Verfasst von: sauvradaeva | November 23, 2012

Indischer Faschistenführer gestorben

Der Gründer Shiv Sena (dt. Shivas Armee, abgekürzt SS und die meinen das auch so) Bal Thackeray ist am 17. November endlich gestorben. Leider hinterlässt er mit der Shiv Sena eine funktionierende faschistische Organisation als regionale Variante der Hindutva-Ideologie.

Als Indien von England unabhängig wurde, blieben zunächst die alten Verwaltungseinheiten bestehen. Nehru versuchte die Macht in Delhi zu zentralisieren und Hindi als verpflichtende Einheitssprache durchsetzen. Auf seinem Weg zum Zentralstaat eliminierte er im Lauf der ersten Jahre nach der Unabhängigkeit die „princely states“ (z.B. Hyderabad, Mysore, Gwalior). Nominell gehörten sie nicht der Kolonie Britisch-Indien an, mussten aber als Klientenstaat Tribute und Teile ihrer Souveränität abtreten. Mehrere dieser princely states wollten eigentlich unabhängig bleiben, wurden aber besetzt (z.B. Hyderabad) oder anderweitig genötigt sich Indien anzuschließen. Der Kashmirkonflikt, der sich mittlerweile von einem Unabhängigkeitskrieg zu einer fundamentalen Auseinandersetzung zwischen Pakistan und Indien entwickelt hat, ist ein bis heute ungelöster Konflilkt. Die Bombay Presidency ging aus den Handelsstützpunkten und Eroberungen der Britsh East India Company hervor (u.a. war auch der Südjemen ein Teil der Bombay Presidency). Nach dem erfolglosen indischen Aufstand von 1857-59 wurde die East India Company aufgelöst und gelangte als Kolonie unter die Verwaltung des englischen Imperialismus. Teile der Bevölkerung machten nicht nur in der Bombay Presidency die Zentralisierung und die Durchsetzung von Hindi nicht mit, da sie ja eine andere Sprache sprechen, nämlich Marathi. Auch in Westbengalen und vor allem im dravidischen Süden, allen voran die DMK in Tamil Nadu, gab es langanhaltende Auseinandersetzungen. Im Laufe der 50er wurden die Staaten deshalb auf linguistischer Basis neu geordnet, wobei Englisch als Zweitsprache der Verwaltung herangezogen wurde, aber die dominierende Sprache eines Bundesstaats zur Hauptsprache. Die Bombay Presidency wurde dadurch in Gujarat und Maharashtra geteilt. Ein Teil dieser Sprachbewegung erweiterte dies zu einer Identitätsbewegung und hetzte gegen religiöse Minderheiten (v.a. Moslems), die Nichtmarathen und Zuwanderer. Aus diesem Teil ging Bal Thackeray hervor.

Ungeachtet dessen war Maharasthra bedeutungsvoll in der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Gandhi lebte in Ahmedabad, im heutigen Gujarat. Der berühmte Salzmarsch von 1930 ging von seinem Ashram in Amedabad bis nach Dandi, einem Küstenort der Bombay Presidency. Ambedkar, ebenfalls eine herausragende Figur der Unabhängigkeitsbewegung, kämpfte für die Emanzipation der unteren Kasten, der Dalits. Das Problem sah er im Hinduismus, in welchem Menschen in eine Kaste eingeteilt wurden, je nach dem, von wem sie erzogen wurden. Nach dem er vergeblich in der Unabhängigkeitsbewegung, insb. bei Gandhi, dem nichts besseres als ein Titel wie Harijan einfiel um die Misere zu beenden, für die Erreichung der Emanzipation stritt, verfolgte er die Religionskonversion zum Buddhismus. Diesem Beispiel folgen noch heute die Dalits. Besonders ist hervorzuheben, dass aufgrund seiner Tätigkeit die Dalit eigenständige Organisationen in Maharasthra, v.a. die Republican Party, entwickelt haben um bei „Kastengräueln“ (Vergewaltigungen, Folter, Mord), begangen durch die oberen Kasten, Widerstand zu organisieren.

Beide Personen, ihre Ideale und Programme sind Feindbilder der Faschisten in Indien. Gandhi wurde wegen seines Engagements gegen den Hass zwischen Hindus und Moslems von einem Hindufaschisten ermordet. Unter den Faschisten gelten die Gandhian principles als humanistisches Gutmenschentum, das nicht genügt sich gegen einen Gegner zu richten. Diese Gegner sind für die Faschisten nicht nur Anhänger anderer Religionen (hier vor allem Moslems, Buddhisten, Sikhs, Christen), sondern auch ethnische Minderheiten und die unteren Kasten. Grundsätzlich stört sie an Gandhi, dass er Konflikten auf Identitätsebene nicht sah. Unrecht besteht für ihn, aber nicht als Merkmal einer Identitätsgruppe. Seiner Programmatik entsprach es, diese mittels gewaltlosen Mitteln zu begegnen – auch in der Erwartung weiterhin diskriminiert und verletzt zu werden – bis sich ein Umdenken im Gegenüber eingestellt hat bzw. in den Mitmenschen, die einem zur Hilfte eilen würden. Dass dies auch ein Bruch mit Ambedkar zur Folge hatte, liegt auf der Hand. Denn Ambedkar sah das Grundübel der Kastendiskriminierung im Hinduismus begründet (und darüber dann in den Hindus selbst) – er selbst sah zum Beispiel kein Grundursache in der Ökonomie. Die Faschisten hassen Ambedkar wegen der angeblichen Herabwürdigung des Hinduismus, wegen der von ihm erzeugten massenhaften Übertritte zu anderen Religionen und dem Aufbegehren der Dalits gegen Autoritäten und obere Kasten.

Bal Thackeray machte hierbei keine Ausnahme. Er masste sich an für eine Erfindung wie marathische Identität zu stehen und somit die Marathen vertreten zu dürfen, insb. wenn es um angebliche kulturelle Werte gehe (Thackeray war z.B. sehr in Bollywood engagiert, einer der schlimmsten Angriffe auf jede Kultur und sonstiger Kommerzialisierung und Folklorisierung von Kultur). Besonders gegen Moslems und Wirtschaftsmigranten aus anderen Bundesstaaten (v.a. Bihar und Uttar Pradesh) hetzte Thackeray ein Leben lang. Diese Hetze gegen andere Inder hatte nichts mit deren Stellung im Wirtschaftsleben zu tun, da er auch gegen Südinder hetzte, die er nach ihren Wickelröcken als „Lungis“ beschimpfte. Nach seiner Diktion nahmen sie nur die Arbeit den Marathen weg, waren kriminell und faul. Die Gujaratis gehörten für ihn auch nicht nach Maharashtra, da sie nicht „Söhne der Erde“ (Bhumiputra) wären. In den 60er und 70er Jahren griffen er und seine Anhänger die Läden, Gaststätten und Häuser dieser Inder an, wobei es mehrere hundert Tote gab. Nach der Zerstörung der Babri Moschee in Ayodhya – die Hindufaschisten reklamierten den Ort als ehemaligen Standort eines Tempels – kam es auch im Dezember 1992 unter seiner Leitung zu Pogromen gegen Moslems in Mumbai. Regelmäßig kommt es aufgrund von Kastengräueln zu Auseinandersetzungen mit den Dalitorganisationen, wobei sich natürlich die Polizei auf die Seite der Faschisten stellt.

Bal Thackeray brüstete sich deswegen häufig ein Verehrer Adolf Hitlers zu sein. Eine weitere Gemeinsamkeit zu ihm bestand darin geldgierig zu sein. Ein guter Teil seines Vermögen erwarb er durch Schutzgelderpressung (z.B. von der Bollywoodfilmdindustrie). Er war auch für Großunternehmen nützlich die streitbaren Gewerkschaften in Mumbai, die an die Communist Party of India – es gibt mehrere – angegliedert waren, zerschlagen zu haben. Hierzu dienten ihm auch seine hervorragenden Kontakte in kriminelle Milieus. Diese kriminellen Milieus revanchierten sich allerdings 1993 für die Mumbai Riots und töteten in einer Serie von Sprengstoffanschlägen mit mehr als 250 Toten.

Sein Rassismus und die Unterstützung der Großunternehmen (u.a. Spenden für Stimmenkauf) erlaubten es der Shiv Sena fast durchgehend seit Anfang der 70er Jahre den Bürgermeister Mumbais zu stellen. Den größten Erfolg erlebten die Faschisten dann auch mit der Landtagswahl 1995, als sie diese zum ersten und einzigen Mal gewann.

„International“ stellte man sich mit den anderen hindufaschistischen Organisationen gut, v.a. mit der BJP, der RSS (einfach das R weglassen um ihr Idol zu erkennen) und dem VHP.

Zur weiteren Lektüre: Bal Thackeray, or, why the communists did nothing

Advertisements

Responses

  1. stellt sich die Frage, als was Bal Thackeray wiedergeboren wird

  2. Die Frage ist doch eher, was hat er in seinem vorherigen Leben gemacht um als Bal Thackeray wiedergeboren zu werden?


Kategorien

%d Bloggern gefällt das: