Verfasst von: sauvradaeva | Juni 4, 2014

Salafistischer Bürgerkrieg in Syrien

Der syrische Bürgerkrieg zieht neben den regionalen und Weltmächten auch salafistische Gruppierungen an. Diese werden zum Teil von Golfmonarchien, v.a. aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar, unterstützt, aber auch aus dem Westen.Ein gerne vom Assad-Regime gestreutes Gerücht lautet hierbei, dass es sich ausschließlich um ausländische Kämpfer handeln würde, die eigentlich gar nichts mit den syrischen Verhältnissen zu tun hätten. Jedoch sind seit den 80er Jahren salafistische Gruppen in Syrien aktiv, die schließlich auch bewaffnete Aktionen ab den 90er Jahren durchführten. Diese Gruppen waren nicht auf Syrien beschränkt, sondern traten auch im Libanon, im Irak und Jordanien auf. Die bekannteste Gruppe ist Fatah al Islam, die aus einer Splitterorganisation der palästinensischen Fatah entstanden ist. Jund as Sham („Armee der Levante“) ist ebenfalls in den palästinensischen Flüchtlingslagern in Syrien und im Libanon entstanden. Die Kerngruppen bestanden aus Veteranen des Afghanistankrieges der 80er Jahre. Zum Teil waren Mitglieder in den 90er Jahren im Sudan und im algerischen Bürgerkrieg aktiv, weshalb die Aktivitäten in diesem Jahrzehnt gering gewesen ist. Erst nach ihrer Rückkehr wurde die gewaltsame Aktion in den Vordergrund geschoben. Auch eine zweite Lesart dieses regionalen Konflikts der Salafisten hat sich eingestellt. Demnach würde der syrische Bürgerkrieg auf den Libanon, Jordanien und den Irak übergreifen. Das lässt natürlich die jeweiligen Gruppen, in diesen Ländern außer acht, z.B. al Jihad, al Qaida und Ansar al Islam.

Die Salafisten kämpfen nicht unter einem Oberkommando, sondern sind in unterschiedlichen Gruppen aufgeteilt. Gemeinsam haben sie nur den Kampf gegen Assad und den Bezug auf die as Salaf as Salih, d.h. der Prophet Mohammed und seine Nachfolger. Zwar fordern sie ein islamisches System und der Einsetzung der Sharia, aber in konkreten Situationen können sie sich weder auf eine Version der Sharia einigen, noch wie sie mit Ungläubigen oder Nicht-Islamisten umgehen. Eine große Gruppe Salafisten stammt z.B. aus dem Osten Jordaniens und Syriens hat unter Führung von Abu Mussa az Zarqawi im Irak gegen die „Koalition der Willigen“ und, nach dem diese nach der anfänglichen Ausplünderung der Erdölquellen dann doch Demokratie eingeführt hatten, gegen die irakische Regierung. Ein wichtiger Punkt, besonders für Zarqawi, war der Kampf gegen die Schiiten. In einer ähnlichen ideologischen Richtung argumentierte bereits Saddam Hussein mit der Unterdrückung der Schiiten im Süden des Irak. Demnach würde es sich um „Rafidhi“ (Abweichler) oder Feinde des Islams halten, die eine fünfte Kolonne des Iran bilden würden. Ein besonderer Vorwurf gipfelt darin, dass die Iraner zu ihrer Religion vor der Konversion zum Islam zurückkehren und den Islam vernichten möchten. Salafisten im Irak richteten daher ihre Anschläge gegen die Institutionen des irakischen Staates und schiitische Heiligtümer wie der Imam-Ali-Schrein in Najaf, der Imam-Hussein-Schrein in Kerbela und die Askari-Moschee von Samara. Genaue Opferzahlen dieser salafistischen Gewalttaten sind nicht bekannt, da in der Regel nur allgemein die Zahlen während der US-Besatzung dargelegt werden, nicht aber nach den Tätern sortiert. Natürlich gab es auch eine schiitische Gegenbewegung, die ebenfalls eine ethnische Säuberung allerdings an Sunniten verfolgten.

Bereits damals kam es zum Zerwürfnis im salafistischen Lager. Ansar al Islam wollte mit Al Qaida überhaupt nichts zu tun haben, andere salafistische Organisationen distanzierten sich scharf von Zarqawi, weil sie lieber Amerikaner und Briten und nicht Moslems töten wollten. Dieser Konflikt ist prägend, da er eben auch der wesentliche Punkt im syrischen Zerwürfnis bildet. Abu Muhammad al Maqdisi hat sich von Zarqawi und Al Qaida distanziert, weil diese wahllos Schiiten angriffen und sie en bloc exkommunizierten. Dabei ist Maqdisi kein Liberaler. Er hat bereits in den 80er Jahren das saudische Königshaus zu Ungläubigen erklärt. Mitte der 80er Jahre hat er in „Millat Ibrahim“ das salafistische Kernkonzept al wala‘ wal bara‚ dargelegt:

„Wir sagen uns los von dir, deiner Širk-Verfassung und Gesetzen sowie deiner Kufr Regierung. Wir machen Kufr gegen euch und zwischen uns und euch herrscht offensichtlich Feindschaft und Hass für immer, bis ihr zu Allāh zurückkehrt und euch Seiner Šarī’ah alleinig ergebt und unterwerft.“ (Millat Ibrahim, S.48)

Loyalität (wala‘)  gilt Maqdisi nur seiner Version von islamischen System. Dies bezieht sich nicht auf Personen oder die muslimischen Glaubensbrüder, sondern nur auf Herrschaft von bestimmten Regeln. Von allem, was gegen diese Regeln verstösst, muss man sich lossagen (bara‘). Was unter Islam zu verstehen sei bzw. dem „Millat Ibrahim“ hat Maqdisi nie konkretisiert. Konkret wurde er nur in der Ausgestaltung der Feindbilder, welches an erster Stelle die muslimischen Regierungen nennt. Diesen Regierungen schulde man nicht nur keine Loyalität, sondern man muss sich von ihnen lossagen, weil sie keine islamische Regierungen wären, sondern sich selbst zu Göttern erhoben hätten. Das wäre ein Abfallem vom Islam, was eine größe Sünde ist. Der Dissens zwischen ihm und Zarqawi lag aber nicht darin, dass sie die Regierung im Irak unterschiedlich bewertet hätten, darin waren sie sich einig, sondern ob jegliche Loyalität zur Regierung Ketzerei wäre und somit mit dem Tode zu bestrafen sei. Für Zarqawi waren die Teilnahme an Wahlen oder die Arbeit als Lehrer bereits ausreichend Loyalitätsbeweise zur irakischen Regierung um als Ketzer aus dem Islam ausgestoßen und getötet zu werden. Natürlich war auch die schiitische Konfession schon ausreichend als Hinrichtungsgrund.

Dieser Konflikt zwischen den Salafisten ab wann eine Person Ketzer ist und demzufolge ermordet werden muss besteht auch in Syrien. Besonders die Kämpfer des Islamischen Staat im Irak und der Levante (kurz ISIS für Islamic State in Irak and Sham, Sham = Levante/Syrien), die aus Zarqawis al Qaida im Irak hervorgegangen sind, gehen sehr rigide vor. Die Lossagung von Ayman az Zawahiri, dem Nachfolger von Bin Laden al Al Qaida-Chef, hatte aber rein organisatorische Gründe, da die ISIS sich nicht an die Vorgaben aus Afghanistan/Pakistan gehalten hatte, wohingegen der ISIS stets seine Mitgliedschaft in Al Qaida betonte. Al Qaida betrachtet jedoch die Nusrah-Front als seinen offiziellen Ableger. Zawahiri forderte daher ISIS auf in den Irak zurückzukehren:

„Der Islamische Staat im Irak und der Levante“ ist aufgelöst und er geht seiner Arbeit unter dem Namen „Islamischer Staat im Irak“ (kurz ISI, Anm. sauvradaeva) nach.

Die Jabhat an Nusrah li Ahl ash Sham ist nach Maßgabe des Führungsrates eine eigenständige Gruppe innerhalb von Al Qaida.

Der Herrschaftsbereich von ISI ist der Irak.

Der Herrschaftsbreich der Jabhat an Nusrah li Ahl ash Sham ist Syrien.

(…)

ISI stellt, so weit möglich, Unterstützung für Jabhat an Nusrah li Ahl ash Sham wie es sie Verstärkung an Truppen, Waffen, Geld, Schutz und Sicherheit für angemessen hält.

(Sheikh Ayman az-Zawahiri annuls Islamic State of Iraq and as-Sham)

Auch der Nestor des Salafismus, al Maqdisi, meldet sich zu Wort:

Auf dieser Grundlage erkläre ich, dass die Organisation „Islamischer Staat im Irak und in der Levante“ eine abtrünnige Organisation vom Pfad der Wahrheit ist. Sie greifen die Mujahideen an. Sie tendieren zu Maßlosigkeit und haben sich im Vergießen vonrechtswidrigem Blut, die Enteignung von Reichtümern und Kriegsbeute verfangen. Die Gebiete, die sich von Assads Regime befreit haben den Namen des Jihad und die Avantgarde der Mujahideen beschmutzt. Sie haben ihre Gewehrläufe von den Brüsten der Ketzer und der Gegner der Moslems auf die Brüste der Mujahideen und der Moslems gerichtet, so wie andere dokumentierte Abweichungen begangen.

(…)

Ich fordere jedes Mitglied des Islamischen Staat im Irak und der Levante auf sich der an Nusrah-Front anzuschließen und ihren Anführern Treue zu schwören.

(Abu Muhammad al Maqdisi: the case of ISIS and the position of the duty toward it)

Dass sich die beiden wichtigsten Köpfe des Jihadismus, Zawahiri und Maqdisi, an die ISIS wenden mussten, verdeutlich die dramatische Situation im innersalafistischen Konflikt. Seit Januar war es zu zahlreichen Gefechten im Osten Syriens zwischen Mitgliedern des ISIS und der Nusrah-Front gekommen. Der Konflikt begann im Januar und der ISIS-Führer Al Baghdadi führte zunächst einen Enthauptungsschlag gegen die Führung der Nusrah-Front in Deir ez Zour. Zwar konnte die Stadt erobert werden, aber die Nusrah konnte weiter agieren und eroberte im Februar die Stadt wieder zurück. Der Anführer von Liwa al Tawhid wurde Anfang Februar durch eine Autobombe getötet, während er den Kampf um Aleppo organisierte. Ende Februar hat ISIS den Stellvertreter Zawahiris, Abu Khaled as Suri, ermordet. Sogar der regionale Anführer der Nusrah-Front der Provinz Idlib, Abu Mohammad al-Ansari bzw. Abu Mohammed Fateh, wurde mitsamt seiner Familie von ISIS-Soldaten ermordet als er ihnen obendrein noch das Gastrecht in seinem Haus gewährte.

Die Hauptursache liegt in dem Bestreben des ISIS-Führers al Baghdadi die Herrschaft über die salafistischen Organisationen in Syrien und vermutlich auch im Libanon und Jordanien an sich zu reißen. Die Führungsebene von Al Qaida versucht mit ihrem Ableger, der Nusrah.-Front, dagegen vorzugehen. Dabei scheinen sie im Moment die Oberhand zu gewinnen. ISIS wird sich vorerst in den Irak zurückziehen und hat die Forderungen Zawahiris erfüllt.

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