Verfasst von: sauvradaeva | November 11, 2015

Dürre in Syrien

Schon vor dem syrischen Bürgerkrieg litten die Menschen im Land Not. Denn seit 2006 herrscht im Norden Syriens eine Dürre. 60% der landwirtschaftlichen Anbauflächen sind betroffen. Noch vor dem Bürgerkrieg haben 1,5 Millionen Menschen ihre Existenzgrundlage verloren und sind in die Städte gezogen. 2 bis 3 Millionen Menschen sind in extreme Armut geraten. Besonders Kleinbauern sind betroffen, da sie keine oder nur geringe Rücklagen haben oder sogar Kredite und Hypotheken abbezahlen mussten. Nach dem Zahlungsausfall, verloren sie ihr Land an Banken und private Geldverleiher. Hirten und Viehzüchter haben 80 bis 85% ihres Viehbestandes verloren, zum Teil durch Wasserknappheit, zum Teil weil sie aus Armut ihre Tiere billig verramschen mussten. Die Regierung Syriens hat weitgehend keine Maßnahmen ergriffen, sondern die Nothilfe internationalen Organisationen überlassen. Diese haben versucht einerseits die Not durch Soforthilfe zu lindern, andererseits nach dem Konzept „Hilfe zur Selbsthilfe“ Saatgut, Kleinkredite und Bildungsprogramme an die Betroffenen zu geben. Aufgrund der Dimension der Dürre, waren diese Hilfen zu gering. Deshalb ist auch eine Rückkehr der Kleinbauern auf ihre Felder ausgeschlossen, da ihnen ihre Felder gar nicht mehr gehören. Entweder verkauften sie es zur Begleichung von Krediten und Hypotheken oder für den Kauf von Lebensmitteln. Durch diesen immensen Ankauf von Land hat sich eine neue Schicht von Großgrundbesitzern herausgebildet, nach dem in den 70er Jahren die damaligen von Hafiz al Assad enteignet und ihr Land den Kleinbauern übergeben wurden. Die Möglichkeit zur Rückkehr aufs Land wird für die Kleinbauern nur als Erntehelfer und Landarbeiter möglich sein. Da die Wuchszeit in Syrien auf die Monate Oktober bis Mai beschränkt ist, hat sich eine bis dato neue Form der Wirtschaftswanderung im Land ergeben. Während der Wuchszeit waren die ehemaligen Kleinbauern auf dem Land in der Landwirtschaft tätig. Die restliche Zeit des Jahres arbeiteten sie in der Stadt. Die Familie blieb dagegen ganzjährig in der Stadt, wo entweder die Kinder dort in die Schule gegangen sind oder mittels Kinderarbeit zum Familienunterhalt beigetragen haben.
Die UNO hat die Dürre deshalb als eine Ursache der Proteste gegen das Regime und den Bürgerkrieg eingeschätzt. Nicht nur hat das Regime an Legitimation verloren, es hat auch seine ursprüngliche Basis, die Armen in Stadt und Land, verraten, in dem es nicht interveniert hatte und auch der Bereicherung durch Banken und private Geldleiher zusah. Stattdessen haben NGOs und die UNO teilweise diese Aufgaben erfüllt.

Die ökologische Benachteiligung der Tropen(1)

 

Besonders der Norden Syriens, d.h. die Gouvernements Aleppo, Hasakah und Deir ez Zour sind von der Dürre betroffen. Dürren sind in diesem Gebiet nichts ungewöhnliches, wohl aber ihre Dauer und ihr Ausmaß. Das Gebiet selbst liegt zwar in einem Trockengebiet, gehört aber auch zum fruchtbaren Halbmond, der sich über die Täler der Flüsse Jordan, Orontes, Euphrat (mit seinen Zuläufen Belikh und Chabur in Syrien) und Tigris erstreckt. Vor über 10.000 Jahren wurde dort das erste Getreide kultiviert, nämlich Emmer in Tell Abu Hureyra (nahe des heutigen Assad-Stausees). Der Karaca Dag auf heutigem türkischem Territorium ist vermutlich der Ursprung des Einkorn, einer Weizenart.
Diese Errungenschaften der Jungsteinzeit, fanden unter klimatisch anderen Bedingungen als heute statt. Vor etwa 10.000 endete die letzte Eiszeit (gemessen an großflächigen Gletscherausdehnungen), in Mitteleuropa Würm- bzw. Weichseleiszeit bezeichnet. Das Mittelmeer hatte während der Eiszeit einen niedrigeren Wasserstand, der Bosporus war bis zu den Dardanellen frei von Wasser. Das Schwarze Meer hatte dagegen einen deutlich höheren Wasserstand, weil die Flüsse ständig neues Wasser nachführten, dass aber keinen Abfluss hatte. Das Kaspische Meer war im Vergleich zu heute deutlich größer, vom Aralsee ganz zu schweigen.(2) Der fruchtbare Halbmond war, wie große Teile des Nahen Ostens, oder auch des Sahels, deutlich feuchter und bewaldeter. Das Ende der Eiszeit fiel dann mit dem Beginn des Ackerbaus zusammen, entweder aus Zufall, oder wegen schwindender natürlicher Ressourcen. Mit zunehmender Trockenheit, verringerte sich der Niederschlag: es fiel zum einen weniger Regen, zum anderen wurde er unkonstanter. So stellte sich allmählich bis zum heutigen Zeitpunkt eine Trockenperiode von Mai bis Oktober ein, gefolgt von einer Regenperiode, in der die Aussaat stattfand. Diese Regenperiode hat etwa einen Umfang von 200mm Niederschlag. Die trockensten Ackerbaugebiete Deutschlands (Franken, Sachsen, Brandenburg) haben dagegen 600mm.

Die Wüstenbildung im Nahen Osten hat nicht nur klimatische Ursachen, sondern auch handfeste menschliche. Es handelt sich immerhin um das Gebiet mit der ältesten und längsten menschlichen Besiedlungsgeschichte weltweit. Durch Raubbau und Übernutzung sind die natürlichen Ressourcen Wasser, Boden, Tiere und Vegetation auf ein so niedriges Niveau zurückgegangen, dass das menschliche Produzieren und Konsumieren großen Risiken ausgesetzt ist. Der Bestand an Tieren ist in seiner Artenvielfalt massiv zurückgegangen, nicht nur bei Raubtieren wie Löwen, Gepard, Tiger, Wolf und Schakal. Besonders Vögel und Insekten, die zur Bestäubung oder der Verbreitung der Pflanzensamen Schlüsselfunktion haben, gehen zurück. Bei den Säugetieren kann sogar durch die moderne Viehhaltung und die Hirtenkultur quantitativ eine Zunahme vorhanden sein, allerdings ist diese auf wenige Arten reduziert. Die wilden Ursprungsrassen von Schafe, Ziege, Pferd, Kamel und Esel sind stark zurückgegangen. Wildrinder wurden bereits komplett ausgerottet.
Selbst wenn man diesem Artenrückgang aus Sicht menschlicher Produktionsinteressen keine Bedeutung zuweist, gefährden dennoch die Bodenzerstörung und die Übernutzung des Grundwassers die Landwirtschaft. Tropische und subtropische Böden sind wenig ertragreich. In den 70er Jahren hat Wolfgang Weischet das als die „ökologische Benachteiligung“ bezeichnet. Sie sind nahezu ganzjährig der Erosion ausgesetzt, d.h. Wind- und Wassererosion tragen den Boden mechanisch ab; chemische Erosion verringert die Bodenqualität. Eine Humusschicht kann sich so nur gering oder überhaupt nicht bilden. Diese ist aber maßgeblich verantwortlich, dass Mineral- und Nährstoffen für Pflanzen verfügbar sind, und sie bietet einen Speicher für Wasser und Schutz vor Austrocknung. Pflanzen gehen deshalb Symbiosen mit Pilzen im Untergrund ein, die sie mit Nährstoffen versorgen. Durch Abholzung, Beweidung mit Schafen und Ziegen und großflächiger Beseitigung der Pflanzendecke zur Vorbereitung der Aussaat, verliert der Boden deutlich an Qualität:
• die Pflanzendecke schützt nicht mehr vor Austrocknung
• das Wurzelwerk hält kein Wasser, so dass der Grundwasserspiegel sinkt
• es wird keine Biomasse (Blätter, Stengel, Blüten) mehr produziert, die Nahrung für Tiere und Pilze mehr bildet und so keine Humusschicht mehr aufbaut
• Kreisläufe im Mikroklima fallen aus (sog. Evapotranspiration): Pflanzen geben über ihre Blätter Wasser an die Luft ab, was die Feuchte erhöht, ggf. kann es zu lokalem Regen führen, aber auch zu Bodennebel und Tau.

Besonders der letzte Punkt ist klimatisch betrachtet wichtig, weil sich aus dem Evapotranspirationsindex die Trockenheit eines Gebiets ableitet. Der Ursprung des Niederschlags sind nämlich nicht nur Wolken, die durch die Verdunstung (Evaporation) über Wasserflächen und Boden entstehen, sondern auch das Wasser, das Pflanzen ausschwitzen (Transpiration). Evaporation und Transpiration erhöhen somit die Luftfeuchte und bilden darüber Niederschlagsquellen. Regen und Schnee sind zwar die geläufigsten Niederschlagsereignisse, aber auch Tau und Nebel sind in ihrer Dimension nicht zu verkennen. Besonders kleinräumige Niederschlagskreisläufe basieren auf der Transpiration von Pflanzen. Mit dem Schwund der Pflanzen, gehen diese kleinen Kreisläufe verloren.

Das Südostanatolienprojekt in der Türkei

In den 70er Jahren hat man in der Türkei die Industrialisierung des Südens und Ostens des Landes beschlossen. Zur Energiegewinnung und Wasserbereithaltung sollten Staudämme am Orontes, Euphrat, Chabur und Tigris die Flüsse aufstauen, um Landwirtschaft und Industrie zu fördern. Erklärtes Ziel war, die Textilindustrie zu entwickeln. Dazu sollte Baumwolle im Land hergestellt und verarbeitet werden. Die Staudämme garantierten ganzjährig Bewässerung und Energie für die Industrie. Die Industrie wäre auch nicht auf Textilproduktion beschränkt geblieben, sondern hätte auch Landmaschinen, Webstühle und Nähmaschinen hergestellt. Allerdings hat man erst in den 80er Jahren die Projekte umgesetzt. Dabei hat man sich ausschließlich auf Energie und Landwirtschaft beschränkt. Die Textil- und Maschinenbauindustrie spielte keine Rolle mehr. 1992 wurde der Atatürk Staudamm bei Sanliurfa / Urfa eröffnet. Im Januar 1990 wurde dazu der komplette Euphrat für einen Monat aufgestaut. Nach Syrien und in den Irak floss kein Wasser mehr, was dort zu massiven Ernteeinbrüchen führte. Insgesamt sollen 22 Staudämme verwirklicht werden, u.a. der Karkamis-Staudamm, der Birecik-Staudamm und die Karakaya-Talsperre. In der Landwirtschaft werden Weizen, Baumwolle, Mais und Erdbeeren angebaut. Diese Pflanzen sind sehr wasserintensiv. Nur durch die Bewässerung aus den Flüssen können sie großflächig in diesem Gebiet gedeihen. Das führt natürlich zu Konflikten mit Syrien und dem Irak, denen am Euphrat 500 qm an Wasserdurchlass vertraglich zugesichert wurden. Seit Beginn des Bürgerkrieges in Syrien wurden diese Mengen regelmäßig unterschritten.
Sozioökonomisch führte das Südostanatolienprojekt nur zu geringen Verbesserungen für die Menschen vor Ort. Profitiert haben Großgrundbesitzer, die mehrheitlich noch nicht einmal aus der Region stammten und vor allem gute Beziehungen zur Regierung in Ankara pflegten um Vorkaufsrechte am Land und billige Kredite zu erhalten. Die ansässigen Bauern konnten dagegen nur im begrenzten Umfang von der Bewässerung profitieren, da sie sich die Gebühren nicht leisten konnten.

 

Fußnoten:

1. Weischet, W. (1977). Die ökologische Benachteiligung der Tropen.

2. Bei beiden Seen handelt es sich um Überreste des Thetysmeeres bzw. der Parathetys, das sich einst vom heutigen Mitteleuropa bis nach China erstreckte.

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