Verfasst von: sauvradaeva | April 19, 2012

Über das Vorgehen der salafistischen Kampagne „Lies“

Die ganze deutsche Republik ist in Aufruhr. Eine salafistische Gruppierung verteilt in Fußgängerzonen Korane und fordert auf sie zu lesen. Medien sind entsetzt, Politiker bestürzt, viele sprechen sich gegen die Koranverteilung aus und Verbote hat es auch schon gegeben. Andere wiederum räumen auch Salafisten das Recht ein ihre religiösen Ansichten in der Öffentlichkeit darzulegen, zumal es ja Korane und keine eigenen salafistischen Texte sind. Die Mehrheit der Meinungen und Kommentare zu dem Thema sind aber leider sehr inhaltsarm und beschränken sich darauf, dass die Salafisten die Jugend verführen wollen. Der Verfassungsschutz begeistert uns wie zum Rechtsextremismus mit armseligen Ausführungen.

In diesem Artikel wird diese Lücke geschlossen. Er stellt besonders die Vorgehensweise der salafistischen Kampagne vor.

1. Was ist der Salafismus

Zu Beginn gebe ich einen kurzen Einblick in den Salafismus. Man kann den gegenwärtigen Salafismus grob dreiteilen. (1) Salafisten, die ihren Salafismus nur für sich ausüben, (2) salafistische Missionare, sog. Dai (dazu mehr unten), und (3) Jihadi-salafistische Gruppen wie Al Qaida, Ansar al Islam, Jihad Islami oder Fatah al Islam. Hier stelle ich nur die zweite Gruppe vor, die missionarischen Salafisten. In der BRD ist Pierre Vogel der bekannteste Vertreter.

Der Salafismus als politische Ideologie entstand im 19. Jahrhundert in Ägypten und Indien, aus dem sich regional unterschiedliche Richtungen entwickelten. Wichtig ist zur Erläuterung an dieser Stelle nur der ägyptische Strang. Von den as Salaf as Salih – die ehrenwerten Ahnen (gemeint sind Mohammed und die ersten vier Kalife sowie je nach Gusto noch weitere Personen) – leitet sich die Selbstbezeichnung (arab. Salafiyya) ab. Als leuchtendes Vorbild und utopisches Ziel gilt diese als Goldene Zeit verehrte Epoche und wenn man sich wieder daran orientiert, dann kann sie wiedererstehen.

Der historisierende Ansatz der Salafisten basiert auf der Annahme, dass seit dieser Goldenen Zeit die muslimische Welt immer mehr degeneriert wäre und schließlich so schwächlich geworden sei, dass sie deswegen alle Kriege gegen Europäer verlieren, Armut und Dummheit herrschen. Es ist nun hier nicht der Ort um sich über die Utopie und die historisierende Genese trefflich lustig zu machen, z.B. dass sich die ersten vier Kalifen untereinander spinnefeind waren und sich gegenseitig getötet oder es zumindest versucht hatten und drei von vier Kalifen sogar ausgesprochene Rassisten waren, die nichtarabische Muslime (Mawali-Vorbehalt) diskriminiert hatten. Vielmehr soll das methodische Konzept dargestellt werden. 1 Nach den Salafisten wäre es also kein äußerer Feind, sondern das Versagen der Muslime selbst gewesen, die den Niedergang der Großreiche eingeleitet hätte. Demnach haben die Moslems im Laufe der Jahrhunderte sukzessive nichtislamische Elemente aufgenommen und Konvertiten, z.B. im heutigen Iran, die Türken oder auf dem indischen Subkontinent, haben ihre kulturellen Praktiken beibehalten und bestenfalls etwas islamische Tünche aufgetragen. So haben sich Traditionen entwickelt, die mit islamischen Prinzipien nicht vereinbar sind und den Glauben verfälscht hätten, z.B. der Sufismus, die Heiligenverehrung, die als exzessiv wahrgenommenen Feiern zu Muhammads Geburtstag oder zum Ramadan bis hin zu synkretistischen Elementen mit anderen Religionen. Daher versuchen die Salafisten den Glauben zu reinigen und alle „irrationalen“ Momente zu tilgen – auf den Begriff der Rationalität komme ich später erneut zu sprechen. Salafisten hassen daher besonders islamische Gruppen wie die Ahmadiyya, die Alewiten, die Sufiorden und liberale Moslems. Gewalttaten und Morde sind keine Seltenheit. Um es deutlich hervorzuheben, Salafisten gehen davon aus, dass ihre muslimischen Glaubensbrüder keine richtigen Moslems sind. Dafür haben sie sogar eigens einen Begriff, jahiliyyah (Unwissenheit, Ignoranz). Sie haben auch keinerlei Probleme damit Moslems, die andere Ansichten haben, zu Ketzern zu erklären (sog. takfir) und anschließend zu ermorden. Insb. auf der arabischen Halbinsel ist diese Sichtweise dominant, z.B. bei Schaikh Saleh al Fawzan und al Maqdisi. Für Salafisten ist aber die „Ignoranz“ gegenüber dem ursprünglichen Islam und die Aufnahme fremder Elemente nicht das einzige Problem. Die Ulema, also die Gelehrtenschicht, ist nach ihnen ein zweites Problem. Die vier Rechtsschulen des Sunnismus haben Hierarchien der Wissensweitergabe entwickelt, die auf Tradition beruhen und somit nur Nachahmung für die Gläubigen anordnen. Dadurch wird zum einen die Diskussion religiöser Fragen von Autoritäten monopolisiert zum anderen wird vom der einzelnen Person kein Verständnis erwartet, kein warum und wozu. Die gesamte Ebene der individuellen Reflektion und Erkenntnis wird dabei ausgeschlossen. Moslems werden so nicht in die Lage versetzt selber das Beste zu erkennen und in die Praxis umzusetzen, sondern bleiben abhängig von dieser Gelehrtenschicht. Der Salafismus hat sich zum Ziel gesetzt diese Abhängigkeit aufzubrechen, jeden selbst in die Lage zu versetzen die Erkenntnis über den Islam zu ermöglichen und in die Praxis umzusetzen. 2 Folglich gibt es auch keine feststehende salafistische Lehre und Bewegung, sondern viele salafistische Gruppen, die sich um Schaikhs gruppieren.

Diesen doch erstaunlich individualistischen Ansatz der Salafisten, der Anspruch Menschen in die Lage zu versetzen selber Wissen und Erkenntnis zu erlangen sowie Autoritäten auszuschließen, sollte man keinesfalls mit Liberalismus oder Humanismus identifizieren. Man diskutiert gerne im Westen die Unterscheidung zwischen liberal und repressiv an der Frage individualistisch oder kollektivistisch. Zur Begründung wird dargelegt, dass man das Individuum aus den Klauen des Kollektivs, der Unterordnung und dem Verzicht auf eigenständigem Denken und Handeln befreit hätte: kein Gott, keine Autorität und keine andere Macht würde dem Individuum Denk- und Handlungsverbote auferlegen oder gar Denk- und Handlungsweisen vorschreiben. Tatsächlich gibt es aber auch viele konservative Ideologen, die eben jenen Individualismus mit ihren Werten und Identitäten verbunden haben. Als ein Beispiel wäre Kants Diktum zu nennen, dass sich jeder so einzurichten habe, dass sein Handeln zur Maxime einer allgemeinen Handlungsanweisung werden solle. Unabhängig von Kant kann diese Methodik mit jedem beliebigen Inhalt füllen. Die Spannweite reicht vom Humanismus über reaktionäre Ansichten bis hin zum Sozialdarwinismus. Das Recht des Stärkeren kann man genauso zur Maxime einer Handlungsanweisung, nach der sich auch andere zu richten hätten, erklären und danach handeln.4 Ein Eintreten für die Geltung des individuellen Bewusstseins muss also nicht zwangsläufig liberal oder human sein. Was an dieser Stelle den Unterschied zum klassischen Konservatismus macht, gleich ob in Europa oder im Nahen Osten, ist die Funktion der Werte. Im klassischen Konservatismus standen diese Werte für sich, z.B. der König oder die Priesterschicht. Jetzt aber sollen sie eine Funktion erfüllen. Sie sollen die Menschheit retten. Ketzerisch gesagt, Gott wird zu einem Dienstleister. Während sich diese Form konservativer Ansichten erst seit kurzem im Westen entwickelt hat (z.B. bei Kristina Schröder zur Frauen- und Familienfrage), ist sie im Salafismus und im Islamismus zentral.

Nach der allgemeinen Darlegung des methodischen Vorgehens der Salafisten, komme ich nochmals darauf zurück, welchen Zweck es verfolgt. Wie oben eingeführt ist das Ziel der Salafisten das Goldene Zeitalter wiedererstehen zu lassen. Denn die islamische Welt, wie auch die nichtislamische, hat viele Leiden: ökonomische und soziale Misere, psychologische Defekte, mangelnder Sinn im Leben. Die Diagnose besteht darin, dass es der Gesellschaft an Werten fehlt, die ihr im Laufe der Zeit abhandengekommen sind. Es ist äußerst wichtig festzuhalten, dass es sich tatsächlich nur um eine Debatte um Werte handelt. Es geht also nicht um eine politische, ökonomische oder soziale Analyse und wie man die entsprechenden Mechanismen ändert. Es gibt nur eine charakterliche Frage und wie man die Leute dazu bringt die salafistischen Werte anzunehmen und umzusetzen. Besonders hervorzuheben ist, dass Salafisten einen Entwicklungsprozess anstreben. Das Goldene Zeitalter kommt nicht mit einem großen Paukenschlag. Nach und nach, parallel mit dem Wachsen der islamischen Werte, würde sich der Fortschritt einstellen. Diesen Fortschritt, das ist das Sensationelle daran, muss man noch nicht einmal als erklärte Absicht haben. Er stellt sich indirekt ein, als Resultat der individuellen Bestrebungen sich selber zu perfektionieren. Wen man nun annimmt, dass das eine deutliche Parallele zur neoklassischen bzw. neoliberalen Wirtschaftstheorie ist, so kann dem nur beigepflichtet werden. Insb. die Vordenker einer islamischen (Finanz-)Wirtschaft orientieren sich ausschließlich an der Neoklassik und die überwiegende Mehrheit der Salafisten wie auch Islamisten ist neoliberal.

Nach der Ideologie der Salafisten sollen die Werte, die das allgemeine Beste ermöglichen, aber keine menschengemachten Werte sein. Sie rechtfertigen die Differenzierung nicht über die Herkunft, dass es im einen Fall um göttliche, im anderen Fall um menschengemachte Werte handelt, sondern nach dem Wesen. Menschengemachte Werte dienen immer den Interessen Einzelner oder von Gruppen. Nach ihnen wurde bislang Politik nur nach dem Bestreben des individuellen Selbstinteresses, der individuellen Bereicherung, für individuellen Ruhm, etc. gemacht. Da sie eine Zwangsläufigkeit der menschengemachten Werte mit subjektiven Haltungen annehmen, würde es immer zur Ausnutzung durch Einzelne oder Minderheiten kommen. Die Alternative, die sie aufzeigen, bestünde nun darin, dass anstelle dieser Günstlingswirtschaft das Recht herrschen sollte, in ihrem Fall das islamische Recht. Religion ist also nicht mehr die Anbetung des Schöpfers der Welten, sondern eine Dienstleistung für die Erreichung von Wohlstand. Das religiöse Recht würde von allen Individualinteressen abstrahieren und nur seine abstrakte Gesetzmäßigkeit durchsetzen. Alle Menschen würden nur noch neutral wahrgenommen, gleich behandelt und ihnen die Eigenschaften von Rechtsträgern zuerkannt. Damit ist das Recht auch prinzipiell dem Selbstinteresse enthoben. Dieser Anspruch wird von den Salafisten dadurch verstärkt, dass sie sich auf die Religion berufen, die ja eingedenk der Göttlichkeit des Schöpfers ohnehin schon der menschlichen Sphäre enthoben wäre. Individuelle Vorteile und Sonderrechte wie sie für die Adelsherrschaft charakteristisch sind verlieren dadurch an Gültigkeit, ebenso Gefühle und Interessen. So wäre das durch und durch weltliche Ziel, das allgemeine Beste, in rationaler, staatlicher Planung umsetzbar. Rational, einen Begriff, der gerne verwendet wird, um ihn eben gegen die Religion in Stellung zu bringen, trifft hier die Sache ebenfalls sehr gut. Denn die Werte werden rational begründet, da sie etwas leisten. Außerdem sind sie rational, weil sie neutral, nachvollziehbar und transparent sind.

Was zunächst als Befreiung des Individuums von der Herrschaft durch andere Individuen auftritt, verkommt auf den zweiten Blick zur Unterwerfung des Individuums unter das Recht. Für den Einzelnen bedeutet dieses religiöse System die Notwendigkeit, wie in jedem Rechtssystem, sich zu bilden um die richtige Erkenntnis zu entwickeln und natürlich entlang dieser Gesetzmäßigkeiten zu verhalten.3 Mit diesen Anforderungen zeigt sich auch der Verlauf des öffentlichen Anliegens. Die Trennung zwischen öffentlich und privat wird aufgehoben, denn das Private unterliegt nun dem öffentlichen Anliegen: das Individuum muss sich formen, es muss die richtige Erkenntnis gewinnen, muss mit dem Herzen bei der Sache sein und sich eben nicht nach eigenen Erfordernissen, sondern nach denen des Vorhabens aus- und einrichten, quasi salafistisches Humankapital werden. Aus diesem islamischen System folgen aber weitere Abstraktionen wie sie typisch sind für jedes Rechtssystem. So verhält sich das Rechtssystem nicht nur neutral gegenüber den Individuen, sondern auch ablehnend gegenüber irrationalen Aspekten. Irrational ist für es alles, was entweder dieser Rechtsform entgegensteht oder für es unnütz ist. In der Folge hat sich jeder und jede so einzurichten, dass sein Verhalten der abstrakten Rationalität folgt. Was dem widerspricht, wird sanktioniert und verfolgt. Das bekannteste Element ist daher die Frauenunterdrückung. Spezifisch handelt es sich dabei um eine Rollenzuschreibung der Frau: Sie ist für Kinder, Erziehung und Haushalt zuständig und wenn anschließend noch Zeit bleibt, kann sie ihre Karriere verfolgen. Aus diesem Grund schließt man auch Frauen nicht von der Bildung aus. Aber auch in anderer Hinsicht wie der Geselligkeit und der Unterhaltung ist das salafistische Weltbild äußerst restriktiv. Gewisse Formen, dabei kann es sich z.B. um Musik aus einem Radio handeln, erklärt man für unvereinbar mit der salafistischen Islamversion, weil es sie zur Zeit der Salaf nicht gegeben hat. Andere Formen, wie eben Geselligkeit und Unterhaltung, entsprechen dagegen nicht dem individuellen Rollenverständnis der Salafisten und ihren Sekundärtugenden. Denn diese Formen dienen nicht dem Fortschritt, sondern lenken im Gegenteil nur davon ab. Die Zeit wird sinnlos vergeudet und sie machen träge und senken die Leistungsbereitschaft. Sheikh Mohammed al Uthaymeen, ein saudischer Gelehrter, der den Salafisten nahe stand, hat das sehr brutal zum Ausdruck gebracht: Sie korrumpieren.

In der Verlaufsgeschichte des Salafismus hat diese Werteentwicklung einen zentralen Stellenwert, der vor allem die ideologischen Standpunkte begreiflich macht. Zunächst geht die salafistische Ideologie davon aus, dass es von öffentlichem Interesse ist, das allgemeine Beste anzustreben. Im zweiten Schritt sollen Werte dieses politische, ökonomische und soziale Ziel ermöglichen. Daher konzentriert man sich auf Missionierung um diesen Werten Geltung zu verschaffen und ein formelles oder informelles Rechtssystems durchzusetzen. Dieses Rechtssystem verschafft dann aber nur noch sich selbst Geltung und eben nicht mehr dem eigentlichen Ziel vom allgemeinen Besten. In der Entwicklung bedeutet es, dass die soziale Frage durchgestrichen wird. Es gibt nur noch eine charakterliche Frage. Die Durchsetzung hat dann nur noch zum Ziel die Menschen zum salafistischen Humankapital zu formen und ihnen salafistische Sekundärtugenden einzuimpfen. Das salafistische Recht legitimiert sich also nicht mehr dadurch, dass es das allgemeine Beste sicherstellt. 5 Es beschränkt ich darauf die Menschen in die Lage zu versetzt das allgemeine Beste zu erreichen. Wie gesagt, es gibt keine ökonomische, soziale oder politische Analyse, sondern nur eine charakterliche. Ob die soziale Frage über Wertevermittlung überhaupt erreicht werden kann, steht deshalb außerhalb jeder Diskussion für sie. Geht man in der Tendenz weiter, bleibt nun jeder sich selbst überlassen für ein Auskommen zu sorgen, abgesehen von den Werten natürlich. Die Freiheit von der Salafisten in diesem Zusammenhang sprechen bedeutet dann nur noch sich selbst zu behaupten im ökonomischen Konkurrenzkampf. Die Familie erlangt dabei besondere Bedeutung. Sie ist einerseits der Rückzugsort vom Konkurrenzkampf andererseits auch die soziale Vervollständigung, quasi die Basis aus der heraus man sich der Konkurrenz stellt. Die Frau hat gewisse Rollen zu erfüllen um die Arbeitskraft zu erhalten und künftige Generationen so zu erziehen, dass sie die besten Voraussetzungen dafür haben. Deswegen werden jegliche Kontakte zwischen Männern und Frauen mit erheblichen Restriktionen belegt, die den Zweck haben Schäden von der Ehe abzuhalten. Für die drei, manchmal vier Generationen einer Familie hat das auch Bedeutung. Denn die Älteren werden, insb. sobald sie nicht mehr arbeitsfähig sind, von den Jüngeren versorgt. Somit kann jeden Anspruch auf einen Sozialstaat abwehren.

Für den Salafismus selbst hat das enorme Konsequenzen, wenn er an Einfluss gewonnen hat. Denn viele Salafisten sind überhaupt nicht politisch aktiv. Die Religiosität, d.h. das Verhältnis des gläubigen Individuums zur Religion, hat sich individualisiert. Die Religion nimmt nicht mehr den Umweg über den Staat oder die Ulema und auch nicht mehr über Feiern und Prozessionen. Das Individuum wird zusehends nicht mehr der Religion unterworfen, sondern die Religion soll gewisse Bedürfnisse befriedigen. Nun mehr ist Gott auf die Ebene der Rolex säkularisiert, als Mittel der Mittelschicht, die sich in postmateriellen Werten von Identität, Status und Lebensstil suhlt, um sich selbst zu verwirklichen und vor anderen zu inszenieren und dabei die Idylle aus Kleinfamilie, Reihenhaus und Auto als individuelles Glück vortäuscht. Das Diktum nicht mit Reichtum zu protzen verkehrt sich ähnlich erbärmlich wie im englischen und amerikanischen Protestantismus oder im Kalvinismus. Reichtum ist nun Ausdruck einer religiösen Gesittung und deshalb ist das Tragen der Rolex kein Protzen, sondern stellt die eigene Tugendhaftigkeit zur Schau. Amr Khaled, ein ägyptischer Fernsehprediger, bringt es bei diesem Werteexhibitionismus unwissentlich auf den Punkt: Während die Männer im Paradies ihren Anteil an Jungfrauen kriegen, dürfen Frauen bis in alle Ewigkeit shoppen.

Martin Greiffenhagen (1984) hat diese Entwicklung als das Dilemma des europäischen Konservatismus bezeichnet, da die Elemente (Gott, Familie, Autorität, König) nicht mehr für sich stehen, sondern sich zunehmend rational legitimieren müssen, d.h. was ist ihr Nutzen. Analog verhält es sich mit der Religion bei den Islamisten.

Wie gesagt war der ursprüngliche Anspruch eine Wohlstandsentwicklung in Gang zu setzen und ein neues Goldenes Zeitalter wiederzuerwecken. Von diesem Anliegen, wie man z.B. bei Pierre Vogel sehen kann, ist nichts mehr übrig. Das einzige Angebot besteht nunmehr darin uns vor der Hölle zu bewahren und uns in sein Paradies einzuladen. Pierre Vogel ist damit kein Einzelfall. Das trifft auf die gesamte salafistische Sektiererei zu. Bestenfalls wird noch die Scharia als Symbol für die Geltung des islamischen Systems gefordert, aber z.B. eine wirtschaftliche Entwicklung schon lange nicht mehr. Sein Islam ist nur noch ein Islam, der individuelle Konsumbedürfnisse befriedigen soll und zu einem Konsumislam degeneriert ist. Der Salafismus tritt nur noch als Rauschebart mit Djellabiya oder in femininer Form mit Kopftuch auf. Das unterstreicht die Degeneration zur blanken Identitätsaneignung, die ja bereits in der salafistischen Ursprungskonstruktion der Goldenen Zeit ausgesprochen deutlich angelegt ist – nur ohne den Anspruch des Goldes. Auch das Streben nach Erkenntnis, dass man als Monstranz jahrzehntelang vor sich her trug, ist vergangen. Seit fast 30 Jahren ist kein nennenswertes Buch mehr erschienen, das sich mit eben dem islamischen System oder der Erkenntnis beschäftigt. Man beschränkt sich auf Appelle, Fatawa und Maßregelungen bis hin zu Mordaufrufen gegen andere Positionen (vgl. Hossam Tammam: Islamisten und die ägyptische Revolution.). Selbst hochrangige Salafisten, z.B. die verstorbenen Salafisten ibn Baz, Muqbil ibn Waadi’e oder der gerade in Saudi-Arabien und Jemen populäre Rabee al Madhkali, verweisen in ihren Publikationslisten und Homepages auf ihre Fatawa anstatt auf methodische Werke. Es gibt zwar noch eine Methodik, diese ist aber nur noch eine deskriptive Gebrauchsanweisung wie bestimmte religiöse Ayats (Verse des Korans) oder Hadith überliefert sind oder wie sich das islamische System zusammensetzt.

Für die Armen dieser Welt hat aber der Salafismus etwas ganz besonderes auf Lager: die Prädestination (arab. Qadr, Vorherbestimmung). Gott hat den Menschen nicht nur mit bestimmten Anlagen ausgestattet, sondern auch vorherbestimmt wie es ökonomisch und sozial um ihn steht. Genau genommen muss man daraus schlussfolgern, dass man ja dann auch nichts tun müsste, keine Sekundärtugenden erlernen und niemanden sanktionieren.  Stellvertretend für alle Salafisten sei auf Schaikh Uthaymeen verwiesen:

„Als der Prophet seinen Gefährten erzählte, dass jeder Person sowohl ein Platz im Paradies wie auch in der Hölle vorherbestimmt ist, sagten sie: “Prophet Gottes, sollen wir uns damit begnügen, was uns vorherbestimmt wurde und das Arbeiten aufgeben?“

Der Prophet trug seinen Gefährten auf zu arbeiten und erlaubte es ihnen nicht sich davon abhängig zu machen, was ihnen bestimmt wurde. Diejenigen, denen das Paradies vorherbestimmt wurde, werden es nicht erreichen, solange sie nicht Taten für das Paradies vollbringen. Diejenigen, denen die Hölle vorherbestimmt wurde, werden sie nicht  betreten, solange sie keine Taten für die Hölle vollbringen.“ (Uthaymeen (2011). S.52f)

Demnach kann man an der eigenen ökonomischen Lage grundsätzlich nichts ändern. Das hat Gott vorherbestimmt. Sogar die individuellen Anlagen – jene des Paradieses oder jene der Hölle – sind vorherbestimmt. Den oben genannten Werteexhibitionismus legitimiert sich ja bereits über Erfolg und Charakter. Nun geht diese Weltanschauung noch fundamentaler. Erfolg und Charakter sind bereits vorherbestimmt. Das enthebt die salafistische Ideologie nun völlig jeglichem Versprechen nach sozioökonomischer Verbesserung. Egal wie es kommt, ob man arm geboren wird und es bleibt oder reich oder sich hocharbeitet. Es ist vorherbestimmt und selbst die charakterliche Einrichtung des Menschen, die das erst ermöglicht, ist vorherbestimmt.

Nun erklärt sich auch, warum Pierre Vogel zum Paradies einlädt und uns immer davor warnt in die Hölle zu kommen. Zur sozialen Frage kann man nach ihm quasi nichts machen. Der Zug ist schon abgefahren bevor wir überhaupt auf die Welt gekommen sind. Aber der Glaube an Gott und die Sekundärtugenden bewahren einen zumindest vor der Hölle. Jegliches Versprechen nach Glück und Wohlergehen wird also ins Jenseits abgeschoben.

Derartige ökonomische Ansichten sind für Salafisten nicht verwunderlich. Denn sie werden hauptsächlich aus Katar und Saudi-Arabien finanziert.  Das  Königreich Saudi-Arabien und die dort herrschende Vorzeigedemokratie, die sich bester Kontakte in den Westen erfreut, spielt in der Etablierung des Salafismus als weltweite Bewegung eine wichtige Rolle. Finanziell und ideologisch unterstützen das Königshaus bzw. diverse dekadente Prinzen salafistische Strömungen weltweit. Ihr Motiv ist nicht uneigennützig, sondern zielt darauf eine Gegenbewegung zum Nasserismus und Baathismus, der über Jahrzehnte in der arabischen Welt vorherrschte, zu gründen. Nasserismus und Baathismus sind für den Sturz vieler Monarchien verantwortlich, was die Antipathie des saudischen Königshauses erklärt. Die Universitäten Jiddah und Medina wurden zu Drehscheiben des Salafismus. Ursprünglich stammte der Salafismus aus Ägypten. Als Nasser die Islamisten, sowohl Muslimbrüder wie Salafisten, in Ägypten verfolgte – sie wollten ihn ermorden -, flohen sie in die Nachbarländer, v.a. nach Saudi-Arabien. Dort gewannen sie die Sympathien der Wahhabiten, insb. unter den Muwahidun (Anhänger des Tawhid, „Unitariern„), da sie viele ideologische Gemeinsamkeiten besitzen (u.a. Tawhid als reine Lehre, bida als Verwahrung vor unerlaubten Neuerungen). Die Muwahidun sind die Anhänger der Lehre des Sektenstifters Abd al Wahhab. Im Westen nennt man sie schlicht Wahhabiten. Die Verbindung der Wahhabiten zu den Saudis war aber nicht so stabil wie man meinen sollte. Mit den Wahhabiten-Milizen der 20er Jahre, den sog. Ikhwan, eroberten die Saudis zwar große Teile der arabischen Halbinsel, führten Kriege gegen Jemen, Irak und plünderten bis vor die Tore Ammans, aber schließlich mussten sie die Milizen 1929 liquidieren. Dieser Ritt auf der Klinge blieb den Saudis erhalten und eine Vielzahl an Gruppen und Einzelpersonen haben das Königshaus bereits zu Ketzern erklärt (takfir). Diese permanente Konfliktsituation versucht das Königshaus zu lösen, indem es die jungen Wahhabiten in verschiedene Konflikte schickte, u.a. dem Jemenkrieg gegen Nasser oder den Afghanistankrieg in den 80er Jahren. Egal wie der Konflikt ausgeht, Gewinner ist immer das Königshaus, entweder gewinnen sie den Krieg oder die religiösen Eiferer werden über den Haufen geknallt. Zudem zeigte sich das Königshaus sehr offen gegenüber den Flüchtlingen aus Ägypten, den Muslimbrüdern und Salafisten. Sie wurden an Universitäten und Schulen angestellt und prägten den Lehrstoff (z.B. Muhammad Qutb, der Bruder von Siyed Qutb). Insb. die Muslimbrüder wurden zu Garanten der Stabilität und zur Speerspitze des kulturellen Imperialismus der Saudis, insb. über die König Fahd-Stiftung und die Islamische Weltliga, um die muslimische Glaubensbrüder zu reislamisieren oder umzubringen. Aus dem salafistischen Spektrum stammen schließlich einige der höchsten religiösen Autoritäten, allen voran Ibn Baz (Großmufti von Saudi-Arabien von 1993 – 1999) und al Albani sowie Rabee al Madhkali. Auch von ihrem gesellschaftlichen Anspruch ist nur mehr das islamische Geltungsbedürfnis geblieben. Ihre Rolle degenerierte zu Legitimierungsmaschinen für das saudische Königshaus durch das Herausstreichen dessen „Islamischsein“ und der guten Taten (Hüter der heiligen Stätten, strafende Gerechtigkeit durch körperliche Züchtigung). Nebenbei sackten die Saudis die Petrodollar ein und nicht gerade wenige Salafisten landeten schließlich in den Aufsichtsräten (den sog. Schariaräten) von Großunternehmen, islamischen Fonds und Banken. Dagegen erklärten andere die Jihadi-Salafisten die Saudis und ihre Lakaien zu Ketzern. Aber über die soll es hier nicht gehen.

2. Wie geht die Kampagne „Lies“ vor

Wie nun deutlich geworden sein sollte, gehen die Salafisten davon aus, dass sämtliche ihrer Glaubensbrüder vom Glauben abgefallen sind. Eigentlich müsste sie alle anderen Moslems wegen Ketzerei umbringen, was sie dann aber auch nicht machen bzw. nur die „korruptesten“ Elemente. Stattdessen möchten sie ihre Glaubensbrüder reislamisieren, natürlich im Rahmen ihrer salafistischen Islamversion. Der hierzu benutzte Begriff lautet Da’wa bzw. Dawah. Er wird üblicherweise mit Mission übersetzt, hat aber mit der christlichen Missionstätigkeit nichts gemeinsam. Denn Mission bezieht sich weitgehend auf die Konvertierung Ungläubiger durch Predigen. Bei den Salafisten spielt das Predigen keine so große Rolle, denn dafür sind ausgebildete Imame vorgesehen. Salafisten zielen direkt in den Alltag. Der wichtigste Bestandteil der Da’wa ist deswegen ein gutes Vorbild abzugeben. Zum einen zeigt man sich damit als guter Moslem. Zum anderen gibt man anderen ein Beispiel sich genauso zu verhalten. Mit zunehmendem Einfluss steigt so natürlich der Gruppenzwang und Anpassungsdruck für die anderen Moslems. Konkret geht man dabei so vor, dass man sich in eine bestehende Gruppe, eine Moschee, Moscheevereine, etc. einbringt und andere mit sich bekannt macht. Dadurch entsteht ein Vertrauens- und Näheverhältnis, was das weitere Vorgehen erleichtert. Als Salafist kann man sich schließlich als besonders frommes Exemplar ausgeben. Eine spezifische Zielgruppe hat man dabei im Blick: junge, „verwirrte“ Leute. Der bereits oben genannte Schaikh Uthaymeen (2011, S.34f) charakterisiert diese Zielgruppe wie folgt:

„Diese jungen Menschen sind unsicher, unentschlossen und befinden sich am Scheideweg. Sie kennen die Wahrheit (gemeint ist der Islam, Anm. sauvradaeva) (…). Sie sind Übeln ausgesetzt wie Skepsis an der Wahrheit des islamischen Bekenntnisses, Korruption im Benehmen und Verhalten, dekadenten Handlungen und Angriffen auf gesetzte Gewohnheiten und Traditionen und weitere negative Tendenzen.

Sie befinden sich in einem geistigen und seelischen Strudel und stehen verwirrt über diese Tendenzen. Sie wissen nicht, welche der beiden Optionen richtig ist. (…) Sie sind so verwirrt und unsicher, dass sie manchmal die eine Option und bei einer anderen Gelegenheit die andere Option nehmen, abhängig von der Stärke der Tendenzen, denen sie ausgesetzt sind.

Sie sind unentschlossen im Leben und brauchen eine starke Hand, die sie zur Wahrheit und auf den rechten Pfad leitet. Das ist sehr einfach, wenn Allah ihnen rechtschaffene Dais  anbietet, die Weisheit, Wissen und gute Absichten besitzen.

Die verwirrten Jugendlichen findet man hauptsächlich unter jenen mit islamischer Bildung und Kultur, die aber im Wesentlichen säkulare Wissenschaften lernen, die der Religion zuwiderlaufen (…). Daher stehen sie verwirrt zwischen den beiden Kulturen.“

Das zweite Element der Da’wa ist das Mahnen. Von verschiedenen salafistischen Strategen wird es ganz unterschiedlich gehandhabt, ob man zuerst mahnen oder sich zuerst integrieren und ein Vorbild abgeben soll. Angemahnt wird, dass sich die Zielgruppe konform zur salafistischen Lehre zu verhalten und unsalafistischen Handlungen abzuschwören soll. Schließlich kommt bei dieser Etappe der Gruppenzwang besonders zum Tragen. In anderen Ländern als Deutschland sind Gewalttaten an der Tagesordnung. Personen, die man als besonders korrupt oder gar als korrumpierend wahrnimmt, erwartet dann auch der Tod. Das berühmteste Beispiel der vergangenen Jahre ist Mohammed el Baradei, dem ägyptische Salafisten 2010 die Todesfatwa ausgestellt hatten, weil er sich als Gegenkandidat zu Mubarak bei den Präsidentschaftswahlen aufstellen ließ.

Die einzige muslimische Gruppe, die ebenfalls Da’wa praktiziert, sind die Islamisten, z.B. die Moslembruderschaft, die Tablighi Jamaat, die Jamaat-e Islami in Pakistan und Bangladesch oder das saudische Königreich, die hierzu sogar ein spezielles Ministerium unterhält.

Die hiesige Kampagnenführung unter Ibrahim Abou Nagie hat bislang keine Todesfatwa ausgestellt und soweit bekannt auch noch niemand genötigt oder bedroht – allerdings vor der medialen Berichterstattung. Es laufen dagegen einige Verfahren wegen Volksverhetzung und Journalisten des Tagespiegels und der Frankfurter Rundschau wurden im Laufe der Kampagne bedroht. Wie die Mehrheit der Salafisten ist die Gruppe dennoch mehr oder weniger friedlich. Von Al Qaida ist sie weit entfernt. Sie bemüht sich um die Gehirnwäsche ihrer Glaubensbrüder. Die Kampagne, um die nun so viel Aufregung besteht, ist darunter nur ein Element. Was die Salafisten in Moscheen, Vereinen oder auch Korankursen unternehmen, ist leider nicht bekannt. Aber sicher ist, das ist der Hauptteil ihrer Arbeit. Die Kampagne hat eine ganz andere Zielrichtung. Mit ihr sind die Salafisten in die Öffentlichkeit getreten und versuchen über den öffentlichen Raum Einfluss zu gewinnen, Einfluss natürlich auf ihre Glaubensbrüder. Bislang waren sie sehr rege im Internet und eher gering im Alltagsleben aktiv. Aus den bisherigen Ausführungen zur Da’wa dürfte deutlich geworden sein, was der Zweck der Kampagne ist: ein gutes Vorbild abgeben und sich als aufrichtiger Moslem zu inszenieren. Die aufrichtige Haltung der Salafisten wird dadurch untermauert, dass sie keinen ihrer programmatischen Texte, keine Fatwa, die z.B. Gummibärchen verbietet, oder ähnliche tendenzielle Schriften verteilt haben. Sie haben ein neutrales Werk, von dem man ausgehen kann, dass ihn gläubige Moslems achten, ausgegeben, nämlich den Koran. Das zweite Element der Salafisten, die Mahnung, fehlt natürlich auch nicht. Der Kampagnentitel ist diesbezüglich instruktiv. „Lies“ ist die ultimative Aufforderung den Koran zu lesen. Auch hier berufen sich die Salafisten auf keinen ihrer Gelehrten, sondern auf eine neutrale Referenz, auch wieder den Koran. Denn nach islamischer Historiographie hat der Erzengel Gabriel Mohammed aufgefordert die Worte des Herrn zu lesen. Mit der Formel „Lies“ (arab. Iqra) wird im Koran selbst zu seinem Studium aufgerufen (vgl. Sure 96, Surat al ‘Alaq bzw. Surat al Iqra). Die Salafisten weisen ihre Glaubensbrüder also darauf hin einer vergessenen Pflicht nachzukommen, den Koran zu lesen.

Damit die Salafisten Zuspruch ernten, haben sie ihre Kampagne sehr zielgruppengenau abgestimmt. Sie haben Moslems ausgesucht, die eine gewisse islamische Bildung haben. Diese verstehen ihre Anspielungen und unter ihnen können sie daher am ehesten für Akzeptanz werben. Gerade den „verwirrten“ Jugendlichen können sie sich als Ansprechpartner anbieten und mit Rat zur Seite stehen um ihnen Orientierung zu geben. Auch auf die restliche Öffentlichkeit haben sie eine entsprechende Wirkung. Sie erscheinen als gläubige, durchaus auch konservative weitgehend junge Männer, die ihr heiliges Buch verteilen. Mit einem programmatischen Text wäre das nicht möglich, weil dann der Text angegriffen werden könnte. Beim Koran greift der Vorteil, dass sie sich auf die Religionsfreiheit berufen und damit auftreten können eine im Rahmen dessen selbstverständliche Aktion durchzuführen. Eine deutliche Eintrübung hat das natürlich durch die Bedrohung der Journalisten erfahren. Substanziell angegriffen wurden sie bislang, leider, noch nicht. Dabei bietet alleine der Webauftritt „die wahre Religion“ genügend Anhaltspunkte. So finden sich Schriften von Ibn Baz und Yasser Burhami (o.J). Ibn Baz war wie gesagt Großmufti von Saudi-Arabien und hat zusammen mit Muhammed Uthaymeen an restriktiven Gesetzen mitgewirkt. Yasser Burhami ist Anführer der ägyptischen Salafistengruppe al Da’wa as Salafiyya. Die salafistische Partei Hizb an Nour (Hizb = Partei, Nour = Licht) hat bei den Parlamentswahlen in Ägypten über 20% der Stimmen erhalten. Da’wa as Salafiyya ist die dominierende Kraft in dieser Partei. Eigentlich ist das überraschend, weil nämlich Yasser Burhami sich gegen den Aufstand und für Mubarak ausgesprochen hatte. Momentan bemühen sich die führenden Köpfe der Hizb an Nour in Ägypten die Minderheiten zu diskriminieren, vornehmlich die Christen und Bahai. Nur, weil die Salafisten der Da’wa as Salafiyya keine Jihadisten sind, heißt es noch lange nicht, dass sie auch nett und freundlich wären.

Literatur:

Greiffenhagen, M. (1984) Das Dilemma des Konservatismus in Deutschland. Piper. München.

Uthaymeen, M. (2011) Youth’s Problems – issues that affect young people. International Islamic Publishing House. Riad.

Burhami, Y. (o.J). La ilaha illah Allah. Ein Wort des Überlebens. Erschienen bei „die Wahre Religion“.

Fußnoten

1. Der methodische Überschneidungsgrad mit anderen Islamisten ist sehr hoch, vgl. im Schatten des Siyed Qutb.

2. Das ist auch der Grund, warum sich viele Salafisten und Hanbaliten in Saudi-Arabien feindlich gegenüber stehen. Die hanbalitische Rechtsschule, die sich nicht nur auf ibn Hanbal, sondern eben auch auf Abd al Wahhab bezieht, dient im Wesentlichen der Herrschaftssicherung des saudischen Königshauses. Allerdings gibt es bei einigen Salafisten seit den 80er Jahren eine Abkehr. Salafisten wie Ibn Baz und al Albani sind wahhabitenhörig. Ibn Baz wurde sogar zum Großmufti ernannt.

3. Die Konzepte des Imperialismus und des Rassenkampfes, denen man sich im Westen bis zur Mitte der 60er Jahre verpflichtet sah, sind sehr anschauliche Beispiele. Zur allgemeinen Maxime werden Weltherrschaft und Rassenkampf erklärt, also die Notwendigkeit, dass sich der eine Staat, die eine Rasse gegen die anderen durchzusetzen habe.

4. Man kennt es auch aus dem deutschen Recht. Hier hat derjenige mit dem Informationsvorsprung auch einen deutlichen ökonomischen Vorsprung, weil er besser daraus Kapital schlagen kann.

5. In allen Fällen scheitern die Analysen ja genau an dem Punkt diese Zielsetzung zu erkennen und verharren in Einwänden an die Scharia, wobei noch nicht einmal die Scharia, sondern eigentlich die Strafnormen, die Hudud, anvisiert werden.


Responses

  1. […] Über das Vorgehen der salafistischen Kampagne “Lies” auf Sauvra: Hintergrundanalysen zum Islamismus ein kurzer Auszug: […]

  2. […] vielen und vor allem in einer Frage sind sich die herrschende Klasse und ihre puritanischen, salafistischen, etc. HelfershelferInnen einig: Das Proletariat hat zuviel freie Zeit und treibt dazu in dieser […]


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