Verfasst von: sauvradaeva | November 6, 2012

Moslemhass als Einstiegsdroge für Antisemitismus

Gerne werden Vergleiche, sei es aus wissenschaftlichem Interesse um gemeinsame bzw. unterschiedliche Faktoren herauszuarbeiten, sei es aus plakativen Motiven um Themen, denen wenig oder die falsche Aufmerksamkeit gewidmet wird, herauszustellen. Ein Vergleich mit Antisemitismus wird gerne beim Rassismus gegen Türken und Araber, bürgerlich als „Islamkritik“ verklausuliert. Hierbei stützt es sich vor allem auf die Parallelen zwischen der Diskursart des Rassismus, u.a. die Einordnung der Menschen nach Religion, die Zugrundelegung eines Deutschtums, das andere Religion jenseits des Christentums oder Germanentums ausschließen würde, und die Unterstellung einer Weltherrschaftsabsicht der diskriminierten Bevölkerung zu Lasten der deutschen Mehrheit. Von einigen intellektue llen Hochstaplern wie z.B. Matthias Küntzel werden diese Vergleiche als unsachlich und unzutreffend abgelehnt. Tatsächlich entspringt die Kritik dieser Hochstapler anderen Motiven als dem Interesse nach exakter Wissenschaftlichkeit und gründlicher Analyse. Küntzel, Clemens Heni und Henryk Broder sind zum einen selber Rassisten, zum anderen hegten einige den Wunsch im Zentrum für Antisemitismusforschung, dem zum damaligen Zeitpunkt Wolfgang Benz vorstand, bevor er absehbar in Rente ging, ihre verbeamteten Versorgungsposten zu beziehen. Daraus wurde aber nichts. Wie man also sieht, brachte die Debatte nichts zum Verständnis des Islamhasses und legte nur die tiefe Unkenntnis des Antisemitismus bei den Benz-Gegnern offen. Matthias Küntzel ist zum Beispiel tatsächlich der Ansicht, dass sich der Moslemhass anhand der Theologie und Religiosität der Moslems entwickeln hätte:

Sicherlich müssen wir einem Rassismus, der sich kulturalistisch artikuliert, entgegentreten. Aber warum immer dieser Judenvergleich? An der Oberfläche mag es Textbausteine geben, die sich ähneln. Wer tiefer schürft, merkt sofort, wie stark dieser Vergleich hinkt. Ein Beispiel:
Die jüdische Religion verbietet die Missionierung, die muslimische Religion verlangt sie.

Besonders durch das Fehlen an Verschwörungstheorien würde sich der Antisemitismus von der Islamophobie unterscheiden:

Was Juden auf Grundlage der gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ unterstellt wird, wird somit von einem bestimmten Segment der Muslime wahrhaftig und öffentlich propagiert.

Auch wenn jeder Generalverdacht gegen Muslime zurückzuweisen ist, kann doch zweitens niemand übersehen, dass die Vorbehalte gegen Muslime auf realen, von Muslimen begangenen Verbrechen basieren, während die Feindschaft gegen Juden keine realen Auslöser hat. Ereignisse wie der 11. September oder die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh habe keine Entsprechung in der jüdischen Tradition.

Demnach lässt sich für Küntzel festhalten, dass sich der Moslemhass auf Grundlage einer Übertragung der Gefahren des Islamismus auf alle Moslems entfalten würde. Der Antisemitismus dagegen hätte sich unprovoziert entwickelt.

Wer sich nur ein Wenig mit dem Nationalsozialismus auseinander gesetzt hat, weiß, dass auch die Nazis alle Juden für alle Taten von jüdischen Gruppen und einzelnen Juden verantwortlich gemacht haben. Neben den Kampagnen jüdische Geschäfte zu boykottieren, ist die Reichskristallnacht das bekannteste Beispiel. Als ein junger Mann in Paris einen Vertreter des Nazis wegen der Diskriminierung der Juden im Deutschen Reich erschoss, kam es zu zunächst spontanten Pogromen gegen Juden und ihr Hab und Gut. Ab dem 9. November wurden die Pogrome organisiert geführt und landesweit Juden verfolgt, ihre Sachen zerstört oder geraubt und sie selber Opfer von Gewalt und Mord. Es wurden über 20.000 Juden in Konzentrationslagern interniert. Schließlich musste im Nachgang die Juden im Deutschen Reich (inkl. des annektierten Österreichs) Entschädigungen, die sog. „Judenvermögensabgabe„, für die zerstörten Sachwerte aufbringen.

Dieses Ereignis genießt in rechten Kreisen bis heute ungebrochene Beliebtheit. So wollten am Jahrestag 2007 deutsche und tschechische Neonazis durch das Judenviertel in Prag marschieren. Alljährlich marschieren um dieses Datum die Kameradschaften zum „Heldengedenktag“ durch München, wobei mit „Helden“ die Toten des Ersten Weltkriegs, allerdings nicht die toten, jüdischen Soldaten, gemeint sind. Mit dem Datum des Heldengedenktags der Nazis, die damit den Volkstrauertag ablösten, hat der Münchner Kameradschaftszug nichts zu tun. Denn unter den Nazis wurde der Heldengedenktag imMärz gefeiert. Um sowohl den Hitler-Ludendorff-Putsch vom 9. November 1923 wie auch der Reichskristallnacht im November 1938 zu verherrlichen, wird deshalb zumeist Anfang November in München marschiert. Dass in einem Bundesland, in dem Neonazis mehr oder weniger unbehelligt jüdische Verleger ermorden oder eine Bombe auf dem Oktoberfest platzieren dürfen, solch ein Marsch nicht verboten wird, ist nicht allzu verwunderlich.

Dieses Jahr hat die Veranstaltung jedoch einen neuen Charakter. Pro München modernisierte den Aufmarsch. So wird man am kommenden Wochenende unter dem Motto „München gegen Islamisten. Nein zur Moschee.“ eine Plattform bieten um die Reichskristallnacht zu verherrlichen. Natürlich wird auch neues Publikum dabei sein, nämlich Pro-Anhänger und gescheiterte CSUler. Altbekannte Gesichter der Vorjahre aus NPD und Kameradschaften haben ebenfalls ihr Erscheinen angekündigt.

Um den Antisemitismus wieder hoffähig zu machen, wird die selbe Form der Kategorisierung, Ausgrenzung und Diskriminierung auf Moslems übertragen. Wie es Küntzel stellvertretend für seinen Rassismus darlegt, können die Neonazis und die „Rechtspopulisten“ darauf hoffen, dass Dritte tendenziell eine „Gefahr“ vom „Islam“ wahrnehmen, die sie aufnehmen und weiter radikalisieren können. Schließlich wird diese Kulturalisierung und die stellvertretenden Stigmatisierung von Bevölkerungsgruppen für soziale und ökonomische Probleme das Feld bereiten um weitere Teile der Bevölkerung nach ihrer vermeintlichen Religionszugehörigkeit kategorisieren, diskriminieren und stigmatisieren zu können. Hindus werden es aber bestimmt nicht sein. Bei diesen Debatten um Antisemitismus-Islamophobie-Vergleichen wird diese Dimension bislang ausgeblendet.

Kontraproduktiv sind Aufrufe wie der „Münchner Appell„:

Die Rechtspopulisten instrumentalisieren gesellschaftliche Fragen und soziale Problemstellungen, um etwa Menschen mit Migrationshintergrund und insbesondere Muslime als Verantwortliche für bestimmte Probleme zu kennzeichnen.

Es gibt religiösen Fundamentalismus, Verletzung von Menschenrechten und so genannte „Integrationsdefizite“. Doch können diese Konflikte nicht pauschal einzelnen gesellschaftlichen Gruppen angelastet werden, sondern müssen als gemeinsame Herausforderung aller Münchner Bürgerinnen und Bürger begriffen werden. Wir wenden uns gegen das Austragen gesellschaftlicher Problemlagen auf dem Rücken von Minderheiten und setzen uns für die Suche nach gemeinsamen Lösungsansätzen mit den Menschen vor Ort ein. Wir dürfen nicht zulassen, dass Rassismus und Ausgrenzung über den Umweg von Kulturkampf- Parolen und der Instrumentalisierung von religiösen Fragen im kommunalpolitischen Alltag an Einfluss gewinnen.

Mit diesem Appell werden oben genannte soziale und ökonomische Probleme auch wieder nur einer bestimmten Bevölkerungsgruppe angelastet. Indem man den Rassismus bejaht, wird sich jedoch der Rassist nur bestätigt fühlen.

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Responses

  1. Hein wirft ansonsten inzwischen der Bahamas und Osten-Sacken wegen deren Beschneidungskritik eliminatorischen Antisemitismus vor 🙂

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