Verfasst von: sauvradaeva | Oktober 24, 2012

Nahwestexperte Peter Scholl-Latour

Peter Scholl-Latour, verhinderter Kriegsheld gegen die Vietminh, gilt weithin als anerkannter Experte für den Nahen Osten und freilich darüber hinaus, also auch dem Rest der Welt. So hat er nicht nur eine unglaubliche Anzahl an Dokumentationen und Büchern erstellt, sondern ist auch als Gast und Kommentator gerne gesehen in Talkshows und Printmedien, z.B. dem rechtsextremen Blatt Junge Freiheit. Selbst zum Vorsitzenden der deutsch-arabischen Gesellschaft hat er es gebracht, nach dem Rücktritt Otto Wiesheus.

Wie sich daraus ablesen lässt, schätzt man Peter Scholl-Latour in der breiten Öffentlichkeit sehr, in diesem Blog genießt dieser Hochstapler aber nur Verachtung. Wie man bereits anderen Beiträgen entnehmen kann, sehen wir die Methodik Peter Scholl-Latours als maßgeblich verantwortlich für den breiten kulturalistische Diskurs in Medien und Gesellschaft, in welchem nicht konkrete Problemstellungen analysiert werden, sondern Kultur, Rasse und Religion als grundsätzliche Ursachen analysiert werden. Die nie belegte und selten thematisierte Voraussetzung für diese Methodik ist demnach, dass Rasse, Kultur und Religion alle menschlichen Gedanken und Handlungen bestimmen würden. Emprisch ist dies leicht widerlegbar, wenn man sich nur die Fülle im Nahen Osten betrachtet. Methodisch fragwürdig ist deshalb, weil man sich nicht die Mühe macht, die Personen selbst nach ihren Motiven zu befragen.

An einem Beispiel soll dies verdeutlicht werden: Nur mit dieser Methodik kann man zu der gewagten These kommen, dass Demokratie und Islam unvereinbar seien. Dafür lassen sich sogar auf den ersten Blick Belege finden. Nur, Demokratie und Menschenrechte haben im Nahen Osten eine andere Bedeutung als im Westen. Im Großen und Ganzen gelten sie im Westen – außer man ist Schwarzer, Latino oder Indianer in den USA, Katholik in Nordirland oder Baske in Spanien und vor allem, man ist nicht reich. Wenn nun die jeweiligen Regierungen mit diesen Werten im Nahen Osten hausieren gehen, aber gleichzeitig Kriege führen, die „Weltgemeinschaft“ UNO ignorieren und jeden massenmordenen Despoten unterstützten, wer würde dann als Betroffener im Nahen Osten noch etwas Gutes an Demokratie und Menschenrechten finden? Bestenfalls nimmt man sie als Heuchelei war, im schlimmsten Fall aber als exklusives Recht des weißen Mannes um sich arabische und iranische Marionettenregierungen zu halten. Wer soll denn im Iran der 50er Jahre ein Anhänger des Westens sein, wenn just dieser die demokratische Regierung Mossadegh gestürzt hat?

Besser als hier, haben es bereits Anis al Hamadeh und Daniel Schwarz (1993, S.22ff) in „Das Schwert des Experten“ satirisch ausgedrückt:

Dumpf und monoton dröhnten die Kirchenglocken der christlichen Gemeinde im Gotteshaus zu Paderborn. Die westfälische Stadt ist eine religiöse Hochburg, die wie ein urbanes Relikt aus der Zeit Karls des Großen anmutet, der hier einst ein Bistum stiftete, um die Kirche als mächtiges Instrument des Heiligen Römischen Reiches einzusetzen. Die unverkennbare und nicht zu unterschätzende Solidarität zwischen der okzidentalen katholischen Kirche und der regierenden christlichen Partei beweist die Verstrickung von abendländischer Religion und Herrschaft, die bis zum heutigen Tage von Bedeutung ist. Unüberhörbar riefen die Glocken zum Kirchgang auf. Bedrohlich, obskur, ja fast apokalyptisch wirkte das Orgelspiel im Inneren; eine bucklige Gestalt hämmerte fanatisch auf das Instrument ein, damit die alemannischen Gläubigen – überwiegend blond und blauäugig – in ekstatischen Rhythmen und zu düsteren Gesängen ihrem Herrn huldigen konnten. Es war Sonntag, der christliche Freitag, und der Pfarrer, ein ganz in schwarz gekleideter Patriarch, stand auf der Kanzel, um das Gebet vorzusprechen, das die Gläubigen als raunender Chor wiederholten. Eingebettet in christliche Parolen hörten wir die Predigt. Der Geistliche verlas emphatisch einige Aussprüche des Propheten Jesus, der im Christentum ja bekanntlich die Rolle des Gottessohnes einnehmen muss. Ein Blick in die düsteren Gesichter der Menge verriet mir etwas über das historische Band, das diese Gemeinschaft zutiefst zusammenhält und alle Andersgläubigen ausschließt; und zwar nicht nur die muslimische Minderheit, die dem neuerstarkenden Germanien zu einem guten Teil zu seinem Wohlstand verholfen hat, sondern auch die undurchschaubar vielen anderen Konfessionen der Bibelreligion, die sich über jahrhundertelangen blutigen Zwist hinweg haben behaupten können. Im Religionsfrieden von Augsburg wurde 1565 die Kirchenspaltung festgeschrieben und den Herrschern das Recht gegeben, den Glauben ihrer Untertanen selbst zu bestimmen. Die unzähligen Kriege, die die Region dann noch lange zersetzen und erschüttern sollten, und auch die Hunderttausende von brutal ermordeten Ketzern während der Inquisition deuten auf die Instabilität der christlichen Dogmen hin, die allerdings von den Massen akzeptiert wurden, als der Reichtum späterer Kolonialzeiten den Wohlstand brachte.Dank meiner landesüblichen Kleidung wurde ich in der üppig verzierten Bartholomäuskapelle, die in Ausschmückung und Architektur nicht frei von Effekthascherei ist, kaum als Fremdkörper wahrgenommen, ja, es schien mir sogar, als könnte ich hinter dem martellischen Lächeln eines zahnlosen Alten in der letzten Reihe die Gewissheit spüren, für einen der Ihren gehalten zu werden.

Quellen:

Hamadeh, A. & D. Schwarz (1993) „Auge um Auge oder: Die wundersamen Erzählungen eines arabischen »Nahwest-Experten«
in: Klemm, V. & K. Hörner (Hrsg.) Das Schwert des »Experten«. Peter Scholl-Latours verzerrtes Araber- und Islambild. Palmyra Verlag. Heidelberg.

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