Verfasst von: sauvradaeva | September 27, 2014

Milizwesen im Nahen Osten

Gerade in der Berichterstattung nehmen Milizen einen breiteren Raum ein, die entweder gegen die insitutionalisierten Sicherheitsbehörden kämpfen oder diese ergänzen bzw. sogar ersetzen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein neues Phänomen. In den mittelalterlichen Städten haben sich Milizen als Bestandteil städtischer Verteidigung und als Institution zur zur Wahrnehmung polizeilicher Aufgaben von Stadtvierteln entwickelt. Eine besondere Form bildeten sich mit den Futuwwa heraus, die in bestehende Institutionen wie Handwerker- und Händlervereinigung eingebunden waren. Die jeweiligen Vereinigungen verfügten auch über eigene Moscheen und waren zum Teil in sufistischen Gemeinschaften zusammengeschlossen. Für den ehemals von den Sassaniden – eine persische Dynastie, die durch die Eroberungen der Kalifen unterging – beherrschten Gebieten sind sogar noch ältere Hinweise erhalten, dass sich entsprechende Milizen (ayyar) gebildet hatten. Diese hatten aber vorrangig militärischen Charakter, auch wenn sie in urbanen Berufsgruppen und als Vereinigung von Stadtvierteln institutionalisiert waren. Im persischen Raum wurden noch stärker Wertanforderungen an die Milizionäre herangetragen, die man im europäischen mittelalterlichen Kontext als ritterlich (javanmardi im Perischen) bezeichnet: Barmherzigkeit, Friedfertigkeit, Tugendhaftigkeit. Im persischen Kulturraum wurde inbesondere das Shahnahme als epenhafte Darstellung des ritterlichen Auftreten des Mannes  – und im Falle der Godafari auch der Frau – genutzt, was auch nach der Eroberung durch die Araber anhielt. Aus dieser Zeit datiert auch das Zoorkhane, eine Einrichtung zur körperlichen Fitness und militärischen Training, das allerdings heute nur noch Ringen anbietet.

Diese institutionalisierten Milizen waren aber nicht unbedingt ein Garant für Stabilität. Je nach politischer Konfliktlage, waren sie auch Teil dieser Konflikte. Gefürchtet waren im Mittelalter – bis ins indische Moghulreich – die Macht der Bazaris und ihrer Milizen. Diese äußerte sich in Streiks (hartals in Südasien genannt) bis hin zu Unruhen. Das Auftreten diese Milizen ist also eng verbunden mit Instabilitäten, in denen sich die städtische Bevölkerung, besonders die mittleren Schichten, selbst organisieren um ihre Sicherheit zu gewährleisten.

Die Ursprungsform der lokalen Selbstverteidigung tritt auch heute noch auf. Allerdings treten noch weitere Formen hinzu. Eine Entwicklung hat auch dahingehend statt gefunden, dass der lokale urbane Zusammenhang nicht mehr dominiert, sondern Milizen viel stärker ein gesellschaftlichen Phänomen geworden sind. Viele Milizen traten nach der Unabhängigkeit von den Kolonialmächten als parteinahe Organisationen auf: Parteiwerbung, Schutz von Parteiveranstaltungen und körperliche Auseinandersetzungen waren ihre Hauptaufgaben. In Syrien ist die  Bei diesen beiden Miliztypen, den traditionellen Futuwwa/Ayyar und den Parteimilizen, spielt ein positiver Bezugspunkt die Hauptrolle: In einem Fall ist es die urbane Gemeinschaft, im anderen Fall die Parteiorganisation. Ein dritter Miliztyp ist vom Staat getragen. Hierbei werden vor allem Jugendliche aufgefordert sich den Organisationen anzuschließen. Das bekannteste Beispiel sind die die Basij-e Mostazafin im heutigen Iran. Ein positiver Bezugspunkt ist im Gegensatz zu den anderen beiden Typen kaum vorhanden.

Ein vierter Fall staatsabhängiger Milizen findet sich in Ägypten mit den baltagiya (balta = Axt). Hauptsächlich Jugendliche und junge Männer werden zu bestimmten Ereignissen zusammengetrommelt. Sie rekrutieren sich sowohl aus dem kleinkriminiellen wie auch normalen beruflichen Milieus. Besonders während des ägyptischen Aufstandes und danach traten sie neben der Polizei als „zivile“ Unterstützer Mubaraks auf um die Demonstrationen anzugreifen. Für zahlreiche Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe innerhalb von Demos sollen sie verantwortlich sein. Weder verfügen die Baltagiya über ein positives Konzept, noch über die Ansprüche an Tugendhaftigkeit wie die Futuwwa/Ayyar. Eine exakte Kopie hiervon gibt es in Syrien mit den Shabiha, obwohl es scheint, dass der kriminelle Charakter hierbei noch ausgeprägter ist, da zahlreiche Schmugglerkreise Mitglied sind.

Bei vielen Milizen dominiert aber der negative Aspekt. Sie haben sich nur zur Vereidigung ihrer ethnischen oder religiösen Identitätsgruppen aufgestellt. Dadurch besteht auch kein starker institutionalisierter Zusammenhang, ein geringe Ausstattung mit militärischen Gerät und eine hohe Fluktation im Personal. Zudem sind die Kontakte und Kommunikationsnetzwerke dieser Milizen sehr limitiert. Zwar können sie paramilitärischen Charakter haben, aber nur in Ausnahmen ergänzen oder ersetzen sie gar reguläre Armee. Besonders im Irak und zunehmend in Syrien treten diese Milizen auf. Im Irak entwickelt sich hierbei die Sonderform aus der Überlappung von Parteimilizen und ethnischer/konfessioneller Verteidigung. Im Irak regierte Saddam Hussein dessen Armee nicht das Ziel der Landesverteidigung, sondern die Unterdrückung des Volkes hatte – ein Kerncharakteristikum aller arabischer Armeen. Zur Verteidigung bildeten sich daher kurdische und schiitische Milizen. Zum Teil griffen sie auf einen Kern von ausgebildeten Militärs zurück, aber zum großen Teil handelt es sich um Zivilisten. Besonders die schiitischen Milizen sind eng mit Parteien verbunden wie die Mahdi-Armee von Muqtada as Sadr, die Asaib Ahl al Haqq, die Badr-Brigade. In sunnitischen Gebieten haben sich zudem Milizen gebildet, die gegen Al Qaida gekämpft haben, allerdings während des irakischen Bürgerkriegs auch Auseinandersetzungen mit schiitischen Milizen geführt hatten. Diese konfessionellen Milizen haben natürlich auch zunehmend zu einer konfessionalen Radikalisierung und einer Militarisierung der Beziehungen geführt. Das unrühmlichste Beispiel ist hierbei die Stadt Baghdad. Dort ist die Zahl gemischtkonfessioneller Stadtteile drastisch zurückgegangen. Sunniten und Schiiten wurden massenhaft aus ihren Häusern vertrieben oder gar ermordet. Zur Sicherung der Lage wurde eine große Betonmauer durch die Stadt gezogen, damit sich die Milizen nicht gegenseitig bekriegen.

In Syrien zeigt sich ein ähnliches Bild. Auch hier hat die Armee die Repressionsfunktion völlig verinnerlicht. Besonders in den kurdischen Gebieten haben sich ethnische Milizen gebildet, die die Kurden und andere Minderheiten schützen wollen. Mit dem zunehmenden saudischen Einfluss und dem massenhaften Auftreten salafistischer Gruppen hat sich der Kampf um Demokratie zu einem religiösen Bürgerkrieg entwickelt. Nicht unbedingt aus Sympathie mit Assad haben sich Milizen (Jaish ash Shabi = Volksarmee) aus religiösen Minderheiten entwickelt um gegen die Salafisten zu kämpfen.

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