Verfasst von: sauvradaeva | April 24, 2016

Literaturliste zum Islamischen Staat

Die folgende Liste stellt die wesentlichen Bücher zum Islamischen Staat vor. Erkenntnisse aus diesen Büchern werden in vielen weiteren Werken und der Presse aufgenommen – aber meist nicht weitergeführt. Die Mehrzahl der Bücher zum Islamischen Staat ähneln sich sehr stark oder sind qualitativ schlecht (z.B. Bensaid (2015) Islamischer Staat: IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden).

Die zusammengestellte Literaturliste unterscheidet sich natürlich deutlich analytisch voneinander. So sieht jeder andere Ursachen in der Entstehung und der Gestalt des Islamischen Staates.

 

deutschsprachige Literaturhinweise:

1. Christoph Reuter: die Schwarze Macht

Positiv:

  • hervorragende Arbeit zur Auffindung von Material zum Spionagewesens von ISIS: Darstellung über ihre Kampagnen zur Unterwanderung der syrischen Bevölkerung u.a. Maßnahmen der Infiltration, des Verrats, Gegenspionage und interne Kontrolle (gegenseitige Spionage)
  • Analyse wird vielfach zitiert, d.h. sehr einflussreich und bietet Anknüpfungspunkte für zahlreiche weitere Fragen
  • sachlicher Ton, deutliche Kritik an Medienrezeption der Gewalttaten und Ideologie, z.B. durch Todenhöfer oder das VICE Magazine.

Negativ:

  • das Spionagewesen hätte tiefgehender dargestellt und analysiert werden können, z.B. im Rahmen von Netzwerkanalysen und Systemanalysen, Adaptierbarkeit, Flexibilität. Die Originalquellen wurden leider nicht komplett dargestellt, so dass diese Untersuchungsschritte für Dritte möglich gewesen wären.
  • Die stark eurozentristische Sichtweise verschränkt leider den Blick auf die syrische und irakische Lage, z.B. wird die Propaganda weitgehend auf das westliche Publikum bezogen.
  • geringe Untersuchung der beiden Länder Syrien und Irak
  • Man erfährt sehr wenig über Aufbau, Struktur und Genese der Ideologie und der strukturellen Ursachen der Entstehung und des Wachstums des IS:
  • z.B. die ideologischen und politischen Beziehungen zu anderen salafistischen Gruppen in Irak, Syrien, Türkei und im Nahen Osten.
  • z.B. wird Salafismus als panarabisches Mobilisierungsmittel für Baathisten dargestellt, die dadurch die Macht im Irak zurückgewinnen wollen. Das kann aber nicht die Expansion in Syrien erklären. Ein wesentliches Mobilisierungselement fehlt völlig: der Hass auf Schiiten.
  • Ein deutlich negatives Analysebeispiel: Jabhat an Nusrah wird als agent provocateur der syrischen Regierung hingestellt (z.B. fingierte Anschläge, zu denen sich Nusrah bekannt hätte). Selbst, wenn dies zutreffen würde, würde es nicht die Attraktivität und die Erfolge erklären

2. Peter Neumann: die neuen Dschihadisten

Positiv:

  • Untersuchung der Befunde von Deserteuren, Gefangenen und Aktivisten, z.B. durch Befragungen, digitale Netzwerkanalysen von Cyberimanen und –aktivisten sowie Auswertung von Sekundärquellen.
  • Ergebnisse werden vielfach zitiert und weiterverwendet
  • Ergebnisse bieten Anknüpfung für zahlreiche weitere Fragen

Negativ:

  • die Forschungsergebnisse sind nicht vollständig dargestellt und können daher kaum weiterverwendet werden um sie mit weiteren qualitativen Parametern abzugleichen
  • Forschungsfrage beschränkt sich auf eine ominöse „4. Welle“ des Terrorismus. Nur unter diesem Gesichtspunkt ist das Buch zu verstehen, nämlich als Sicherheitsanalyse.
  • Verengung auf Sicherheitsaspekte, übersieht dadurch soziale, politische und ideologische Aspekte
  • Ideologische Aufarbeitung ist sehr dürftig, erreicht auch nicht den Stand der Sekundärquellen (z.B. von Joas Wagemakers „a quietist Jihadi“), auf das Buch referiert. Ideologie wird mitunter als wortgetreue Auslegung des Korans verstanden. Übersieht die eigenständige ideologische Linie der IS-Jihadisten, z.B. die Ausschaltung der sunnitischen Rechtsschulen.
  • Wie üblich eine sehr eurozentristische Analyse: so ist fraglich, inwiefern die Gefährdung von Ländern des Nahen Ostens durch europäische Salafisten eingeschätzt wird, u.a. haben Deutsche zahlreiche (Selbstmord-)Anschläge und Kriegsverbrechen im Irak und Syrien verübt.
  • Das größte Problem ist aber , dass das Buch einen grundsätzlich geringen wissenschaftlicher Standard aufweist:
    • Auswertungen entsprechen nicht den Standards der empirischen Sozialforschung
    • Fragestellung: In der Regel steht das Ergebnis noch vor der Auswertung fest, daher ist fraglich inwiefern weitere Befragungen das Ergebnis ändern können
    • Quellenmaterial: keine arabischsprachigen Quellen
    • finden sich in der Literaturanalyse keine Primärquellen, wenn diese erarbeitet werden, dann nur aus Sekundärquellen
  • deutliche Defizite in der Untersuchung der Ideologie (gängige Diskurse, Vordenker, Ideengeschichte im Nahen Osten)
  • Eingangs entworfene Chronologie ist dürftig (Anarchismus, Antikolonialismus, Neue Linke, Jihadismus): allerdings ein Hinweis darauf was Konservative unter Staatsfeinden verstehen: Rechter Terror stellt Staat bekanntlich nicht infrage, sondern nur seine Performanz, Linke/Anarchisten/Antikoloniale stellen dagegen die Systemfrage. Folglich gibt es für Neumann keinen rechten Terror. Es schließt sich wohl auch die Frage an, ob für Neumann die Resistance und andere Bewegungen gegen den NS auch als „Banden“ und „Terroristen“ bezeichnet werden und man ihren legitimen Widerstand ablehnt. Dahingehend ist auch der gesamte Begriff von Terror unbrauchbar und reduziert sich darauf, ob der Staat angegriffen wird, ungeachtet der Qualität dieses Staates.

3. Daniel Gerlach: Herrschaft über Syrien

Das Buch ist keine Abhandlung über den IS, sondern über das Herrschaftssystem in Syrien.

positiv:

  • Forschungsansatz „Tashbih“-Staat: Machtausübung im Staate Assads durch Zersplitterung und Konfessionalisierung der Bevölkerung
  • der IS wird als Nachfolger dieser Politik gesehen
  • Konfessionalisierung des Konflikts als Anliegen des Assad-Regimes
  • zahlreiche Primärquellen und Interviews

negativ:

  • methodisch: Ergebnisse stützen sich u.a. nur auf eine Quelle
  • der Aufbau der Salafisten als Gegengewicht zu den Moslembrüdern fehlt (z.B. Fakultät für Islamische Studien in Damaskus, u.a. Lehrpersonal wie al Albani)
  • Dilemma des Experten: zahlreiche Quellen und Verweise sind nur für Syrienkenner vollständig zu verstehen

4. Ismail Küpeli: Kampf um Kobane, Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens?

Zwei Kapitel zu ISIS (Untersuchung der ideologischen Ebene, Untersuchung der politischen Bedingungen der sunnitischen Unterstützung). Beide Artikel gehen über die IS-Organisation heraus.

Positiv:

  • Methodik: orientiert sich Diskurs- und Nationalismustheorie, schlägt den Bogen von Ideologie zu Interessenpolitik
  • Darstellung der Ideologie skizziert die Ideengeschichte essentialistischer Ideologien und der salafistischen Vordenker (u.a. Maqdisi)
  • Darstellung der sunnitischen Mobilisierung macht deutlich welche machtpolitische Dimension von ISIS einerseits und welche Hoffnung auf Schutz seitens der Sunniten bestehen
  • hauptsächlich Primärquellen werden verwendet

Negativ:

  • Die kurzen Artikel können das Thema jeweils nur anreißen
  • Beschränkung auf einzelne Bereiche, machen aber dennoch deutlich wie umfangreich das Feld ist
  • Die jeweiligen Fazits wirken angeklebt um der Linie des Buches zu entsprechen

 

englischsprachige Literatur

 

1. Patrick Cockburn:

Positiv:

  • Buch entstand vor den großen militärischen Erfolgen des IS im Jahr 2014 (z.B. Juni 2014: Eroberung Mosuls): Geschichte hat der Prognose recht gegeben
  • Macht das Wechselspiel zwischen innen- und außenpolitischen Akteuren deutlich, durch die ISIS aufsteigen konnte

Negativ:

  • Geringe Untersuchung von ISIS an sich

 

2. Michael Weiss / Hassan Hassan: ISIS – inside the army of terror

Positiv:

  • Sehr faktenreiche Darstellung, spannt sehr weiteren Bogen
  • untersucht auch die verschiedenen Akteure im Irak und Syrien (u.a. die sunnitischen Stämme)

Negativ:

  • stark an amerikanischen Militärquellen orientiert, Aspekte der Sicherheit überwiegen
  • Historische und sozioökonomische Untersuchungen fehlen völlig, wodurch falsche Aspekte hineinkommen und gewichtet werden, u.a. der Tribalismus, das Patronage- und Repressionssystem Saddam Husseins, Ideologie von ISIS (Attraktivität im In- und Ausland, ideologischer Gegenentwurf), Herrschaftssystem Assads (siehe hierzu das Buch von Gerlach)
  • Aussagen zu Iran und Syrien stehen auf sehr wackligen Beinen und laufen dabei Gefahr ins Gewässer irakisch-sunnitischer und saudischer Verschwörungstheorien zu kommen (u.a. Iran plane die Weltherrschaft, Iran treibe den Aufbau eines schiitischen Gürtel voran, irakische Politik würde im Iran gemacht, Iran und Assad hätten Al Qaida im Irak groß gemacht)
  • Der gesamte „Irakische Widerstand“ gegen die Besatzung von 2003 – 2011 wird zu Agenten des Ausland gemacht und das Problem externalisiert, anstatt sinnvoll analysiert.
  • Der sunnitisch-arabische Widerstand wird auf Al Qaida reduziert.
  • Überschätzung des amerikanischen Beitrags zur „Sahwa“ der irakischen Stämme.
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