Verfasst von: sauvradaeva | April 19, 2012

Freitag der Bigotterie: Islamistenaufmarsch auf dem Tahrirplatz

(dieser Artikel erschien zuerst am 01.August 2011)

Am 29. Juli wurde erneut zu einer großen Kundgebung auf dem Tahrirplatz in Kairo und in vielen anderen Orten aufgerufen um die Revolution zu vollenden. Insbesondere in Kairo kam es zu Vorfällen, die erhebliches Unbehagen auslösten. Egyptian Spring spricht von Millionen Islamisten, die aufmarschiert wären. Die internationale Presse überschlägt sich mit Horrorszenarien. Nun hat sich also endlich gezeigt, was jeder, der Mubarak für den Garanten von Freiheit gehalten hat, befürchtet hat: ein zweiter Iran ist in Reichweite.

Stimmt nur nicht. Auf die Position der Hysteriker, die von einem zweiten Iran reden, muss man nicht näher eingehen, da bereits die Grundlage und der Zugang Unsinn sind und keinerlei Interesse an den Ägyptern erkennen lassen. Die andere Seite, die der aufgelösten und aufgebrachten Sympathisanten und Teilnehmer des Aufstandes und der anhaltenden Proteste, ist dagegen fruchtbarer. Denn diese Position entspringt realem Interesse und erklärt die Bestürzung nicht nur über diesen Freitag, sondern auch über alle Zwischenfälle und gewaltsamen Unruhen, die es insb. mit den Salafisten gegeben hat.

Aber erst mal von vorne. Der Aufstand in Ägypten war und ist getragen von keiner spezifischen Organisation, weder einer politischen Gruppe, noch einer Gewerkschaft oder einem Sozialverband. Trotz wiederholter Angriffe des Repressionsapparates sah sich Mubarak genötigt sukzessive Zugeständnisse zu machen und schließlich abzudanken. Das Militär übernahm als Hoher Rat des Militärs (kurz  SCAF) die Regierung und versucht seit dem den Aufstand einzudämmen. Jeglicher Versuch die politische in eine soziale bzw. ökonomische Umwälzung zu überführen, waren bislang erfolglos. 1 Deshalb gehen die Proteste weiter und richten sich insb. gegen den SCAF. Diesen Protesten wurden von Beginn an gewaltsam begegnet. 2 Die Proteste wirken zudem kleiner, weil nicht mehr Menschenmassen zum Platz strömten, sondern viele kleinere Demonstrationen dezentral im ganzen Land statt finden. Seit Ende Juni ist der Tahrir-Platz wieder besetzt und mehrere Demonstrationen gegen den SCAF gingen von dort aus. Eine übergeordnete Organisation gibt es aber nicht. So reicht das Spektrum von Linken hin zu Liberalen, die sich bislang nur auf Minimalziele der Demokratisierung einigen konnten, aber keine ökonomische Perspektive erarbeitet haben. Für vergangenen Freitag haben die Muslimbrüder, die An Nur-Partei (Licht bzw. Erkenntnisspartei) der Salafisten und die al Gama al Islamiyya 3 ihre Teilnahme angekündigt. Ein Katalog an gemeinsamen Forderungen und ein Ethikleitfaden sollte Konflikten zwischen den Islamisten und den anderen Demonstranten vorbeugen. In Kairo kamen bereits vor Sonnenaufgang – ein wichtiger Termin für das erste Gebet – zahlreiche Busse an. Mehrere zehntausend Islamisten kamen zum ersten Gebet zusammen und stellten auch im Verlauf des Tages eine sichtliche Mehrheit da. Von den ursprünglichen Vereinbarungen hielten sich aber viele nicht. Die Reden von der Bühne blieben als solche moderat, z.B. hat Yusuf al Qaradawi ganz allgemein die Einheit der Ägypter beschworen, eine unverbindliche Rolle der Religion angemahnt und auf das gemeinsame Ziel der Entwicklung appelliert. Innerhalb der Menge sah es aber anders aus. Sprechchöre wie “Wir sind alle Osama” – gemeint ist tatsächlich der Terrorist – und Aufrufe zur Implementierung der islamistischen Version der Scharia wurden angestimmt. Gewisse islamistische Gruppen, bei weitem nicht alle, haben angefangen ihre klassischen Feindbilder einzuschüchtern, nämlich Frauen, Liberale und Linke. Die Versuche verschiedener junger Mitglieder der Muslimbrüder zu schlichten und Islamisten zu beruhigen scheiterten. Schließlich haben am Nachmittag die säkularen Gruppen den Platz verlassen. In einer Pressekonferenz zeigten sie sich sichtlich erschüttert und konsterniert.

Auch im Rest des Landes versammelten sich die Islamisten, allerdings zu eigenen Demonstrationen (alle folgenden Zahlen sind nach Masry al Youm):

  • Zagazig (im Nildelta gelegen): mehr als 10 000 Personen.
  • Tanta: mehrere hundert.
  • Mahala el Khubra: mehrere hundert.
  • Sohag (ein Ort mit wichtigen koptischen Einrichtungen): mehrere Tausend.
  • Qena: mehrere hundert
  • Asyut: mehrere Tausend, sie forderten die Implementierung ihrer Version von Sharia und Respekt für den SCAF.
  • Suez: 6.000.
  • In weiteren Städten gingen die Islamisten ebenfalls auf die Straße, blieben aber unter den anderen Demonstranten marginalisiert.

Juliane Schumacher hat in der taz einen Artikel über diese Ereignisse unter dem Titel “Tag der Zwietracht” berichtet und spielt damit auf die mangelnde Geschlossenheit und divergerierende Agenda an. Nur, es gab niemals eine Einheit zwischen den Islamisten und den Aufständischen. Man kann noch nicht einmal von “den anderen Aufständischen” sprechen, denn die Islamisten haben im gesamten Aufstand keine Rolle gespielt. Sie waren nicht am Aufstand beteiligt. Er ist direkt an ihnen vorbeigelaufen und ihre Versuche sie zu vereinnahmen oder sich an die Spitze zu setzen waren gescheitert. 4 Diese Ereignisse unterstreichen es nur. Obwohl es so aussieht, als ob die Islamisten hegemonial werden würden, offenbart ihr Vorgehen vom Freitag viele Fehler:

  • Sie haben den Aufständischen unmissverständlich klar gemacht, dass sie nicht mit ihnen zusammen arbeiten werden und sich nicht an Abmachungen halten. Das Beschwören der Einheit hat sich nun endgültig als Seifenblase herausgestellt, denn die ägyptische Einheit kann die ideologischen Gräben nicht überbrücken. Damit dürfte auch dem letzten die Naivität genommen sein.
  • Die Islamisten haben diesen Freitag mit Bedacht gewählt. Denn am Dienstag beginnt der Ramadan und eine erfolgreiche Inszenierung hätten sie in diese traditionell etwas “besinnliche” Zeit hineintragen und sich besser positionieren können. Nun müssen sie sich mit ihrem Verhalten herumschlagen, was die nächsten Wochen der “besinnlichen Zeit” bestimmen wird. Die Moslembrüder distanzieren sich im Moment, allerdings nicht von sich selbst, sondern von einer vagen Zwietracht. (Link auf Muslimbrüder-Seite, nur folgen, wenn man eine entsprechend nichtidentifizierbare Verbindung besitzt)
  • Um sich öffentlich besser zu positionieren haben sie zu zentralen Demonstrationen aufgerufen. Es waren, wie es die Zahlen oben verdeutlichen, nicht Millionen Islamisten, sondern nur einige zehntausend, wobei die meisten in Kairo aufliefen.
  • Die innere Zerrissenheit der Muslimbrüder hat sich ebenfalls gezeigt. Insbesondere junge Mitglieder haben versucht zu schlichten und aggressive Islamisten zu beruhigen. Von der Bühne kamen keine mahnenden Aufrufe und auch Offizielle der Muslimbrüder haben sich nicht eingemischt, also im Wesentlichen die Aggression und Zusammenstöße stillschweigend geduldet. Die Muslimbrüder haben bislang drei Parteien hervorgebracht, wobei die Führung die “Freiheits- und Gerechtigkeitspartei” gegründet hat. Muslimbrüder, die der Al Wasat-Partei oder der al Tayyar al Masry beigetreten sind, wurden Sanktionen angedroht. Nur einen Tag nach dem “Freitag der Bigotterie” haben sie fünf Mitglieder der Parteijugend ausgeschlossen.

Um meine bisherige Meinung zu den politischen Konstellationen nach den Wahlen zu wiederholen. Meine größte Vermutung ist, dass die Muslimbrüder versuchen werden sich in einer Koalition mit den alten Regimekräften und den Neoliberalen unter den Aufständischen einzurichten. Deswegen unterlassen sie auch jede Anstalt große Änderungen herbeizuführen. Wie es ihre eigene Seite freundlicherweise fest hält, befindet sie noch nicht einmal der SCAF für eine Gefahr (Link auf MB-Seite).

Fußnoten

1. Jedoch haben sich mehrere unabhängige Gewerkschaften gegründet.

2. Die Jungfrauentests an inhaftierten Frauen erlangten, vorgenommen kurz nach der Abdankung Mubaraks, als Mittel der Folter und Einschüchterung traurige Berühmtheit.

3. Die „Islamische Gemeinschaft” ist ein militanter Ableger der Muslimbrüder, die in den 90er Jahren eine Terrorwelle gegen den Staat und Liberale losgetreten hatten. Am bekanntesten ist ihr Massaker in Luxor 1997 an ausländischen Touristen.

4. Yusuf al Qaradawi wurde extra aus Katar herangekarrt um im Februar eine Rede zu halten. Als quasi älteres Gewissen der Ägypter sollte er ein wenig Öffentlichkeitsarbeit für die Muslimbrüder machen. Durch seine Appelle an die Aufständischen sollte er das islamistische Märchen von ihrer Beteiligung und dem gemeinsamen Ziel des Aufstandes aufrechterhalten.

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