Verfasst von: sauvradaeva | Mai 7, 2013

Islamistische Reaktion in Bangladesch

Seit zwei Jahren werden in Bangladesch Prozesse gegen die Täter des Völkermords während des bangladeschischen Unabhängigkeitskrieges geführt. Seit Februar wurden deswegen neun Personen verurteilt, zum Teil zum Tode. Bei den Angeklagten handelt es sich ausschließlich um Mitglieder islamistischer Organisationen und Parteien, die sich während des Völkermordes bereits in führenden Positionen befanden und Folter, Vergewaltigungen und Morde durchführten. Da die Forderung nach Unabhängigkeit Bangladeschs aus der Unterdrückung der bengalischen Sprache herrührte, wurden vor allen anderen Intellektuelle und Künstler Ziel der Angriffe. Auch Minderheiten wie Hindus, sog. Tribes (z.B. in den Chittagong Hill Tracts) und Buddhisten wurden Opfer der Gewalt. Im Norden Bangladeschs, einst ein großes Zentrum des Buddhismus, leben heute kaum mehr Buddhisten, da die Mehrzahl 1971 ermordet wurde.

In Reaktion darauf mobilisierten die Islamisten der Jamaat-e Islami, neben dem pakistanischen Militär die Haupttäter des Völkermordes, und mit ihr verbundene islamistische Gruppen wie Islami Oikya Jote, die Terrororganisation Hizb-ut Tahrir und die Vorfeldorganisation Hefajat-e Islam (islamisches Protektorat) zu Gegendemonstrationen und Aktionen. Blogger wurden bedroht, ermordet und die Bestrafung weiterer Blogger wegen Blasphemie gefordert.

Folgende zwei Artikel bieten einen Überblick über den Völkermord und die aktuellen Prozesse.

Hintergrundinfos zum Prozess und Tathergang

Shahbagh-Proteste in Dhaka

Liberalisierung in Bangladesch

Die islamistischen Parteien übten in der Vergangenheit leider großen Einfluss auf die Zivilgesetzgebung in Bangladesch aus. Während der ersten Militärregierung in Bangladesch unter Ziaur Rahman von 1978 bis 1982 wurden die islamistischen Parteien wieder zugelassen und ihnen Immunität zugesichert, u.a. dem Anführer der Jamaat-e Islami Gholam Azam. Die Islamisten sollten nicht nur die Militärdiktatur stabilisieren, sondern auch Gelder aus dem Golf vermitteln. Im Gegenzug wurde der Islam in der Verfassung verankert und die Zivilgesetzgebung deutlich konservativer ausgestaltet. So wurden z.B. Frauen in Erbangelegenheiten benachteiligt wie auch im Eherecht. Gewalt gegen Frauen wurde totgeschwiegen – dies ist aber kein Exklusivmerkmal islamistischer Organisationen, sondern eben auch der konservativen Partei Bangladesh National Party (BNP), die von Ziaur Rahman gegründet wurde.

Nach der Demokratisierung Bangladeschs Anfang der 1990er Jahre kämpften die Awami League und die BNP um die Regierung, die ständig zwischen ihnen wechselte. Die Islamisten unterstützten weiterhin die BNP und koalierten mit ihr von 2001 bis 2006 bis sie durch Proteste und die Machtübernahme des Militärs aus der Regierung verjagt wurden. Anlass waren Bombenanschläge islamistischer Terrororganisationen, die zu heftigen Demonstrationen und Ausschreitungen führten. Selbst die Todesschwadronen der Jamaat-e Islami und ihrer Studentenorganisation Islami Chhatra Shibir konnten die Proteste nicht niederschlagen.

In den Wahlen 2008 ging eine Koalition unter Führung der Awami League als Sieger hervor. Ab 2009 wurden etliche Gesetze liberalisiert, die Bildungsmöglichkeiten für Frauen erhöht und sogar das Scheidungsrecht für Frauen erweitert. Schließlich wurde sogar der religiöse Bezug aus der Verfassung gestrichen.

Islamistische Reaktion

Wie alle Konservativen auf der Welt haben auch die Islamisten in Bangladesch kein Positivprogramm, sondern verteidigen den Status Quo von Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit. Sobald dieser Status Quo oder die Identitätssymbole, die man zur Rechtfertigung dieses Status Quo verwendet, angegriffen werden, kommen Konservative erst in Fahrt. Nun plötzlich fällt ihnen ein, dass ihre Symbole irgendwelche Werte und Sekundärtugenden vermitteln würden, die gesellschaftliche Probleme lösen könnten. Zugleich rücken sie ihre klassischen Feindbilder in den Vordergrund, wahlweise Staatsfeinde, die alles kaputt machen wollen, Frauen und ihr ausgeprägter Sexualtrieb, Linke und Minderheiten. Natürlich nehmen sie für sich in Anspruch die Gesellschaft und die Werte als Grundlage ebendieser Gesellschaft zu beschützen. Schon 1971 drückte das Golam Azam, damaliger Amir der Jamaat-e Islami, mit folgenden Worten aus: „Die Anhänger der sogenannten Bangladeschbewegung sind Feinde des Islams, Pakistans und der Moslems.“

Von einer pragmatischen Orientierung um tatsächlich Probleme lösen zu wollen sind sie nicht sonderlich überraschend weit entfernt. Und die von den Islamisten verbal und physisch Angegriffenen begehen einen großen Fehler, wenn sie auf den hysterischen Schlachtruf der Islamisten „der Islam ist in Gefahr“ damit reagieren, dass sie ja auch gute Moslems seien, anstatt diesen billigen ideologischen Trick einer Gruppe korrupter, geldgieriger Massenvergewaltiger zurückzuweisen.

20010 wurde in Chittagong die Hefajat-e Islam gegründet. Sie richtet sich gegen das schlimmste Übel Bangladeschs – die Koedukation. Angeführt wird die Gruppe von Ahmad Shafi, Rektor der Deobandi Madrasa in Chittagong. 2013 haben sie mehrere Aktionen gegen die Völkermordprozesse und die Shahbagh-Proteste lanciert. Am 6. April hatten sie zu einem großen Marsch nach Dhaka aufgerufen, an dem 200.000 Menschen teilnahmen. Sie forderten die Freilassung der Völkermörder und die Todesstrafe für Blogger. Kurz darauf erließen sie einen Katalog mit 13 Forderungen:

1. Wiederherstellung der Phrase “Glaube und Vertrauen in Gott den Allmächtigen“ und die Abschaffung aller Gesetze, die dem Koran und der Sunnah wiedersprechen.

2. Erlass eines Gesetzes, dass die Todesstrafe vorsieht um Herabwürdigungen Allahs, des Propheten Mohammed, des Islams und Hetzkampagnen gegen Moslems zu verhindern.

3. Maßnahmen für die strikte Bestrafungen der selbsternannten Atheisten und Blogger, die die sogenannte Shahbagh-Bewegung anführen, und der Anti-Islamisten, die herabwürdigende Äußerungen gegen den Propheten gemacht haben.

4. Stopp des Einsickerns von Fremdkulturen, eingeschlossen Schamlosigkeiten im Namen freier Meinungsäußerungen, antisozialen Verhaltens, Seitensprung, Zusammenseins von Mann und Frau und romantisches Kerzenlicht.

5. Islamischer Unterricht muss von der Grundschule bis zur Mittelstufe verpflichtend gemacht werden und antiislamische Frauenpolitik und antireligiöse Erziehungspolitik muss abgeschafft werden.

6. Ahmadis müssen offiziell zu Nicht-Moslems erklärt werden und ihre Propaganda und ihr konspiratives Verhalten muss gestoppt werden.

7. Statuen an Kreuzzungen, Schulen und Universitäten dürfen nicht mehr errichtet werden.

8. Einschränkungen bezüglich bestimmter Gebete müssen unverzüglich in allen Moscheen des Landes aufgehoben werden, eingeschlossen der Baitul Mukarram National Mosque, sowie alle Hindernisse um religiöse Aktivitäten auszuüben.

9. Böse Anstrengungen um Hass unter der jungen Generation bezüglich des Islam zu säen durch die falsche Darstellung religiöser Kleidung und Verhaltensweisen müssen gestoppt werden.

10. Antiislamische Aktivitäten durch NGOs müssen beendet werden, eingeschlossen der Region Chittagong Hill Tracts, sowie die niederträchtigen Versuche christlicher Missionare, die zu Konversionen führen.

11. Angriffe, Massenmorde, Unterdrückung und wahlloses Schießen auf strenggläubige Anhänger des Propheten und der revolutionären Kräfte müssen beendet werden.

12. Bedrohungen und Verschwörungen gegen Lehrer und Studenten der Qawmi Madrasen, islamische Gelehrte, Imame und Vorbeter müssen beendet werden.

13. Freiheit für alle inhaftierten islamischen Gelehrten, Madrasa-Studenten und revolutionären Kräfte und Rücknahme aller falschen Anschuldigungen gegen sie, Haftentschädigung und Gerichtsverfahren gegen die Ankläger.

Dieser Katalog zeigt relative deutlich, dass Ansinnen der Islamisten die Gesellschaft nach ihren Ansichten umzuformen. Es ist auch äußerst zynisch einerseits die Forderung nach Freiheit für Vergewaltiger aufzustellen, andererseits sexuelle Handlungen auf die Ehe zu reduzieren im Namen von Moral und Sitte.

Islamistischer Terror

Aber da gerade das Schlagwort Zynismus gefallen ist. Die Verteidiger von Sitte, Anstand und Sicherheit tun sich in den vergangenen zwei Monaten vor allem mit Gewalttaten hervor. Besonders im Südosten des Landes, vor allem im Chittagong District, kommt es fast täglich zu gewaltsamen Übergriffen auf Minderheiten und politische Gegner, vor allem gegen Mitglieder der Awami League. Mitunter nimmt dies Dimensionen ethnischer Vertreibungen, z.B. gegen Buddhisten, an.

Am vergangenen Wochenende, also am 5. Mai, fand in Dhaka die bislang größte Demonstration der Hefajat-e Islami statt, auch unter zahlreicher Teilnahme von Mitgliedern der Jamaat-e Islami, Hizb-ut Tahrir und Islami Oikya Jote. Es wurden im Stadtteil Motijheel und in umliegenden Bezirken die Geschäfte von Minderheiten verwüstet und die Büros von politischen Gegnern angegriffen, z.B. von der Kommunistischen Partei und der Awami League. Zwar gibt sich die Hefajaz-e Islam pazifistisch und schiebt die Schuld wahlweise auf die Awami League oder „militanten Einzelgängern“ zu, aber der Organisator sowohl des Marsches vom 6.April wie auch der Demonstration, Maulana Habib ur Rahman, ist ein Anführer der Harkat ul Jihad al Islami Bangladesh (HuJI-B). Die Ursprungsgruppe entstammt den Bergen des afghanisch-pakistanischen Grenzgebietes und wurde liebevoll von CIA und dem pakistanischen Geheimdienst ISI aufgepäppelt um gegen die Sowjetunion und Oppositionelle in Pakistan zu kämpfen und gelegentlich ein paar Minderheiten zu liquidieren, Schiiten zum Beispiel. Eine Partnerorganisation, die Jagrata Muslim Janata Bangladesh, führte 2005 eine Terrorkampagne in Bangladesch durch, wobei 500 Bomben innerhalb einer halben Stunde gezündet wurden. Die damalige Koalition aus BNP und Jamaat-e Islami präsentierte einen  – Überraschung! – Einzeltäter. Das ließ sich die Bevölkerung nicht gefallen und jagte die Regierung aus dem Land. Quasi in einem Aufwasch wurden die Terrororganisationen verboten.

Diese Terrorgruppen haben auch eine ideologische Gemeinsamkeit. Sie entstammen alle aus der Deobandi-Bewegung, benannt nach dem indischen Ort Deoband nördlich von Delhi. Die Deobandi-Schulen sind reine Religionsschulen, in denen sonst nichts gelehrt wird. Bestens vorbereitet aufs Leben, lässt man dann die Schüler auf die Welt los. Da die Lehrinhalte dann doch etwas dürftig sind, wird der Schulstoff um das Fach Feindbildpflege ergänzt und wahlweise im normalen Unterricht oder in Wochenendseminaren in Nordpakistan vermittelt.

Zahlreiche Gruppen haben sich aus der Deobandi-Bewegung heraus entwickelt: die Taliban, Tehrik-e Taliban in Pakistan, Sepah-e Sahaba oder das Haqqani-Netzwerk. Quasi des Who-is-Who des internationalen Terrorismus.

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