Verfasst von: sauvradaeva | März 14, 2013

Vergewaltigungen als politisches Instrument in Ägypten

Vergewaltigungen werden in Ägypten unter allen Diktatoren genutzt um die Opposition und lästige Kritiker zu terrorisieren und dazu zu bewegen von Politik Abstand zu nehmen, d.h. die Grundlagen des herrschenden autoritären Systems durch Kritik und Forderungen nach Freiheit und Mitbestimmung anzugreifen. Besonders die vorherrschenden konservativen Ansichten zur Rolle der Frau als Ehe- und Hausfrau begünstigen dies, da sie die Täter entlasten und der Frau eine Mit- oder Vollschuld geben. Natürlich wird von Konservativen die Frau in einer zwiespältigen Rolle gesehen, einerseits kann sie die ach so „edle“ Aufgabe erfüllen den Mann zu unterstützen durch gute Hauswirtschaft und als Mutter die Kinder erziehen, also sich komplett seiner Autorität unterwerfen und jeden Anspruch auch Mitbestimmung und gerechte Aufgabenteilung aufgeben. Unter zunehmenden Legitimationsdruck stehend sieht auch der Konservatismus von der Propagierung dessen ab, was er als „natürliche Ordnung“ betrachtet. Deshalb versucht man diese Wertvorstellung rational zu begründen, mit dem Wohl des Kindes, mit der Arbeitsteilung zur Unterstützung des Mannes. Wie man spätestens seit Ursula von der Leyen und Kristina Schröder auch in der BRD weiß, beschränken sich diese Ansichten nicht nur auf Männer, sondern werden auch offensiv von Frauen vertreten. In Ägypten bemühten sich darum bereits in den 20er und 30er Jahren islamistische Frauen. Am bekannsten ist Zaynab al Ghazali (pdf), die bereits die islamistische Version von der Selbstverwirklichung der Frau an Heim und Herd propagierte, ihr aber zusprach, dass sie sich auch in der Öffentlichkeit politisch betätigen und sogar eine Karriere verfolgen dürfe – aber nur, wenn sie vorher Heim und Herd managet. Im Konservatismus gibt es aber auch die Zuschreibung an Frauen, dass manche durch ihren Lebenswandel und ihr Auftreten einen zersetzenden Charakter auf die Gesellschaft ausüben, besonders einen verderblichen Einfluss auf den Mann haben und ihn so vom Rechten Weg abbringen würden. In Ägypten bedeutet dies nach Lesart der Islamisten ihn vom Islam entfremden [1]. Somit können die Islamisten Frauen, die ihnen nicht passen, auch außerhalb jeglicher Diskussion stellen, da es sich um subversive Elemente handeln würde. Mit den Frauen, die an Demonstrationen teilnehmen verhält es sich analog. Wenn diese angegriffen werden dann nur, weil sie ihren zersetzenden Einfluss ausüben. Würden sie zuhause bleiben, würden sie diese Angriffe, sexuellen Belästigungen und Vergewaltigungen auch nicht provozieren. Der Ausschuss für Menschenrechte der ägyptischen Regierung äußerte sich hierzu wie folgt:

„Frauen sollten sich nicht während der Proteste mit Männern zusammentun.“ sagte Reda al Hefnawy, Mitglied der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei. „Wie kann das Innenministeriun die Aufgabe bewältigen Frauen zu beschützen, wenn sie zwischen Männern steht?“

Salah Abdel Salam, Mitglied der salafistishen An Nur-Partei, glaubt, dass Frauen verantwortlich sind für sexuelle Belästigungen. „Die Frauen muss die Belästigung erdulden, wenn sie sich dafür entscheidet an Orten zu protestieren, die mit Schlägern voll sind.“

Diese Vorwürfe verdrehen natürlich nicht nur den Sachverhalt in die gewünschte Richtung, sondern geben auch den Demonstranten die Schuld, weil entweder die Vergewaltiger aus ihren Reihen kämen oder weil die Demonstrationen bereits „gesellschaftliche Korruption“ verursachen oder, weil sie die Frauen nicht beschützen können.

Ahmed Mohammed Abdullah, ein salafistischer Prediger, äußert sich sogar wie folgt:

„Sie (die Frauen) gehen dorthin um vergewaltigt zu werden. 90% von ihnen sind Kreuzritter, der Rest Witwen ohne Ehemänner, die sie im Zaum halten könnten.“

Wie es z.B. auch der deutsche Begriff „schänden“ ausdrückt, wird durch die Tat nicht der Vergewaltiger entehrt, sondern das Opfer, ihm wird Schande bereitet. Dies wird durch das in Ägypten dominante Patriarchat begünstigt. So können die Opfer in der Familie oder in der Öffentlichkeit noch nicht einmal uneingeschränkt mit Solidarität rechnen, sondern müssen befürchten ein zweites Mal Opfer zu werden – das erste Mal durch die Tat, das zweite Mal durch die Vorwürfe der Gesellschaft. Diese Konstruktion der Entehrung erlaubt es auch, Frauen die Taten anzulasten und zu Freiwild zu erklären. [2] Denn würde sich nach dieser Weltanschauung eine Frau anständig benehmen, wäre sie nicht Opfer einer Vergewaltigung oder sexueller Belästigung geworden. Durch ihr Verhalten hat sie also selbst zur Tat beigetragen. Zudem müsse sie grundsätzlich wegen ihres subversiven Verhaltens bestraft werden. Diese Bestrafung übernahmen früher die Polizisten und Militärs Mubaraks (z.B. mittels des Jungfrauentests). Auch heute noch wird dieses politische Instrument der Einschüchterung und Terrorisierung angewendet. Zahlreiche Frauen wurden bereits am Rande der Demonstration Opfer von Gruppen von Männern, die die Frauen zunächst von ihren Freunden absondern und schließlich begrapschen, ihnen die Kleider vom Leib reißen und schließlich vergewaltigen. Wie sich bereits im Dezember herausgestellt hat, handelte es sich ehedem unter Mubarak um Polizisten und seit seinem Sturz um Personen, die von der Moslembruderschaft bezahlt und ermutigt werden.

Die Moslembrüder stellen sich in Ägypten gerne als Verfechter der Rechte der Frauen und Wahrer ihrer Integrität dar und fordern härtere Strafen für Sexualstraftäter (Quelle 1, 2, 3). Vor dem Sturz Mubaraks zielten diese Ansprüche und Forderungen darauf ab den Sicherheitsapparat Mubaraks bloß zu stellen – was ja übrigens auch zutrifft. Nur, nach seinem Sturz beendeten sie diese Kampagnen und verwehren sich jetzt gegen Kritik an religiöser Legitimation von Vergewaltigungen und sexuellen Belästigungen. In einem offen Brief an Mona al Tahawy, wies der Herausgeber der Internetseite der Moslembrüder dies vehement zurück: Vielmehr sei ein landesweite Kampagne notwendig um nachhaltige Erfolge zu erzielen und natürlich striktere Verfolgung.

Ein demokratisches Ägypten, in welchem die Bürger über die Programme der Moslembrüder informiert sind und in welchem die Gesetzgebung der souveräne Ausdruck des Volkes ist, wird den Erfolg dieser und anderer Programme sicherstellen und damit zu Wohlstand in der Gesellschaft führen, mit den Frauen als Rückgrat.

Die Kampagne ist natürlich ein rein ideologisches Konzept, abgesehen von einigen Programmen um die berufliche Selbstständigkeit der Frau zu fördern, die aber nicht umgesetzt, geschweige denn überhaupt geplant sind. Die Übergriffe werden auf ein Problem der Strafverfolgung reduziert. Wie erwiesen ist, tritt Vergewaltigung am häufigsten im direkten Umfeld der Frau auf, also in Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft. Zur Motivation der Vergewaltiger wird kein Wort verloren und natürlich wird die physische, psychische und soziale Rehabilitierung der Opfer mit keiner Silbe thematisiert. Dagegen wird die konservative Rolle der Frau als Rückgrat der Gesellschaft durch ihre Funktion als Mutter und im Haushalt hervorgehoben. Die autoritäre Rolle der Familie wird also beibehalten, nur Mann und Frau sollen einsichtiger in die familiäre Arbeitsteilung werden. Dazu verspricht man ihnen die oben genannte Unterstützung, die vermutlich nie kommen wird.

Wie sehr die Moslembruderschaft die Strafverfolgung intensiviert hat, erkennt man daran, dass Polizisten und Armeepolizei weiterhin ungehindert Frauen in Haft vergewaltigen und durch sexuelle Übergriffe einschüchtern können. Am bekanntesten wurde dabei das Video einer Frau, die zusammengeschlagen und der die Kleider vom Leib gerissen wurden:

Seit Dezember werden die Moslembrüder zudem wiederholt damit konfrontiert, dass sie die Vergewaltiger rund um Demonstrationen bezahlen und ermutigen würden:

Magda Adly, die Leiterin des „Nadeem Centre for Human Rights“, sagt, dass unter Mubarak, die Regierung Schläger anheuerte um Männer zu schlagen und Frauen sexuell zu belästigen.

„Das findet auch jetzt statt.“ sagt sie der Times. „Ich glaube, dass die Schläger dafür bezahlt werden dies zu tun … Die Moslembruderschaft nutzt die selben politischen Instrumente wie Mubarak.“

Marwah Farouk, Mitglied der ägyptischen sozialistischen, nationalen Einheitspartei, beschreibt wie sie und zwei Parteikolleginen von Mitgliedern der Moslembruderschaft verschleppt, geschlagen und eine Frau von ihnen begrapscht wurde. Die danebenstehende Polizei ermutigte die Moslembrüder.

In einem Bericht von Channel 4 werden Schläger interviewt, die gestehen, dass sie Geld erhalten Frauen anzugreifen um sie von Demonstrationen fernzuhalten. Sie geben den Frauen die Schuld, weil sie sich nicht korrekt kleiden würden und Männer dadurch schwach würden – also eine Rechtfertigung für die Übergriffe der Täter. (Der Fernsehbericht ist nur mit Anmeldung zu sehen)


Fussnoten:

1. Gleichwohl ist das wesentliche Element, dass man den Islam nach Lesart der Islamisten nicht befolgen würde, dass man ihn nur als Tradition und nicht aus Reflektion folgt und weil ihre reine Lehre im Laufe der Jahrhunderte verwässert wurde, so dass man die Moslems nun reislamisieren müsse.

2. In Bangladesch wurden während des Unabhängigkeitskrieges hunderttausende Frauen vergewaltigt und eine Unzahl in Lager verschleppt um dem pakistanischen Militärs und den islamistischen Milizen zur Vergewaltigung zu dienen. Die Islamisten der Jama’at-e Islami legitimierten dies mit dem unislamischen Verhalten der bengalischen Frauen, die sich ja außerhalb des Islams stellen würden. Analog hat auch der Führer der Jama’at-e Islami Sayyad Abul Ala Mawdudi den Völkermord an den Bengalen gerechtfertigt, denn diese hätten seiner Ansicht nach mit ihrem Streben nach Sprachautonomie und Selbstverwaltung den Islam verraten und verdienten deshalb den Tod. Eine Primärquelle eines pakistanischen Soldaten schildert dies wie folgt: „we were told to kill the hindus and Kafirs (non-believer in God). One day in June, we cordoned a village and were ordered to kill the Kafirs in that area. We found all the village women reciting from the Holy Quran, and the men holding special congregational prayers seeking God’s mercy.“ Die „Kafirs“ (Ungläubigen) sind natürlich die bengalischen Moslems. Insgesamt wurden zwischen 1,25 und 5 Millionen Bengalen vom pakistanischen Militär und islamistischen Milizen ermordet. Es überrascht nicht wirklich, dass die Moslembrüder ihre Solidarität mit den kürzlich verurteilten Massenmördern von der Jama’at-e Islami bekunden.

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