Verfasst von: sauvradaeva | Mai 11, 2012

Eine Reise vom Selbstmordgürtel zur Selbstmordkapitale: finaler Weg aus der ökonomischen Not in Indien.

Ein bekanntes Sprichwort lautet: Zu wenig zum Leben, zuviel zum Sterben. Was in Europa und den USA (noch) eine Randerscheinung ist, der Selbstmord aus ökonomischer Not und finanzieller Ausweglosigkeit, hat in Indien traurige Verbreitung und Berühmtheit erlangt. Südindien gilt als suizidgefährdeste Region der Welt. Durch die Bundesstaaten Maharashtra, Madhya Pradesh und Uttar Pradesh zieht sich der “suicide belt”, der Selbstmordgürtel, analog zur Einteilung der “belts” in den USA (cotton belt, rust belt, etc.).

Die nackten Zahlen belaufen sich auf mehrere zehntausend bis sogar mehrere hunderttausend “Opfer” im vergangenen Jahrzehnt. 1 Genaue Zahlen liegen nicht vor. 2009 haben in mehreren Dörfern des Bundesstaats Chattisgarh 1.500 Bauern einen Massenselbstmord vollzogen. Insbesondere die Einführung der gentechnisch veränderten Baumwolle von Monsanto 2 hat die Selbstmordrate erhöht. Während die einen sie auf 25.000 beziffern, gehen andere von bis zu 200.000 aus.

1. ländliche Entwicklung und Verschuldung

Besonders die Bundesstaaten Maharashtra, Karnataka, Madhya Pradesh, Uttar Pradesh und Andhra Pradesh wurden mit neuem Saatgut, besonders Bt Cotton, bedacht. Jedoch ist es zu kurz gegriffen ausschließlich Monsanto/Mahyco dafür verantwortlich zu machen oder einen imaginären US-Imperialismus. Denn Mahyco ist zum einen ein indisches Unternehmen und zum anderen verficht die indische Politik selbst die vollständige Inwertsetzung des ländlichen Raumes und der Landwirtschaft. Der verbreitete Vorwand ist die Sicherung der Nahrungssituation. Man stellt sich hierbei – z.B. der ehemalige Finanzminister Chidambaram – in die Tradition der grünen Revolution, die angeblich den Hunger und die Hungersnöte in Indien beseitigt haben soll. (Kritisch hierzu: Shiva 1992.) Nach der Beseitigung des Hungers, soll es nun daran gehen Armut und die Ernährungssituation zu verbessern. Denn in Indien leben immer noch 2/3 der Bevölkerung, also etwa 800 Mio. Menschen, auf dem Land. Davon leben 400 Mio. von Subsistenzwirtschaft, d.h. was sie anbauen verzehren sie auch selbst. Nur geringe Überschüsse geben sie an Märkte weiter. 3 Da sich gleichzeitig die Ärmsten 4 in den Städten und auf dem Land nicht ausreichend mit Lebensmitteln versorgen können 5, sieht die Politik Handelsbedarf die Ernte zu erhöhen. Eine Steigerung der Ernteerträge würde den Bauern zusätzliches Einkommen verschaffen und die Nahrungsmittelpreise durch das größere Angebot senken.

Als wesentliche Projektbereiche wurden der Maschineneinsatz, Pestizide und Dünger sowie “verbessertes” Saatgut anvisiert. Das verbesserte Saatgut sollte natürlich künstlich verändertes, genetisches Material 6 sein, das mit höheren Erträgen für sich warb. 7 Mit einer enormen Marketingwelle wurde der ländliche Raum Indiens überrollt. Politiker ließen es sich nicht nehmen öffentlich dafür einzutreten – dachten sie doch an die goldene Zukunft. Großhändler und Vermarkter spielten eine besondere Rolle, da sie den Bauern konventionelles wie gentechnisch verändertes Saatgut anboten. 8 Während in der BRD immer noch der Versuchsanbau vorherrscht um den Markteintritt durchzusetzen, spielten in Indien die Entwicklungshilfe und die ländliche Entwicklung die entscheidende Rolle. Vor allem US-AID sandte gentechnisches Material gen Indien, das dort verteilt wurde. Auch Behörden verteilten gentechnisches Material an arme Bauern um die nächste Aussaat zu ermöglichen. Das ist auch für die Behörden billiger. So verzichtet Syngenta auf Lizenzgebühren z.B. auf den “Golden Rice”, wenn es “humanitären” Zwecken dient. An viele tausend Bauern wurden Probesaatmittel verteilt, damit sie das Material austesten können und ihren Nachbarn als Vorbild dienen. Grundsätzlich galt und gilt immer noch fort: Die Mischung aus verbesserten Saatgut, Totalherbizid und Dünger würde zu höheren Erträgen führen. Die höheren Anfangsinvestitionen in diese drei Produkte würden durch die Gewinne ausgeglichen werden.

Dank dieser Technologie entwickelte sich der ländliche Raum – allerdings in eine katastrophale Richtung. Eine Studie der Deccan Development Society (Qayum & Sakhari 2005, S.II) nannte folgende ökonomische “Entwicklungen” für Genbaumwolle (kurz Bt cotton):

While the three year average yield from Bollgard cotton for small farmers, has remained at around 650 kgs per acre, the yield for small farmers under rainfed conditions in 2005 from Bt is just about 535 kgs. The same farmers got 150 kgs more yield from growing non Bt hybrids under the same conditions as Bt. (…)

Actually the volume of pesticide use by Bt farmers and Non Bt farmers was so thin that it was untraceable. Bt farmers on an average bought and used Rs. 2571 worth of pesticide while the non Bt farmers bought and used Rs.2766 worth of pesticides over three years. The difference is barely around 7% of the pest management costs and an invisible 2% of their total cultivation costs. (…)

The three year average tells us that the non-Bt farmers earned 60% more than Bt farmers. In actual fact, in place of profit, Bt cotton, especially the Mahyco Monsanto varieties, brought untold miseries to farmers culminating in  violent street protests and  the burning of seed outlets in the city of Warangal. (…)

Looking back, it is evident that farmers had to spend not only 3-4 times more for the Mahyco-Monsanto’s proprietary Bollgard seeds but  had to take extra care to manure, irrigate and   look after  their precious Bt crop. Many farmers, especially in the rainfed areas, spent at least a couple of thousand rupees more per acre in comparison to their non Bt hybrids. On an average, the Bt farmers had incurred 12% more costs in cultivating their Bt crops in comparison with their non Bt fraternity.

(deutsche Zusammenfassung: Es wurden nur marginal weniger Pestizide eingesetzt, während die Arbeitszeit zunahm. Am Ende war der Ertrag niedriger als mit konventioneller Baumwolle. Insgesamt verdienten Bauern mit konventioneller Baumwolle 60% mehr.)

Der Bt Cotton hatte zudem weitere Nachteile. Die Fäden der Baumwolle waren qualitativ minderwertig, weil die Wolle nicht richtig gewachsen war. Außerdem war vielfach künstliche Bewässerung notwendig. Zudem hatte er ökologische Auswirkungen auf die Biodiversität und den Boden. Durch die Totalherbizide wurde sämtliche Tier- und Pflanzenwelt sowie Pilze stark angegriffen oder auf den Feldern vernichtet. Eine Ausnahme davon sind die beiden Nachtfalterarten und Baumwollschädlinge Baumwollkapselbohrer und Baumwollkapseleule. Sie sind mittlerweile resistent und auch eine Steigerung der Pestiziddosierung hat keine Wirkung gezeigt. Pflanzen sind auf den Austausch mit dem Boden angewiesen um Nährstoffe wie Stickstoff und Mineralien aufnehmen zu können. Das ermöglichen bzw. verbessern außerordentlich Pilze. 9 Der Totalherbizideinsatz hat aber auf die Pilze negative Auswirkungen, d.h. sie werden kollateral vernichtet. Dadurch wird der Nährstoffaustauch mit dem Boden eingeschränkt. Zudem wird neben den Pilzen im Boden der niedere Bewuchs vernichtet, wodurch er nicht mehr vor Sonneneinstrahlung geschützt ist. Dadurch kann der Boden schneller austrocknen und die Evapotranspiration wird reduziert. 10 Nicht nur wird der Boden trocken, was die Wasseraufnahme der Pflanzen mindert, auch wird die oberste Schicht hart. Das führt dazu, dass Käfer, Würmer und Nagetiere nicht mehr so aktiv den Boden umgraben und Pflanzenreste in den Boden verbringen. Dadurch verliert der Boden zunehmend an Nährstoffen. Außerdem erhöht sich die Bodenerosion beträchtlich. (Die roten Bereiche Indiens der nachfolgenden Karte liegen in den Bundesstaaten Tamil Nadu, Karnataka, Andhra Pradesh, Maharashtra, Gujarat und Punjab. Grau bedeutet, dass die Desertifikation/Verwüstung schon zur vollkommenen Degradierung der Böden geführt hat.)

Quelle: Global Environmental Outlook 3 (2001). Gefahr der Verwüstung in Asien und im Südpazifik

eigene Aufnahme: Desertifikation in Andhra Pradesh 2010 (zum Vergrößern anklicken)

eigene Aufnahme: Versuch der Nachfolgenutzung nach vier Jahren Bt Cotton in Andhra Pradesh 2010 (zum Vergrößern anklicken)

Im Ergebnis werden also die Nährstoffkapazität des Bodens, die Nährstoffaufnahme der Pflanzen und die Wasserverfügbarkeit negativ betroffen. Da die Pflanzen für die gentechnisch veränderten Komponenten – die Resistenzen gegen die Totalherbizide – zusätzliche Nährstoffe benötigen, verliert der Boden zunehmend an Fruchtbarkeit. Natürlich geht auch die Biodiversität zurück.

All diese Faktoren führen auf lange Sicht zum Niedergang der Landwirtschaft durch zunehmenden Raubbau an Boden und Grundwasser. Im Fall der kapitalistischen Inwertsetzung, kommt noch eine Besonderheit hinzu. Weil die Bauern nur über geringe eigene Mittel verfügen, müssen sie Schulden aufnehmen. Mit ihnen können sie dann erst Saatgut, Pestizide, Dünger und Maschinen erwerben. Da sie von Banken nur selten Kredite erhalten, nehmen sie diese privaten Geldverleihern auf. Die Zinsen liegen dabei meist über 40%. Zur Gegenfinanzierung nehmen sie Hypotheken auf ihr Land auf. Da der Bt Cotton aber geringere Erträge liefert, geraten sie in eine Verschuldungskrise. So müssen sie nach und nach ihr Land verkaufen und können es bestenfalls als Pächter weiter bewirtschaften, aber dann geht von der Ernte die Pacht ab. Andere Perspektiven sind, sich als Landarbeiter zu verdingen oder in ein städtisches Elendsviertel zu ziehen. 11 Ökonomische Misere und damit eine Verschlechterung der Lebenssituation sind die Folgen. Für die Familie bedeutet es, dass für ihre Kinder höhere Schulen oder gar die Universitätsausbildung nicht mehr möglich sind.

Betroffen sind weitgehend Personen, die an sich in stabilen sozialen Lagen lebten, aber nun ihre Perspektiven verloren haben. Das erklärt auch die “geringere” Tendenz in den ärmsten Schichten sich umzubringen. Denn sie hatten überhaupt nicht die Möglichkeit sich zu verschulden. 12 Im “Suicide Belt” trägt auch die Politik unwissentlich und unbeabsichtigt einen Teil dazu bei. Den Hinterbliebenen wird eine gewisse Geldsumme ausgezahlt. Allerdings werden sie von den Geldverleihern genötigt und bedroht mit dieser Summe die Schulden zu begleichen. Daher “ermuntern” die Geldverleiher die Männer häufig dazu Selbstmord zu begehen. So wird die Familie aufgesucht und dieser Ausweg aus der Verschuldungsmisere aufgezeigt. Natürlich wird auch nachgeholfen, in dem die Familie bedroht oder die Frauen und Töchter vergewaltigt werden. 13

2. Industrie und soziale Frage

Die vier südindischen Bundesstaaten Kerala, Karnataka, Andhra Pradesh und Tamil Nadu gelten als die mit am meisten fortgeschrittenen Staaten in Indien. Nur der Punjab mit seinen fünf fetten Flüssen, hat ein höheres Wirtschaftsaufkommen. Mit den Städten Kochi, Bengaluru/Bangalore, Chennai und Hyderabad (umgangssprachlich Cyberabad) ist untrennbar der Aufstieg Indiens zur IT-Weltmacht verbunden. Indische Unternehmen wie InfoSys, Tata und WIPRO reihten sich seit Ende der 90er Jahre in die Spitze der größten IT-Konzerne ein. Jedes größere IT-Unternehmen hat einen Sitz in einen dieser Städte. Nicht nur die Call-Center, die man ständig in deutschen Medien sieht, haben sich dort angesiedelt, sondern der gesamte höhere Unternehmensbereich von Beratung bis Entwicklung. Auch die Industrie floriert in diesen Städten. Chennai gilt als Detroit Indiens und weist mit dem Manali Chemical Park nicht nur einen der größten Chemieparks Indiens, sondern auch eines der größten Katastrophengebiete in Sachen Umweltverschmutzung auf. 14 2006 hat sich BMW angesiedelt. Herausragend ist das Industriedreieck Bangalore-Coimbatore-Salem bzw. die Industriekorridore Coimbatore-Salem und Salem-Bangalore. Sie sind nicht nur für formvollendete Wasser- und Luftverschmutzung berühmt, sondern auch für zahlreiche Industrieanlagen, die die ganze Bandbreite abdecken: v.a. Zement, Metallverarbeitung, Stahlherstellung, Maschinenbau, Elektronikgeräte, Plastikprodukte 15 und Textilien.. Die nördlich von Chennai gelegene Stadt Ranipet schafft es regelmäßig unter die Top-Ten der am meisten verschmutzten Orte der Welt, was so viel bedeutet, dass an diesem Ort die meisten Menschen mit Schwermetallen vergiftet werden. 16 Tirupur und Erode, Lederstandorte direkt im Industriekorridor, folgen Ranipet dicht auf. Diese drei Städte sind auch für Umweltproteste bekannt. Salem gilt als die Medizinhochburg Indiens, was allerdings auch auf die nicht gerade sachgerechte Entsorgung von medizinischen Abfällen zutrifft. Coimbatore ist in Umweltdingen weniger belastet. Ökonomisch ist die Stadt von der Textilindustrie, Maschinenbau 17 und Autozulieferern geprägt.

Den gesamten Industriekorridor prägen nicht nur Industrie und Umweltverschmutzung, sondern auch die soziale Lage vieler Menschen. Zwar handelt es sich um eine demografische und ökonomische Wachstumsregion, weil die Geburtenrate hoch und die Sterberte niedrig ist sowie viele Menschen aus Norden hierher einwandern 18, dennoch ist Armut weit verbreitet. Die vier Bundesstaaten gelten u.a. auch deshalb als Selbstmordkapital nicht nur Indiens, sondern der gesamten Welt: 50.000 Menschen töten sich jedes Jahr (Stand 2002). Das ist ein Drittel der indischen Opfer. Kerala, das am höchsten entwickelte Bundesland, weist auch die höchste Selbstmordrate auf. Sie ist dreimal so hoch als im Rest Indiens. Selbst Forscher stehen schweigend vor dieser Zahl und können sie sich kaum erklären. Eventuell liegt es auch nur daran, dass in anderen Bundesstaaten die Opfer nicht aufgenommen werden. Die Selbstmordzahl verteilt sich nahezu gleichmäßig auf die drei Altersgruppen Jugendliche, Erwachsene (bis 44 Jahre) und Alte. Junge Menschen kommen häufig mit dem sozialen Druck nicht klar. Alte erwartet am Ende ihres Arbeitslebens, das ja durch die Umweltverschmutzung schneller eintreten kann, als man denkt. 19 Da sie niemand mehr haben, der sie versorgt bzw. ihrer Familie nicht zur Last fallen wollen, begehen sie Selbstmord. Auch ist das ein Weg um den enormen Schmerzen zu entgehen. Medikamente und Spezialbehandlungen sind für sie unerschwinglich.

In Tirupur bringen sich gegenwärtig etwa 50 Menschen pro Monat um. Die Polizei sieht die Ursache wie folgt:

Tirupur district Superintendent of Police A. Arun said the garment workers, who were mostly from rural backgrounds, faced a culture shock in the new environment. The police were thinking in terms of issuing them identity cards so as to protect them from anti-social and criminal elements.

Der Superintendent des Tirupur Distriks A. Arun sagte, die Textilarbeiter, die hauptsächlich einen ländlichen Hintergrund haben, erleben einen Kulturschock in der neuen Umgebung. Die Polizei denkt darüber nach ihnen Ausweise zu geben um sie so vor asozialen und kriminellen Elementen zu beschützen. (eigene Übersetzung)

Abgesehen von der lächerlichen Maßnahme der Polizei, ist auch die Analyse falsch. Niemand bringt sich wegen eines Kulturschocks um. Die hohe Zahl unter Textilarbeitern liegt daran, dass sie keinen Ausweg mehr sehen. Die Arbeitsbelastung ist enorm und der Lohn kläglich. Sie leben mit ihrer gesamten Familie in nur einem Raum, wobei die Behausung aus Bananenfasern und Palmwedeln bestehen. Diese gehören ihnen noch nicht einmal selber. Sie müssen für sie vergleichsweise horrende Mieten zahlen. Junge Frauen werden besonders gerne in die Industrie geholt via dem System des Sumangali Thittam. Vermittler ziehen über das Land und versprechen das Blaue vom Himmel, d.h. gut bezahlte Arbeit, mit der die Frauen ihre Familie ernähren und finanzieren können. In der Stadt angekommen, sind sie sozial isoliert. Der versprochene Lohn ist viel niedriger. P.T. Thufail nennt 30.000 Rupees für drei Jahre (umgerechnet zwischen 470 bis 500 Euro). 20 Gemäß des Sumangali Thittam müssen die Frauen die Vermittlungsgebühren abbezahlen und müssen erreichbar in Unterbringungen des Vermittlers oder der Industriellen sein. Natürlich sind sie häufig Drohungen, Einschüchterungen und sexueller Gewalt ausgesetzt. Da es Indien flächendeckend an schlagkräftigen Gewerkschaften fehlt bzw. diese häufig mit der Politik verschwippt sind 21, kommt Hilfe nur von NGOs und sozialen Aktivisten.

Die Textilindustrie Indiens erlebte in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Krisen. Die größte Krise führte die englische Kolonialverwaltung mit der Monopolisierung der Textilproduktion ein. Indische Baumwolle wurde nach Manchester transportiert und dort zu Kleidung verarbeitet, die schließlich wieder nach Indien eingeführt wurde. Das führte zu einem enormen Schwund an Wissen. Die Textilindustrie musste nach der Unabhängigkeit 1947 erst wieder aufgebaut werden. 22 Eine weitere Krise bracht die Verwendung von Kunstfasern. An der indischen Industrie ging diese Entwicklung vorbei. Sie konnte erst wieder in den 90er Jahren Anschluss herstellen. Zu dieser Zeit machte sich aber China auf den Markt billiger, manueller Tätigkeiten aufzurollen. Elektronik, Plastikprodukte und eben auch Textilien wurden zu Stützpfeilern des Neuen China. Diese Konkurrenzsituation versuchte man in Indien durch Produktivitätssprünge zu begegnen. Der Maschineneinsatz wurde erhöht und die Arbeiter und Arbeiterinnen immer mehr ausgebeutet. Lohnerhöhungen lagen immer unterhalb der Inflationsrate und Überzeit wurde zur Regel. Seit der Weltwirtschaftskrise wurden mehrere zehntausend Arbeiter entlassen und die Unterbeschäftigung nahm zu. 23 Viele Arbeiter sind nun gezwungen ihre Ernährung noch mehr einzuschränken und selbst die schäbigen Behausungen, in denen sie bis dato hausten, zu verlassen.

So ist es also kein Wunder, dass Menschen in dieser Lage nur noch einen Ausweg aus ihrer schlechten Situation sehen und sich selbst oder gemeinsam mit ihrer Familie umbringen.

Lesehinweis:

M. Kailasam and K. Sundaram (2010) Wave of garment workers suicide in Indian “boom” town

Quellen:

Qayum, A. & K. Sakhari (2005) Bt cotton in Andhra Pradesh. A three year assessment.

Shiva, V. (1992) The violence of the green revolution: Third World agriculture, ecology and politics. ZED Books. London. (man kann auch bei google books hineinlesen, siehe Link)

Fußnoten

1. In der Regel vermeidet man den Begriff Opfer, da man sich nicht mit den Umständen auseinander setzen möchte, sondern spricht von Toten oder Selbstgetöteten.

2. Sie wird via Mahyco in Indien vertrieben.

3. Damit wäre es keine richtige Subsistenz, aber die wäre ja dann auch spätestens in der Bronzezeit durch zunehmende Arbeitsteilung und Tauchbeziehungen verändert worden.

4. Indien hatte 2000 noch über 600 Mio. Arme, d.h. Menschen, die von weniger als 1$ pro Tag gelebt haben. Diese Zahl wurde auf unter 300 Mio. gesenkt. Wer an die boomende Wirtschaft denkt, geht fehl. Die indische Statistik hat die Armutsschranke auf 28 Rupees/Tag gesenkt.

5. Aus eigener Erfahrung gibt es nur jeden zweiten Tag zwei Mahlzeiten, ansonsten nur eine. Die Varianz der Nahrung ist sehr eingeschränkt und beschränkt sich in der Regel auf Grundnahrungsmittel (Reis, Weizen, Linsen) mit ein bis zwei Soßen, etwas Gemüse und wenigen Gewürzen. Fleisch und Milchprodukte sind selten.

6. Es gibt auch gentechnische Veränderung auf natürliche Art, nämlich Kreuzungen zwischen verschiedenen Stämmen und Arten.

7. Tatsächlich haben die Genpflanzen nur einen Vorteil. Sie sind gegen die Totalherbizide ihrer jeweiligen Hersteller resistent. Die Entwickler dieser Genpflanzen sind samt und sonders Chemiekonzerne wie z.B. Bayer (Glufosinat bzw. Basta/Liberty), Syngenta (Paraquat), Monsanto (RoundUp).

8. Eine interessante Frage wäre es, ob den Vermarktern Anreize wie z.B. Prozente und Sonderzahlungen beim Verkauf von Gentechprodukten und den dazugehörigen Spritzmitteln gemacht wurden. Leider habe ich dazu noch nichts gefunden.

9. Üblicherweise geht man bei Pilzen von Schmarotzern/Parasiten aus. Hier ist aber die Frage, wer an wem schmarotzt. Die Pflanze ist im hohen Maße auf Pilze angewiesen, diese aber nicht so sehr auf die Pflanze.

10. Unter Evapotranspiration fasst man zwei Prozesse des Wasserkreislaufes auf. (1) Die Evaporation, also der Übergang von Wasser in Wasserdampf infolge von Sonneneinstrahlung – unter Hitze wäre es bekanntlich je nach Salzgehalt und Luftdruck bei etwa 90° bis 100°, was die Aufnahme doch recht einschränken würde. (2) Die Transpiration von Pflanzen, also die Verdunstung von Wasser über die Spaltöffnungen in den Blättern. Durch diese beiden Effekte steigt lokal bis regional (man denke einen Kontinent weiter nach Südamerika mit dem Amazonasregenwald) die Luftfeuchtigkeit, die sich bis hin zu lokaler Wolkenbildung und sei es nur Nebel, auswirken kann. Besonders hervorzuheben ist die Fähigkeit dadurch während der Trockenzeiten für Feuchte zu sorgen. Die flächenhafte Vernichtung der Pflanzenschicht hat also enorm negative Auswirkungen auf diese Mikrowasserkreisläufe der Atmosphäre.

11. Sollte die indische Politik ihr Vorhaben der Mechanisierung durchsetzen, wird es auch genau dazu kommen und indische Städte stark anwachsen. Ökonomische Perspektiven gibt es freilich keine.

12. Jedoch ist zu bedenken, dass dieser Unterschied auch einfach nur der medialen Aufmerksamkeit geschuldet sein kann. Da selbst mittelständische Bauern verarmen und den Ausweg im Selbstmord sehen, können die Bauernverbände, die Parteien und die Medien deswegen eher bereit sein darüber zu berichten als über arme Bauern.

13. Um es mit den Worten von Phoolan Devi zu sagen: “Vergewaltigung ist in Indien nichts außergewöhnliches. Sie ist alltäglich. Sie geschieht jeden Tag.” Vergewaltigung wird häufig als Bestrafung wegen mangelnden Gehorsams und Unterwürfigkeit eingesetzt.

14. Das illustre Nebeneinander von verrosteten Tanks, gebrochenen Überlaufbecken und funktionsuntüchtigen Kläranlagen verleiht dem Viertel einen besonderen Charme. Vollendet wird das Bukett durch die feine Mischung aus brandgefährdeten Raffinerien in Nachbarschaft von Fabriken zur Herstellung von Raketentreibstoff und Düngemitteln.

15. Das Granulat wird im SIPCOT-Industriepark Cuddalore hergestellt. Der freundliche Ort hat es geschafft einen eigenen Untersuchungsausschuss zu beschäftigen.

16. Dabei hat Ranipet Orte wie Tschernobyl und mehrere russische und chinesische Industriestandorte distanziert. Hauptsächlich handelt es sich um Chrom, das für die Gerbereien hergestellt wird. Zufällig lässt man das Abwasser oberirdisch versickern – was entsprechend für Proteste sorgt.

17. Insb. die hochentwickelten Pumpen für Wasser und Abwasser erfreuen sich international einer höheren Beliebtheit als national.

18. Natürlich macht man für alle Konflikte die Einwanderer aus dem Norden verantwortlich. Z.T. sind hindufaschistische Organisationen wie die RSS und Bajrang Dal dabei mitgewandelt und fassen zunehmend Fuss.

19. Schwermetalle führen zu enormen Schäden an Organen, Knochen, Augen und beeinträchtigen die Konzentrationsfähigkeit. Schwermetalle werden nur kaum bzw. gar nicht vom Körper abgebaut.

20. Der Monatslohn eines festangestellten Textilarbeiters liegt zwischen umgerechnet 45 und 50 Euro.

21. West Bengalen ist ein krasses Beispiel für die Komplizenschaft der Gewerkschaftsführung mit der CPI, die auch über Leichen von Arbeitern und Bauern gehen, z.B. in Nandigram.

22. Gandhi schwebte eigentlich die Idee der dörflichen Entwicklung vor und dem Versuch möglichst viel dezentral zu produzieren. Das symbolisierte das Spinnrad und die selbstgewebte Kleidung. Nehru warf all diese Ideen nach dem Tod Gandhis über den Haufen.

23. Die Unternehmer schieben die Schuld natürlich auf die Garnindustrie, weil diese angeblich zu teuer geworden sei.

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