Verfasst von: sauvradaeva | April 10, 2012

Linkenkritik aus dem Libanon

Khalil Issa, ein libanesischer Wissenschaftler, kritisiert massiv die libanesische Kommunistische Partei für ihre Parteinahme auf Seiten von Assad und dokumentiert somit zwei Seiten des linken Diskurses im Libanon: Wie stellt man sich die Welt vor und wie steht man zu den Aufständen.

Der Artikel erschien auf Arabisch bei Al Akhbar am 4. Juni 2011:

Wenn die Linke einerseits als Ergebnis ihrer Fehler und andererseits wegen des umsichgreifenden Drucks ihr materielles Rückgrat verliert, verbleibt sie mit nichts als einem politisch-moralischen Diskurs als allgemeinen Standpunkt auf dem sie kämpfen. Schließlich, um ein Linker zu sein muss man sich an der Seite der Gerechtigkeit gegen Unterdrückung stellen, mit dem Opfer gegen den Täter, mit den Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter. Das ist der ethische Standpunkt, der uns nach dem beinahe ereilten Ableben der libanesischen Linke noch als politische Bewegung leben lässt.

(…)

Es gibt ein größeres Problem, als das, dem sich Linke und Kommunisten nur auf einer theoretischen Ebene stellen. Es ist Freiheit, die von den arabischen Massen vom Atlantik bis zum Golf verlangt wird. Für sich genommen, ist es ein Ausdruck der Würde, die verloren gegangen ist, weil Regime in kolonialer Manier regieren. Uns darüber Gedanken zu machen ist heute bedeutender als unsere endlosen Appelle nach Analysen vergangener Zeiten des Märtyrers Mahdi oder dem ökonomischen Determinismus, den der Marxismus bereits selbst hinter sich gelassen hat. Viele traditionelle Kommunisten betrachten das Thema Demokratie als bourgeoise Angelegenheit. Sie ignorieren die Tatsache, dass das Recht zu wählen, die freie Meinungsäußerung und [das Recht] politische Parteien zu bilden niemals ein liberales Geschenk gewesen ist, sondern nur das Ergebnis von Kämpfen, die von der Arbeiterklasse und den Bauern geführt wurden. Deshalb ist die Verächtlichmachung der politischen Freiheit, in dem man sie als bürgerliche Freiheit denunziert, ist die Grundlage um sich nonchalant über die Forderungen der Massen, die zuallererst Würde verlangen, hinwegzusetzen.

Heute gibt es drei Dinge, die die rechte Neigung der libanesischen Linken ausmachen: das säkulare Sektierertum, das in eine Identitätshaltung gemündet hat; die Krankheit des Elitären, welche die marginalisierten Klassen verachtet; und das Ausbleiben intellektueller Erneuerung, weil man tote linke Gebete wiederholt, welchen für sich in Anspruch nehmen jedes Leid und jede Klage zu beantworten. Wir brauchen eine neue Linke. Daher rufe ich die Genossen in der Kommunistischen Partei auf, sich der historischen Rolle, die sie spielen sollten gewahr zu werden und ihre infantilen und rein emotionalen Spiele mit der langen Geschichte ihrer Partei unterlassen sollen. Wir sagen das, weil wir hoffen, dass die Linke zur Linken zurückkehrt und die Kommunistische Partei zum Kommunismus. Die Umständen deuten darauf hin, dass schwere Zeiten auf das Land zukommen und dann werden wir diese neue Linke dringend brauchen.

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