Verfasst von: sauvradaeva | März 9, 2013

Shah Bagh Proteste in Bangladesch

In den vergangenen zwei Wochen wurde vor dem internationalen Strafgerichtshof in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, gegen einige Täter des Völkermörds von 1971 verhandelt. Die Verhandlungen wurden von en sogenannten Shah Bagh-Protesten begleitet, benannt nach dem Platz in Dhaka. Dabei wurden Forderungen nach Hinrichtung der Täter und dem Verbot der Jamaat-e Islami und ihres Studentenverbandes Islami Chhatra Sibir erhoben.

Abul Kalam Azad, nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen indischen Bildungsminister und auch nicht dem ehemaligen indischen Präsidenten, wurde am 21. Januar in Abwesenheit zum Tode wegen Zwangskonversion von Hindus zum Islam, Vergewaltigung, Mord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Vor seiner Inhaftierung gelang ihm die Flucht nach Pakistan.

Abdul Quader Mollah, stellvertretender Vorsitzender der Jamaat-e Islami, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt als Mitglied der Razakar-Miliz 344 Menschen ermordet zu haben, was ihm seinerzeit den Titel „Schlächter von Mirpur“ eingebracht hatte. An dem Tag seiner Verurteilung begannen auch die Proteste. Die Teilnehmer der Demos forderten seine Hinrichtung und das Verbot der Jamaat-e Islami und aller Vorfeldorganisationen.

Am 27. Februar wurde der ehemalige Parlamentsabgeordnete und Tele-Imam Delwar Hossein Sayedee wegen Mord, Vergewaltigung, der Überlassung von Frauen und Mädchen zum Zwecke der Vergewaltigung an das pakistanische Militär, Völkermord an Bengalen und Völkermord an der Hindu-Minderheit zum Tode verurteilt.

Auf ihre Verhandlungen warten u.a. Ghulam Azam, Motiur Rahman Nizami, Ali Ahsan Mohammad Mojahid, ASM Yahia, Mir Kashem Ali und Mohammad Kamaruzzaman. Weitere Verdächtige leben im Ausland, z.B. Chowdhury Mueen-Uddin, Vorsitzender einer religiösen Wohlfahrtseinrichtung in London und der East London Mosque in Whitechapel.

1. Reaktionen der Islamisten

Die Jamaat-e Islami hat bereits vor einem Jahr Proteste gegen die Prozesse geführt. Sie werfen den Richtern vor politische Prozesse zu führen um die Opposition zu unterdrücken. Nach eigenem Selbstverständnis würde die JI darin eine große Rolle spielen. Die JI ist so erfolgreich, dass sie zusammen mit allen anderen islamistischen Parteien eine große Wählerliste aufgestellt hat und trotzdem nicht die 5%-Hürde genommen hatte. Dank zweiter Direktmandate in Chittagong zogen sie aber doch noch ins Parlament ein. International versucht die JI diese Legende der verfolgten Unschuld weiter zu verbreiten und erntet unter ihren islamistischen Gesinnungsgenossen auch reichlich Zuspruch – aber nur da. Die ägyptischen Moslembrüder beklagen ebenfalls die angeblich ungerechten Verhandlungen  und fordern die Freilassung der Völkermörder. Yusuf al Qaradawi, einer der gegenwärtig einflussreichsten islamistischen Prediger, verbreitet dieselbe Mär.

In Bangladesch selbst riefen die Islamisten zu Protesten auf. Sie ermordeten Anfang Februar einen bekannten Blogger Ahmed Rajib Haider, der die Shah Bagh Proteste gegen die JI koordnierte. Die Islamisten, auch die Islami Oikkya Jote und Khelafat Andolan sowie Mitglieder der Hizb-ut  Tahrir und Tablighi Jamaat, griffen mehrfach die Shah Bagh-Protestierenden an und drohten bekannten Personen mit dem Tode. Besonders taten sich Mitglieder der Islami Chhatra Sibir (kurz ICS bzw. JeI-ICS) mit Angriffen und Plünderungen hervor. Ende Februar kam es zu heftigen Auseinandersetzungen der Islamisten mit der Polizei und Protestierenden, wobei alleine am 28. Februar 44 Menschen starben. Ingesamt stieg die Zahl der Toten auf über 100. Neben den Shah Bagh-Protestierenden haben es die Islamisten besonders auf Symbole des Unabhängigkeitskampfes wie die häufig anzutreffenden Märtyrerstelen der bengalischen Sprachbewegung und Einrichtungen religiöser und ethnischer Minderheiten wie Hindus und Buddhisten. Besonders inm Chittagong-Distrikt und in Noakhali, Hochburgen der Islamisten, griffen sie Hindus an. Zugleich riefen sie zu Streiks, hartals genannt, auf und in einigen kleineren Städten sorgten sie dafür, dass Geschäfte nicht öffnen konnten. Da die JI hierbei auch von der BNP, der Partei des ehemaligen Militärdiktators Rahman, unterstützt wird, sind in Zukunft auch größere Streiks möglich.

Natürlich ergreift die JI eine Doppelstrategie. Die Drecksarbeit machen Vorfeldorganisationen und Verbündete, wie die Islami Chhatra Sibir oder die Islami Oikkya Jote. Sie selbst präsentieren sich als friedlich und redliche Verteidiger iher Angelegenheit. So behaupten sie bis heute, dass es zwar einen Völkermord gab, sie aber nicht daran beteiligt waren. Sie wollten ihn sogar verhindern.

2. Rezeption des Völkermords

Zwar ist die Unabhängigkeit Bangladeschs und der Völkermord als Thema präsent, aber bislang hat man die Taten nur dem pakistanischen Militär und der biharischen Minderheit, die selbst noch nach 40 Jahren als Folge aus dem Krieg unter miserablen Bedingungen leben müssen und Diskriminierung ausgesetzt sind, angelastet. Bengalen wurden nur in der Opferrolle gesehen. Die Jamaat-e Islami war zwar direkt nach dem Krieg verboten und vieler ihrer Köpfe flohen ins Ausland, in der Regel nach England, Pakistan und in die konservativen Golfmonarchien, aber unter der Militärregierung Ziaur Rahman wieder erlaubt. Rahman nutzte die Kontakte der Islamisten nach Saudi-Arabien um seine Regierung zu festigen. Die Islamisten waren sein Instrument um bereits in der Bildung autoritäre Strukturen durchzusetzen und zivilgesellschaftliche Organisationen zu verhindern. Gleichzeitig sollten sie auch Entwicklungshilfe aus Saudi-Arabien kanalisieren. Anläßlich einer Bombenserie in 2005 durch die Jamaat ul Mujahideen Bangladesh wurden die Untaten der Jamaat-e Islami,  die damals an der Regierung der BNP beteiligt waren, wieder thematisiert. Damals schrieb man Täterschaft die Serie von über 500 Bombenattentaten einem „Einzeltäter“, Bangla Bai, zu. Er wurde schließlich gefasst und hingerichtet, allerdings fegten die Proteste damals die Regierung aus dem Amt. Jedoch übernahm das Militär für ein Jahr die Regierung und schlug auch die Proteste nieder. Mit den aktuellen Verhandlungen werden diese historischen Themen wieder aufgegriffen. Die Regierung der Awami-League nutzt vor allem dies für ihre Politik der Säkularisierung, in dem zum Beispiel der Islam Verfassungsrang verlor und diskriminierende Gesetze, die unter der Vorgängerregierung unter dem Vorwand der Religion verabschiedet wurden, ausgesetzt oder ganz abgeschafft wurden. Zu dem wurden in sog. „Tendenzbetrieben“, also religiösen Einrichtungen und Religionsschulen der Schleierzwang abgeschafft.

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