Verfasst von: sauvradaeva | Oktober 14, 2014

strategische und inhaltliche Positionierung gegenüber ISIS

In den vergangenen Wochen gab es verschiedene Initativen und Appelle sich wegen des Vormarsches von ISIS in Syrien und im Irak zu positionieren und in Deutschland wie auch in den entsprechenden Ländern einen Beitrag zu leisten. Deshalb geben wir nachfolgend in Stichpunkten die wichtigsten Aspekte wieder um sich selber inhaltlich zu informieren und in Medien zu verwerten:

1. Voraussetzungen

  • Niemals Theorien und Analysen blind vertrauen oder gar übernehmen. Das führt nur zu Schematismus, bei dem man an der Realität schnurstracks vorbeiführt. Auch immer den eigenen Schematismus im Blick haben, z.B. Klassenanalyse oder der Gegensatz sakulär-religiös.
  • Wenn ihr marxistische Religionskritik machen wollt, dann lest bitte zuerst die einschlägigen Werke von Hegel, auf die Marx seiner Kritik unterzieht. Den Vulgärmarxismus vieler Autoren dazu ist kaum mehr zu ertragen. Außerdem verkommt auch das beständig zu Schematismus.
  • Das gesamte Wirkspektrum des Salafismus in den Blick nehmen, d.h. die muslimische Identität, das Authentizitätskonzept, die rigiden Vorstellungen, das Bild der Kleinfamilie, auch wenn ihr nur einen Teil bearbeiten möchtet.
  • Inhaltliche Auseinandersetzung mit der Ideologie und mit den Handlungen von IS und/oder anderen Islamisten und Salafisten heißt Primärquellen auswerten.
  • Niemals den spezifischen gesellschaftlichen Zusammenhang außer Acht lassen, auf den sie reagieren, sich beziehen und in dem sie wachsen
  • Sprachkenntnisse sind nicht zwingend erforderlich, allerdings sollten die arabischen Vokabeln der Salafisten bekannt sein
  • Literatur ist zu fast allen Themen und Bewegungen in der Regel auf Englisch in großen Mengen vorhanden. Weitere Fremdsprachenkenntnisse sind nicht zwingend erforderlich. Zur Einarbeitung sollte empirielastige Literatur verwendet werden. Übergreifende Werke, z.B. von Olivier Roy, bringen zur Einarbeitung überhaupt nichts.
  • Ein leider nicht unerheblicher Teil der Literatur ist rechtslastig bis offen rechtsextrem. Faustregel: Bücher meiden, bei denen schon der Klappentext aussagt, dass es um den Islam geht. Die Analysen sagen mehr über die Autoren, als über den angeblichen Forschungsgegenstand aus.
  • Zur Einordnung salafistischer Ideologie können Parallelen mit dem deutschen Konservatismus nützlich sein, siehe hierzu:
    • Martin Greiffenhagen: Das Dilemma des Konservatismus in Deutschland
    • Kurt Lenk: Deutscher Konservatismus
    • Panajotis Konylis: Konservatismus. Geschichtlicher Gehalt und Untergang
  • Diese Liste ist nicht vollständig und sollte keinesfalls abgearbeitet werden. Sie soll nur eine grobe Orientierung und Denkanstöße geben.

2. Strategische Ausrichtung

  • An wen addressiert ihr eure Publikationen, Flyer, Reden und Handlungen:
    • das eigene Publikum
    • den Doktorvater
    • die Medien
    • die breite Öffentlichkeit
    • den ISIS
    • das Publikum, an das sich ISIS und andere Salafisten wenden
  • Welches Ziel verfolgt ihr (zwei davon sind sarkastisch gemeint):
    • Selbstvergewisserung
    • Solidarität
    • Abgrenzung
    • Kritik bis hin zu positiver Einwirkung, z.B. auf das Publikum der Salafis
  • Möchtet ihr mit anderen Gruppen kooperieren:
    • sollen sie euch ideologisch nahe stehen
    • von der Jugendkultur oder dem Habitus
    • bei strategische Partner
      • können diese Lücken schließen
        • inhaltliche
        • Identitäre (Salafistische Konzepte basieren auf einer sehr starken identitären Dichotomie, ein Imam oder ein Sufi können diese aber aufbrechen
        • werden andere Bevölkerungsgruppen angesprochen
      • was erwartet man von diesen Partnern und was bringt man selber ein, denn das sollen ja auch keine nützlichen Idioten für linke Befindlichkeiten sein
      • Vorsicht vor islamistischen und rechtsradikalen Gruppen (z.B. MHP, Graue Wölfe, BDP)
    • handelt es sich um tatsächliche oder potentielle Opfer (gut bei ISIS ist quasi jeder ein potentielles Opfer)

3. Inhaltliche Ausrichtung

  • Nicht in Schematismus verfallen, das bringt den Addressaten nichts, sondern bestenfalls nur euch
  • Nicht alle Salafisten und Islamisten pauschal aburteilen
  • Analysen salafistischer Ideologie und Handlungen:
    • deutlich das Konzept der Salafisten und dessen Auswirkungen darstellen, sowohl auf andere Moslems (z.B. Takfir) wie auch den Rest der Menschheit
    • wo setzen Salafisten inhaltlich und identitär an und dort intervenieren (z.B. Gegensatz Moslem zu Nichtmoslem, bei Rassismus, bei Arbeitslosigkeit, Kriminalität, nicht- und vorehelichem Geschlechtsverkehr oder Drogenkonsum)
    • welche Gruppen wollen Salafisten ansprechen und welche sprechen sie tatsächlich an
      • am bekanntesten sind die marginalisierten Ausländer aus der Türkei, das ist aber nur eine Gruppe
      • unter Christen schließen sich besonders Personen aus strenggläubigen Familien an, in der Regel, weil der Salafismus angeblich ausgesprochen konsequent sein soll
    • Analysieren, wo Salafisten von althergebrachten Traditionen und anderen theologischen Ausrichtungen abweichen (z.B. wer alles als Ungläubiger gilt)
      • Salafisten behaupten einen besonders authentischen Islam zu leben. Hier sollte gezeigt werden, dass die Salafisten nur eine unter vielen Interpretation sind.
      • Es kann auch dargelegt werden, inwiefern die jeweilige authentische Auslegung den Traditionen in den jeweiligen Gesellschaften folgen, z.B. im Irak folgt die religiös aufgeladene Verfolgung der Kurden, Schiiten und Yeziden dem Erbe Saddam Husseins.
      • Üblicherweise kritisieren rechte Autoren dann, dass bereits die Bezugsquelle das Problem wäre. Dagegen muss deutlich gemacht werden, dass nicht die Bezugsquelle das Problem ist, sondern die Interpretation, die auch die problematischen gesellschaftlichen Entwürfe zur Folge hat.
  • Diskussionen mit Salafisten
    • niemals auf der Ebene von Religion/Glaube führen, sondern auf der Sachebene, z.B.
      • Welche fachlichen Probleme kann der Salafismus lösen? Das ermöglicht es klarzustellen, dass Probleme nicht mit Identitätskonzepten gelöst werden können. Die salafistische Ideologie ist nur ein Ausweichen von den Problemen, die der Alltag stellt. Das ist keine Alternative.
    • Bei ISIS-Leuten: immer auch die Lage in Nahost einbeziehen, z.B.
      • was war der Beitrag von ISIS zum Sturz von Assad?
      • Was haben die Salafisten in Libyen gemacht, was in Ägypten oder Tunesien (ganz einfach, sie haben die Opposition angegriffen)?
      • so kann man ihnen Heuchelei vorwerfen
    • Bei chauvinistischen salafistischen Gruppen, z.B. ISIS, aber auch „Wa(h)re Religion“ oder Pierre Vogel, deutlich machen wie sie zu Ausgrenzung führen, Ungerechtigkeit verstärken und nichts als chauvinistisches Überlegenheitsgefühl für ihr Klientel anbieten. Die Gefahren davon sind offensichtlich.
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