Verfasst von: sauvradaeva | April 6, 2012

Der ISF und die Palästinasolidarität

Der ISF bzw. ca ira-Verlag ist seit vielen Jahren als neokonservativer Hardliner mit einem ausgeprägten Faibel für rechtsextreme Denker wie Carl Schmitt bekannt. Oftmals geriert er sich als Kritiker einer recht ominösen Linken und des deutschen Volkes. Während die eigenen Zuschreibungen im Laufe der Jahre wechseln – mal Wertkritik, mal Kritische Theorie, mal Rätekommunisten und im Moment Ideologiekritiker -, bleibt immer eines gleich, ein vollkommenes Desinteresse an realen Zuständen.

1988 verfasste der ISF unter dem Titel „Antizionismus – ein neuer Antisemitismus von links. Für eine neue Palästina-Solidarität“ ein Flugblatt, das sich gegen ein linke Palästinasolidarität richtete.

„Die Solidarität mit dem Aufstand der Palästinenser gegen die Militärdiktatur in den von Israel besetzten Gebieten sowie die Solidarität mit dem Protest der Israelis palästinensischer Herkunft gegen ihre Diskrimierung sind eine Notwendigkeit des linken Internationalismus.“(ISF 1990, S.106) 1

Etwas mehr als 20 Jahre später ist von der „Notwendigkeit“ der Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf und der Emanzipation der palästinensischen Israelis nichts mehr übrig geblieben. Man redet auch schon gar nicht mehr vom Palästinenser, sondern nur noch vom Moslem. Ihr Bild von Israel hat dabei fast nichts mit dem tatsächlichen Israel oder dem tatsächlichen Nahostkonflikt zu tun. Man muss sich dabei nur vorstellen, dass dieser Konflikt noch vor 25 Jahren als Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg bezeichnet wurde. Heute kämpfen dort für sie Kulturen nebeneinander. Diese Entwicklung ist nicht nur auf den ISF beschränkt, sondern trifft auf sehr viele ehemalige Linke zu. An sich ist es nicht so schwierig zu erklären, denn was sich hier transformiert ist nicht, wie man annehmen könnte, ein komplettes Weltbild. Hier wurde einfach nur das Feindbild getauscht – Israeli für Palästinenser. Methodisch hat sich dagegen keine Änderung ergeben. Deutliche Parallelen sind bereits grundsätzlich angelegt gewesen: die Aufteilung der Konfliktparteien in Nationen, Klassenbewusstsein und die Imperialismustheorie, insb. der kulturelle Imperialismus. Die erste Folge ist eine Analyse, die mit der Realität sehr wenig zu tun hat, vielmehr verkommt diese einfach nur zur Illustration der eigenen Theorie.  Die zweite Folge ist ein vollkommenes Desinteresse an den tatsächlichen Zuständen. So hat man sich früher nicht um die Hamas und Islamischer Jihad interessiert und heute nicht um rechtsradikale Israelis – und zwar nicht nur in Hinsicht, was ihr Beitrag zum Konflikt ist, sondern auch wegen ihres Beitrages zum konservativen Umbau der „eigenen“ Gesellschaft.
Der Ansatz des Klassenbewusstseins nimmt für sich in Anspruch, dass sie den jeweiligen Angehörigen der Klassen (Kapitalisten, Proletarier, Landbesitzer) ein spezifisches Bewusstsein unterstellt. Was die nun dort Eingegliederten tatsächlich denken, spielt dabei keine Rolle. In der eigenartigen Vorstellung vom kulturellen Imperialismus begegnet uns das erneut. Kultureller Imperialismus in der postkolonialen Ära soll eine spezifische Maßnahme imperialistischer Länder – bekanntlich sind das immer die anderen – sein um andere Länder ökonomisch und politisch zu öffnen, also Absatzmärkte zu erschließen und politische Dominanz anzulegen. So werden McDonalds und Coca-Cola nicht mehr zu ökonomisch handelnden Megakonzernen, sondern zu Agenten des Imperialismus. Wer in den betroffenen Ländern schließlich eine Cola der inkriminierten Marke trinkt, gilt somit als Landesverräter, dem Imperialismus den Weg bereitet. Wieso die betreffende Person aber die Cola trinkt, spielt auch hier überhaupt keine Rolle. Man stellt aber fest, sie verrät das eigene Land.
Das sind deutliche Parallelen zum heute so oft verwendeten Begriff Kultur oder im Falle des ISF Ideologie. Demnach gäbe es eine islamische Kultur, die allen Moslems durch ihren Glauben zu eigen ist und ausschließlich daraus fließen Bewusstsein, Abwägen und Handeln. Das ist nicht nur empirisch sehr einfach zu widerlegen, weil es enorme Differenzen gibt, sondern auch methodisch. Hier dilletieren „Theoretiker“ vor sich hin, fantasieren ein kulturelles Bewusstsein herbei und meinen auch noch, dass ausschließlich dieses handlungsleitend sei.
Besonders paradox ist diese Weltanschauung, da der ISF selbst den Anspruch erhebt eine materialistische Analyse vorzulegen. Nur in der Praxis stellen sie diese Analyse auf den Kopf. Nicht die materiellen Verhältnisse bestimmen die Kultur, sondern die Kultur bestimmt die materiellen Verhältnisse. Exemplarisch sei Matthias Küntzel genannt, der auf dieser Basis eine miserable Analyse des Islamismus in seinem Buch „Djihad und Judenhass.“ vorgelegt hat:

„Ist es die materielle Notlage, die die verarmte Masse in die Arme der Islamisten treibt? Der Zusammenhang zwischen Armut und Islamismus ist komplexer, als das Schema von Ursache und Folge es nahelegt: Die Radikalisierung des Islam ist weniger eine Folge von Armut und Perspektivlosigkeit, als vielmehr eine ihrer Ursachen. (Herv. Sauvradaeva)
Sich so lange zu beugen, bis der Kopf den Staub berührt, gilt dem Islamisten als ein Zeichen von Erhabenheit, während er das Streben nach individueller Entfaltung, nach Wohlstand und Reichtum als äußerlich und damit unwesentlich denunziert. Islamismus bedeutet insofern Selbstverarmung des Individuums und Auslöschung der Entwicklungsmöglichkeiten, die es auch unter widrigen Umständen noch besitzt.“ (Küntzel 2003, S.96f)

Quellen

Initiative Sozialistisches Forum (1990). Das Ende des Sozialismus, die Zukunft der Revolution. Ca ira-Verlag. Freiburg.

Küntzel (2003) Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg. Ca ira-Verlag. Freiburg.

Fußnote

1. Das Flugblatt nahm das nur als Aufhänger um gegen gewisse linke Ansichten zu Israel Kritik zu üben an („Allerdings treibt sie unter deutschen Linken merkwürdige Blüten.„), namentlich die Gleichsetzung mit dem Faschismus und Nationalsozialismus. Grundsätzlich formuliert ist auch schon dort (S.107) ihre verkürzte Kritik des NS, den sie eben nur als Ideologie betrachten, dessen tatsächliche Gestalt und der Widerspruch zwischen diesem und der Ideologie aber nicht thematsiert wird und methodisch auch nicht thematisiert werden kann.

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Responses

  1. […] Sauvra: Hintergrundanalysen zum Islamismus, eine neue Webseite, u.a. mit Artikeln zum failed state Pakistan und dem Unabhängigkeitskampf von Bangla Desh sowie zum Israel-/Palästinabild des ISF: […]


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