Verfasst von: sauvradaeva | April 4, 2012

Prozesse zum Vierzigjährigen. Völkermörder feiern im Knast.

Pakistan gilt im Moment als einer der größten Krisenherde. Ein Staat, der faktisch keiner (mehr) ist bzw. noch nie gewesen ist. Einige machen dafür den Islam verantwortlich, andere das fehlende “nation-building”. Getreu dem nationalen Motto, würden alle zusammen halten, dann hätte man all diese Probleme nicht. Tatsächlich ist es aber so, dass die pakistanische Elite im Verbund mit dem Kalten Krieg, die Islamisten und die Militärregierungen für die politischen Probleme gesorgt haben und immer noch sorgt. In der Vergangenheit hat das pakistanische Militär und die Jama’at-e Islami im damaligen Ostpakistan einen Völkermord verübt um ihre Macht zu erhalten. Neben den Bengalen, wurden und werden weitere Gruppen diskriminiert, verfolgt und ermordet. Häufig sind sie so groß, dass sie gar keine Minderheiten sind. Darunter fallen u.a. die Belutschen, die Paschtunen, die Schiiten, die Ahmadiyyas, Hindus, Buddhisten, Christen, Sufis, Vertreter der Aligarh-Schule und natürlich alle Kritiker an Militär, Islamismus und Konservatismus. In Bangladesch wurden in den vergangenen Wochen einige Verantwortliche für den Völkermord von 1971 verhaftet. Zu Verhaftungen, u.a. derselben Personen, kam es bereits in der Vergangenheit. Die Awami League, die mit Abstand größte Partei in der Koalition, versucht hier häufig von der eigenen miserablen Politik und dem autoritären Regierungsstil abzulenken, in dem sie auf nationale Größe baut und “Staatsfeinde” als Schuldige präsentiert. Daher werden diese Personen nie für längere Zeit inhaftiert, damit man es in Krisenzeiten wiederholen kann. Auch an tieferen Nachforschungen ist die Awami League nicht interessiert, auch wenn sie anderslautende Positionen in der Öffentlichkeit einnimmt. Das liegt nicht an ihnen, denn sie waren ja Opfer 1972, sondern an ihren Partnern, weswegen sie sich zurückhalten. In die Koalition 2008 integrierte die Awami League nämlich die Jatiyo Partei (Nationalpartei). Der Parteiführer ist der ehemalige Militärdiktator Ershad, der zur besseren Kontrolle der Bevölkerung durchaus Gewalt einsetzte, allerdings kein wirklicher Massenmörder gewesen ist. Zum Machterhalt integrierte er vielmehr gewisse politische Gruppen, die dann ihre eigene Politik durchführen konnten. Eine dieser Gruppe war die Jama’at-e Islami. Insbesondere großzügige Zuwendungen aus saudischen Entwicklungshilfefonds spielten dabei eine nicht unwesentliche Rolle um ihre Integration sicherzustellen.

1. Die Geburt Pakistans und die politischen und sozioökonomischen Verwerfungen

Pakistan ist aus der Erbmasse der indischen Kronkolonie Indien und verschiedenen princely States hervorgegangen. Aufgrund unterschiedlicher Ursachen – hier werde ich nicht darauf eingehen – hat sich eine tiefe Kluft in der indischen Unabhängigkeitsbewegung zwischen Anhängern Gandhis bzw. der “gandhian solutions”, der “Muslim League” um Ali Jinnah und den Hindu-Faschisten entwickelt. 1 Da ein gemeinsamer Staat abgelehnt wurde, kam es zur Teilung Indiens in einen muslimischen und einen größeren nichtmuslimischen Teil2. Resultat dieser Teilung waren nicht nur zwei Staaten, sondern auch umstrittene Grenzen (z.B. Kaschmir) und die größte Fluchtbewegung der Welt, als man euphemistisch die Bevölkerung ausgetauscht hatte, sowie mehr als eine Million Tote. Pakistan sollte die Heimstatt der Moslems werden. 3 Dabei war vollkommen unklar, welchen Charakter dieser Staat haben sollte: Sollte er ein Staat der Muslime werden oder doch ein islamischer Staat. Im ersten Fall würden die Repräsentanten der Staatsbürger Gesetze und Politik nach eigenen bzw. ausgehandelten Motiven und Bedingungen machen. Im zweiten Fall würden die Islamisten Gesetze und Politik bestimmen und ihre Politik hinter der Bezeichnung “islamisches System” verbergen um auf etwas Höheres und Erstrebenswerteres als ihr Eigeninteresse zu verweisen. Zunächst versuchte sich Jinnah in der Konsolidierung des Landes. Denn es war nicht nur zwischen Ost- und Westpakistan gespalten – zwischen den Landesteilen liegen 1200 km -, sondern die Grenzregionen zu Iran und Afghanistan waren bislang kaum kontrolliert. Jinnah versuchte die bis dato herrschende Selbstverwaltung aufzuheben und löste dadurch Konflikte aus. Vorherrschende politische Bewegungen wollten entweder einen eigenen Nationalstaat (z.B. Paschtunen, Belutschen) gründen oder waren zwar für ein Pakistan, aber unter anderer ökonomischer Prämisse. Die sog. North-Western-Frontiers (in Deutschland häufig Stammesgebiete genannt) standen kurz vor der Übernahme durch sozialistische Bewegungen. All diese Zerrissenheit sollte durch einen kräftigen Nationalismus und Chauvinismus gelöst werden. Zunächst versuchte man Indien die Region Kashmir abzunehmen, was allerdings kräftig mißlang. 4 Als nächstes sollte Urdu als Landessprache durchgesetzt werden. Urdu wurde nur von einer Minderheit gesprochen, Bengali dagegen von fast der Hälfte der Bevölkerung. Die Begeisterung hierfür hielt sich verständlicherweise in Grenzen. Insbesondere bedeutete dies, dass die Personen, die kein Urdu sprachen, von Staatsposten und von der Wirtschaft ausgeschlossen und strukturell benachteiligt wurden. Bereits 20 Jahre zuvor wurde verhindert, dass Hindi als landesweite Sprache in der damaligen Kolonie eingeführt wurden. Neben den südindischen Tamilen (anti-Hindi Movement) mobilisierten vor allem die Bengalen ihre “Sprachbewegung”. Bereits zuvor hat sich eine bengalische Reformbewegung gebildet, die man rückblickend als Bengal Renaissance bezeichnet hat. Sie war vor allem eine sozialreformerische und religiöse Bewegung. Parallel zur Sprachpolitik entwickelten sich zahlreiche nationalistische und sozialdemokratische Parteien und Bewegungen. Die größte und bekannteste war die Awami League (kurz AL, ursprünglich Awami Muslim League). Kurz darauf starb Jinnah und sein Nachfolger Liaquat Ali Khan wurde von Unbekannten ermordet.

Das einzige, was die politische Elite Pakistans, den Bürgern bieten konnte, war Nationalismus. Trotz enormer Wachstumszahlen (meist über 6%) änderte sich an der Armut kaum etwas. Insbesondere in der Landwirtschaft änderte sich nichts, von der damals die überwiegende Mehrheit lebte. 5 Die Landwirtschaft war nur gering in die weiterverarbeitende Industrie integriert. Ohnehin war die Landwirtschaft in einen großen Block Großgrundbesitzer (u.a. Bhutto-Familie) und einen bedeutend kleineren an Kleinbauern aufgeteilt. Hinzu kamen Subsistenzbauern und Nomaden. Ausreichend Überschüsse um Kapital für Investitionen zu bilden, war nur den Großgrundbesitzern möglich. Ihre Art der Wirtschaft beschränkt sich aber darauf, entweder Bauern als Pächter arbeiten zu lassen oder sog. “cash-crops” wie Baumwolle und Zuckerrohr anzubauen. Im ersten Fall konnten die Pächter kaum Kapital bilden bzw. wurde dies bei Ernteeinbußen, Krankheit oder für die Bildung der Kinder aufgezehrt. Im zweiten Fall handelte es sich überwiegend um Menschen, die nur saisonal beschäftigt waren und ansonsten versuchten mit einem kleinen Gemüsegarten, Schafen und Ziegen oder einer Tagelöhnerarbeit in den Städten durchzukommen. Da durch die Pacht also Geld reichlich floss, mussten die Großgrundbesitzer nichts investieren. Als Produzenten von cash-crops belieferten sie weiterverarbeitende Industrien. Das Kapital steckten sie meist in Beteiligungen von Großunternehmen und Banken.  Sozialer Ausgleich und Landesentwicklung spielten keinerlei Rolle. Ganz im Gegenteil flossen Subventionen in Großunternehmen, die alsbald Monopole bilden konnten (u.a. Bauunternehmen, Konsumgüter, Elektronik, Energie), die erst in den 2000ern unter Musharraf aufgebrochen wurden. Allerdings öffnete er nur die Märkte und kürzte die Subventionen. Dadurch gingen die Unternehmen komplett pleite. Eine Diversifizierung in den Branchen strebte er nicht an.

2. Völkermord und Unabhängigkeit Bangladeschs

Ein politischer Versuch der Lösung wurde 1956 gemacht. Pakistan trat aus dem Commenwealth aus, nannte sich fortan “Islamische Republik” – 1956 noch eine Floskel -, erkannte zumindest Bengali als Staatssprache an und gab den Distrikten Regionalautonomie. Strittig war aber weiterhin die ökonomische Frage, weshalb 1958 die Autonomie aufgehoben und das Kriegsrecht ausgerufen wurde. Nach einigen Jahren der andauernden politischen Krise putschte zum ersten Mal das Militär unter Ayub Khan. Zur Konsolidierung integrierte er die Islamisten, insb. Mawdudis Jama’at-e Islami (kurz JI) und die Deobandis (die geistige Vordenker der Taliban), in den Staat und v.a. die Gerichtsbarkeit. Die JI wurde auch ökonomisch bedacht durch Spenden an ihre Stiftungen. 6 Der Vorteil der Integration der Islamisten lag darin, dass sie den Staat mit Legitimation versorgten, insb. durch das Zusammenziehen und beständige Beschwören von Nation, Staat und Religion – Zia ul Haq brachte es 20 Jahre später auf die prägnante Formel “eine Religion, eine Nation, ein Führer” – und, dass aus ihren Reihen kein Risiko drohte. Zur weiteren Konsolidierung integrierte man in Pakistan aber nicht die verschiedenen nationalistischen oder sozialen und ökonomischen Gruppen7, sondern überzog sie mit Repression. Ahmadiyyas, Sikhs, Hindus, Buddhisten und Christen wurden als religiöse Abweichler und Paschtunen, Belutschen und Bengalen als nationale Abweichler gebrandmarkt und verfolgt. Man wählte dieses Vorgehen, vermutlich aus mehreren Gründen – genau erschließt es sich auch nicht aus der Fachliteratur. (1) Zum einen wollten Eliten die materiellen Ressourcen nicht teilen, weder Land, noch Geld. (2) die exemplarische Stigmatisierung und Verfolgung einer Gruppe sollte alle anderen abschrecken. (3) Die Sicherung der Staatsideologie aus Islam und Nation, die über den entsprechenden Regionalidentitäten stehen solle.

Wegen wiederholter Wahlfälschungen (1965) und Wahlfarcen (1961) 8, Verhaftungen und Ermordungen wuchs in Ostpakistan das Bestreben nach Unabhängigkeit. Auch im Rest des Landes regte sich enormer Unmut gegen Ayub Khan, was diesen nur zu noch mehr Repression anstachelte. 1969 trat Ayub Khan zurück und General Yahya Khan folgte ihm. Dieser wurde in den folgenden Jahren mit zwei Titel gewürdigt: “Butcher of Bengal” und “Butcher of Baluchistan”. Bevor er sich jedoch diese Titel verdiente, versuchte er durch politische Zugeständnisse die Lage zu beruhigen. Für 1970 kündigte er Parlamentswahlen an, ausnahmsweise sollten sie frei sein. Dies sollte zunächst die Lage beruhigen. Außerdem wollte er mit Teilen der westpakistanischen Opposition um Ali Bhutto einen Kompromiss finden um gemeinsam gegen die Separatisten vorgehen. Dies gelang ihm auch mit dem Versprechen Bhutto an der Macht zu beteiligen. 9
Kurz vor den Wahlen wurde Ostpakistan, insb. um Chittagong und den Küstenstreifen Cox Bazar, von einem heftigen Wirbelsturm verwüstet. Mehrere hunderttausend Menschen kamen dabei ums Leben. Yahya Khan kümmerte sich darum aber nicht. Vermutlich, weil es nur die Bengalen betraf. Dies vergrößerte die Unmut und die Awami League erlangte in den nachfolgenden Wahlen mit fast 50% die meisten Stimmen. Bhuttos Pakistanische Volkspartei kam dagegen nur auf 25%. Yahya Khan ließ daraufhin das Militär in Ostpakistan verstärken und eine Besprechung in Dhaka mit Bhutto und Mujibur Rahman, dem Parteivorsitzenden der Awami League, anberaumen um eine politische Lösung zu finden. Denn seine  Den Forderungen nach Autonomie und eigenem Militär für Bengalen wollten Yahya Khan und Bhutto nicht nachgeben. Da die Awami League daraufhin zum passiven Widerstand und Generalstreik aufrief, entschlossen sie sich den Widerstand in der Operation Searchlight zu brechen.

Diese Operation sah vor die gesamte intellektuelle Elite Ostpakistans zu ermorden um das gesamte Zivilleben zusammenbrechen zu lassen. So sollte nicht nur keine neue Führung entstehen, sondern auch die Menschen mit dem nackten Überleben als mit Politik beschäftigt sein. Die Islamisten aus der Jama’at-e Islami sollten die kulturelle Lücke mit ihrem Islamismus füllen. Mawdudi erklärte von Beginn an seine Zusammenarbeit mit Yahya Khan und Bhutto. Den bengalischen Nationalismus bezeichnete er als takfir, “Abfallen vom Islam“, weil Pakistan ein islamischer Staat sei. Daher wäre jeder regionale Nationalismus Ketzerei, von Regionalautonomie und Separatismus ganz zu schweigen, und die Verfechter müssten getötet werden.

Im März 1971 wurden ausländische Journalisten des Landes verwiesen und bengalische Militäreinheiten nach West-Pakistan verlegt. Zu Beginn zerschlug die Armee die bengalischen Militäreinheiten und verhaftete die politische Führung. Bereits am 25. März wurde die erste Massenverhaftung und Ermordung von Intellektuellen an den Universitäten von Dhaka durchgeführt. Später wurde es ausgeweitet auf alle Universitäten, auf Lehrer, Ärzte, Ingenieure, Künstler, Schriftsteller und Journalisten. Im Gesamtverlauf sollen zwischen 1,25 und 5 Millionen Zivilisten in Ostpakistan ermordet worden sein. 10 Ein pakistanischer Untersuchungsausschuss (Hamadur Rahman Report) kam zu der Zahl von 25 000. Mehr als 10 Millionen Bengalen flüchteten nach Indien und Burma (heute Myanmar).

Zur Kontrolle des Landes wurden auf kommunaler Ebene “Shanti Commitees” gebildet, die von staatstragenden Zivilpersonen geleitet wurden. Sie wurden zwar vordergründig als kommunale Selbstverwaltungseinheiten aufgebaut, dienten aber militärischen Zwecken. Die wichtigste Funktion war das Aufstellen von Milizen und Aufklärung. Sie sollten vor allem ein Gegengewicht zum bengalischen Widerstand bilden, Informationen über Personen sammeln und Todeslisten erstellen. Auf dieser fanden sich nicht nur tatsächliche Feinde, sondern auch potentielle. Man spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem Gendercide, da sich alsbald junge Männer auf diesen Listen wieder fanden. Denn junge Männer galten als potentielle Kämpfer und wurden daher inhaftiert oder ermordet. Die Jama’at-e Islami nannte ihre Verwaltungen “Fortschritts- und Friedensräte“. Dort wurden die islamistischen Todesschwadronen ausgehoben, die Ash Shams Milizen, Razakar und Al Badr Milizen. Diese wurden von Ghulam Azam (Amir/Führer der Jama’at-e Islami Bangladesch von 1969 – 2001) und Motiur Rahman Nizami (Amir der JI Bangladesch seit 2001) angeführt. Neben Intellektuellen und politischen Feinden, wurden insbesondere Minderheiten wie Hindus, Christen, Buddhisten und Animisten ermordet. 11

Da das bengalische Militär nicht vollkommen zerschlagen werden konnte, bildete es Guerrilla-Truppen, die Mukhti Bahini. In Zusammenarbeit mit dem indischen Militär gewannen sie schließlich im Dezember 1971 den Krieg. nationalen Vergessen“, in dem es mehr um die nationale Identität als um die Opfer ging. Man erkennt es auch daran, dass Mujibur Rahman einen ausdrucksstarken, kämpferischen Titel wählte und keinen, der die Verletztheit und Traumatisierung zum Inhalt hatte. So wurden Frauen u.a. nicht ermutigt sich jemanden anzuvertrauen oder auch nur das Geschehene weiter zu thematisieren.“ 12

3. Prozesse

Direkt nach dem Krieg mussten alle gefangenen pakistanischen Kriegsverbrecher an die pakistanische Regierung übergeben werden. Denn nach Westpakistan waren mehrere tausend Bengalen, u.a. Mujibur Rahman, verschleppt, die nur im Austausch für die Pakistaner freigelassen wurden. Daher wurden v.a. die islamistischen Milizen und die Biharis – Moslems aus dem indischen Bundesstaat Bihar, die für das pakistanische Militär kämpften – inhaftiert und oft direkt gelyncht. 13 Die Jama’at-e Islami wurde verboten und ihre Mitglieder verfolgt. Die Anführer konnten fliehen, in der Regel nach Pakistan, man entzog ihnen aber die Staatsbürgerschaft (u.a. Ghulam Azam). Unter der Militärregierung von Ziaur Rahman (1975 – 1981) wurde die Jama’at-e Islami wieder zugelassen und Ghulam Azam konnte mit seinen Verbindungen zur Jama’at-Mutterpartei in Pakistan als Vermittler für saudische “Entwicklungshilfe” dienen.

Unter der aktuellen Awami-Regierung wird die stete Islamisierung zurückgenommen. Das Verfassungsgericht strich mehrere von den früheren Militärmachthabern Ziaur Rahman und Ershad verfügte Artikel. Dies betrifft u.a. die religiöse und “ethnische” Neutralität 14 des Staates. Aus dem bengalischen Islamstaat wurde ein säkularer Staat. Besondere Aufregung unter Islamisten und der BNP sorgte die Streichung von Koranverse aus der Verfassung und dem Verbot von Fatawa in Gerichten, Gesetzgebung und staatlichen Behörden. 15 Zudem wurde die Zwangsverschleierung am Arbeitsplatz, die aber nur wenige Unternehmen betraf, und in religiösen Schulen aufgehoben. Nun steht es den Frauen frei sich zu verschleiern oder auch nicht.

Seit Juni wurden sechs mutmaßliche Kriegsverbrecher verhaftet. Matiour Rahman Nizami (Ameer der Jama’at-e Islami), Ali Ahsan Mojaheed (Generalsekretär/Geschäftsführer der JI), Delwar Hossain Sayedee (Parlamentsabgeordneter der JI und Tele-Imam), ASM Yahia (Vorsitzender der Kreisgruppe der Islami Chhatra Shibir in Dhaka, der Terrororganisation der Jugend- und Schülerorganisation der JI), Abdul Quader Molla (stellvertretender Vorsitzender der JI) und Mohammad Kamaruzzaman (Chefredakteur der Parteizeitung der JI “Daily Sangram). Ghulam Azam, ehemaliger Ameer der JI, wird vom Internationalen Strafgerichtshof verfolgt. Ihnen wird Massenmord vorgeworfen und in zahlreichen Zeugenaussagen Bericht abgelegt wie sie als Anführer verschiedenen islamistischen Todesschwadronen Menschen verschleppten, folterten und ermordeten. So soll Mohammed Kamruzzaman ein Folterlager geleitet haben.

Die Jama’at-e Islami reagiert darauf, dass sie sich als politische Opfer darstellen. In Wahrheit hätten sie Seite an Seite mit den Freiheitskämpfern der Mukti Bahini gekämpft und wären für Bangladesch gefallen. Nun möchte die Awami League sie verdrängen und erfände diese Lügen gegen sie und ihre Führer.

4. Weiterführende Links:

Bangladesh 1971 (Link)

Bangladesh Genocide Archiv (Link)

(Dieser Artikel erschien zuerst am 17.01.2011)

Fußnoten

1. Faschist ist hier in seiner eigentlichen Wortbedeutung verwendet. Bei Gruppen wie RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangha) und SS (Shiv Sena), die zudem als Uniform Khaki-Hosen und weißen Hemden tragen, ist das Vorbild, an dem sie sich orientieren, offensichtlich. Sie meines es auch tatsächlich so.

2. Dieser Teil soll natürlich nach Ansicht der Hindu-Faschisten hinduistisch sein. Die zig anderen Religionen und Konfessionen möchte man aber gerne “integrieren”.

3. Der Name Pakistan hat zwei Bedeutungen. (1) Das Land der Reinen, (2) ein Akronym aus Punjab, Afghanistan, Kashmir, Sindh und Belutschistan.

4. Zu diesem Zeitpunkt war eine satte Mehrheit der Kashmiris für den Verbleib bei Indien. Das hat sich aber dank der Politik Nehrus und seiner Tochter Indirah Gandhi gewaltig geändert.

5. Der Verweis auf das problematische Erbe der englischen Kolonialzeit ist zwar richtig, da durch die englische Wirtschaftspolitik ein sog. “Bauernlegen” statt gefunden hatte, aber nach der Unabhängigkeit hätte man all dies verändern können. Stattdessen wurden die Großgrundbesitzer immer reicher und größer. Einer von ihnen war Bhutto. Außerdem war die vorkoloniale Zeit auch nicht besonders rosig für Kleinbauern, Pächter und Landarbeiter.

6. Heute operieren Unternehmen der JI global. Maulana Taqi Usmani gehört verschiedenen Aufsichtsräten von Banken in Pakistan und im Nahen Osten an, z.B. der al Meezan Bank.

7. Ein Paradebeispiel für diese Strategie war Mexiko unter der PRI.

8. Die Ratsvorsteher in den Kommunen wurden tatsächlich befragt, ob sie Vertrauen in Ayub Khan hätten. Über 90% hatten es, damals.

9. 1971 trat Yahya Khan von seinem Posten als Diktator zurück und Bhutto wurde sein Nachfolger. 1972 gewann er auch die Wahlen. 1977 putschte Zia ul Haq und richtete Bhutto zwei Jahre später hin. Ihm wurde vorgeworfen während seiner Regierung Oppositionelle ermordet zu haben. Das traf auch zu, allerdings auch, dass Zia ul Haq die Morde ausführte und z.B. in der Provinz Belutschistan mit mehreren zehntausend Soldaten für Gewalttaten veranwortlich war. Die Regierungszeit Bhuttos gilt in Pakistan als sozialdemokratische Blütezeit, die sich viele zurücksehnen. Daher sind auch seine Tochter Benazir Bhutto und nun ihr Ehemann sehr beliebt.

10. Der amerikanische Generalkonsul Archer Blood sandte mehrfach Telegramme um die US-Regierung vom Völkermord zu unterrichten und drängte auf politische Intervention um das Morden zu unterbinden. Er wurde daher versetzt.

11. Bis zu diesem Zeitpunkt gehörten ca. 20% der Bevölkerung Ostpakistans ihnen an.

12. Bezüglich der vergewaltigten und in Militärbordelle verschleppten Frauen wurden anfangs einige Programme aufgelegt. Mujibur Rahman, der Führer der Awami League, erklärte diese Frauen zu Heldinnen (Birangona) um Stigmatisierungen zu vermeiden. Außerdem initiierte er Heiratskampagnen für sie. Die Traumatisierungen der Frauen wurden aber nicht thematisiert. Anschaulich zeigt sich dies in der medizinischen Unterstützung. Körperliche Verletzungen wurden behandelt und Abtreibungen vorgenommen. Jegliche weitere Hilfe blieb aus. Daher spricht man auch von einem “nationalen Vergessen“, in dem es mehr um die nationale Identität als um die Opfer (alternativer Link zum Artikel bei Scribd) ging. Man erkennt es auch daran, dass Mujibur Rahman einen ausdrucksstarken, kämpferischen Titel wählte und keinen, der die Verletztheit und Traumatisierung zum Inhalt hatte. So wurden Frauen u.a. nicht ermutigt sich jemanden anzuvertrauen oder auch nur das Geschehene weiter zu thematisieren.

13. Die Biharis leiden darunter bis heute, da sie unterschiedslos ihrer Taten kollektiv haftbar gemacht wurden. Sie wurden weitestgehend vertrieben und leben auch jetzt noch in elendigen Flüchtlingssiedlungen.

14. Jegliche Art von ethnischen Konflikten wird in Indien, Pakistan und Bangladesch als “communalism” bezeichnet.

15. In der Regel wurden Fatawa (Plural von Fatwa) erlassen um das Übergehen des Rechtsweges und Ausnahmen von Rechtsformalitäten zu rechtfertigen. so z.B. Wahlen.


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