Verfasst von: sauvradaeva | April 9, 2012

Olivier Roy über die Welterklärungsformel Islam

Olivier Roy, ein global führender Nahostexperte, hat in der “islamische Weg nach Westen” (2006, S.25f, mit eigenen Hervorhebungen) nicht nur die Wandlungen des Islamismus und die konservative Seite der Religiösität beleuchtet, sondern – was leider immer notwendig ist – Zugängen zum Thema kritisiert, die den Islam als handlungsleitendes Motiv und eben nicht die Menschen darstellen:

Wir neigen dazu, alle Probleme der heutigen muslimischen Welt mit den Begriffen des Islam zu erklären. Die Stellung der Frau, der Terrorismus und das Fehlen von Demokratie werden unter dem Blickwinkel “islamische Kultur und Religion” analysiert. Nach dem 11. September wurde der Koran im Westen zu einem Bestseller. Was hat der Islam zu diesem oder jenem zu sagen? Ich habe nicht vor, mich auf eine fruchtlose Debatte einzulassen. Ein heiliges Buch ist kein Napoleonischer Code Civil und auch keine Versicherungspolice, wo alles in eindeutigen Begriffen niedergelegt ist. Ein heiliges Buch hat definitionsgemäß verschiedene Bedeutungen, es wird interpretiert, und man streitet darüber. Wenn nach wie vor debattiert wird, was der Koran eigentlich sagt, bedeutet dies, dass es niemand wirklich weiß, oder zumindest, dass die Menschen, die es zu wissen glauben, untereinander uneinig sind – und damit sind wir wieder im Ausgangspunkt. Die Schlüsselfrage lautet nicht, was der Koran sagt, sondern was der Koran nach Auffassung der Menschen sagt. Es ist nicht überraschend, dass sie uneinig sind, obwohl sie zugleich einhellig betonen, die Worte des Koran seien klar und eindeutig. Hier geht es nicht um den Islam als theologisches Korpus, sondern um Deutungen und Praktiken von Muslimen. Entsprechendes gilt für den Islam als “Kultur”.
Der Gedanke, dass eine überkommene, auf Religion gegründete Kultur ein wichtiges Element für die Erklärung der meisten Merkmale (und besonders für die meisten Rückschläge, Niederlagen, Sackgassen, Täuschungen und Enttäuschungen und für einen wesentlichen Teil Hoffnungslosigkeit) der Muslime sein könnte, ist größtenteils Klischee, ganz besonders in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Recht. Erstaunlich dabei ist, dass viele studierte Wissenschaftler – die nicht-akademischen Trittbrettfahrer klammere ich bewusst aus – die gleichen Klischees wiederholen, ohne zu versuchen, ihre Argumentation durch Forschungen zu untermauern. Die Kulturorientierung ist tatsächlich ein philosophischer Ansatz, der auf Montesquieu zurückgeht und im 19. Jahrhundert ausgearbeitet wurde, als Max Weber überzeugend den Einfluss der Religion auf die Wirtschaft darlegte. Aber Webers geistige Erben griffen, wie es oft der Fall ist, vornehmlich das Schlimmste und nicht das Beste seiner Hinterlassenschaft auf. Der kulturalistische Ansatz basiert auf einem Grundsatz: Kultur existiert für sich allein, wird von Generation zu Generation weitergegeben und ist das letztgültige Erklärungsmodell für eine Gesellschaft. Das erinnert mich an die Worte eines befreundeten russischen Kollegen, der 1990 zu mir sagte: “Marx hatte Unrecht: Nicht die Wirtschaft bestimmt die Kultur, sondern die Kultur bestimmt die Wirtschaft.” Mag sein, aber wir folgen immer noch den gleichen Pfaden des holistischen, kausalistischen, immanenten und mechanisch dogmatischen Denkens, das uns die Kulturorientierung mitgegeben hat. Kein Wunder, dass viele ehemalige Marxisten Kulturalisten geworden sind.

Man muss dennoch hinzufügen, dass auch die Ansicht, dass ein methodisch anderes Konzept von “Islam, z.B. eine empirische Herangehensweise, nur etwas über den Islam, aber nicht über Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Recht verrät. Sogar über den Islam sagt es nicht so viel aus, da die Ansichten des Individuums oder von Lesekreisen, akademischen/theologischen Zirkeln und religiösen Gruppen in die eben genannten Bereiche eingebettet sind.

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