Verfasst von: sauvradaeva | April 14, 2014

Salafistische Konzepte – 1: al wala‘ wal bara‘

Der Begriff Salafismus erfreut sich zunehmender Beliebtheit in Debatten, wird aber kaum klar umrissen und wird in einigen Fällen als Ersatz für unscharfe Begriffe wie „radikaler Islam“ oder „politischer Islam“ verwendet und verwischt so auch den Unterschied zu islamistischen Gruppen wie der Moslembruderschaft, der Taliban oder der Jamaat-e Islami in Pakistan. Der Begriff Salafismus selbst besitzt keinen analytischen Wert. Im Diskurs der Salafisten steht Salafismus nicht für ein politisches Programm, sondern ist ein normativer Wert. Sie nehmen Bezug auf die ehrwürdigen Ahnen der ersten drei Generationen der Moslems (As salaf as salih) und ihre Zeit, die man zum Goldenen Zeitalter verklärt. Die Salafisten identifizieren ihre Ideologie mit einem authentischen Wesen, was es seit dieser Zeit angeblich nicht mehr gegeben hätte. Wenn sie sich also selbst als Salafisten bezeichnen bzw. auf die historischen Personen beziehen, dann nur, um das „authentische“ Wesen und Auftreten für sich reklamieren. Hierin ist bereits angelegt, allerdings nicht zwangsläufig, dass man diese Authenzität anderen Moslems abspricht. Salafisten, insb. al Qahtani, al ‚Utaybi und al Maqdisi, haben hierzu ein spezifisches Konzept vorgelegt: al wala‘ wal bara‘ (Loyalität und Feindschaft).

Die Begriffe wala‘ und bara‘ wurden schon früher in politischen Konflikten verwendet. Ursprünglich bedeutete al wala‘ politische Loyalität. Ein Beispiel ist der Konflikt in der muslimischen Welt zwischen Schiiten und Sunniten. Er entzündete sich an der Nachfolge Mohammeds. Die Schiiten favorisierten Ali, den Schwiegersohn, die Sunniten dagegen andere Kandidaten. Für die Schiiten, der Name selbst heißt „Anhänger Alis“ bedeutet damals „wala’“ die Loyalität zur Sache Alis. Die Feindschaft „bara’“ gebührte den drei anderen Nachfolgern Mohammeds, nämlich Abu Bakr, Umar und Uthman, sowie den Ommayyaden.

Bei Qahtani, ‚Utaybi und Maqdisi wird „al wala‘ wal bara'“ ebenfalls in einem politischen Kontext verwendet, aber religiös aufgelauden: sie beziehen sich auf die Souveräntität der Gesetze. Regierungen legitimieren sich nach ihnen nicht durch Wahlen, Charisma oder dynastischen Beziehungen der Aristokratie, sondern dadurch, dass sie die islamischen Gesetze durchsetzen. Wie sich die Regierung sonst bestimmt und welche Regierungsform anzustreben wäre, bleibt vage. (1) Sie teilen Länder darin ein, ob in denen nach den Gesetzen Gottes geherrscht wird oder nicht. Dadurch können auch muslimische Regierungen zu Ungläubigen (Kuffar) erklärt werden. Je nach Art und Umfang des Unglaubens, kann man mit Mission (Da’wa) oder mit Gewalt (Jihad) dagegen vorgehen. 1979 haben Juhaymun al ‚Utaybi und Muhammad al Qahtani die große Moschee in Mekka besetzt und die saudische Regierung zu Ungläubigen erklärt. Beide Personen entstammen Familien, die Mitglieder der saudischen Ikhwan gewesen sind. Diese Ikhwan waren der militärische Arm der Saudis bei der Eroberung der arabischen Halbinsel. 1927 haben sich die Ikhwan, besonders der ‚Utaybi-Clan, gegen die Saudis erhoben. Die Gründe waren technologische Neuerungen, der Anteil an der Beute, die die Ikhwan für die Saudis gemacht haben, die Verträge mit den Briten sowie eigenmächtige Raubzüge der Ikhwan in englisches Kolonialgebiet, v.a. Kuwait und Transjordanien. Diese Revolte wurde 1930 mit Unterstützung der Briten niedergeschlagen. Die Überlebenden wurden zum Teil verfolgt, zum Teil ins Exil – hauptsächlich Kuwait – vertrieben oder in den Staat integriert. Viele von ihnen und auch ihre Nachkommen blieben aber, optimistisch formuliert, skeptisch gegenüber der saudischen Politik, besonders da das religiöse Establishment auch gerne arabische Regierungen den Vorwurf des Unglaubens machte. 1979 hat sich deshalb, anlässlich einer Weissagung, dass der Mahdi (islamischer Messias) nach 1400 Mondjahre erscheinen würde, Qahtani zu eben diesem ernannt, die Moschee besetzt und mehrere Wochen gegen die saudische und französische Polizei gekämpft. Qahtani kam bei den Kämpfen um, ‚Utaybi wurde gefangen genommen und anschließend exekutiert. Wie schon die Ikhwanrevolte zeigt, waren es keine singulären Ereignisse, dass die saudische Aristokratie exkommuniziert oder sogar Opfer von Angriffen wurde. Bereits 1975 wurde König Faisal von einem Cousin ermordet, weil das Fernsehen in Saudi-Arabien eingeführt wurde.

Als knappe Zwischenzusammenfassung erkennt man, dass al wala‘ wal bara‘ nicht eine Unterscheidung in Freund oder Feind ist und man um bestimmte materielle oder politische Interessen streitet – wie man es eigentlich von Loyalität erwarten sollte. Es geht vielmehr um die Legitimation von Herrschaft und ihre Ausübung gemäß einer spezifischen Ideologie.

Der saudische Einfluss

Wie angesprochen trug auch das saudische Establishment dazu bei, dass das ideologische Feld bereitet wurde. Bereits unter dem Sektenführer Abd al Wahab wurde im 18. Jahrhundert der Kern gelegt, dass alles Unislamische auszusondern wäre: Dies betraf bestimmte Verhaltensweisen wie auch die Verehrung von Heiligen, die Feiern zu Mohammeds Geburtstag oder das Aussehen von Moscheen und Gräbern. Bei der ersten Eroberung des Hedschas (Gegend um Mekka, Medina und Jiddah) wurden die Moscheen und die Gräber von Mohammed und anderen Mitgliedern der Salaf geplündert. Besonders Stätten, die für Schiiten wichtig waren, wurden dem Erdboden gleich gemacht. Ab den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts geriet das saudische Königshaus zunehmend in Bedrängnis: Panarabismus, arabischer Sozialismus und Nasserismus breiteten sich in der Region aus. Im Irak, Ägypten, Syrien, Libyen und Iran wurden die Könige vertrieben. Mit Nasser lieferte man sich den Jemenkrieg und der Südjemen war sogar ins kommunistische Lager gewechselt. In der gesamten Golfregion kam es zu Aufständen gegen die verbliebenen Monarchen, v.a. in Bahrain und im Oman. Die vom saudischen Staat unterhaltenen Salafisten kamen ihrem Geldgeber zu Hilfe. Bin Baaz, Großmufti von Saudi-Arabien und einer der einflussreichsten Salafisten weltweit, kritisierte den Nationalismus scharf, weil darüber die Gesetze des Islams vergessen, die Christen und Juden auf eine Stufe mit den Moslems gestellt und man sich die Ungläubigen zu Freunden machen würde. Besonders Nasser, der die Sowjets um Hilfe rief, wurde Opfer von Bin Baaz Anfeindungen:

Wenn ein höheres Interesse darin liege würde mit Ungläubigen, Arabern oder nicht, eine Allianz zu bilden oder sie um Hilfe zu bitten, hätte Gott es autorisiert und seinen Kreaturen erlaubt. Aber da Gott von den beträchtlichen Übeln und den zerstörerischen Konsequenzen, die das zur Folge hätte, hat er es verboten und verdammt jeden, der dies betreibt.

(A. Baaz: Critique of Arab Nationalism in the Light of Islam and Reality, nach: Lacroix, S. (2011). Awakening Islam. S.317, FS. 46)

Der arabische Begriff „al isti’ana bi-l-kuffar“ (Ungläubige/Kuffar um Hilfe bitten) wurde ein Ausgangspunkt für Maqdisis Konzept von al wala‘ wal bara‘. Negativ abgegrenzt werden grundsätzlich die Ungläubigen, denn ihnen gegenüber kann es nur bara‘ geben, d.h. keinen Kontakt, keine Sympathie und keine Zuneigung. Folglich ist Unterstützung von ihnen zu verwerfen, insbesondere dann nicht, wenn man gegen andere Moslems kämpft.(2) Dies erwies sich spätestens mit dem 2. Golfkrieg und der US-amerikanischen Garnison in Saudi-Arabien als Bumerang. Im Land selbst kam es zur sog. „Sahwa“-Revolte und auch unter Salafisten delegitimierte sich die saudische Aristokratie.

Göttliche Loyalität al Maqdisis

Al Maqdisi griff diese Debatte in Saudi-Arabien auf. In den 80er Jahren hat al Maqdisi diese politische Loyalität umgedeutet und al wala wal bara zu einer Säule des Islams gemacht – neben den anderen fünf Säulen. In seinem Werk „Millat Ibrahim“ (3) betont er insbesondere die Lossagung von allen Staaten, Gruppen und Personen, die nicht an den Islam glauben, d.h. loyal darf man sich nur gegenüber Allah verhalten, alles Nichtislamische muss man ablehnen und bekämpfen. Dies schließt auch Moslems, die sich zwar muslimisch nennen, aber Freundschaft zu „Ungläubigen“ pflegen – wobei ja selbst Moslems als Ungläubige gelten. Mit dem sowohl ursprünglichen wie auch heute noch landläufigen Begriff „Millat Ibrahim“ in der Bedeutung von abrahamitische Religion, der auf die gemeinsame Grundlage verweist, hat das Konzept al Maqdisi nichts zu tun. Er deutet das einfach um zu einer ursprünglichen Lehre, die es schon bei Abraham gegeben hätte und die strengen Gehorsam erfordert. Jede Abweichung davon ist für al Maqdisi Unglauben und somit sind Christentum und Judentum keine Leute des Buches (Ahl al Kitab), sondern Ungläubige, von denen man sich lossagen muss und die man nicht unterstützen, noch von ihnen Unterstützung erwarten darf:

„Der Begriff „Die Kinder Ibrahims“ für den die Tawagit (unislamische Idole, Anm. sauvradaeva) heute werben, um sich mit den Juden zu verbrüdern und mit ihnen Frieden zu schließen. Mit dieser Aussage wird bezweckt den Iman zu zerstören, den Grundsatz des Din (=Religion, Anm. sauvadaeva) zu zerschmelzen und die Säulen von Al Wala wal Bara zu zerschmettern.“ (Millat Ibrahim, S.22)

Auf der politischen Ebene kommt es ebenfalls zu einer Änderung in der Souveräntät. Das ursprüngliche Gebot, dass man keine anderen Götter neben Allah haben solle, wird transformiert: Die Anbetung falscher Götter bezieht sich nicht mehr auf tatsächliche Götter, sondern darauf von Menschen gemachte Gesetze zu befolgen. Staatsführer, die Gesetze erlassen, die nicht jene Allahs wären, werden zu „mushrikun“ (Götzendiener, siehe auch shirk = Götzendienst) erklärt. Nominell kann das jede Regierung treffen und so hat auch Al Maqdisi nicht nur in „Millat Ibrahim“, sondern auch in dem in den 80er Jahren erschienen Buch „Der nachdrückliche Beweis des Unglaubens des saudischen Staates“ selbst die saudische Regierung zu Ungläubigen erklärt. Damit gehört er zu den Vorläufern einer Entwicklung, die während des 2. Golfkriegs (Besetzung Kuwaits durch Saddam Hussein) Kritik an der Stationierung amerikanischer Soldaten hervorrief. Besonders richtet Maqdisi sein Werk gegen Moslems, die seiner Meinung nach vom Glauben abgefallen wären und nicht mehr die Gesetze befolgen, sondern sich eigene geschaffen haben. Um diese Moslems zu reislamisieren bedarf es der Da’wa, was Predigt, harte Kritik und die Anleitung um Glauben und Verhalten auf Maqdisis Ideologie zu lenken. Sollte dies keine Wirkung zeigen oder Personen so tief im Unglauben verstrickt seien, dann ist der Takfir notwendig, die Person also zu Ketzern/Ungläubigen zu erklären und mit Waffengewalt zu bekämpfen. (4)

Auch in diesem Fall herrscht die negative Abgrenzung vor, d.h. die Bestimmung des bara‘, insbesondere gegen die muslimischen Regierungen und ihre Gesetze:

„Wir sagen uns los von dir, deiner Širk-Verfassung und Gesetzen sowie deiner Kufr Regierung. Wir machen Kufr gegen euch und zwischen uns und euch herrscht offensichtlich Feindschaft und Hass für immer, bis ihr zu Allāh zurückkehrt und euch Seiner Šarī’ah alleinig ergebt und unterwerft.“ (Millat Ibrahim, S.48)

Jedes Handeln, selbst wenn es positive Auswirkungen hat, wird von al Maqdisi danach beurteilt, ob es der Souveräntität Gottes unterliegt oder nicht. Moslems dürfen unter keinen Umständen, eben auch nicht, wenn es positiv ist, sich an unislamischen Prinzipien beteiligen:

„Worauf wir hingewiesen haben, dass viele der Ṭawāġīt Parlamente, Volksversammlungen und der Gleichen gründen. Dies, um darin ihre Gegner von den Da’wah Trägern und sonstigen zu sammeln. So sitzen sie darin und vermischen sich mit ihnen, damit sich die Angelegenheit (des Dīn) unter ihnen verschmelzen. So wird die Angelegenheit keine Angelegenheit der Lossagung von ihnen, Kufr an ihren Gesetzen und Verfassungen oder Entziehung von ihrer gesamten Falschheit. Vielmehr geht es um Kooperation, Zusammenarbeit, Beratung sowie Sitzen beim Dialogtisch für die Interessen des Landes, seine Wirtschaft, Sicherheit sowie für die Heimat, welche von dem Ṭāġūt, durch seine Neigungen und dem Kufr (= Unglauben, Anm. sauvradaeva) kontrolliert und beherrscht wird.“ (Millat Ibrahim, S.113)

Der positive Gehalt von al wala‘ wal bara‘ besteht nicht darin seine muslimischen Glaubensbrüder, -schwestern und -transgender zu unterstützen. Ein allgemeines Bestes nach Kriterien von Wohlstand, sozialer Lage oder Versorgung gibt es nicht. Noch nicht einmal der Islam kann als allgemeines Bestes gelten. Statt dessen muss man dem Islam folgen, weil es so befohlen wurde. Wala‘ als Liebe, Zuneigung und Loyalität wird beschränkt auf die Sharia. Es reicht dabei nicht aus Moslem zu sein, zu beten, zu fasten und Almosen zu geben, sondern man muss allen abschwören, was nach al Maqdisi nicht dem Islam entspricht.

Unterscheidung Islamisten und Salafisten

Wie man hier bereits erkennen kann, gibt es gewisse Unterschiede zu Islamisten wie der Moslembruderschaft (Ikhwan al Muslimun). Islamisten wollen die Funktion bestehender Systeme verbessern. So leitete beispielsweise Sayyid Qutb sein Werk „Ma alim fi al Tariq“ damit ein, dass die Welt vor der atomaren Auslöschung steht und nur der Islam den richtigen Weg für alle Menschen weist. Zum einen geht es um alle Menschen, zum anderen wird das tatsächliche Ergebnis des Staats sozioökonomische und politische Probleme zu lösen zum Kernthema. Besonders greifen Islamisten soziale und politische Ungerechtigkeiten an und stellen sich als bessere Alternative dar, weil sie ihr Konzept aus dem Islam entwickelt hätten. Salafisten dagegen verschwenden darauf kein Wort. Sie beschränken sich bei diesem Aspekt der Politik völlig auf die Souveränität. Der Nutzen und Nachteil von Gesetzen spielt bei ihnen keine Rolle. In den vergangenen Jahren wurde diese Differenz zunehmend geringer, da sich viele Islamisten verstärkt salafisierten. Sie rückten die Authenzität in den Mittelpunkt und sprachen mehr von Souveränität. Dafür rückten die staatlichen Funktionen ins Abseits.

 

Fußnoten:

1. Daher ist die Beteiligung von Salafisten in Ägypten oder Tunesien an Wahlen oder als Gewählte sehr unterschiedlich. Alle Gruppen sind sich darin einig, dass sich der Staat und die Gesetze durch ihre Ideologie legitimieren muss. Allerdings nehmen nicht alle Salafisten an Wahlen teil, da sie zum Beispiel ein Kalifatssystem anstreben. Grundsätzlich ist die Nähe der Gruppen zu Saudi-Arabien ein starker Indikator für die Ablehnung demokratischer Prinzipien.

2. Pikanterweise hat sich Maqdisi in Pakistan und Afghanistan während des Afghanistankrieges von den USA aushalten lassen.

3. Die in der BRD verbotene Organisation Millatu Ibrahim um Abu Usama al Gharib und Deso Dogg leitet ihren Namen hiervon ab.

4. Al Maqdisis ideologischer Ziehsohn az Zarqawi, Anführer von Al Qaida im Irak bis zu seinem Ableben, ging noch ein Stück weiter: Jedes unislamische Verhalten genügte ihm zur Exkommunikation, z.B. an Wahlen im Irak teilzunehmen oder Schiit zu sein. Zarqawi hat sich später von Maqdisi deshalb distanziert, denn der Letztgenannte sei zu moderat.

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