Verfasst von: sauvradaeva | April 5, 2012

Übersetzung Hossam Tammam: Islamisten und die ägyptische Revolution

Anstelle eines eigenen Artikels zum Thema, stelle ich eine Übersetzung des Interviews vom 08.02.2011 von al Masry al Youm mit Hossam Tammam ein.

Jegliche Diskussion über den Status der Islamisten im neuen Ägypten macht wenig Sinn, wen sie auf den selben Annahmen beruht, mit denen vorher religiöse Bewegungen untersucht wurden. Sie ignoriert die Tatsache, dass Ägypten eine Revolution erlebt hat, die viele seiner alten Eigenschaften seiner religiösen Szene zerstört hat.

Die Revolution richtete sich nicht nur gegen das autokratische, repressive und korrupte ägyptische Regime, das auf einer Allianz von Geld, Macht und Korruption beruhte. Sie war ebenso gegen das offizielle religiöse Establishment und seinen Diskurs, das das Regime direkt oder indirekt unterstützte, gerichtet.

Die ägyptische Revolution hat die religiöse Szene komplett umgestaltet und die öffentliche Meinung gegenüber religiösen Institutionen und Diskursen im Land gezeigt. Das Ergebnis war erstaunlich. Niemand hat erwartet, dass die religiösen Ägypter fähig sind die Macht der religiösen Institutionen zu übergehen und religiösen Diskursen entgegen zu treten, die sie plötzlich als Teil des korrupten und repressiven Regimes erkannt hatten.

Das offizielle religiöse Establishment – sowohl muslimisch wie christlich – ist der größte Verlierer der Revolution. Al Azhar war zu spät dran sich mit der Situation zu befassen. Ahmed at Tayyib, der Großscheich, wartete eine lange Zeit bevor er Erklärungen machte, die von seiner bedingungslosen Unterstützung für das Regime abwichen. Aber diese Erklärungen wurden der Revolution nicht gerecht. Als eine offizielle religiöse Einrichtung, die vollständig dem Staat angeschlossen ist – strukturell wie finanziell -, änderte die Al Azhar ihren Diskurs nach der Revolution nicht sehr.

Al Azhar rief zur Ruhe auf als die Revolution ihren Höhepunkt erreicht hatte. Sie lehnte die ägyptischen Machtkämpfe ab – und ignorierte, was als beschämender Angriff, geplant vom Regime unter Mithilfe von Kriminellen und Schlägern, stattfand. Al Azhar gab vage Erklärungen über die Notwendigkeit die Revolution zu beenden ab, aber erwähnte nicht das Regime. Al Azhars aussöhnender Standpunkt war die Jugendaktivisten zu einem Dialog einzuladen. Ferner hat Al Azhars Sprecher Mohammed Rifa’a at Tahtawi seine Kündigung eingereicht und sich mit den Protestierenden verbündet, und mehrere Prediger haben sich den Protestierenden in ihrer unverwechselbaren Kleidung angeschlossen.

Für seinen Teil hat der Großmufti alles Mögliche getan um dem Regime religiöse Deckung zu verschaffen. Ali Gomaa gab eine Fatwa über den “Freitag des Aufbruchs” (4. Februar) heraus, die Moslems vom Beten in Moscheen freistellte.

Nach 14 Tagen Revolution ist es offensichtlich, dass die Öffentlichkeit dem islamischen religiösen Establishment nur wenig Beachtung geschenkt hat. Die Protestierenden, denen bewusst ist, dass Gomaas Fatwas politisch motiviert sind (wie die früheren Äußerungen, dass Jugendliche, die sterben, während sie illegal migrieren, Selbstmord begehen und deswegen nicht Märtyrer genannt werden können), ignorierten seine Ansprachen.

Die Haltung der prominentesten christlichen Institution, der koptischen Kirche, war zu offensichtlich parteiisch für das Regime. Papst Shenouda war gegen die Proteste vom 25. Januar und rief die Kopten dazu auf nicht teilzunehmen. Er hielt während der ganzen Revolution an dieser Position fest und erklärte öffentlich seine Unterstützung für Mubarak. Viele Kopten gehen trotzdem auf die Straße und weigern sich die Anweisungen des Papstes zu befolgen. Die Revolution ereignete sich als die Kopten die Kirche und ihr Monopol über die Repräsentation der ägyptischen Christen infrage stellten. Viele Artikel wurden in den vergangenen Monaten geschrieben, die forderten, dass christliche Stimmen außerhalb der Kirche gehört werden müssten, in politischen Parteien und Programmen. Die Teilnahme von Christian, besonders christlichen Jugendlichen, in diesen Protesten formt eine andere Revolution – eine, die gegen die Kirche gerichtet ist, die einen sektiererischen Ton anschlug um Kopten von der Straßen zu isolieren und Christen hinter Mubaraks Regime zu scharen, mit der Begründung, dass es der christlichen Gemeinschaft Garantien gibt.

Genauso wie das ägyptische Volk erfolgreich gewesen ist sich über vom Staat unterstützten religiöse Institutionen hinwegzusetzen, waren sie auch erfolgreich sich über salafistische Gruppen, die das Regime unterstützten, hinwegzusetzen. Viele Salafisten sind gegen die Revolution und das Prinzip politischer Opposition im weitesten Sinne, was das Regime für seinen Vorteil nutzte. Salafis haben einmütig die Revolution boykottiert und behaupteten es sei Aufruhr. Sie akzeptierten Jahrzehnte Ungerechtigkeit, aber lehnten die Revolution ab. Die Revolution deckte eine unabsichtliche Allianz zwischen Mubaraks Regime und der salafistischen Bewegung auf. Auf der einen Seite wird diese Bewegung von Elementen in Saudi-Arabien unterstützt. Auf der anderen Seite sind die Aktiven regelmäßig den Schikanen des Regimes ausgesetzt. Jedoch sieht das Regime das nicht als vollständige Eliminierung seiner Allianz mit der Bewegung, so lange die Bewegung das Regime politisch unterstützt. Eine der Paradoxien der ägyptischen Revolution ist, dass das Regime gerade noch salafistische Fernsehsender verbat und sie beschuldigte Religionskonflikte anzustacheln, seine Position umdrehte und salafistische Scheichs in seinem Krieg gegen die Revolution einsetzt. Zurzeit treten salafistische Scheichs, wie Mohammed Hassan, Mahmoud Al-Masri, Mostafa al-Adawi, im Staats- und im regimenahen Privatfernsehen auf. Sie riefen zum Ende der Proteste auf und beriefen sich auf Argumente über Sicherheit und die Gefahren von Aufruhr. Einige gingen so weit, dass sie den Patriotismus derjenigen anzweifelten, die die Revolution anregten und sagten, es sei eine amerikanisch-zionistische Verschwörung oder wie die iranische Revolution. Die manipulierenden Erklärungen iranischer Führer, die den ägyptischen Aufstand unterstützten, haben weiter den salafistischen Gegenangriff befördert.

Die Stellung der Salafisten zur ägyptischen Revolution ist keine Überraschung, besonders nicht, da sie eine Geschichte der Unterstützung des Regimes haben. Die berühmte salafistische Fatwa den prominenten Reformer Mohammed El Baradei zu töten, beweist es. 1 Derselbe Scheich hatte eine Fatwa erlassen, die in den Präsidentschaftswahlen von 2005 Kandidaturen gegen Präsident Mubarak verbaten mit der Begründung, dass Mubarak der „Führer der Gläubigen“ (Anm. Sauvradaeva, = Kalif) ist. Jedoch überrascht die Haltung der Salafisten in Alexandria. Diese Fraktion gehört den unabhängigsten vom Regime an und sich ihm manchmal widersetzten. Ihre Mitglieder waren harten Sicherheitsmaßnahmen und Verhaftungswellen ausgesetzt. Diese Wellen hatten ihren Höhepunkt nach den Angriffen in der Neujahrsnacht auf die Al-Qiddissine-Kirche in Alexandria. Hunderte Salafisten wurden inhaftiert und einer starb durch Folter. Nichtsdestotrotz sind die Salafisten in Alexandria (und in vielen anderen Gouvernements) gegen die Revolution und gehen so weit, dass sie einige Moscheen am „Freitag des Aufbruchs“ schlossen. Sie schürten Ängste über die Gefahren, die andere politische Strömungen – ein möglicher Bezug auf El Baradeis „nationale Versammlung für Wandel“ – für eine islamische Identität bedeuten.

Salafisten sind im Moment die stärkste Quelle religiöser Unterstützung – direkt und indirekt – für das Regime. Aber das bedeutet, dass die Zukunft der salafistische Bewegung offen ist. Auf der einen Seite könnte der Erfolg der Revolution über die salafistische Bewegung die Salafisten zum Umdenken ihrer Position führen. Auf der anderen Seite, wenn die Revolution nicht in der Lage ist die demokratischen Sehnsüchte zu erreichen, dürfte sich die salafistische Bewegung ihrer alten Position das Regime zu unterstützen wieder widmen.

Sicherlich enthält diese Analyse eine enorme Verallgemeinerung bezüglich der salafistischen Bewegung. Die Tatsache, dass die salafistische Bewegung grundsätzlich gegen die Revolution war und sich mit dem Regime verbündete, bedeutet nicht, dass es keine salafistischen Stimmen für die Revolution gab. Einige Stimmen haben einen fortschrittlichen Standpunkt gegen das Regime eingenommen, vielleicht sogar radikaler als viele Liberale und Linke. Das trifft vor allem auf das Islah-Parteiprojekt zu, das Ende der 90er Jahre der salafistischen Politiker Jamal Sultan verfochten hatte.

Die restlichen politischen Kräfte der islamistischen Strömung sind in bewaffnete jihadistischen Gruppen, die jahrzehntelang gegen das Regime gekämpft haben bis sie der Gewalt abschworen, und pazifistische Gruppen, am bekanntesten sind die Muslimbrüder, aufgeteilt.

Mit Ausnahme der Erklärungen der Führer von „Al Jihad“ Abud und Tarik Az Zumur zur Unterstützung der Revolution, riefen Al Jama’at al Islamiyya und der Rest der Jihadis, die der Gewalt abgeschworen hatten, für ein Ende der Revolution auf. Al Jama’at lehnten einen Sturz Mubaraks ab und drückten ihre Zufriedenheit mit seiner Absicht aus, nicht für noch eine Amtszeit zu verbleiben. Der Führer von Al Jama’at hat auch die Teilnahme der Gruppe in jedwedem politischen Dialog verlangt, auch wenn sie nicht an der Revolution teilgenommen hatten. Das Regime akzeptierte sofort Al Jama’ats Wunsch. Das kann man als Teil der Strategie des Regimes sehen viele verschiedene politische Kräfte in den Dialog einzubinden um Forderungen zu besprechen, die nicht die der Revolution sind.

Ihrerseits fahren die Muslimbrüder fort an den Protesten teilzunehmen und hat sich bislang nicht zurückgezogen. Nichtsdestotrotz gab es in den vergangenen Tagen einen erheblichen Wechsel in der Haltung der Muslimbrüder, nach dem die Gruppe zugestimmt hatte an einem nationalen Dialog mit Mubarak im Amt zugestimmt. Das bedeutet gewissermaßen, dass die Bruderschaft ihre Forderung nach einer sofortigen Abdankung des Präsidenten aufgegeben hat, und dass sie in einen Dialog gemäß den Bedingungen des Regimes eingetreten ist.

Viele tragen die üblichen Zweifel, dass Bruderschaft dem Regime nahe bleibt, selbst wenn sie auf der Straße revoltieren. Es gibt immer große Spannungen, die die Beziehungen der Bruderschaft zum Staat bestimmt haben, vor allem ihr Wunsch eine legale politische Bewegung zu werden. Es gibt auch den Wunsch die Erfolge der Revolution in greifbare Verbesserungen in der politischen und legalen Stellung der Bruderschaft, sowohl innen- wie außenpolitisch, umzusetzen, besonders nach dem die Bruderschaft eingeladen wurde an dem nationalen Dialog wie jede andere legale politische Partei teilzunehmen. Viele in der Bruderschaft scheinen wie in einer prä-revolutionären Haltung zu handeln, als ob keine Revolution statt gefunden hätte und das Regime immer noch stark wäre. Sie haben versagt sich selbst zu fragen, ob sie die Forderungen der Revolution völlig annehmen sollen. Das ist ein Problem, da es Begrenzungen setzt über das, was die Revolution erreichen kann als vielmehr darüber nachzudenken, welche Möglichkeiten sie eröffnet.

1. Die Fatwa wurde von Scheich Mohamed Amer im Dezember 2010 erlassen.

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