Verfasst von: sauvradaeva | Mai 28, 2015

Zur Identität des IS mit Faschisms

Parallel zu den jüngsten Ereignissen im Nahen Osten erfolgt wieder die Gleichsetzung von Faschismus/Nationalsozialismus mit Salafismus oder Islamismus oder gar Islam. Hierbei beschränkt man sich auf einige Gemeinsamkeiten, vernachlässigt dabei aber andere oder ignoriert sie völlig. Auf naheliegende Vergleiche, z.B. zur religiösen Rechten, politreligiösen Sekten, dem amerikanischen Bible Belt oder einem reformierten Konservatismus in Gestalt von Kristina Schröder oder Ursula von der Leyen, trifft man leider nicht. Grundsätzlich werden nur oberflächliche Gemeinsamkeiten dargestellt wie die Unterdrückung der Frau, totale Unterwerfung des Individuums unter einer Lehre, Antisemitismus oder Diskriminierung von Bevölkerungsgruppen.

Genau hier liegt einer der wesentlichen Unterschiede. Zwar lehnt der IS alle anderen nichtmoslemischen Religionen ab, genau wie auch alle säkularen und innerislamischen Ausrichtungen. Ihnen droht sogar die ewige Verdammnis. Doch dem liegt nicht zugrunde, dass Menschen gewisse „eingeborene“ Rassen- oder Kulturmerkmale hätten, sondern unterschiedliche Ansichten und Werteorientierungen. Im Gegenteil lehnt der IS jede Rassentheorie ab und verabscheut Nationalismus als unislamisch. Er wirbt für sich selbst, dass „der weiße Mann und der schwarze Mann“, Menschen aus allen Ländern gekommen sind um sich ihm anzuschließen. Prinzipiell steht der IS also allen Menschen offen, sie müssen (1) nur zum Islam konvertieren und (2) sich dem IS anschließen. Die Rassentheorien des Faschismus gingen dagegen davon aus, dass die Menschheit in unterschiedlichen Rassen unterteilt wäre, eine wäre davon die Herrenrasse und die anderen die Sklavenrassen und Untermenschen. Diese Rassen würden sich einem ewigen Kampf liefern. Deshalb dürfte man Rassen nicht mischen, weil so die Herrenrassen sich verunreinigen und bastardisieren würden. Dies würde unweigerlich zum Untergang der Herrenrasse führen. Dadurch ist nicht nur jeder Mensch auf eine Rasse festgelegt, sondern es wird pseudo-naturwissenschaftlich ein Kampf zwischen den Rassen attestiert, wobei in der Regel Charles Darwins Name missbraucht wird. Dieser Kampf ist nicht nur Überlebenskampf im Rassenkrieg, sondern auch ein Kampf um die landwirtschaftliche Versorgung und die Ressourcen, die im Boden liegen. Bereits vor Beginn des 3. Reichs gab es einen etablierten Diskurs um das „Volk ohne Raum“ (Hans Grimm) und die Notwendigkeit den „Lebensraum im Osten“ zu erobern und dabei die ansässige Bevölkerung zu vertreiben, zu diskriminieren oder massenhaft zu ermorden. Der italienische Faschismus träumte dagegen das imperiale Erbe des Imperium Romanum anzutreten, im Mittelmeer das Mare Nostrum (Unser Meer) zu verwirklichen und einige afrikanische Kolonien zu erobern.

Dieser Programmpunkt ist bei aller Grausamkeit von IS der zweite wesentliche Unterschied zwischen ihnen und dem Faschismus. Der IS hat keine Agenda, die dem europäischen Imperialismus gleicht. Ihre Eroberungen dienen nicht dem Zweck partikulare Interessen zu erfüllen, sondern ihren Einflussbereich auszudehnen um ihr Gesetz zu verwirklichen. Zumindest ist das auf ideologischer Ebene so formuliert. Wie so oft, predigt man auch hier Wasser um Wein zu saufen bzw. sich als Kalif Nachtklubs zu besuchen, sich eine schicke Rolexarmbanduhr zu leisten und Frauen zu vergewaltigen.

Der IS setzt in seinem Herrschaftsbereich ein bestimmtes Recht durch, das von partikularen Wirtschaftsinteressen absieht, in dem er ein allgemeines Gesetz formuliert. Er beansprucht damit aber nicht nur die Ausübung im eigenen Territorium, sondern Universalität. Denn es soll prinzipiell allen Menschen gleiche Rechte einräumen. Damit tritt ihre salafistische Ideologie auch in direkte Konkurrenz mit Marktwirtschaft und Menschenrechten auf der einen und linken Ideen und Menschenrechten auf der anderen Seite. Damit sind sie auch in der Globalisierung besser aufgestellt als andere konservative Strömungen, die noch auf ihre Grenzen beharren und exklusiven Charakter beanspruchen. Denn der IS bietet Werte, denen man beitreten kann, und nicht Identitäten, zu denen man entweder gehört oder von denen man ausgeschlossen ist. Die salafistische Identität ist also nicht vorgeben, sondern steht erst am Ende eines Prozesses von Bekenntnis und Abgrenzung. Die Anhänger des IS beanspruchen für sich die einzig rechtgeleiteten Moslems zu sein und schließen somit andere aus – gegenwärtig etwa 7 Mrd. Menschen-, gleich ob Nichtmoslems oder nominelle Glaubensbrüder.

Im Gegensatz zum Faschismus spielt das Kollektiv keine Rolle, sondern das Bekenntnis und das juristische Ordnungsprinzip der Gesellschaft. Die deutschen „Herrenmenschen“ mussten ihrem Volk alles opfern, selbst ihre Kinder und ihr eigenes Leben, weil es ihr von der Vorsehung gesandten Führer so verlangt. Denn nur indem man alles opfert, kann man im Kampf gegen die „minderwertigen Rassen“ des Ostens bestehen. Denn sollten diese obsiegen, wäre das der Untergang für die „Herrenrasse“.

Der IS dagegen trägt die Aufgabe das universalistische Prinzip ihrer Islamversion zu verwirklichen, zudem über alle religiösen Schranken hinweg. Sie beanspruchen zwar keine Bevorzugung aufgrund religiöser Zugehörigkeit, jedoch wurden Angehörige anderer Religion oder innerhalb des Islams diskriminiert um keine anderen Prinzipien neben sich zu dulden und islamische Weltanschauungen auszuschalten, die ihnen direkt Konkurrenz machen.

Ein weiterer Unterschied ist ihr Verhältnis zu ihren moslemischen Zeitgenossen. Ein Faschist argumentiert stets über Rasse, Blut und neuerdings Kultur. Zwar wäre eine gewisse Degeneration durch Amerikanisierung, Verjudung und Kulturbolschewismus eingetreten, aber alleine durch die Reinigung des Blutes bzw. der Kultur und der Abtrennung der jeweiligen Rassen und Kulturen voneinander würde wieder der alte Zustand erreicht werden. Das Verhältnis zur „Rasse“, der man sich zugehörig fühlt, ist also durchweg positiv. Allerdings werden die Zeitumstände kritisiert, die man nur ändern müsse, damit alles wieder so werden würde wie zuvor. Die zeitliche Schiene ist also auf eine ominöse Goldene Zeit ausgerichtet und die Gegenwart als Degenerationsstufe, bevor man wieder zurückkehrt. Die Salafisten von IS teilen zwar den Kulturpessimismus, aber diagnostizieren ihn völlig anders, da sie ihr Weltbild auf Bekenntnis und Werte ausrichten. Die Umma, die Gemeinschaft der gläubigen Moslems, ist für sie also nur eine Gemeinschaft der Degenerierten. In der zeitlichen Abfolge gibt es bei ihnen eine selbstverschuldete Degeneration der Moslems von der Zeit Mohammeds bis heute. IS tritt nun an das Kalifat zu restaurieren um die Umma zu reislamisieren und ihre Ideologie für alle Menschen zu propagieren. Den positiven Bezug auf die Vergangenheit bilden Vorstellungen verschiedener fiktiver und realer Personen, wie Abraham und Mohammed. Diese Biographien werden darauf beschränkt, dass sie den Islam in der Version von IS propagiert und sich selbst gegen Widerstand durchgesetzt hätten. Diese historische Rolle reklamiert IS für sich (u.a. nennt sich Abu Bakr al Baghdadi auch nach Abraham um in Kalif Ibrahim). Ihr Anspruch ist also nicht eine alte Zeit wiederaufleben zu lassen, sondern eine neue Zeit zu schaffen.

Weitere wesentliche Unterschiede zwischen dem Salafismus von IS und dem historischen Faschismus sind die historischen Umstände und Entwicklungen. Der Faschismus blühte in einer Zeit auf als demokratische Vorstellungen keine Mehrheit fanden und selbst die bestehende Demokratie stark autoritär gewesen ist. Besonders in Deutschland und Spanien gab es eine Verquickung mit Monarchismus und Ständestaat. In Deutschland und Österreich war der verlorene 1. Weltkrieg bedeutsam. Beide Länder verloren viele Territorien und Militär. Politisch wurde Deutschland auf die Rolle einer Mittelmacht herabgestuft und musste massive Kriegsschulden abtragen. Österreich wurde zum Kleinstaat dezimiert. Mit dieser Rolle wollten sich die Faschisten nicht abfinden und wieder zu alter Größe erstehen. Im Irak spielt dagegen das Erbe Saddam Husseins eine wichtige Rolle, aus dessen Militär sich die führenden Köpfe von ISIS rekrutiert haben und viel dafür spricht den Konflikt auch als Fortsetzung seiner sektiererischen Politik interpretieren zu können. Zudem war der Irak 8 Jahre lang durch die Koalition der Willigen besetzt, die keinerlei Plan für die Zukunft des Landes hatten.

Verschieden sind auch die internationalen Konstellationen. IS wurde und wird immer noch durch sehr viele Geldgeber in der Golfregion und durch staatliche Stellen, u.a. Kuwait, Qatar, Saudi-Arabien und die Türkei unterstützt. In Irak und Syrien spielt sich zudem ein Stellvertreterkonflikt zwischen Iran und den Golfmonarchien Qatar, Kuwait und Saudi-Arabien ab. Erdogan in der Türkei verfolgt das Ziel das Land zu einer Regionalmacht im Nahen Osten auszubauen und sich die Erdölfelder im Irak zu sichern. Hierzu hat man bereits in der Vergangenheit mit der kurdischen Autonomieregierung im Irak Verträge ausgearbeitet um eine neue Pipeline zu bauen. Eine bestehende Pipeline führt von Kirkuk, das die Autonomieregierung im Juni 2014 besetzt hatte, bereits in die Türkei. Zudem kann Erdogan die kurdische Bewegung in der Türkei erheblich schwächen, in dem diese sich in Abwehrkämpfen mit IS aufarbeitet. In Ungarn, Jugoslawien/Kroation, Deutschland, Italien, Portugal, Spanien und Österreich wurden in den 30er Jahren dagegen keine Stellvertreterkriege durch andere Großmächte geführt. Die einzige Ausnahme war Spanien. Der Bürgerkrieg war aber kein Stellvertreterkrieg, sondern ein sehr offen ausgetragener Krieg zwischen Faschismus auf der einen Seite und Demokratie, Sozialismus und Anarchismus auf der anderen.

Ein weiterer wichtiger Unterschied besteht in der Entwicklung der jeweiligen Ideologien. Der Faschismus ist partikular und trat das Erbe des Imperialismus an um seine verlorene Stellung im Gefüge der Großmächte einzufordern. Hierbei wurden rassistische und völkische Ideologien aufgebaut um territoriale Ansprüche auf die Gebiete zu erheben, in denen „Volksdeutsche“ lebten oder die von „Untermenschen“ bevölkert waren. Der Faschismus ist also exklusiv für eine begrenzte Gruppe von Menschen zugeschnitten. Der Salafismus von IS ist dagegen universalistisch und globalisiert. Jeder kann IS beitreten und verlangt wird kein Ariernachweis, sondern das korrekte Bekenntnis und die Bereitschaft nach ihren Regeln zu leben.

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