Verfasst von: sauvradaeva | August 14, 2012

Die Jugend der ägyptischen Moslembrüder: zwischen Loyalität und Rebellion

Die Moslembruderschaft (kurz MB) in Ägypten ist ein stark hierarchisch aufgebauter Apparat. Für Außenstehende tritt er oft in der Gestalt sozialer Einrichtungen, für die Staat und Wirtschaft nicht sorgen wollen, auf: kostenlose medizinische Einrichtungen, Essenstafeln, Schulen und Kindergärten. In den landesweit verzweigten Büros gibt es Schulungseinrichtungen für die Erwachsenenbildung, in welchen Lesen&Schreiben, Mathematik bis hin zu Computerkursen unterrichtet werden. Eine andere Seite der Moslembruderschaft ist ein weit verzweigtes Netz aus Stiftungen und Firmen von beträchtlichen Umfang. Der Reichtum, der hierbei erwirtschaftet wird, z.B. von der Gesundheitsindustrie, zeigt sich im Hauptsitz der Moslembruderschaft, der sich in Kairo ausgerechnet im luxeriösen Stadtteil „Gartenstadt“, dem teuersten Stadtteil ganz Ägyptens. Allerdings haben sie unlängst ihren Hauptsitz in den Stadtteil Moqattam, in ein Gebäude entsprechender Größe, verlegt. Nach außen tritt die MB also gutbürgerlich und als Dienstleister auf.

Für die Mitglieder stellt sich das Leben in der MB natürlich anders da.Viele beschreiben die MB als „Familie“. Die allermeisten wurden durch Familienmitglieder an die MB herangeführt, viele wurden bereits als Kinder darin sozialisiert. Mit den anderen MB-Mitgliedern verbindet sie eine gemeinsame soziale Geschichte und Beziehungen werden seit Kindesbeinen an gepflegt.

Anders als im deutschen Schrebergartenverein, kann man nicht einfach so Mitglied in einer Gruppe der Moslembruderschaft werden. Die MB geht bekanntlich davon aus, dass ihre Glaubensbrüder weitgehend vom Islam abgefallen sind und der Reislamisierung bedürfen. Demnach lebt man also in einer Zeit der Ignoranz (jahiliyya). An sich würde das bedeuten, dass damit jeder Glaubensbruder vom Islam abgefallen sei, worauf konsequenterweise die Todesstrafen stehen würde. Statt dessen setzt die MB auf eine Doppelstrategie: Mission und der allmähliche Wandel des öffentlichen Bilds. Mit der Mission geben sie zum einen ein beispielhaftes Vorbild ab (z.B. Kleidung, Verhalten), zum anderen rufen sie die „islamischen Werte“ in Erinnerung. Hier sollte man beachten, vor allem um nicht ihrer Ideologie auf den Leim zu gehen, dass es sich dabei um ihre Werte handelt, die natürlich sehr deutlich ihre Motivlage beschreibt, z.B. die Ignoranz gegenüber jeglicher sozialen Frage zugunsten einer Debatte um Sekundärtugenden. Da die MB ja auch Großunternehmer ist, liegt auf der Hand, dass somit Löhne und soziale Leisetungen begrenzt werden sollen. Der allmähliche Wandel des öffentlichen Bildes gestaltet sich in der Regel so, dass man nichts unternimmt um Bausubstanz, technische Infrastruktur und Straßenarchitektur zu verbessern, sondern „untugendhaftes“ Verhalten sanktioniert, d.h. vornehmlich Kleidungs- und Konsumnormen sowie konservative soziale Normen durchsetzt. Da wie gesagt für die MB der Rest der islamischen Welt vom Glauben abgefallen wäre, also ca. 1,4 Mrd. Moslems, bildet man avantgardistische Gruppen, in denen das wahre „islamische Leben“ gestaltet werden soll. Das sind die lokalen und regionalen Gruppen der MB, die Jama (= in diesem Fall Gemeinschaft). Dabei wird der Begriff Jama als Gemeinschaft der aufrichtigen Moslems von der Gesamtheit der Moslems, der Umma, getrennt. Damit man als normaler Mensch Mitglieder in dieser erlauchten Gesellschaft werden kann, muss man Prüfungen bestehen und wird zunächst Mitglied auf Probe. In dieser Zeit wird man auch in Gruppen betreut, die entsprechendes deviantes Verhalten sanktionieren. Je nach Leistung und Begabung kann man in der MB weiter aufsteigen, wobei sich die Akzeptanz nach der Fähigkeit Koran, Hadithe und die Ergüsse Hassan al Bannas zu beherrschen und weiteren nützlichen administrativen, technischen oder medizinischen Fähigkeiten richtet. Mitglieder der MB arbeiten in den Büros und sozialen Einrichtungen. Ihre „ehrenamtliche“ Tätigkeit wird natürlich kaum bezahlt und statt dessen verweist man auf den Lohn im Jenseits und die Reputation, die man durch das ehrenamtliche Engagement erreicht. Fachkräfte wie Ärzte und Informatiker fallen natürlich nicht darunter, sondern weitgehend die nichtakademische Belegschaft der sozialen Einrichtung. Während die niederen Ränge keinerlei Mitbestimmungsrecht haben, dürfen höhere Ränge in den Ausschüssen mitwirken und genießen das aktive und passive Wahlrecht. Abgesehen von diesen organisatorischen Zwecken, dienen die Moscheen und Moscheevereinen der Geselligkeit.

In dieser streng hierarchischen und von sozialen Kontrolle dominierten Gruppe wäre zwar zu erwarten, dass Fraktionierungen kaum auftreten, aber es ist doch der Fall. In der Regel bilden sich Fraktionen um einflussreiche, intellektuelle Köpfe. Abdolmonein Abouel Fotouh ist das bekannteste Beispiel für einen solchen Kopf. Diese Personen bilden innerhalb der Moslembruderschaft aber nur Ausnahmen. Sie sehen sich auch nicht in einer Rolle die Moslembruderschaft zu stürzen, sondern zu reformieren – wie z.B. Heiner Geißler oder Friedbert Pflüger in der  CDU. Insbesondere mit den verbandsinternen Wahlen 2008 wurde die Moslembruderschaft konservativer und wie Hossam Tammam beschreibt zunehmend qutbistischer und salafistischer, d.h. die Moslembruderschaft verlor zunehmend an Integrationskraft und setzte auf rigide Durchsetzung ihrer Normen und Kader (z.B. in den Professionsverbänden). Dies führte insbesondere in der Jugendorganisation und in der Fraktion, die die Hizb al Wasat (Zentrumspartei – eine Sammlungsbewegung aus Konservativen, Moslembrüdern und koptischen Klerus) zu Zerwürfnissen.

Während des Aufstandes gegen Mubarak und nach dessen Abdankung brachen die Konflikte in der Moslembruderschaft offen aus. Die Führung der Moslembruderschaft war sichtlich bemüht die Revolution einzudämmen und Mubarak an der Macht zu halten. Große Teile ihrer Jugendorganisation nahmen trotz gegenteiliger Aufrufe an Demontrationen teil. Wie sehr sich die Jugend mit der Revolution und wie wenig sie sich mit ihrer Organisation selbst identifizierten, konnte man an der Anzahl der Symbole der Moslembruderschaft erkennen: Die Tendenz ging gegen Null.

Im März 2011, also nach dem Sturz Mubaraks, veröffentlichte die Jugendorganisation ein Pamphlet, in welchem sie die Führung scharf angriffen und Neuwahlen forderten:

„Eine Gruppe der Jugend der Muslimbrüder mit etwa 2000 Mitgliedern hat die Absicht eine Demonstration für die Auflösung des autoritären Führungsgremium und des Shura-Rates zu organisieren um eine Revolution zu starten.
(…) Es bedarf eines Wandels in der Organisation der Muslimbrüder und ihrer Ansichten vom Individuum , der Familie bis zur Gesellschaft und zum Staat. Man muss auch zur Lehre von Hassan al-Banna zurückkehren und offen für die Gemeinschaft werden. Sollten die jungen Leute am 17. März eine Revolution beginnen, werden sie eine Delegation zum Führungsgremium entsenden um die Umsetzung ihrer Forderungen zu verlangen, nämlich: “Auflösung des gegenwärtigen Shura-Rates und des Führungsbüros, welche wegen der einst drohenden Unsicherheit bestimmt wurde. Die Verwaltungsbüros in den Gouvernementen bleiben bis zur Wahl eines neuen Vorstandes bestehen. Ein vorübergehendes Gemeinschaftsreferat aus fünf Leuten unter der Führerschaft von Mohammed Mahdi Akef, des vorhergehenden Führers der Gruppe, und von vier Personen, die versierte Nicht-Mitglieder des Führungsbüros sein müssen, wird verantwortlich für die Aufsicht der Gruppenaufgaben sein bis eine neuer Führungsrat gewählt wurde.”

Sie betonten, dass sie im Falle, dass man ihnen ihre Forderungen versagt, einen unbefristeten Sit-In vor dem Führungsgremium durchführen. Im Fall, dass ihre Revolution Erfolg hat und man ihren Forderungen entspricht, was man für Anfang April erwartet, werden sie Schritte zur Modernisierung der Gruppe einleiten.

Kamel Samir Farag Allah, Hauptkoordinator der Revolution, sagte “al Masry al youm”: “Wir saßen mit den Vorsitzenden des Führungsgremiums für drei Tage zusammen. Sie akzeptierten unsere Forderungen nicht, aber wir haben den Plan gefasst innerhalb von 17 Tagen mit den Jugendgruppen in den Gouvernementen zusammenzukommen und die Revolution zur Durchsetzung unserer Forderungen für den 17. März anzuberaumen.”

(da die arabische Originalquelle nicht mehr verfügbar ist, verweise ich auf die gekürzte englische Version.)

Zwar kam es nicht zu diesem Sit-In, aber die Jugendorganisation griff weiterhin die Führungsriege an. Dabei wurde sie aber kaum von den intellektuellen Dissidenten wie Fotouh unterstützt:

Nach Expertenmeinung über die Gruppe, hat das autoritäre Wesen von Ägyptens ehemaligen Regime starke Wirkung auf die inneren Angelegenheiten der Moslembruderschaft entfaltet. Die Angst vor Repression hat zur Schwächung der verschiedenen Institutionen der Gruppe – namentlich des Shurarates – und zur Konzentration der Macht in Händen weniger Mitglieder des Führungsrates geführt. “Der Führungsrat ist ein Exekutivkörper und die Rolle der Exekutive ist es den Betrieb am Laufen zu halten und es ist der Shurarat, der Entscheidungen fällen sollte,” sagte al Barqy.

“Der Status der Frauen in der Gruppe ist nicht länger zu akzeptieren. Vielleicht war es so in der Vergangenheit wegen polizeilicher Einschüchterung,” sagte Al Barqy, der Applaus von Dutzenden junger, verschleierter Schwestern, gekleidet in Tuniken und langen Röcken, erhielt. Einige dieser jungen Fachfrauen vertreten die Ansicht, dass das alte Statut, dass Frauen von der Postenübernahme in den einflussreichen Machtstrukturen der Gruppe ausschloss, angesichts der aufstrebenden politischen Landschaft, überarbeitet werden sollte.

Als sowohl die Hizb al Wasat endlich legalisiert und das konservative Lager die Hizb al Hurriya wa’l Adala (Freiheits- und Gerechtigkeitspartei), gründeten auch die Jugendlichen der Moslembruderschaft eine Partei, die Hizb Al-Tayyar Al-Masry (Strömungspartei, wobei Strömung zwei Aspekte berüht: Die Entwicklung in eine Richtung und die Integration und Integrationsbereitschaft. Wie es der Name ausdrückt sieht man sich als eine Gruppe unter vielen, aber auch in einer Führungsrolle.).

“Wir können uns nicht auf die islamische Sharia beziehen, weil es keine islamistische Partei und keine Partei der Jugend der Moslembruderschaft ist, ” sagte Mohammed Shams, 24jähriger Mitgründer der Partei. “Nicht alle Gründungsmitglieder gehören den Moslembrüdern an.”

Die Stellungnahme sieht eine große Rolle der jungen Leute vor: “Wir wollen, dass die Partei den Geist der Revolution ausdrückt, d.h. wir wollen, dass die meisten Führer jung sind,” sagte Mohamed Affan, ein 30 Jahre alter Moslembruder und Mitbegründer der Partei. (…)

Affan sagte vergangenen Monat gegenüber Al Masry Al Youm: “Die Rivalitäten zwischen der Jugend und der Gruppenführung haben in eine Sackgasse geführt. Jetzt denken wir darüber nach eine eigene unabhängige Gruppe für uns zu schaffen.” (…)

Nach Mahmoud Hussein, dem Geschäftsführer der Moslembruderschaft, war sich die Führung der Gruppe über diese Entwicklung seit zwei Wochen bewusst. Er sagte, dass die beteiligten jungen Mitglieder von ihren direkten Vorgesetzten zum Verstoß gegen die Gruppensatzung befragt werden.
“Die Gruppe hat entschieden, dass kein Mitglied einer Partei beitreten darf [keiner anderen als der offiziellen Gruppenpartei, Anm. i. O.],” sagte er und spielte die Möglichkeit herunter, dass die Beteiligten einen Einfluss auf andere junge Brüder haben, in dem er ausführte, dass sie nur eine kleine Minderheit in der Jugend der Moslembruderschaft spielen.
Die Befragung der Beteiligten könnte das Vorspiel zu ihrem Ausschluss aus der Gruppe sein. “Niemand kann mir meine Mitgliedschaft bei den Moslembrüdern entziehen,” sagte Sameh al Barqy, ein 37jähriger Bruder. “Ich bin Teil der Gruppe seit 19 Jahren und hoffe, dass ich immer noch ein Bruder sein werden, wenn ich sterbe.”

Für ihre Mitglieder ist die Moslembruderschaft nicht nur eine politische Gruppierung. Die Gruppe funktioniert quasi als Parallelgesellschaft, mit der sich die Mitglieder identifizieren. Nach Experten wachsen sie in einem Moslembruderumfeld auf, schließen Freundschaften, verheiraten sich und finden Jobs. Daher ist eine Trennung von der Gruppe eine große Herausforderung.

Barky fügt hinzu, dass es keine Möglichkeit gibt, dass er der Partei der Gruppe, der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, beitreten könnte, die offiziell Anfang Juni anerkannt wurde. “Mit allergrößtem Respekt gegenüber der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, sie befriedigt mich nicht und entspricht nicht meinen Zielen,” sagte Barqy und berief sich auf den Mangel an Unabhängigkeit der Partei.

Deutlich treten die Konflikte der autoritären Struktur zutage. Darin zeigt sich der Mangel an Repräsentation und Mitsprache sowie ein weiterer wichtiger Punkt, das Wesen des Staates. Soll dieser Staat nun ein islamischer Staat sein oder ein Staat für die Moslems oder ein Staat für die Staatsbürger? Die Jugend der Moslembrüder, was einer enormen Krise der Bruderschaft im Gesamten entspricht, spricht sich für die letzte Version aus, während die konservativen Kräfte einem islamischen Staat anhängen. Über dieses Selbstverständnis hinweg, spielen programmatische Gesichtspunkte wie Wirtschafts- und Sozialpolitik, Verwaltungswesen oder das Arrangement der Institutionen noch keine Rolle bzw. man hat noch keine Zeit gefunden sich damit zu beschäftigen.

Die Führung der Moslembruderschaft löste schließlich den Konflikt so, dass sie alle Mitglieder, die andere Parteien als die Hizb al Hurriya wa’l Adala unterstützten, aus der Organisation ausschloss. Da zuvor bereits Fotouh und andere Personen aus der Organisation geworfen wurden, führte diese Sanktion zu einer internen Befriedung der Partei. Viele Jugendliche und Kritiker verstummten. Denn wie eingangs dargestellt, ist die Bruderschaft auch eine Quasi-Familie, der viele seit ihrer Kindheit angehören und zahlreiche soziale Kontakte geknüpft haben. Der Verlust dieses sozialen Umfeldes und der Entzug der sozialen und organisationellen Unterstützung hat viele davon abgehalten ihren Ansichten Nachdruck zu verleihen und zu ihrem politischen Rückzug geführt.

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