonialismus war es auch tatsächlich ein Fortschritt. In den Großbetrieben wurden die Massen integriert in einen zugeschnittenen Arbeitsablauf mit festen Arbeitszeiten, auf die Bewegung der Maschinen und die Akkordproduktion. Hierarchien der Arbeit und technische Statusgruppe, z.B. Facharbeiter, Vorarbeiter, Ingenieure, wurden ihnen nahe gebracht. In dieser Massenintegration war auch eine Massenperspektive enthalten. Wohlstand setzt sich nur durch harte Arbeit ein und jeder wird versorgt. Dies bedeutete auch eine Zugehörigkeit, die der Staat durch seine Wirtschaftssteuerung garantierte. Das Motto Solidarität, besonders im arabischen Sozialismus, bezog sich darauf die Menschen in Arbeit zu integrieren und das Auskommen marktwirtschaftlich als ausreichenden Lohn zum leben zu lösen. Gegenseitige Hilfe, ein Bestandteil der Solidarität, wurde vom Staat geleistet in Form von sozialen Diensten, billigem Wohnraum und Lebensmitteln. Unter dem nationalen Ziel der Entwicklung wurden alle Gruppen als Filialen der Einheitspartei integriert. So wurde für das Interesse jeder Gruppe gesorgt und zugleich verhindert, dass ihre Interessen die Einheit sprengen würden. Ähnlich wie der Nachkriegs-Keynesianismus in Europa wurden sozialpartnerschaftliche Modelle zwischen Arbeitern und Industrieverbänden angestrebt. Der Islam als Identität stand zwar weiterhin deutlich hinter der Nation bzw. dem Monarchen zurück, wurde aber auch von den Nationalisten betont.

Um das nationale Ziel der nachholenden Entwicklung zu verwirklichen ließ man – so zumindest die Rechtfertigung – eine Aufsplitterung in Fraktionen und damit ein Verlust von Fachwissen und Ressourcen in Streitereien nicht zu. Da die Zukunft des Landes bereits in den Leitlinien der Führung ausgewiesen war, musste man sie nur noch technisch und planerisch umsetzen. Aus diesen Gründen wurden auch autonome Vorstellungen bekämpft. Häufig konnte man es durch Integration in den staatlichen Apparat verhindern, so z.B. durch Bildung von Einheits- oder zumindest Dachverbänden für Branchen, Freiberufler, Beamte und soziale Gruppen wie Frauen, Jugendliche und Studenten sowie Regionalräte für ethnische Gruppen. Dieser universelle Anspruch das Land zu entwickeln schlug sich auch in gemeinsamen Abstammungslehren und einer gemeinsamen Sprache nieder, die freilich alle anderen unterdrückte. Die Türkei und der Irak sind dabei am besten bekannt durch die Medienberichterstattung. Aber auch der Iran unter Reza Shah, Pakistan, die Maghrebstaaten und Indonesien vollzogen diesen Sprachnationalismus. In Pakistan führte dies sogar zur Teilung des Landes mit der Unabhängigkeit Bengalens als Bangladesch. In Indien halten zwar bis heute ethnische Konflikte an – in Indien werden sie als Kommunalismus bezeichnet -, aber schon in den 50er Jahren gab Nehru gegen mannigfachen Widerstand den Plan auf Hindi als Nationalsprache einzuführen. Englisch mit seinem “neutralen Charakter” wurde zur verpflichtenden Verwaltungssprache, während in den Bundesländer Regionalsprachen hinzukamen, z.B. Tamil, Bengali oder Malayalam. In afrikanischen Staaten übernahm man in der Regel die Sprachen der Kolonialherren.

Der Islamismus gewann in dieser Zeit deutlich an Attraktivität. Der Westen unterstütze ihn als Gegenbewegung zum Kommunismus – oder was man dafür hielt 43. Saudi-Arabien nutze die aus Ägypten geflohenen Muslimbrüder um gegen den Baathismus vorzugehen. Die israelische Regierung hatte ihr Herz für die Hamas gefunden um sie als Gegenpol zur PLO zu etablieren, was ja schließlich auch gelungen ist. Sogar die iranische Revolution, die ja sowohl antiwestlich wie antikommunistisch war, wurde von Carter anfangs wohlwollend beobachtet bis schließlich die US-Botschaft besetzt wurde. 44

Diese Diskurse und Politiken trug auch der Islamismus Rechnung. Authenzitätsprojekte des Nationalismus verbanden sich häufiger mit dem Islam, was natürlich ihre Positionen auf eine allgemeine Grundlage des Verhandelbaren hob. Nasser verbat nicht die Ulema. Sie wurde quasi als folkloristisches Element der arabischen Nation beibehalten. Ihm schwebte vielmehr vor alle Gruppen unter dem Nationalismus zu integrieren. Die Islamisten, die sich dem verweigerten, bekämpfte er. In Pakistan vollzog sich die Auseinandersetzung zwischen liberalen Nationalisten und konservativen Nationalisten über den Charakter des Staates in gewalttätigen Konflikten. Es stand zur Debatte, ob es ein Staat für die Moslems oder ein islamischer Staat sein soll. Unruhen in Belutschistan und Bengalen gegen die Durchsetzung von Urdu als einziger verbindlicher Staatssprache brachen aus und wurden unterdrückt. Schließlich putschte 1956 zum ersten Mal das Militär und setzte zur Legitimierung den islamischen Staat durch. Nach der Demokratisierung übernahm Ali Bhutto, ein Schiit, die Regierung und führte den islamischen Sozialismus (al ishtirakiyat islami) ein. Die von der Militärregierung vollzogenen Änderungen in den Gesetzbüchern ließ er unangetastet, aber beschränkte den Islam nur als Grundlage um den Sozialismus ideologisch zu unterfüttern.

Das Motto „Islam ist die Lösung“ und dass der Islam eine umfassende Anleitung zur Lösung aller Probleme bieten würde, korrespondierte gut mit dem Universalismus, den der Nationalismus beanspruchte. Viele Islamisten übernahmen sozialistischen Ideen, die sie freilich als Solidarität (at-takaful) oder der „Sozialismus des Islam“ (al ishtirakiyat al islam, v.a. Mustafa as-Siba) bezeichneten. Wie bereits zu Ende des letzten Kapitels beschrieben, wurden materielle Angelegenheiten ideologisch gelöst über die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, wobei der reine Standpunkt des Bedürfnisses nur in der Bengal Renaissance erhoben wurde. Dabei kam den Islamisten die Entwicklung, sowohl als Begriff wie auch als Prozess, zugute, dass materielle Fragen nur noch über Arbeitsintegration und gerechten Lohn verhandelt wurden. Denn dies weichte der Grundfrage nach dem Charakter von Ökonomie und der Integration des Einzelnen darin aus und stärkte den Appell an das Individuum, was er als Einzelner leisten könne um sich erst mal selbst zu versorgen. Somit reduzierte sich der grundlegende Mangel des Islamismus in materiellen Fragen Position beziehen zu können.

3. neoliberaler Umbau

Mit der Überakkumulationskrise des Kapitalismus ab den 60er Jahren, ging auch das allgemeingültige Versprechen von Wohlstand und dem Staat als dessen Garant verloren. Das Kennzeichen der Überakkumulationskrise war, dass die Produktivität so zugenommen hatte, dass man die Güter nicht mehr absetzen konnte, da die Nachfrage gesättigt war. Der Staat versuchte sich durch kreditfinanzierte Subventionierung als Krisenretter, was aber nicht überall erfolgreich war. Zunehmend wurde die Produktion zurückgefahren, Angestellte entlassen, Unternehmensteile ausgelagert (Out-Sourcing) – auch weil die Produktionsstätten eine derartig gewaltige Dimension annahmen, dass man sie nicht mehr effizient verwalten konnte – und das Marketing erhöht. Während westliche Unternehmen über Banken Kredite erhielten, wurden sie in der Dritten Welt über die Staaten bezogen, die sie wiederum von den Banken des Westens oder Ostens erhielten. Der Integrationsstaat musste auch seine Subventionen für Wohnraum und Lebensmittel reduzieren, was zu Brotunruhen führte und der Ansiedelung von Elendsvierteln führte. Streiks brachen aus und unabhängige Gewerkschaften wurden gegründet. In vielen Fällen wurden die sozialen Flügel der Nationalisten inhaftiert oder ins Exil gejagt (z.B. Ben Bella in Algerien). Massenarbeitslosigkeit und Desintegration waren die Folge, die durch staatliche Propaganda und Repression bezwungen werden sollten. Es war nun allen klar, die nachholende Modernisierung war auf halber Strecke gescheitert.

In ökonomischen Fragen wurde die Armutsbekämpfung auf die Agenda gesetzt. Bis heute fühlt sich jeder verpflichtet Armut und Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, setzte aber keine konkreten Schritte durch. Im Gegenteil erhöhten sie die Repression der Marginalisierten 45. Ein Wortspiel über Indira Gandhi bringt dies treffend auf den Punkt. Ihr Projekt „Garibi Hatao“ – Armut beseitigen – wurde zu „Garib ko Hatao“ – die Armen beseitigen – verballhornt. Man dachte zwar, dass die unzureichenden Investitionen der nachholenden Modernisierung und der Abbau der Subventionen zu sozialen Verwerfungen führen würde, war aber nicht auf eine neue Wirtschaftspolitik, die das sogar überflügeln konnte und ein neues Bild von Wohlstand, Wachstum und individueller Leistung durchsetzte. Was im Westen als neoliberale oder monetaristische Wende ab Ende der 70er Jahre und besonders in den 80ern stattfand, wurde in der Dritten Welt bereits zehn Jahre vorher durchgesetzt. Chile 1971, Pakistan 1972 und Ägypten 1973 waren die Vorreiter des Neoliberalismus. 46 Die Staaten hatten über ihre Verhältnisse gelebt – diese bescheuerte Interpretation feiert ja heute wieder Auferstehung um den Armen die Armut zu versüßen. Zölle, eine der Haupteinnahmequellen, wurden gesenkt oder komplett abgeschafft, Haushaltsausterität (Senkung von Subventionen und für Unternehmen und Haushalte) durchgesetzt um die Inflation zu reduzieren 47 und die Kredite zurückzuzahlen, Monopole abgeschafft und Unternehmen privatisiert. Damit sollte nicht nur der Haushalt ausgeglichen, sondern auch ausländisches Kapital angelockt und die Menschen zu Leistung angehalten werden. Denn durch die anhaltende Alimentierung des Staates wurden sie unselbstständig und unverantwortlich gemacht. Daher muss man sie von staatlicher Bevormundung befreien, damit sie sich wieder selbst verwirklichen können. Unausgesprochen sagen sie damit, dass materielle Not das Beste im Menschen hervorbringt. 48

Die neue Ideologie, die natürlich nicht einfach von den Neoliberalen den Nationalisten aufgezwängt wurde, sondern ab Mitte der 60er Jahre Form annahm, machte nun das Individuum verantwortlich, ob es in Armut oder Wohlstand lebte. Die Verwerfungen des Kapitalismus wurden ihm als individuelle Unzulänglichkeit angelastet. Über den Wohlstand entschied nun seine Leistungsbereitschaft. In der Armut sollte es materielle Bescheidenheit und Demut vor den Herrschern bewahren. Um die materielle Desintegration zu kontern verlegte man sich zusehends auf populistische Kampagnen, z.B. das öffentlichkeitswirksame Verteilen von Brosamen, und einen intensivierten Führerkult. Dieser Führerkult war anfangs der Kult um eine Ideologie, die nachholende Modernisierung und die Unabhängigkeit, und wich ab den 70er einem Herrscherkult, in welchem ihm/ihr bestimmte Fähigkeiten zugeteilt wurden, die eher an eine „aufgeklärte Monarchie“ erinnern. Diese ideologische Einheit der Führergestalt sollte die zunehmenden Spaltungen infolge der kapitalistischen Widersprüche überdecken und eine Einheit vortäuschen, wo es gar keine mehr gab. Von Perspektive war hier gar keine Spur mehr, sondern nur noch von Autorität. Der Herrscher handelte als Landesvater bzw. –mutter, der sich um die lieben Kleinen, die Landeskinder, kümmerte, aber durch die Autorität den Weg wies und keinen Widerspruch duldete. Indira Gandhi versuchte sich so mit den hinduistischen Göttern zu umgeben. Sadat zog eine durchgehende Linie von den Pharaonen über die Ummayyaden, Abbasiden und Nasser zu ihm. Saddam Hussein hielt sich für den wiedererstandenen Saladin. Nach 1990 wurde im Irak auch eine neue Nationalfahne herausgegeben, welche den Schriftzug „Allah-u Akbar“ in Saddam Husseins Handschrift trug.

4. Wandel und Aufstieg des Islamismus

Wie ich es in den vorhergehenden Kapiteln beschrieben habe war der Islamismus niemals die einzige Ideologie unter Moslems und auch nie die dominierende. Er stand immer neben und oft hinter anderen Ideologien, die attraktiver waren als er. Im 19. Jahrhundert wandten sich die ersten Islamisten sowohl gegen den Imperialismus wie gegen die eingesessenen Eliten. Das Fehlen der sozialen Frage und das enge Identitätsangebot, der Glaube, ermöglichten nur eine geringe Resonanz. Vermutlich hat der Islam in dieser Zeit auch ein Glaubwürdigkeitsproblem gehabt. Denn die politischen Eliten und die Ulema waren miteinander verbunden. Die Ulema versah sie mit Legitimität und stützte damit ihre Autorität. Zudem wurden die religiösen Bildungseinrichtungen, die einst ein Studium Generale vermittelten, zunehmend unbrauchbarer für das Leben, da nur noch Theologie an ihnen verblieb. Die übrigen Fächer, Medizin, Wirtschaft, Ingenieurwesen, wurden an separaten Universitäten gelehrt und beforscht. Zur dominierenden Strömung wurde der Nationalismus und ab dem 20. Jahrhundert für fast 60 Jahre unangefochten der Nationalismus mit seinen Komponenten aus Sozialismus und Unabhängigkeit. Der Nationalismus gewährte eine nachvollziehbare Ideologie, die Perspektive und Erfolg versprach. Die ersten Erfolge in den Ländern bestätigten auch die Bevölkerung darin. Wohingegen Misserfolge in anderen Staaten, z.B. Pakistan, bald zu Putschen führten. Hier sind auch der Kalte Krieg und der Gegensatz zwischen alten Eliten und aufstrebenden Nationalisten nicht zu unterschätzen. Sowohl der Westen wie die alten Eliten scharrten die Islamisten um sich, die in die Kämpfe eingriffen und als Gegenbewegung handeln sollten.

Mit der Massenintegration der Menschen in große Produktionscluster und der Verbände als Filialen der nationalistischen Einheitsparteien, setzte sie ihre Politik mit immer größerer Autorität durch. Dabei ging es auch darum Pfründe zu sichern und in Vetternwirtschaft Monopole in der Wirtschaft zu erhalten. Damit sollte die Konkurrenz von unten ausgeschaltet werden. Kleine und Mittlere Unternehmen konnten damit nur bis zu einer gewissen Größe wachsen bzw. gingen zugrunde, weil sie weder in Monopolbranchen investieren konnten, noch mit den subventionierten Produkten konkurrieren konnten. Die Forderung die Monopole und Subventionen zu streichen, würde allerdings gesamtwirtschaftlich nichts bringen. An der Qualität der Produkte könnte dies freilich etwas zum Positiven wenden. Denn die Beschäftigen, die bei den Großunternehmen entlassen werden, werden bei den kleinen angestellt. Durch die Subventionen war es wiederum auch nur möglich so viele Menschen zu beschäftigen, so dass schließlich sogar zusätzlich Menschen arbeitslos werden und die Kaufkraft sinken würde. Diese Integration der Massen, der begleitende Diskurs von der paternalistischen Autorität des Staates und die Arbeitsideologie gereichten den Islamisten zum Vorteil. Denn dies untergrub den noch von der Unabhängigkeitsbewegung vertretenen Anspruch auf Wohlstand und sogar Erfüllung der Bedürfnisse. Da der Islamismus grundsätzlich in seiner Ideologie das Individuum feierte, begünstigte es ihre Ideologie, wenn nun auch materielle Fragen individuell und nicht gesamtgesellschaftlich behandelt wurden. Die Grundlage des Islamismus bildet die These, dass die reine Lehre des Islam durch Neuerungen und Tradition verunreinigt wurde. Neuerungen sind alle Erscheinungen, die nicht in der Sunnah (Koran und Hadith) zu finden sind. Die Tradition meint das Ausleben religiöser Rituale, ohne die Erkenntnis der religiösen Überlieferung, wie z.B. die feierlichen Zeremonien zu Ashura unter Schiiten oder des Id-al Fitr, an denen Essen, Feiern, Geselligkeit und Spaß im Vordergrund stehen. Deshalb ist es das Ziel die richtige Erkenntnis der Gläubigen wieder zu erwecken. Erkenntnis kann immer nur ein individueller Prozess sein, wobei der Kampf um sie als „großer Jihad“ behandelt wird. Islamisten sollen dabei durch ihr Vorbild die „Kulturmoslems“ zu richtigen Moslems anleiten und die Sünder bekämpfen.

Die kapitalistischen Verwerfungen machten auch vor der nachholenden Modernisierung nicht halt und stürzten sie bald in eine Krise. Diese Krise wurde nicht materiell gelöst, sondern durch Abbau der Wohlfahrt und staatlicher Institutionen wie Gesundheit, Infrastruktur und Bildung. Dadurch wuchs die Zahl der Armen, die nun marginalisiert wurden bzw. niemals aus der Marginalisierung herausgekommen sind. Die Repression gegen sie, gegen unabhängige Verbände und Kritiker wurde verstärkt. Der Islam als Authenzitätsangebot wurde zu Hilfe genommen. Die Anhänger der Nationalisten wurden dadurch opportun, die Mehrheit apathisch und ein Gut Teil ging in die Opposition und wurde in der Regel verfolgt. Islamisten konnten in dieser Situation weiter gewinnen durch das Wiederaufleben des Islam als Identität, besonders, wenn Militärregime wie in Pakistan oder Bangladesch nach einem Putsch entstanden und sich legitimieren wollten.

Die neoliberale Wende der Nationalisten (v.a. Ägypten, Algerien) und der Militärs (Türkei, Pakistan, Bangladesch) steigerte die Verwerfungen. Die staatliche Ideologie versprach keine Perspektive mehr, sondern begnügte sich damit sich feiern zu lassen. Ihre Ideologien wurden immer hohler, da der nationale Einheitsanspruch nur über die materiellen Verwerfungen der Gesellschaft hinwegtäuschen sollte um ein Ganzes, das es gar nicht mehr gab, als Illusion aufzubauen. In materieller Hinsicht setzte sich das Leistungsdogma des Neoliberalismus durch: Leistung, Konsum und Bescheidenheit sind seine Trinität, die dem Menschen Orientierung bieten. Leistung entscheidet darüber, was es konsumiert. Es ist nicht nur selbstverantwortlich, sondern auch noch vollkommen frei – natürlich nur im Rahmen dieser Ideologie betrachtet – sich dafür zu entscheiden und welche Konsummuster es besitzt. Gegenüber dem Staat soll der Mensch bescheiden auftreten, seine Forderungen nicht an ihn herantragen, sondern den Gürtel enger schnallen.

Ausgerechnet in dieser Lage konnte der Islamismus seinen Höhepunkt erreichen, wobei ich diesen Höhepunkt als Attraktivität unter den Massen behandele. Die interessante Frage ist, die sich auch Asef Bayat (2007) stellt, wieso es dem Islamismus aber niemals gelang die Armen in Massen zu mobilisieren. Selbst in der einzigen Revolution, an der die Islamisten beteiligt waren, der Sturz des Massenmörders Reza Shah im Iran, waren sie nur eine Randerscheinung. 49 Politisch konnte er dagegen einige Erfolge vorweisen und stieg häufig als Juniorpartner der alten Eliten auf, z.B. in Saudi-Arabien, Indonesien, Pakistan, Bangladesch oder Südjemen. Er gewann schließlich im Sudan, in Algerien und der Türkei die Wahlen. In Indonesien machte man einen Islamisten zum Präsidenten.

Wie ich es in der Einleitung vorgestellt habe, hatten die alten Ideologien abgewirtschaftet und der Islamismus konnte nun quasi als unverbrauchte Ideologie antreten, die den Menschen eine Perspektive für ein würdevolles Leben eröffnete. Er trat damit die Nachfolge der Versprechen der Nationalisten an. Es wäre aber ein Trugschluss zu glauben, dass die Islamisten den alten Sozialismus oder auch nur eine Variante davon aufleben lassen wollten. Der islamische Sozialismus war nur eine Zwischenphase um an der Attraktivität dieser Konzepte teil zu haben. Tatsächlich handelt es sich um Neoliberale und die Leistungsideologie der neoliberalen Wende der Nationalisten begünstigte sie enorm. 50 Sowohl der Neoliberalismus wie der Islamismus – übrigens auch die Aufklärung – besitzen eine gleiche Konstruktion des Individuums. Eigeninitiative und Leistung ermöglichen in einem Fall materiellen, im anderen Fall spirituellen Wohlstand. Der Wohlstand im Neoliberalismus ermöglicht Konsummöglichkeiten, im Islamismus allerdings die Beseitigung aller sozialen und materiellen Übel sowie eine neue Spiritualität für das Individuum.

Besondere Resonanz fand diese Ideologie in der Mittelschicht und der aufgestiegenen Mittelschicht. Ihr Aufstieg mit universitären Abschluss und einer gut bezahlten Stelle bzw. als Freiberufler (Anwalt, Arzt, Ingenieur) konnten sie sich selbst glauben machen, hätte sie nur ihrer Leistung zu verdanken. Diese Leistung war ihnen gemäß der Ideologie nur möglich, weil sie die Tugenden Gottes inkorporiert hatten, der sie dazu charakterlich anleitete. Somit bildet der Islamismus auch den Bestandteil ihres sozialen Status. Steuern, mit denen man sonst den sozialen Ausgleich bezahlt, stehen sie feindlich gegenüber. Denn die Armen sind nur durch den Mangel an Tugend marginalisiert. Nichtsdestotrotz sind sie spendenfreudig um soziale Dienste (Gesundheitsstationen, Suppenküchen, Bezuschussung von Hochzeiten) zu finanzieren. Hier zeigt sich auch ihre gottgefällige Barmherzigkeit. Auf diesem Wege lässt man den Armen auch zumindest ein Lebensminimum zukommen. Die Kinder werden in private Bildungseinrichtungen geschickt, da die öffentlichen Schulen nur noch ungenügend ausgestattet sind. In Indonesien sind die Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen der Islamisten mittlerweile enorm gewachsen und haben als Aktienunternehmen die Börse erreicht.

Der Islamismus war für die Mittelschicht auch in einem anderen Bereich bedeutsam. Zur Durchsetzung der Gerechtigkeit schien er glaubwürdig. Die nationalistischen Eliten hatten große Unternehmen gebildet, die nur durch Monopole, Zölle und Subventionen überlebensfähig waren. Außerdem sollten Korruption, Vetternwirtschaft und Selbstbereicherung ein Ende haben. Für Eigentümer und höhere Angestellte in kleinen und mittleren Unternehmen sind das attraktive Forderungen, die ihr materielles Interesse bedienen. Dies wurde vor einigen Jahren noch als türkischer Calvinismus verkauft, als analog zu den asiatischen Tigern, nicht nur der irische und baltische Tiger erwachte, sondern auch der anatolische, u.a. in Konya und Gaziantep.

Für Arme ist diese Ideologie natürlich nur wenig interessant. Zwar gaukelt sie eine Perspektive über Leistung vor, aber sie werden doppelt diskriminiert: Nicht nur leben sie in miserablen Zuständen, sie sollen auch noch selber daran schuld sein und ein Mangel an Religiösität sollen sie auch noch besitzen. Attraktivität gewinnt diese Ideologie nur, wenn die Armen die Religiösität der Mittelschicht imitieren um sich mit ihnen desselben sozialen Status zu erfreuen und auf ihre armen Mitmenschen herabsehen können.

Literatur:

Aksikas, J. (2009). Arab Modernities. Islamism, Nationalism, and Liberalism in the Post-Colonial Arab World. Peter Lang Publishing. New York

Amin, S. (2001). Political Islam.

Bayat, A. (2007). Making Islam democratic. Social movements and the post-islamist turn. Stanford University Press. Stanford.

Guazzone, L. (Hrsg. 1996). The Islamist dilemma: the political role of Islamist movements in the contemporary Arab World. Ithaca Press. Reading.

dies. & D. Pioppi (Hrsg. 2009). The Arab state and neo-liberal globalization. The restructuring of state power in the Middle East. Ithaca Press. Reading.

Hirschkind, C. (2006). The ethical soundscape: Cassette sermons and Islamic counterpublics. Columbia University Press. New York.

Hourani, A. (1983). Arabic thought in the liberal age, 1798 – 1939. Cambridge University Press. Cambridge.

Kepel, G. (2002). Das Schwarzbuch des Dschihah. Aufstieg und Niedergang des Islamismus. Pieper Verlag. München.

Kuran, T. (2004). Islam and Mammon: The Economic Predicaments of Islamism. Princeton University Press. Princeton.

Mitchell, R. (1969). The Society of Muslim Brothers. Oxford University Press. London.

Roy, O. (1994). the failure of political Islam. Harvard University Press. Harvard.

Salvatore, A. & M. LeVine (2004). Religion, Social Practice, and Contested Hegemonies: Reconstructing the Public Sphere in Muslim Majority Societies. Palgrave Macmillian. New York.

Fußnoten

1. Es ist zwar immer wieder lästig dies zu betonen, aber nach drei Jahrzehnten Peter-Scholl-Latourisierung bzw. Annemarie-Schimmelisierung dringend notwendig. Natürlich gibt es auch Personen, die dies nur aus nationaler Überzeugung und Feindaufklärung tun, z.B. Bernard Lewis, Daniel Pipes, Efraim Karsh oder Alain de Benoist. Bei Lewis, Pipes und Karsh bewahrheitet sich deutlich die These, dass die politischen Eliten des “Westens” nach dem Ende des Kalten Krieges im “Islam” einen neuen Feind suchen und finden wollen. Aber auch von muslimischer Seite gibt es Bestrebungen, die den Islam zum Dreh- und Angelpunkt einer “islamischen Kultur” machen wollen. Diese Menschen werden in diesem Blog als Islamisten bezeichnet und die westlichen “Islamkritiker” machen für diese Gruppen eigentlich Werbung, in dem sie ihre Ideologie als “authentischen” Islam bezeichnen.

2. Eines der besten Bücher der letzten Zeit war Guazzone & Pioppi 2009. In dem Buch finden sich übrigens gute Analysen zu Saudi-Arabien, die sonst nur sehr, sehr spärlich zu finden sind.

3. Während des Kalten Krieges nannte man diese Staaten noch Entwicklungsdiktaturen.

4. Aksikas hat dies wegen der frühen Nato-Orientierung Marokkos nur wenig beachtet. Im Falle der blockfreien Regierungen und der “Unentschlossenen”, d.h. Regierungen, die sich mal zum Westen, mal zum Osten orientieren (z.B. Sudan, Saddam Hussein), wird dieser Punkt wichtiger. Insbesondere fällt dabei auf, dass ausgerechnet entlang der Konfliktlinien des Kalten Krieges der Islamismus einst wie heute seine gewalttätigste Form annimmt: Afghanistan, Somalia, Bangladesch, Pakistan, Indien, Jemen.

Die zwei weiteren Konfliktregionen Algerien und Tschetschenien sind dagegen Konflikte, die damit nichts zu tun haben. Dass US-Amerikaner und Europäer natürlich anderer Ansicht sind, dass nämlich der “Westen” das Hauptschlachtfelde bilde, liegt einerseits am Nationalismus, andererseits an der Medienaufmerksamkeit. Kleine braune Menschen, die zu hunderttausenden ermordet werden, sind für die Medien weniger Wert (v.a. ökonomisch), weil sie beim Publikum weniger Aufmerksamkeit genießen.

5. In einem späteren Artikel werde ich dieser These übrigens deutlich widersprechen. In den meisten Ländern reagieren Islamisten nicht auf den Neoliberalismus, sie sind selber die Neoliberalen und wurden in der Türkei, Iran und Indonesien sogar zu Hauptträgern. Das ist v.a. eine Entwicklung der späten 80er Jahre. Timur Kuran (2004) ist ein guter Startpunkt um sich in diesen Bereich einzulesen, der allerdings die weitere Entwicklung nicht darstellt.

6. d.h. aber nicht, dass sich alle Autoren darin eingliedere, sondern nur jene, die diese historische Ordnung selbst treffen. Das ist häufig bei Marxisten und (Post-)Strukturalisten der Fall, aber nicht nur auf sie beschränkt.

7. Insbesondere in England und den USA ist das attraktiv, z.B. im dümmsten Organ, “Counterpunch”.

8. z.B. Ernst Gellner, Shmul Eisenstadt

9. Grundsätzlich differenziert es sich in der Fachwissenschaft aber immer stärker aus in die Untersuchungen der Instrumente, Netzwerke und Politikfelder der Islamisten, z.B. Bayat 2007, Hirschkind 2006, Salvatore & Levine 2004, Kepel 2001.

10. Mitchell (1969, S.328) gibt dagegen für die Muslimbrüder in Ägypten die Mitgliederzahl von 300.000 bis 600.000 an. Das halte ich für eine maßlose Übertreibung der Propaganda der Muslimbrüder, die selbst heute bei fast dreifacher Bevölkerung nicht so viele Mitglieder zählen.

11. So kam auch der Arabische Aufstand gegen das Osmanische Reich vollkommen ohne die Wahabiten aus, die erst einige Jahre später die arabische Halbinsel eroberten, in Mekka die Heiligtümer schändeten und das Haus al Saud zum Herrscher machten. Zum Dank wurden sie von ihnen kurz darauf erschossen und auf eine mindere Rolle beschränkt. Es gibt auch nahezu keinen Aufstand gegen das Osmanische Reich oder gegen Kolonialherren, der mit religiöser Symbolik unterlegt war. Selbst der Jihad wurde nur dem Namen nach geführt, aber nicht als Kampf zwischen Religionen aufgefasst, z.B. der Jihad des Osmanischen Kalifen gegen die Entente im 1. Weltkrieg.

12. Das argumentiert er aus der Engstirnigkeit des Nationalismus heraus, dass nämlich das Kopftuch nationale Tracht sei. Islam als Lebensweise kommt überhaupt nicht bei ihm vor.

13. Geradezu wahnwitzig wird es bei diesem Hintergrund, sobald sich Islamisten als Verteidiger des Islams und der Moslems aufspielen um Resonanz zu finden, so z.B. in der instrumentellen Palästinasolidarität der iranischen Islamisten wie dem Al Quds-Tag, auch wenn er ursprünglich in Reaktion auf den Yom Yerushalayim mit den Aufmärschen israelischer Rechtsextremer entstanden ist, während man zur selben Zeit im Iran die Flüchtlinge aus Afghanistan in üblen Lagern “hält”.

14. Nach dem ich in der Vergangenheit selber Begriffe wie “Entwicklungsländer” oder “der Süden” verwendet habe, bin ich seit einigen Jahren wieder auf Dritte Welt gekommen. Entwicklungsland deutet bereits an, dass der Kapitalismus die einzige Perspektive ist, man sich entwickeln muss und die Regierungen dieser Länder dem Entwicklungspfad der entwickelten Länder folgen sollen. Die Gesellschaft ist hier zudem egal, denn in guter bürgerlicher Manier werden sie ja von ihrer Regierung repräsentiert und anders ist das Zusammenleben auch nicht vorstellbar. Die Begriffe “Süden” und “Norden” suggerieren ein Ganzes, das es gar nicht gibt und nicht gegeben hat und verwischt damit jede Art von ungleicher Beziehung zwischen den Staaten, den internationalen Beziehungen, der wirtschaftlichen Potenz und den Wirtschaftsstandorten. Um eben dies darzustellen, bin ich wieder zur “Dritten Welt” zurückgekehrt. Nichtsdestotrotz finde ich eine Wortwahl aus der Geographischen Entwicklungsforschung am besten, die die Situation doch am trefflichsten beschreibt: “Inseln des Reichtums in einem Meer aus Armut”. Natürlich bedeutet Armut in einem Industrieland etwas anderes als in einem Dritte-Welt-Land.

15. Das verhält sich auch bei anderen Begriffen so, insb. wenn man sie zur Welterklärung heranzieht, z.B. Kultur.

16. Spätestens seit den PISA-Studien weiß man auch in Deutschland, dass es nur eine Legende ist, die Chancengleichheit vortäuschen soll, wo es gar keine gibt.

17. eigentlich zunächst des biologischen Stoffwechsels

18. In Gesellschaften mit weniger ausgeprägter Rechtssicherheit werden in Geschäften andere Möglichkeiten herangezogen um das Risiko zu minimieren. So erkundigt man sich nach dem Lebenswandel, der Familie und dem Bildungsweg um die Tugendhaftigkeit des Gegenübers einzuschätzen. Geschäftsessen bekommen hierbei sogleich eine andere Bedeutung als sie beim Steuerberater absetzen zu können bzw. Geschäftspartner zum Investieren zu bewegen.

19. Eigentlich ist es auch nicht der technische Fortschritt alleine. Dieser ist vermittelt durch die durchschnittliche Profitrate und damit den Markt. Da allerdings die Vormoderne keinen oder nur einen begrenzten Markt kennt, kann es auch gar nicht klappen. Natürlich ist der begrenzte Markt Nonsens bzw. seit der Antike leben wir in der Moderne.

20. Nomaden leben in der Regel immer vom Austausch und ergänzen damit ihren Speiseplan aus Milch, Blut und Fleisch. Zudem sind nur wenige Nutztiere bekannt, die man zur Eisengewinnung melkt. Das war in Nordafrika nicht anders als mit den Almhirten im Allgäu.

21. Beim Rentier handelt es sich übrigens nicht um einen Kapitalisten. Ein Kapitalist besitzt Produktionsmittel und investiert in diese. Ein Rentier besitzt Land und investiert nichts. In diesem Fall natürlich begrenzt in Bewässerungsanlagen. Wenn er allerdings keine Lust hatte, überschuldet war bzw. mit dem bestehenden Reichtum zufrieden war, dann ließ er sie verfallen. Das war eine alltägliche Erscheinung im Osmanischen Reich ab dem 18. Jahrhundert, die die Sultane oder vielmehr ihre Wesire nicht unter Kontrolle brachten.

22. Das führte häufig zur Schuldknechtschaft, die z.B. noch heute in Indien als “bonded labour” besteht.

23. Im Osmanischen Reich waren es die Timar, unter den Moghuln das Zamindar-Wesen und im arabischen Sprachraum die Iqta.

24. Für die Entwicklung des Islamismus in Südasien ist allerdings die Politik des Naqschbandiya-Sufirodens unter Tamerlan wichtig. Da ein Teil der Mongolen gerade erst frisch bekehrt war, pflegten diese einen Synkretismus aus Buddhismus, Schamanismus und Islam. Auch galt damals Tamerlan nicht als der Vorzeigemoslem, zu dem ihn der Nationalismus gemacht hat. Er hat ja vorwiegend Glaubensbrüder abgeschlachtet, z.B. auch wieder Baghdad niedergebrannt. Für die Sufis der Naqschbandiya waren sie damit Heiden. Ihr Ziel wurde es jeden Kulturmoslem zum rechten Glauben zu verhelfen. In Indien kamen sie schließlich mit Aurangzeb an die Macht und säuberten den Staatsapparat von Nichtmoslems und allen Moslems, die sie als Ungläubige abstempelten. Natürlich hatte dies vorwiegend polit-ökonomische Gründe, weil sie damit ihre Macht festigten und Konkurrenz ausschalteten. Aurangzeb wollte damit vertuschen, dass er seine Brüder und seinen Vater, Shah Jahan – der mit dem Taj Mahal -, ermordet hatte. Dies führte im Gegenzug zum Aufstieg der Marathen und Sikhs, zusammen mit den Engländern den späteren Totengräber des Moghulreichs.

25. Auch heute ist das noch in vielen Dritte-Welt-Ländern der Fall.

26. Aus einigen dieser Studenten bildeten sich später die frühen Salafisten.

27. Allerdings, die ersten Formen des Nationalismus entwickelten sich auf dem Balkan als Freiheitsbewegungen gegen die Osmanen, da sich die osmanischen Eliten immer weiter isoliert hatten und der Aufstieg nicht mehr möglich war.

28. Das imaginierten die Engländer als sog. martial Races wie Sikhs, Gurkhas, Punjabis oder Paschtunen. Als mehr oder weniger für den Krieg ungeeignet galten die Bengalen, die Draviden und die Zentralinder. Diese durften dann z.B. im 1. Weltkrieg, England setzte dabei etwa 2 Millionen Inder ein, die Schützengräben ausheben und die Logistik bewerkstelligen. Als erste Martial Race galten die Highlander Schottlands.

29. Mit ein wenig Zynismus könnte man allerdings sagen, dass man diese Zeit bereits sehr gut imitiert. Der erste Nachfolger Mohammeds, Abu Bakr, ist durch Betrug an die Macht gekommen. Der nächste männliche Verwandte Mohammeds, Ali, der über Fatima eingeheiratet hatte, wurde nicht zum Rat gerufen, der die Nachfolge festlegte. Der nächste Nachfolger wurde Omar, der übrigens die erste Version des Koran anfertigen ließ. Omar ist genau das, was sich jeder Rassist unter einem Moslem vorstellt. Als seine Schwester zum Islam konvertierte schlug er sie mehrfach zusammen und drohte ihr mit dem Tod. Ein Mythos setzt nun daran an, dass ihre Liebe seinen Hass transformierte und er seine Vorhaut opferte. Diesen Mythos erzählen bis heute noch Islamisten, wenn es um Gewalt in der Ehe geht, und raten den betroffenen Frauen diesem Vorbild nachzueifern. Denn nun war Omar ein guter Moslem und würde so etwas nicht mehr machten. Das stimmt, seine Schwester prügelte er nicht mehr. Aber als Ali von dem Betrug an ihm erfahren hatte und sich dessen Ehefrau Fatima erzürnte, trat ihr Omar den Embryo aus dem Bauch. Nun gut, schließlich nahm sich ein Perser ein Herz und hat Omar getötet. Man munkelt Omar hätte seine Frau vergewaltigt. Der nächste Kalif, Uthman, vervollständigte nicht nur den Koran, sondern unterdrückt auch noch die Opposition. Er wurde schließlich wegen des nun dritten Betrugs an Ali von dessen Gefolgsleuten ermordet. Unter Ali nahmen die Glaubensbrüder den ersten Anlauf zum Bürgerkrieg. Aisha, eine Ehefrau Mohammeds, und die Ummayyadan verschworen sich mit dem Stamm Az-Zubayr gegen Ali – Verschwörung und Bürgerkrieg war eine Spezialität der Az-Zubayr. Ali wurde schließlich von einem Kharijiten ermordet. Die Ummayyaden ermordeten später seine Nachkommen. Wie man also sieht, eine Goldene Zeit, die man doch als ein wesentliches Vorbild der tatsächlichen Verhältnisse in arabischen Staaten ausmachen kann.

30. Neben der Eroberung der Länder, war der Rassismus und aufgrund dessen die ungenügenden Aufstiegsmöglichkeiten, das größte Problem für sie.

31. Das übernahm schließlich Atatürk, weil der Kalif mit den Engländern kollaboriert hatte.

32. Etwas stärker war das unter der zweiten Galeonsfigur der Pakistan-Bewegung, Mohammed Iqbal, betont.

33. Wie die Verfechter von “Mulit-Kulti” der Grünen vertreten sie die Ansicht, dass “Kultur” mehr verbindende als trennende Elemente besitzt. Damit verstärken sie aber nur den Diskurs über Kultur und die Trennung der Menschen darin. Die Gegenoption dazu muss sie komplett verwerfen und sich weigern auf dieser Basis überhaupt zu diskutieren. Denn die Probleme, vornehmlich die materiellen, lassen sich auf dieser Ebene nicht lösen. Wie könnte man z.B. vom hiesigen Integrationsrassismus erwarten die Arbeitslosigkeit zu lösen. Er schafft es ja noch nicht mal bei den “Deutschen” und die zufällige Aneinanderreihung von Buchstaben in einem Pass oder statt in eine Moschee in eine Kirche zu gehen, verändern auch an der materiellen Basis nichts. Sie stehen damit nämlich überhaupt nicht in Beziehung – abgesehen von den Schranken, die Ausländer bei der Arbeitssuche haben, die bei der Einbürgerung wegfallen.

34. Islamisten in Indonesien metzelten dagegen bereits in den 40er Jahren Hindus und Animisten nieder.

35. Nehru nahm aber Rücksicht auf seine Brahmanenkaste in Kashmir, was einer der Auslöser für die anhaltende Kashmir-Krise in Indien ist.

36. Das hat weniger mit der Realität Indiens zu tun, als der Tatsache, dass Indien eben der Feind Pakistans war und damit automatisch als Kommunismus verdächtig galt. Embargos gegen Indien hielten auch bis 1990 an.

37. Zumindest der Vatikan stand noch auf Seiten der Ibos.

38. Das ist z.T. im Untersuchungsausschuss des Church Comittee für die USA aufgedeckt. Weniger Informationen liegen aus Frankreich, England oder dem Ostblock vor.

39. Das ist die sog. Rückschreitende Substitution von Importgütern.

40. Es wurden auch nur die Branchen mit Exportindustrialisierung lebensfähig auch ohne Subventionen, weil sie einen größeren Markt abdeckten und mit den intensiv subventionierten und kreditfinanzierten westlichen Industrien konkurrieren konnten. In der Regel waren das Rohstoffproduktion (Öl, Stahl, Baumwolle) und einfache Güter wie Textilien. In Ostasien, Korea, Taiwan, Japan, wurden allerdings höherwertige Güter, die weltweit den Markt dominieren, auf diesem Weg aufgebaut. In diesen Ländern war und ist auch die Korruption höher als z.B. in der Türkei oder in Ägypten, deren Großindustrie diese Strategie eben nicht verfolgt hat. In anderen Ländern entwickelten sich Dienstleistungsbranchen im Computerbereich, z.B. Indien, Philippinen, Ägypten und Bahrain.

41. Übrigens war das kein Kennzeichen des Ostblocks, sondern in der ganzen Welt so verbreitet. Die Industriebrachen der Autoindustrie Detroits oder des Ruhrgebiets sind Denkmäler der westlichen Produktionsregionen.

42. Deswegen ist der Islamismus auch bis heute auf dem Land so schwach

43. Der damalige Apartheidsstaat Südafrika war einer der Vorreiter für einen “offenen” Kommunismusbegriff: Nach dem “Ban of Communism Act” galt jede Forderung nach Abschaffung der Rassensegregation als Kommunismus.

44. In den 70er Jahren sah es so aus, dass der Einfluss des Westblocks auf den Nahen Osten immer mehr abnehmen würde: In der Türkei fanden intensive Streiks und soziale Konflikte statt und bewaffnete Gruppen übten sich in Revolution. In Afghanistan marschierten die Sowjets ein. Der Iran beherbergte die stärkste kommunistische Bewegung, die an die Macht gelangen könnte, wenn Khomeini sie nicht daran gehindert hätte. Der Irak schien sich immer mehr in Richtung Moskau zu orientieren. In Indochina – Vietnam, Laos, Kambodscha – hatte der Kommunismus die Herrschaft übernommen. Daher war Khomeini zunächst für die USA gar nicht so unattraktiv. Ab den frühen 80er Jahren änderte sich das. In der Türkei hatte ein Militärputsch die Lage beruhigt, Ägypten und der Irak wechselten ins westliche Lager.

45. Marginalisiert bezieht sich darauf, dass Menschen durch die Verhältnisse in ihrem Wohlbefinden marginalisiert sind und für Ökonomie und in der Durchsetzung ihrer Interessen nur marginale Funktion besitzen. Zudem leben sie in den marginalen Bereichen der Städte und auf dem Land.

46. Unter Neoliberalismus verstehe ich eine Wirtschaftstheorie, die sich auch selbst als Neoliberalismus versteht und nicht die allgemeine Ansicht von der Vernachlässigung und Marginalisierung der Armen. Namenspatron war Ludwig von Mises von der Österreichischen Schule, aus der auch Böhm-Bawerk und Friedrich Hayek hervorgingen. In den USA dominierte die Chicago-School um Milton Friedman und ein Haufen weiterer Wirtschaftsnobelpreisträger.

47. Nach der berühmtesten Legende der Neoliberalen führt bekanntlich Geldschwemme zu Inflation und daher darf der Staat nicht so viel ausgeben. Tja, angesichts der Geldschwemme der vergangenen Jahrzehnte muss man sich aber fragen, wo die damit korrespondierende Inflation eigentlich bleibt.

48. Eine Kleinigkeit übersahen die Apologeten des Sozialdarwinismus aber. Wenn man die Kaufkraft derart einschränkt, wer soll dann noch die Waren kaufen? Gelöst wurde dies durch das Öffnen der Kreditschleusen und die Kreditschwemme brachte das Wachstum und die Beschäftigung zurück. Seit dem spricht man von der Zwei-Drittel-Gesellschaft. Denn ein Drittel wurde marginalisiert.

49. Die Frage wäre hier also zu stellen, warum die starken linken Kräfte an den Rand gedrängt wurden.

50. Übrigens verhält es sich genauso mit den Hindu-Faschisten in Indien.

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