Verfasst von: sauvradaeva | Oktober 13, 2014

Chemiewaffen im irakischen Bürgerkrieg

Chemiewaffen wurden in den 80er Jahren durch Saddam Hussein gegen den Iran im 1. Golfkrieg (1980-1988) und auch gegen die kurdische Freiheitsbewegung benutzt, insbesondere in der Al Anfal-Kampagne (1986 – 1989). Damit ist der Irak auch das einzige Land im Nahen Osten, das jemals Chemiewaffen verwendet hat. Frühere Einsätze wurden durch die Kolonialmächte durchgeführt, z.B. durch Spanien in Marokko und vermutlich durch England im Irak. Bestände an Chemiewaffen gibt es in fast allen Ländern, zudem ist eine Abrenzung zwischen Chemiewaffen und „Reizstoffen“ recht unklar. (1) Chemiewaffen waren auch ein vorgeschobener Grund für die Neokonservativen in den USA um die irakischen Erdölquellen 2003 zu befreien. Die irakische Armee wurde innerhalb kurzer Zeit vernichtet, die Reste verzogen sich ins Privatleben oder bildeten den irakischen Widerstand. Dieser wurde alsbald durch Salafisten, die sich aus Marketinggründen nominell Al Qaida anschlossen, verstärkt und bildete die dominierende Kraft. Al Qaida im Irak beschloss unter Zarqawi den Irak in Bürgerkriegsland zu entwickeln und ging deshalb vehement gegen die Schiiten im Land vor um sie zu gewalttätigen Reaktionen zu provozieren:

Ich denke, wenn man sie (Anm. die Schiiten) in ihren religiösen, politischen und militärischen Institutionen angreift, wird man sie dazu bringen können den Sunniten ihren krankhaften Hass zu zeigen. Sobald es uns gelingt sie in die Arena des sektiererischen Konflikts zu ziehen, wird es möglich werden die bislang nur teilnahmslosen zuschauenden Sunniten aufzurütteln, wenn sie die Gefahr und drohende Vernichtung durch diese “Sabäer” (Anm. Schiiten) spüren. Trotz ihrer Schwäche und Zersplitterung sind die Sunniten das schärfste Schwert, die Entschlossensten und die Loyalsten, wenn sie auf die Schiiten treffen, die Leute des Verrats und der Feigheit sind. (Zarqawi 2006). (2)

Mit dem Anschlag auf den Askariya-Schrein in Samarra im Jahr 2006 gelang dieser Plan. Schiitische Milizen griffen landesweit Sunniten an, völlig gleichgültig, um welche Sunniten es sich handelt. Der sektierische Konflikt war somit als zentrales Element im Bürgerkrieg angekommen und er verdrängte auf Seiten von Al Qaida im Irak völlig den Widerstand gegen die US-Besatzer.

 1. Chemiewaffen unter Saddam Hussein

Saddam Hussein setzte Chemiewaffen, u.a. Senfgas, Sarin, Tabun, und Chlorgas, zuerst gegen die iranische Armee und später gegen iranische Städte, u.a. Sardasht, ein. Der Einsatz erfolgte zunächst mittels Artillerie und Flugzeugen und später auch mit Mittelstreckenraketen. Zahlen über Tote und Verletzte variieren natürlich sehr stark, werden aber auf etwa 20.000 direkte Tote, mehrere tausend Tote nach einiger Zeit und ca. 90.000 Verletzte geschätzt.

In der Anfal-Operation, die 1986 während des Irak-Iran-Kriegs begann, sollte die kurdische Freiheitsbewegung vernichtet werden, wenn nicht sogar die Kurden als Volk. Hierzu wurden im großen Maßstab Areale, besonders im Gebirge, durch die Armee abgeriegelt, Zivilisten aus dem Umland hineingetrieben und anschließend mit Artillerie und Flugzeugen bombardiert. Als letzter Schritt marschierte die Armee ein. Bei ihrer Eroberung von Dörfern und Flüchtlingslagern wurden häufig Männer und Frauen sowie Kinder separiert. Die Männer wurden in der Regel erschossen, die Frauen vergewaltigt und oft auch ermordet. Beim Beschuss wurden häufig auch Chemiewaffen eingesetzt. Am bekanntesten ist der Chemiewaffenangriff auf Halabja 1988. Die Stadt wurde von der irakischen Luftwaffe mit einem Mix aus verschiedenen Chemiewaffen bombardiert. Dabei starben mehr als 3.000 Menschen. Mehrere tausend wurden verletzt und müssen bis heute behandelt werden. Erbgutkrankheiten sind eine weitere Folge des Angriffs. Die Umweltschäden an Boden und Wasser konnten erst Jahre später behoben werden. (3)

Nach dem 2. Golfkrieg 1990-91 wurden Resolutionen gegen Saddam Hussein erlassen, die ihn dazu verpflichteten alle Chemiewaffen zu vernichten. Wie es sich 2003 nach dem Einmarsch der „Koalition der Willigen“ herausstellte, hatte er diese Vorgaben erfüllt.

2. Chemiewaffen im irakischen Bürgerkrieg

Im irakischen Bürgerkrieg wurden tausende Autobomben gezündet, zum Teil durch Selbstmordattentätern. Bei einigen Autobomben wurden Chlorgaskanister oder Tankwagen gefüllt mit Chlorgas verwendet:

  • 21.10.2006: Ramadi
  • 28.01.2007: Ramadi
  • 19.02.2007: Ramadi
  • 20.02.2007: Taji
  • 21.02.2007: Baghdad
  • 16.03.2007: Falludscha
  • 16.03.2007: Ramadi
  • 28.03.2007: Falludscha
  • 06.04.2007: Ramadi
  • 25.04.2007: Baghdad
  • 30.04.2007: Ramadi
  • 15.05.2007: Abu Sayda
  • 20.05.2007: Ramadi
  • 03.06.2007: Diyala-Provinz

In den Nachrichten und offiziellen Stellungnahmen der irakischen Regierung wurde nicht informiert, woher diese Bestände stammen, z.B. aus der Chemieindustrie, aus dem Ausland geliefert oder selbst hergestellt, und ob sich dahinter eine größere Kampagne verbirgt. Es ist auch nicht bekannt, wer die Täter sind. Bekennerschreiben gibt es nicht bzw. sind nicht veröffentlicht.

Im Juli 2007 ebten zwar die Chemiewaffenangriffe ab, allerdings wurde in der Folge zahlreiche „Feldlabore“ zur Herstellung von Chemiewaffen sichergestellt, zuletzt 2013 in Baghdad.

3. Ansar al Islams Chemiewaffen

Die salafistische Gruppe Ansar al Islam, eine Abspaltung der islamischen Bewegung Kurdistands, bekämpft seit 2001 die Peschmerga in den autonomen Kurdengebieten des Nordirak. 2003 griffen Peschmerga und US-Einheiten in der Operation „Viking Hammer“ die Ansar al Islam Hochburg in Halabja an und vertrieben sie aus der Stadt. Dabei stellten sie Handbücher zur Herstellung von Chemiewaffen sicher. Es wurden auch Giftstoffe wie Rizin und Botuliniumtoxin gefunden.

4. Aktuelle Verdachtsfälle von Chemiewaffeneinsätze

Ende September 2014 hat ISIS in Saqlawiyah, nördlich von Falludscha gelegen, vermutlich einen Selbstmordattentäter einen LKW mit Chlorgas gegen die irakische Armee eingesetzt und dabei mehr als 300 Soldaten getötet.

Kobane/Ayn al Arab, eine syrische Grenzstadt zur Türkei, wird durch Einheiten der syrischen kurdischen Autonomieregierung gegen die Angriffe von ISIS verteidigt. Bereits im Juli 2014 wurden bei erste Kampfhandlungen mutmaßlich Chemiewaffen eingesetzt. Verteidiger der YPG starben ohne erkennbare konventionelle Kriegsverletzungen wie von Schüssen oder Granatfeuer. Bei der Autopsie an zwei Personen wurden weiße Verletzungen an den Körpern festgestellt.

Am 06.10.2014 gelang es ISIS-Einheiten in die Stadt vorzudringen. Es wurden am 13.10.2014 Handgranaten mit Chemiewaffen durch die Anti-ISIS-Allianz „Euphrat-Vulkan“ sichergestellt. Am 12.10.2014 wurden erste Verdachtsfälle durch Chemiewaffen gemeldet. Tote Frauen zeigten keine Kampfspuren durch Schüsse oder Granatfeuer. Statt dessen zeigte die Haut Verletzungen wie von Chemiebränden, d.h. die Haut ist gerötet, wirft Blasen und rollt sich ab. Dabei sind keine Brandspuren oder tieferen Verletzungen erkennbar. Zur Bestimmung der genauen toxischen Wirkung (Lunge, Blut und/oder Nerven) sowie den genauen Kampfstoff ist eine toxikologische Analyse notwendig, die aber im Gefechtgebiet nicht durchgeführt werden kann.

 Fußnoten

1. Bei den „Reizstoffen“, die z.B. die deutsche Polizei und die Bundespolizei, früher Bundesgrenzschutz, einsetzten handelt es sich übrigens um Chemiewaffen nach dem Genfer Protokoll. Im Kriegs- oder Bürgerkriegsfall würde der Einsatz als Kriegsverbrechen behandelt werden.

2. Die Al Qaida-Führung in Pakistan hat das vehement verurteilt. Auch andere Theoretiker des Jihadismus, wie al Maqdisi, haben dieses Vorgehen kritisiert.

3. Eine perfide Masche der US-Regierung unter Reagan bestand darin, den Chemiewaffenangriff auf Halabja dem Iran anzulasten.

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