Verfasst von: sauvradaeva | April 3, 2012

Im Schatten des Siyed Qutb

Die Moslembrüder (Jamiyat al Ikhwan al Muslimun – Gemeinschaft der muslimischen Brüder) wurden 1928 von dem Grundschullehrer Hassan al Banna gegründet. Er verband den Salafismus des 19. Jahrhunderts mit Nationalismus, einem starken Staat, öffentlicher Wohlfahrt und Industrialisierung. Bei den Salafisten des 19. Jahrhunderts, u.a. Muhammad Abduh und Rashid Rida (vgl. Hourani 1983), handelte es sich vorwiegend um Universitätsprofessoren. In ihren Seminaren und Zeitungen verbreiteten sie ihre Theorien über die Situation Ägyptens, den Kolonialismus und den Zustand der Gesellschaft. Die fundamentale Annahme der Salafisten ist, dass die Ursachen der gegenwärtigen Probleme in der über Jahrhunderte verlaufenden Verwässerung der reinen islamischen Lehren liegen würden. Die islamische Lehre wäre eine vollständige und umfassende Anleitung Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu strukturieren wie es in der Urzeit der islamischen Gemeinde bestanden hätte. Von dieser Gemeinde der tugendhaften Väter (as salaf as salih) leiten sie ihren Namen ab: Salafisten (arab. Salafiyyun). Daher muss man versuchen diese Goldene Zeit wieder zu erschaffen. Siyed Qutb hat diese Vorstellungen besonders zugespitzt und als Anleitung für die einzelnen Individuen ausgearbeitet ihr Leben zu gestalten. Für ihn gibt es aber kein Zurück zu einer Goldenen Zeit. Es gälte nicht sie zu imitieren, sondern eine konservative Utopie auf der Erde zu errichten um die Menschen miteinander und mit dem Himmel zu versöhnen. Auch andere Bereiche hat er intensiv bearbeitet, z.B. die soziale Gerechtigkeit, Kritik an Ulema, Anti-Kolonialismus und den Nahostkonflikt, die in der Fachliteratur gut dokumentiert sind. Sein berühmtestes Werk ist “Ma’alim fi al Tariq” (Wegzeichen entlang des Weges), das enormen Einfluss auf den Islamismus in der gesamten Welt hatte und bis heute das Standardwerk für den angehenden Islamisten ist. So ist zum Beispiel Tariq Ramadan kaum zu verstehen ohne Qutb. 1 Einen Einblick in Qutbs Kosmos ist also eine lohnende Angelegenheit um den Diskurs der Islamisten zu verstehen.

1. Biographie

Im 19. Jahrhundert versuchten die ägyptischen Regierungen, angefangen bei Muhammad Ali, wieder ihre alte Rolle in der Welt zu spielen. Industrialisierung sollte das maßgebliche Programm werden. Ab den 18 20ern wurden der Baumwollsektor und eine Maschinenindustrie, die sie versorgen sollte, aufgebaut. Traditionell wurde Baumwolle in Ägypten nicht als Monokultur auf riesigen Flächen angebaut, sondern von Kleinbauern als cash-crop neben den Pflanzen für die Nahrungsversorgung (Gemüse, Weizen, Hirse, Reis). Ebenso traditionell war die Landwirtschaft aufgebaut. Kleinbäuerliche Landwirtschaft spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle, d.h. Bauern, die selber Land besaßen und es zur Selbstversorgung bewirtschafteten und minimale Überschüsse verkauften, u.a. auch Baumwolle und Zuckerrohr. Großgrundbesitz dominierte die ägyptische Landwirtschaft. Die Großgrundbesitzer überließen ihr Land Pächtern, die es bewirtschafteten. Da die Einnahmen stetig flossen und die Besitzer kein Risiko trugen, hatten sie auch kein Interesse an weiterer Entwicklung. Denn bei Investitionen würden auch Risiken auftreten, die sie eben nicht tragen mussten. Nur minimal wurde in die wenigen Plantagen für Zuckerrohr, Färberpflanzen und Baumwolle investiert. Die Industrialisierung der Baumwollindustrie betraf diese Struktur so enorm, dass ein totaler Wandel stattfand. Um den hohen Bedarf der Industrie zu befriedigen wurden die Pächter aus ihren Verträgen entlassen bzw. ihr Widerstand, der sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts für etwa 15 Jahre hinzog, militärisch gebrochen. Die Fläche wurde nun für den Baumwollanbau im großen Maßstab genutzt. Die nun landlosen Pächter wurden zu saisonalen Landarbeitern auf den Baumwollplantagen, die sich nun gar nicht mehr selbst versorgen konnten. Die Kleinbauern erzielten durch die nun auftretende Konkurrenz immer weniger Erlös für ihre Baumwolle. Hätte die aufstrebende Industrie für mehr Arbeitsplätze und Lohn gesorgt als dabei an Kaufkraft verloren gegangen wäre, wäre dieser landwirtschaftliche Strukturwandel nur eine Episode gewesen. 2 So wurde sie aber zum Auslöser einer gravierenden sozialen Frage. Dieser begegneten aber die ägyptischen Könige weitgehend mit Ignoranz. Stattdessen entwickelten sie andere Bereiche. Sie versuchten v.a. die Infrastruktur, das Militär und die Industrie zu modernisieren. Vom Suezkanal versprach man sich enorme Vorteile, dessen Finanzierung aber nicht gesichert war und deshalb ausländische Kredite aufgenommen wurden. Dies führte schließlich 1882 zur Besetzung durch die Engländern. Das englische Kolonialreich regierte nach dem Muster der “indirect rule”, d.h. sie übten nicht direkt die Herrschaft aus, sondern über einheimische Gewährsleute, in diesem Fall die ägyptische Aristokratie. Mit dieser warf man sich auch ins Sudanabenteuer. 3 Diese Entwicklung änderte sich auch nicht unter späteren Königen. 1922 weigerte sich sogar König Fuad die einseitige Unabhängigkeitserklärung durch die Engländer anzuerkennen. Daher bedeutete Anti-Kolonialismus in Ägypten auch immer Anti-Monarchismus und bildete bis zum Putsch von 1952 den Hauptfeind der Nationalisten, die sich aber in der Gestalt der Wafd-Partei auch an Regierungen beteiligten und in ihren Forderungen zurücknahmen. Die Hauptprobleme Ägyptens in dieser Zeit waren v.a. die soziale Frage, die Bildung, Gesundheit und wirtschaftliche Entwicklung.
Siyed Qutb (gesprochen Qutub, das zweite u sehr kurz) begann seine politische Karriere in der Unabhängigkeitsbewegung gegen die englische Kolonialherrschaft. Er arbeitete 16 Jahre im Bildungsministerium des ägyptischen Königs und war regelmäßiger Autor und Kolumnist in Zeitungen, z.B. auch in der linken “Al Ishtirakiyyah” (Sozialismus). Zunächst war er Marxist und vertrat sozialdemokratische Ansätze von der Integration der Massen in Fabriken und soziale Einrichtungen. Er verfocht dabei vor allem, im Nachhinein würde man es so bezeichnen, sozialdemokratische Erziehungsansätze. Die beste Bildung sollte allen ermöglicht werden und sie dürfe nicht nur technische Fähigkeiten lehren, sondern die Persönlichkeit nach dem humanistischen Ideal bilden. Demokratie sollte herrschen, das Eigentum unangetastet bleiben, solange es dem allgemeinen Besten dient, und das Lebensniveau der Menschen allmählich erhöht werden. Ein einschneidendes Erlebnis für ihn war die Frage nach der Bildung für die Armen. Denn der König wollte keine Bildung für die Armen, insb. die Landbevölkerung, denn sie sollten dumm und gefügig bleiben. Außerdem würden die Bauern durch Bildung in die Stadt ziehen, werden dort arbeitslos und sorgen durch ihre materiellen Ansprüche für Unruhe. Daher sollten sie lieber auf dem Land bleiben (Moussalli 1992, S.24f). Dies war Anlass für einen enormen Dissens im Ministerium, da Qutb mit Kritik nicht sparte. Mitte der 40er Jahre kritisierte er heftig König Faruk und die Wirkungslosigkeit der Wafd-Partei die Probleme des Landes zu lösen (Khatab 2006, S.79). Er entsagte der Parteipolitik, weil sie nur von Interessen geleitet sei, und trat aus der Wafd aus. Ziel muss es sein “Politik für Alle” zu machen und nicht nur Vorteile für einige zu erzielen. Das entspricht dem Klassiker vom “allgemeinen Besten“, das die Politik und die politische Führung durchzusetzen und ihr Eigeninteresse hintan zu stellen hätte (vgl. Rousseau 1762). Durch ihre eigenen Unzulänglichkeiten, d.h. des eigenen Selbstinteresses, vermochte die Führung das aber nicht. Aufgrund dieser Kritik, immerhin delegitimierte Qutb die Herrschaft König Faruks, wurde er auf “Bildungsreise” in die USA geschickt. Einige Autoren nennen diese Ereignisse – Exil und Aufenthalt in den USA – als entscheidende Momente für seine Hinwendung zum Islamismus (u.a. Kepel 1985, S.40f). Das trifft allerdings nicht zu. Bereits 1948 stellte er “Al-Adala al-Ijtima’iyya fi’l-Islam” (soziale Gerechtigkeit im Islam) fertig, das bereits seine Annäherung zu “islamischen Lösungen4 dokumentiert. Nach Sayyad Khatab (2006, S.80ff) beschäftigte sich Qutb schon in den 30er Jahren mit diesen Themen. Beeinflusst wurde er dabei von den Debatten über Identität, Nation und kulturellem Erbe. Diese gehen davon aus, dass eine verbindliche, alle Menschen umfassende Ideologie, an die sich aus irgendeinem Grunde schließlich alle halten werden, die politischen und gesellschaftlichen Probleme lösen werden. Denn durch diese übergreifende Ideologie würde das private Selbstinteresse in den Hintergrund treten. Die Unkenntnis über die nationalen und kulturellen Wurzeln wurden damals als “jahiliyyah” bezeichnet, ein weiterer Begriff, der zentral wird in Qutbs Denken. Er verwendete ihn ab den 50er Jahren zur Beschreibung der in seinem Wortlaut “muslimischen Gesellschaften“, die nur noch dem Namen nach islamisch sei. Eine Parallele findet sich dazu sogar im arabischen Nationalismus der 30er Jahre. Damals erhob man schwere Vorwürfe gegenüber der kulturellen Degeneration der Araber. So z.B. von Sati al Husri, einem Vordenker des arabischen Nationalismus, dass die Araber kein richtiges Arabisch sprechen würden und man es ihnen beibringen müsste. Bis das nicht vollbracht sei, könne man überhaupt nicht von Arabern sprechen. 5
Nach seiner Rückkehr aus den USA kam Qutb mit den Moslembrüdern in Kontakt, die sein “Al Adala/soziale Gerechtigkeit” positiv rezipierten und für eigene Zwecke diskutierten. Bei der Hajj 1950 verbrachte er in Mekka einige Monate mit dem pakistanischen Islamisten Abu al Hassan Ali an-Nadawi (Khatab 2006, S.147). 6 Auch Nadawi verwendete den Begriff “jahiliyyah” um die Unwissenheit der Muslime in “ihren” Glaubensangelegenheiten zu beschreiben. 7 Nadawi war in den 50er Jahren der intellektuell drittwichtigste Islamist in Pakistan, hinter Mawdudi und Thanvi. Jedoch war Qutb damit noch nicht ins Lager der Islamisten gewechselt. Mit der Revolution Nassers sympathisierte er und arbeitete kurzzeitig für das Bildungsministerium um naturwissenschaftliche Curricula auszuarbeiten. Insbesondere der Hass auf König Faruk und die Hoffnung auf Besserung der gesellschaftlichen und ökonomischen Lage waren ausschlaggebend für Qutbs wohlwollende Aufnahme der Revolution. Allerdings bemerkte er rasch, dass auch Nasser keine wirklich Befreiung wollte und schloss sich deshalb den Islamisten an. Für Nadawi verfasste Qutb das Vorwort in dessen zweiter Auflage von “Was die Welt durch den Niedergang des Islam verloren hat“. In Ägypten arbeitete er für die Muslimbrüder in der “da’wa”-Abteilung, ihrem Missionswerk. 8 In den kommenden Jahren wurde er zum intellektuellen Vorreiter der Islamisten und verfasste eine spezielle Koranexegese, “Fi dhilal al Quran” (Im Schatten des Koran), eine Anleitung für Moslems zum wahren Glauben zu gelangen, die zugleich auch eine Kritik an der Ulema war. 1954 wurde auf Nasser ein Attentat verübt, woraufhin jener die Moslembrüder zerschlug. Qutb blieb bis zu seiner Hinrichtung in Haft mit Ausnahme einer kurzen Haftentlassung 1964. Durch seine Hinrichtung 1966 wurde er zum Vorbild vieler Islamisten, da er nicht nur schrieb, sondern auch konsequent politisch war und als Märtyrer für seine Ansichten starb. Qutb hat in der Haftzeit seine Koranexegese weitergeführt und eines der wegweisenden Bücher des Islamismus fertig gestellt, “Ma’alim fi al Tariq“. 9

2. Kulturpessimismus und Aufklärung

Qutb leitete die “Ma’alim” mit folgenden Worten ein:

Die Menschheit steht heute am Abgrund, nicht weil die Gefahr der kompletten Auslöschung über ihren Köpfen schwebt – das ist nur ein Symptom und nicht die wirkliche Ursache -, sondern weil die Menschheit den lebensnotwendigen Werten für ihre gesunde Entwicklung und wirklichen Fortschritt entbehrt ist. Sogar westliche Intellektuelle stellen fest, dass ihre Kultur unfähig ist tragfähige Werte aufzuzeigen um die Menschheit anzuleiten und nichts besitzt, was ihr eigenes Bedürfnis nach Erkenntnis [im Wortlaut Moral, das aber das individuelle Verlangen nach Sinn bedeutet, Anm. Sauvradaeva] befriedigt oder ihre Existenz rechtfertigt. (Qutb 1972, S.2)

Qutb bedauert nicht nur politische und ökonomische Probleme, u.a. die Bedrohung atomarer Vernichtung, Armut und soziale Ungleichheit, sondern auch spirituelle Armut und nach dem Muster eines New-Age-Gurus die individuelle Sinnsuche und Selbstfindung, über die all die materiellen Möglichkeiten nicht hinweg täuschen können. Dies sei ein Grundbedürfnis der menschlichen Natur (fitrah), das materiell nicht befriedigt werden kann. Qutb möchte aber nicht die materielle und die spirituelle Welt miteinander versöhnen und den besten Weg finden wie sie sich am besten ergänzen und befruchten können. Denn die materielle Welt wird für ihn durch das spirituelle Bewusstsein und den moralischen Umgang bestimmt. Dabei geht es nicht um den Inhalt dieser materiellen Welt, sondern um den Umgang mit ihr. Daher ist auch für ihn die Schilderung oben genannter Probleme letztendlich Ausdruck des sittlichen Verfalls. Religion soll nach dem Scheitern der großen Entwürfe der Menschheit alle weltlichen Probleme lösen. Warum dies aber so sein soll, begründet er jenseits dieser Behauptung nur dürftig, was in der Regel das Grunddilemma aller idealistischen Ansätze ist.
Für Qutb nimmt also der Islam gewisse Aufgaben war. Warum der Islam, diese in den vergangenen Jahrhunderten nicht ausgeführt hat und sogar Opfer des europäischen Kolonialismus wurde, erklärt er wie folgt:

Wir können festhalten, dass die muslimische Gemeinschaft seit einigen Jahrhunderten ausgelöscht ist. (…) Es ist notwendig diese muslimische Gemeinschaft wieder zu erwecken, die unter dem Schutt, der in Generationen geschaffener Traditionen, begraben liegt und die unter dem Gewicht dieser falschen Gesetze und Gebräuche zusammengebrochen ist, die nicht einmal im entferntesten zu den islamischen Lehren bezogen sind und die sich trotz allem als “Welt des Islam” bezeichnen. (Qutb 1972, S.4)

Die islamische Gesellschaft ist nicht eine, in welcher sich Leute selbst als Moslems bezeichnen gleichwohl in ihr das islamische Recht keine Relevanz besitzt, sogar, wenn Gebete, Fasten und die Pilgerfahrt regelmäßig beachtet werden; und eine islamische Gesellschaft ist nicht eine, in welcher Menschen ihre eigene Version von Islam erfinden (Qutb 1972, S.49)

Diese Gesellschaft nennt Qutb jahiliyyah. Mit jahiliyyah (=Unwissenheit) wird eigentlich die arabische Gesellschaft vor der Verkündigung des Islams durch Mohammed bezeichnet bzw. in sehr wenigen Ausnahmen die Zeit vor Moses. Der einzige Mangel dieser Gesellschaften war in der üblichen Sicht nur die Ignoranz gegenüber dem Islam. Bei Qutb erhält der Begriff aber eine neue Bedeutung. Er bezeichnet damit unterschiedliche Gesellschaftsordnungen, die islamische und die unislamische. In seinem Vorwort zum Buch des pakistanischen Islamisten Nadawi (s.o.) formuliert er es wie folgt:

Jahiliyyah ist nicht auf ein bestimmtes Intervall zwischen zwei Zeitperioden begrenzt. Es ist eine Geisteshaltung, die zum Tragen kommt, wenn die Prinzipien und Verhaltensanweisungen, die Gott verboten hat, den Weg frei machen für gehobene, aber minderwertige Begierden. Die Welt erleidet die jahiliyyah wie sie sie in den Tagen der ersten Barbarei ertrug. (nach Khatab 2006, S.150)

Für Qutb geht es somit nicht um ein Unterscheidungsmerkmal nach dem Bekenntnis – wie man eben früher in Ummah und jahiliyyah unterschieden hat -, sondern um die ideologische und gesellschaftliche Verfassung der Menschheit. Das zieht sich durch das ganze “Ma’alim“. Hier klingt auch bereits erste Ansichten zum Islam an: Er soll weltliche Probleme lösen, indem er die schlechte Verhaltensweisen sanktioniert und die Menschen zur Tugend anleitet. Die Ursache sieht Qutb nicht wie die arabischen Nationalisten (siehe oben) darin, dass die islamische Welt kolonialisiert und von westlichen und östlichen – also kommunistische – Ideen überschwemmt wurde, sondern im Versagen der Moslems selbst:

Andere Quellen, die von späteren Generationen [der Moslems, Anm. Sauvradaeva] verwendet wurden, waren griechische Philosophie und Logik, antike persische Legenden und Vorstellungen, jüdische Texte und Traditionen, christliche Theologie und zusätzlich noch Versatzstücke anderer Religionen und Zivilisationen. Dies wurde vermischt mit Kommentaren zum Koran und Lehrbuchtheologie, genauso wie sie mit Gesetzgebung und ihren Grundlagen vermischt wurden. (Qutb 1972, S. 7)
Wir sind heute (…) von der jahiliyyah umgeben, die von derselben Natur ist wie sie während der ersten Zeit des Islams war, vielleicht ein wenig tiefer gehend. Unsere ganze Umwelt, Volksglaube und Vorstellungen, Gewohnheiten und Kunst, Regeln und Gesetze ist jahiliyyah, sogar so weit, dass das, was wir als islamische Kultur, islamische Quellen (aqida), islamische Philosophie und islamisches Denken betrachten genauso Erscheinungen der jahiliyyah sind. (Qutb 1972, S. 8f)

Die Moslems haben aber nicht nur die Gebote Allahs vergessen. Sie folgen anderen Prinzipien und haben quasi einen neuen Glauben geschaffen. Dadurch sind sie Knechte (‘abid) geworden. Diese Knechtschaft ist nicht nur jene eines Herren über anderen Menschen, sondern auch gegenüber den eigenen Begierden. Durch die Tradition dieser Werte der Knechtschaft entwickeln sich neue Werte und Ideologien, die die Menschen anstelle Gottes verehren. In der “al Adala” ist diese Herangehensweise das grundlegende Argument der Analyse. Die herrschenden Klassen – er verwendet hierbei den englischen Begriff “class”, also Schicht – unterdrücken die unteren, beuten sie aus und schöpfen den Hauptteil der Gewinne ab. Diese werden dann nicht reinvestiert um zumindest Arbeitsplätze zu schaffen, sondern für Luxusgüter und “dekadente Einfälle” aufgebraucht. Sie würden dies vertiefen durch Ideologien von der Ungleichheit der Menschen, die von Natur aus in dumme Bauern und eine intellektuelle Elite zerfallen würde. Besonders in späterer Zeit wurden deswegen Kinos und Theater von Moslembrüdern überfallen, da sie Ausdruck der Ausschweifungen der oberen Schicht sein sollen. 10

Wenn wir die Bekenntnisse (aqida) und Grundlagen der modernen Lebensstile betrachten, wird offensichtlich, dass die ganze Welt in der jahiliyyah gefangen ist und all die wunderbaren materiellen Annehmlichkeiten und hochwertigen Erfindungen über diese Ignoranz nicht hinweg täuschen können. Diese jahiliyyah gründet auf der Rebellion gegen Gottes Souveränität auf Erden. Sie gesellt dem Menschen eine der größten Eigenschaften Gottes zu, die Souveränität, und macht Menschen zu Herren über andere. (…) Sie beansprucht für sich Werte zu schaffen, Gesetze gesellschaftlichen Zusammenlebens zu erlassen und, dass die Wahl jedes Lebensstils beim Menschen liegt, gleichgültig, was Gott vorgeschrieben hat. Das Ergebnis dieser Rebellion gegen die Autorität Gottes ist die Unterdrückung seiner Geschöpfe. (Qutb 1972, S.4)

Wie die Salafisten sucht Qutb nach Vorlagen in der Frühzeit des Islam, im Leben des Propheten und seiner Entourage und kommt dabei auf einen weiteren wichtigen Begriff zu sprechen, tawhid (Monotheismus).

Sie kannten ihre Sprache gut und ihnen war die Bedeutung von ilah (Gott) bewusst und sie kannten auch die Bedeutung von “la ilaha illa Allah” (es gibt keinen Gott außer Gott). Sie wussten, dass “uluhuiyah” “Souveränität” bedeutete und sie erkannten auch, dass die Zurechnung der Souveränität zu Gott bedeutete, dass man sie den Priestern, den Stammesführern, den Reichen und den Herrschern wegnahm und wieder Gott zusprach. Es bedeutete, dass nur Gottes Autorität in den Herzen und im Bewusstsein – kurz, in den Seelen und Körpern der Menschheit – hinsichtlich religiöser Bräuche und in den Lebensbereichen Gewerbe, der Verteilung von Reichtum und im Recht herrschte. Sie wussten sehr genau, dass die Anrufung “es gibt keinen Gott außer Allah” eine Herausforderung an die weltliche Macht, die die größte Eigenschaft Gottes, nämlich die Souveränität, an sich gerissen hatten. Es war ein Aufstand gegen all die Verhaltensweisen, die unter dieser Usurpation ersonnen wurden, und es war eine Kriegserklärung an die Autorität, die Gesetze erlassen hat, die nicht von Gott erlaubt sind. (Qutb 1972, S.11)

Während aller Zeitalter der menschlichen Geschichte hatte der Ruf zu Gott nur eine Gestalt. Ihr Zweck ist der Islam, der bedeutet, die Menschen Gott zu unterwerfen, sie von der Knechtschaft von anderen Menschen zu befreien, so dass sie sich dem einen, wahren Gott hingeben können. (…) Jahilljyyah auf der anderen Seite ist die Herrschaft der Menschen über einander und ist in diesem Sinne gegen das universelle System gerichtet. Es bringt den unfreiwilligen Aspekt menschlichen Lebens mit seinem frei entscheidbaren Aspekt in Konflikt. (Qutb 1972, S. 22)

Laa ilaaha illallah hat nicht und wird nicht “Es gibt keinen Gott außer Allah” bedeuten. Laa ilaaha illallah bedeutet, dass man seine Bräuche, Traditionen, Wünsche, Gewohnheiten, Lebensstil, Religion, Ideologie und Glauben aufgibt und nur Islam als Identität und Allah als den Gesetzgeber anerkennt. Doch das ist sehr schwer zu akzeptieren und deswegen – wie Nationen vorher – erklärte man dem Propheten und der Sahaba [die erste Gemeinde Mohammeds in Mekka und Medina, Anm. Sauvradaeva] den Krieg. (nach Salafimedia) 11

Somit ist der Weg zur islamischen Erneuerung, v.a. ein Kampf gegen die „Knechtschaft“ durch falsche Ideen, Usurpatoren, die sich an Stelle Gottes verehren lassen und falsche Begierden. Ihre Ideen und Theorien, ihre Prinzipien und Systeme sind abzulehnen und abzuschaffen. Der Islam wird somit zur “universellen Freiheitserklärung” (Qutb 1972, S.28), 12 der alles regelt. Jahiliyyah hat damit nichts mit mehr seinem traditionellen Inhalt gemein, dass man den falschen Glauben besitzt, sondern, dass man einer falsche Gesellschaftsordnung unterliegt, die sowohl Moslems wie Nichtmoslems unterworfen sind. Jahiliyyah bedeutet somit die vollkommene Ablehnung aller anderen Theorien, Weltbilder und Lebensentwürfe als die, die sich Qutb als islamische und als “Gottes Gesetz” vorstellt. Auch der Fortschritt und die Fülle materieller Dinge kann daran nichts ändern. Denn sie alle würden, auch ungeachtet guter Vorsätze und der Befriedigung materieller Bedürfnisse, den Menschen unterwerfen. In dieser Hinsicht entwickelt Qutb seine islamische Vorstellung als ultimative Befreiungsideologie. Denn, erst wenn der Mensch befreit ist von Unterdrückung, Knechtschaft und der Begierden nach Materiellem, lebt er in wirklicher Freiheit. Diese Freiheit ist die “Herrschaft Gottes” und die Befreiung vollzieht sich durch die “Anerkennung” der Souveränität (hakimiyyah) Gottes. Wenn am Ende Gott allein angebetet wird, dann ist die Befreiung vollendet.
Vom Begriff des “tawhid” bleibt in seiner üblichen Verwendung als Monotheismus wenig übrig. “Es gibt keinen Gott außer Gott” ist nicht nur eine bloße Floskel für Qutb. Die Verehrung Gottes zeigt sich in den Prinzipien, den man in seinem Leben folgt. Diese Prinzipien sind entweder islamisch oder sie sind es nicht.

Die Religion ist die wahre, universelle Freiheitserklärung des Menschen von der Knechtschaft durch andere Menschen und von den eigenen Begierden, was auch eine menschliche Knechtschaft ist. Sie (die Religion, Anm. Sauvradaeva) ist eine Erklärung, dass die Souveränität nur Gott zufällt, und dass er der Herr aller Welten ist. Sie bedeutet eine Herausforderung an jedwedes System, die auf der Grundlage der Souveränität des Menschen gründen. Mit anderen Worten, wo der Mensch die göttlichen Attribute usurpiert hat. Jedes System, in welchem die letztendliche Entscheidung Menschen zufällt und in welcher die Quellen der Autorität (d.h. Rechtsverankerung, Anm. Sauvradaeva) menschlich sind, vergöttlicht den Menschen, in dem er andere zu Herren über die Menschen erklärt als Gott. (Qutb 1972, S.28)

Für Qutb ist der Islam somit ein universeller Aufruf gegen die herrschenden Systeme zu revoltieren und eine islamische Gesellschaft zu errichten. Diese Gesellschaft soll durch das Wirken der einzelnen Individuen entstehen. Zunächst ist es also wichtig ihnen den Weg zur richtigen Erkenntnis und zum richtigen Wissen zu weisen und anschließend in die Praxis zu überführen. 13 Der Islam ist dafür die Anleitung, denn er ist sowohl Methode (arab. manhaj), ein System (arab. nizam) als auch ein universeller Entwurf/universelles Prinzip (arab. tasawwur). 14 Demnach hat Gott dem Menschen via Mohammed eine Methode übermittelt um ein System zu entwickeln, das seinem universellen Entwurf 15 folgt. Hier zeigt sich bei Qutb eine Übernahme salafistischen Denkens. Denn für Qutb steht zwischen Gott und dem Individuum nichts. Er lehnt die Ulema als Mittler und Interpreten der göttlichen Zeichen ab. Das Individuum soll selbst nach der Erkenntnis des göttlichen Willens streben, denn der Mensch wird im Islam „zum Repräsentanten Gottes auf Erden erhoben“ (Qutb 1972, S.4). Die Koranexegese “Fi dhilal al Quran” (im Schatten des Korans) stellt diesen revolutionären Anspruch bereits im Titel auf. Die Kalifen werden im Islam auch als “Schatten Gottes auf Erden” bezeichnet. Ihre Rolle ist die Führung der Ummah. Nach welcher Maßgabe sie dies tun sollten, füllt in der mittelalterlichern islamischen Philosophie Bibliotheken und zeigt, dass es keine Einigkeit in dieser Frage gibt. Für viele Islamisten, z.B. die frühen Milli Görüs, stellt sich das anders dar. Bibliotheken über Herrschaft und Verwaltungsfragen benötigen sie nicht. Mit der Zusammenführung von islamischen System und Ummah bekommen der Staat und der Kalif als Staatsführung nach ihnen eine neue Bedeutung. Leitendes Prinzip wird das islamische System (nizam al islam). So soll er nun die Verhältnisse in der Ummah auf Grundlage des islamischen Systems regeln. Das teilt Qutb nicht. Er verbindet den politischen Anspruch anders. Von Kalif und Kalifat ist bei ihm keine Rede, aber sehr wohl von Staat und politischen System. Den Begriff Souveränitität (hakimiyyah) übernimmt er von Mawdudi, der ihn selber erst entwickelt hat. Vorher gab es diesen Begriff im arabischen Raum gar nicht. Es gab nur das Wort „hukm“ bzw. die Person des „hakim“ (Herrscher), -iyyah entspricht dem -ismus. Herrschaft wurde also ursprünglich immer nur als persönliches Verhältnis der Untergebenen und Gefolgsleute zu einer Person aufgefasst. Mit „hakimiyyah“ wird aber bei Mawdudi und Qutb ein System charakterisiert, das von bestimmten Gesetzen beherrscht wird. Qutb fasst darunter allerdings nicht das bestehende religiöse und politische System. Nach ihm ist die traditionelle Ulema nur noch Erfüllungsgehilfe der Eliten, um deren Politik zu legitimieren und ihre Tradition sei deshalb jeglichem Fortschritts und Inspiration entleert. Ihr Interesse und das der Eliten beständen nur noch darin den Status Quo aufrecht erhalten, von dem sie am meisten profitieren. Außerdem ist die Ulema eine Tradition, die es nach seinen islamischen Lehren überhaupt nicht geben darf. Denn der Gläubige ist nur Allah selbst unterworfen. Es gibt niemanden zwischen ihnen. Daher bedürfe er keiner Gewalt und keiner Institution zwischen sich und ihm. Die ursprüngliche Funktion des Kalifen wurde auf die Position des Individuums verlagert. Folgerichtig heißt Qutbs Koranexegese auch “Im Schatten des Koran“, d.h. dass der Gläubige selbst das Werk umsetzt und niemanden sonst benötigt. Nicht der Staat und auch kein politischer Führer setzen mittels der göttlichen Methode (manhaj) das System durch, sondern das Individuum handelt danach in seinem Alltag. Wie es bereits im Zitat von Qutb (1972, S.22, siehe oben) anklang, gibt es bei ihm nicht den ausgefeilten Plan, der alles umreißt. Der Mensch ist von Natur aus – die ihm natürlich Allah in die Wiege gelegt hat – mit Willen und freier Entscheidungsmöglichkeit ausgestattet. Die göttliche Methode, manhaj, dient den Individuen als Anleitung den Weg zu finden. Auch dies stammt nicht originär von Qutb, sondern wieder aus dem Sufismus. Sein hier besprochenes Werk lautet nicht ganz ohne Absicht “Ma’alim fi al Tariq“. Die einzelnen Sufiorden heißen auf Arabisch Tariqa, zu Deutsch “Weg“. Dieser Weg ist im Sufismus der Weg zu Gott. Nicht anders sieht es Qutb. Zwar sagt er, dass der göttliche Entwurf alle Seinsbereiche bestimmt, das Privatleben, die Politik, die Wirtschaft, die sozialen Beziehungen, aber letztendlich ist es doch das Individuum das die konkrete Entscheidung trifft. Daher kann hier nur eine Lenkungsrolle stattfinden. Die Wegzeichen (ma’alim) sind im göttlichen Entwurf (tasawwur) angelegt und dienen der menschlichen Entwicklung. So wird ein Rahmen vorgegeben um den Menschen zu lenken. Er verbietet das Schlechte und weist das Gebotene an. Yusuf al Qaradawi, der momentan einflussreichste und wichtigste Autor der Moslembrüder, hat 1960 sein berühmtes Buch so betitelt: al-halal wal-haram fi l-islam (dt. Gebotenes und Verbotenes im Islam). 16 Dieser Allgemeinplatz hat natürlich in seiner Banalität erschütternd, weil man so keine allgemein verbindliche Entscheidung treffen kann. Das vierte Kapitel wird sich damit nochmals beschäftigen.
Diese Individualität ist für Westler zunächst sehr verblüffend. Üblicherweise betont der Konservative, dass er etwas bewahren möchte (Nation, Familie, etc.) und begründet die Existenz mit der menschlichen Natur, so z.B. die Kleinfamilie mit Mann, Frau, Kind und Auto als natürliche Form des Zusammenlebens und der Reproduktion. In der Nation soll das Ewige inne wohnen. Es gäbe sie schon immer 17 und sie wäre nur etwas größer als die Familie, besitzt aber dieselbe Funktion des organisch Gewachsenen. Sowohl Nation und Familie würden die Essenz des Lebens bilden, nach dem der Einzelne sich ausrichten würde und in welcher der Einzelne bestimmte Funktionen erfüllt/zu erfüllen hat. Das “Gefühl” für diese beiden Essenzen würde dem Menschen inne wohnen und sich wie natürlich entwickeln. Es wäre somit eine anthropologische Konstante. Daher betont der Konservative stets diese Gemeinschaftlichkeit, die es zu erhalten gäbe und die Bewahrung der Identität. Für Qutb gibt es dagegen nur eine Welt voller falscher Lehren, die die Menschen zu ihrem Knecht gemacht haben. Ob Westler, Kommunist oder Moslem, alle leben in der jahiliyyah. Nach ihm gibt es keine Gemeinschaft, keine Ummah 18, sondern nur das Individuum auf der einen und den Islam auf der anderen Seite. Es gibt auch keine islamische Lehre zu bewahren. Er verwirft schlicht alles, was die traditionelle islamische Lehre entworfen hat, z.B. die Ulema, bestimmte Traditionen wie Heiligenverehrung, die islamische Mystik und die Sufis. Wie die Aufklärungsphilosophen rationalisiert er allen Aberglauben aus dem Islam. Es gibt keine Wunder. Naturkatastrophen sind keine Strafe Gottes. Die Floskel “Inshallah” soll man nicht verwenden, denn die Probleme sind menschengemacht. Am Ende steht das Individuum nackt vor Gott und soll durch das Wissen – nicht den Glauben – islamisch werden. Auch will Qutb zu keiner Goldenen Zeit zurückkehren, sondern die Zukunft gestalten. Die “neuen Konzepte” der Konservativen in Europa und den USA in den vergangenen 20 bis 25 Jahren vollziehen das erst mit erheblichem zeitlichem Nachlauf, so z.B. die Frage von Frau und Nation und Frau und Familie.

3. Avantgarde und Jihad

Qutb richtete sein “Ma’alim” nicht an die muslimische Welt. Von Ummah ist bei ihm keine Rede. Adressat seines Buchs ist die Avantgarde des Islamismus (Qutb 1972, S.5). Die Betonung der Avantgarde findet sich auch im Namen der Muslimbrüder: Jamiyat bzw. Jama bedeutet nämlich nicht einfach nur Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft zeichnet etwas Besonderes aus. Sie besitzt Wissen (‘alm) über den Islam in einer Welt der jahiliyyah. Wo die Ummah nur auf den Papier als Moslems, eigentlich aus Kulturmoslems und Heuchlern besteht, sind sie die tatsächliche Gemeinschaft der Gläubigen. Nicht nur die Muslimbrüder selbst nennen sich so. Auch ihre lokalen Gruppen heißen Jama. Das ist nicht nur auf sie beschränkt. Alle islamistischen Gruppen ziehen diese Trennung zwischen sich und die von ihnen als Kulturmoslems verachtete muslimische Mehrheitsgesellschaft. Dies betonen sie in ihren Namen, z.B. Jama’at-e Islami in Pakistan oder noch radikaler die ägyptische ”Takfir wa’l Hijra”. “Takfir” heißt jemanden zum Ketzer zu erklären, worauf die Todesstrafe steht, und “hijra” lehnt sich an den Auszug, eigentlich Rausschmiss, des Propheten aus Mekka und seine Übersiedlung nach Medina an. So wie der Prophet mit seiner Entourage die Stätte der jahiliyyah verlassen hat und im Exil seine Gemeinde aufbaute um schließlich siegreich zurückzukehren, wollen sie es ihm gleich tun. 19 Die Hijra kennzeichnet auch eine Organisationsform des Islamismus. Man ist umgeben von “Ungläubigen” und kann daher nicht unter ihnen leben ohne ständig gegen die als göttlich angesehenen, aber eigentlich subjektiven Werte zu verstoßen. Daher kann man sich in die eigene Gemeinde zurück- und auf sich selbst beziehen. Man versucht dabei jeglichen Kontakt nach außen zu vermeiden. 20

Es ist notwendig, dass sich diese Gruppe von der jahili Gesellschaft trennt, unabhängig wird und sich abgrenzt von der jahili Gesellschaft, dessen Ziel es ist den Islam aufzuhalten. Das Herz dieser neuen Gruppe sollte eine neue Führerschaft sein (…). Eine Person, die ein Gelübde ablegen kann, dass kein Gott außer Gott existiert [siehe oben tawhid, Anm. Sauvradaeva] und dass Mohammed dessen Prophet ist, sollte seine Beziehungen mit der jahili Gesellschaft abschneiden, die er aufgeben wird, und mit der jahili Führung, gleich, ob sie in der Gestalt von Ulema, Zauberern oder Sterndeutern/Wahrsagern, oder in der Form politischer, sozialer oder ökonomischer Eliten (…). Er muss seine ganze Loyalität der neuen islamistischen Bewegung und der muslimischen Führung geben. (Qutb 1972, S.23)

Der Islam wurde in dieser Gestalt gegründet. Er war auf einem Glauben gegründet, der, obwohl knapp, das ganze Leben beinhaltete. Dieser Glaube aktivierte sofort eine lebensfähige und dynamische Gruppe von Menschen, die unabhängig wurde und sich von der jahili-Gesellschaft separierte und sie augenblicklich herausforderte. Er kam niemals als eine abstrakte Theorie ohne tatsächliche Existenz. Und in der Zukunft kann er nur wieder auf diese Weise entstehen. (Qutb 1972, S.23)

Damit hat sich aber Qutb nicht begnügt. Er fordert zwar auch den Trennungsstrich mit der Mehrheitsgesellschaft zu ziehen, aber nicht um sich abzusondern und irgendwo in ländlichen Kommunen zu hausen, sondern um seine Glaubensbrüder umzuerziehen und seine universelle Botschaft weltweit zu verbreiten:

Er [der Islam, Anm. Sauvradaeva] kann nicht einfach entstehen als Glaube im Herzen der einzelnen Moslems, gleichgültig wie viele sie sein mögen. Solange sie keine aktive, harmonische und kooperierenden Gruppe werden (…) und zusammen arbeiten für ihre Entstehung, ihre Stärkung, ihr Wachsen und für ihre Verteidigung gegen all die Elemente, die dieses System angreifen, und die unter einer Führung tätig sind, die unabhängig ist von der jahili-Führung, die all die verschiedenen Anstrengungen in ein abgestimmtes Ziel organisieren und die sie vorbereitet auf die Stärkung und Ausweitung ihres islamistischen Charakters und die sie zur Beseitigung aller Einflüsse ihres Gegners, des jahili-Lebens, anweist. (Qutb 1972, S.23)

Erstens, die Methode dieser Religion ist sehr praxisbezogen. Die Bewegung behandelt Menschen wie sie eigentlich sind (nicht nach ökonomischen Nutzenkriterien, Anm. daeva) und verwendet Ressourcen, welche in Übereinstimmung mit den praktischen Erfordernissen stehen. Sobald diese Bewegung in Konflikt mit der jahiliyyah gerät, die über Ideen und Überzeugungen vorherrscht, die ein praktisches System des Lebens ist und hinter der politische und materielle Herrschaftsstrukturen stehen, muss die Islamische Bewegung Parallelressourcen erzeugen um der Jahiliyyah zu begegnen. Diese Bewegung nutzt die Methoden des Predigens und der Überzeugung um Ideen und Glauben zu reformieren und sie verwendet physische Gewalt und Jihad um die Organisationen und Strukturen des Jahili-Systems abzuschaffen, die Menschen davon abhält ihre Ideen und ihren Glauben zu reformieren (…). Diese Bewegung beschränkt sich nicht auf das reine Predigen um physischer Gewalt zu begegnen, genauso wie sie nicht Zwang einsetzen um die Vorstellungen der Menschen zu verändern. Ihr Zweck ist es diese Menschen zu befreien, die wünschen von Sklaverei befreit zu werden, so dass sie nur Gott alleine dienen können.
(…)
Der zweite Aspekt dieser Religion liegt darin, dass es eine praktische Bewegung ist, die Stufe für Stufe aufsteigt und bei jedem Schritt Ressourcen ermöglicht, gemäß den praktischen Bedürfnissen der Situation, und sie bereitet den Boden für den nächsten Schritt. (Qutb 1972, S. 27)

Nichtsdestotrotz spielt Gewalt bei ihm eine große Rolle. Qutb ist vor allem für seine Aufrufe zur Gewalt berüchtigt. Mit seiner Verwendung von jahiliyyah schafft er eine universelle Kriegserklärung. Denn, wenn alle Vorstellungen dem Islam gegenüber stehen, dann müssen sie alle untergehen. Selbst die existierenden muslimischen Systeme sind nicht davor geschützt, denn sie erkennt er nicht nur nicht als islamische an, sondern damit auch als Abtrünnige von Islam. Wer sich also gegen Qutbs Vorstellungen vom Islam aussprach wäre demnach ein Abtrünniger und viele seiner Nachfolger haben dies blutig umgesetzt. 21

Ein ganzes Kapitel widmet Qutb dem „Jihad in der Sache Gottes“. Den Jihad beschränkt er nicht auf eine wie auch immer geartete Befreiung der Araber oder Moslems. Da Qutb den Islam (siehe oben) als eine Kriegserklärung an alle unterdrückerischen Systeme, Werte und Personen betrachtet, ist es ein weltweiter Jihad:

Diese Religion ist keine Freiheitserklärung der Araber, noch ist es eine Botschaft, die auf die Araber beschränkt ist. (Qutb 1972, S,29)

Der Krieg soll den Weg bereiten für die ideologische Umerziehung:

Jeder der diese spezifische Eigenschaft dieser Religion versteht, versteht auch den Platz von Jihad bis Saif (Streben durch Kämpfen), was den Weg frei macht für den Jihad durch Predigen in der Praxis der islamistischen Bewegung. Er wird verstehen, dass der Islam keine defensive Bewegung ist in dem engstirnigen Sinne, welcher heute technisch als Verteidigungskrieg genannt wird. (Qutb 1972, S.30)

Wenn der Zweck darin besteht das existierende System abzuschaffen und es durch ein neues zu ersetzen (…), dann steht es außer Frage, dass dieses neue System auch als organisierte Bewegung und lebendige Gruppe auf das Schlachtfeld kommen muss. Sie sollte auf das Schlachtfeld kommen mit der Gewissheit, dass ihre Strategie, ihre soziale Organisierung und die Beziehung zwischen ihren Individuen stärker und kräftiger sein sollte als das existierende jahili-System. (Qutb, 1972, S.22f)

Für andere muslimische Ansichten zum Jihad hat er wenig übrig:

„Bezüglich der Subjekte [abwertend gemeint, Anm. Sauvradaeva], die versuchen das Konzept des islamischen Jihad in einem eng gefassten Sinne als Verteidigungskrieg zu verteidigen, (…) es mangelt ihnen an Verständnis über die Natur des Islam und seinem eigentlichen Ziel.“ (Qutb, 1972, S.30)

„Wenn wir darauf beharren den islamischen Jihad als Verteidigungsbewegung zu bezeichnen, dann müssen wir die Bedeutung des Wortes „Verteidigung“ ändern und meinen mit ihm „die Verteidigung des Menschen“ gegen all die Elemente, die seine Freiheit limitieren.“ (Qutb, 1972, S.30)

4. Eine neue Gesellschaft entsteht

a) die Natur des Menschen

Qutb lag es fern sich nur auf Gewalt zu beziehen. Zwar erklärte er alle seine Glaubensbrüder zu Ketzern, worauf eigentlich die Todesstrafe steht, aber ganz so wollte er es doch nicht umgesetzt wissen. Gewalt sollte die kulturelle Expansion begleiten um die Hindernisse zu beseitigen, die die Mission behindern. Grundsätzlich sollten die Menschen überzeugt werden. Die Überzeugungskraft lag aber nicht in der Offenbarung von Qutbs Islam, sondern in seinem Nutzen für die Menschen.

Die muslimische Gemeinschaft von heute ist weder fähig, noch aufgetragen vor der Menschheit große Genialität für materielle Erfindungen vorzulegen, die die Welt ihr Haupt vor ihrer Vorherrschaft verneigen lässt und so ihre Führung in der Welt wieder entsteht. Europas schöpferischen Geist ist in diesem Bereich weit voraus und wir werden in den kommenden Jahrhunderten nicht erwarten können mit Europa zu konkurrieren und Vorherrschaft über sie in diesen Feldern zu erreichen.

Deshalb müssen wir eine andere Qualität haben, die Art von Qualität, die moderne Kulturen nicht besitzen. (Qutb 1972, S.3f)

Es ist für die neue Führung notwendig die materiellen Früchte des schaffenden (Anm. Sauvradaeva, im Wortsinn kreativ, aber der künstliche Effekt soll hier hervorgehoben werden) Geistes der Europäer zu bewahren und zu entwickeln und auch der Menschheit diese hohen Ideale und Werte zu ermöglichen, die bislang von der Menschheit unentdeckt geblieben sind. Sie werden die Menschheit mit einem Lebensstil vertraut machen, der sich harmonisch mit der menschlichen Natur verträgt, der positiv und schöpferisch ist (…). (Qutb 1972, S.1)

Es ist offensichtlich, dass Qutb damit die Sinn- und Identitätssuche des Individuums meint, das sowohl den Sinn des Lebens wie auch seine eigene Rolle darin sucht und schließlich auch Auskunft über die Zeit nach dem Tod verlangt – zumindest so weit Qutb Sinn versteht. Er geht aber über das Individuum hinaus. Der Islam soll ein gesamtgesellschaftlicher Entwurf sein, in welchem soziale Probleme der Ökonomie und des Miteinanders gelöst werden. Als Lösungen würden nach ihm die marxistischen Ideen nur den Materialismus („In dieser Weltsicht sind die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen, die es gemeinsam mit dem Tier hat, also Essen, Schutz und Sex. Dieser Standpunkt baut darauf, dass die gesamte Geschichte nur ein Kampf um Essen sei.“ Qutb 1972, S.24) kennen, der die spirituellen und sozialen Bedürfnisse nicht befriedigen kann. Der Westen dagegen kann sein Wohlstandsversprechen nicht einlösen und wird daher allmählich im Innern niedergehen. Dies zögere er dadurch hinaus, in dem er materielle Konsumwünsche als spirituelle Bedürfnisse formuliert, jedoch gleichzeitig an sittlichen Werten verlöre:

„Schaut euch nur diesen Kapitalismus mit seinen Monopolen, seinen Zinsen und alles, was noch an ihm ungerecht ist, an; [Schaut euch] diese Stufe individueller Freiheit an, die losgelöst ist von Mitmenschlichkeit und Verantwortungsgefühl für die Verwandten, außer unter dem gesetzlichen Zwang; … dieses materialistische Bewusstsein an, das den Geist abtötet; … dieses animalische Verhalten, was man „freies Mischen der Geschlechter“ nennt; … dieses Benehmen, dass man „Emanzipation der Frau“ nennt, das gegensätzlich zu den Erfordernissen des alltäglichen Lebens ist.“ (Qutb 1972, S.85)

Der Islam wäre nach Qutb also das perfekte System, das Harmonie zwischen den Menschen herstellt. Wie eingangs skizziert fand in den 30er Jahren eine Debatte in Ägypten statt, in welcher man die Menschen in eine große Einheit zusammenfassen wollte um alle sozialen und politischen Probleme zu lösen. Alle menschlichen Beziehungen würden zentral auf diese Einheit zulaufen und das Wohlergehen dieser Einheit würde im Vordergrund stehen. Diese utopische Einheit gibt es bei Qutb nicht. Für ihn gibt es das individuelle Streben und das individuelle Verhalten, das nur in richtige Bahnen gelenkt werden muss. Es ergibt sich somit zufällig, dass sich dadurch Harmonie entwickelt. Also soll Qutbs Islam die Beziehungen der Menschen zueinander konfliktfrei machen.22 Interessenkonflikte werden allerdings nicht gemanagt, z.B. durch Kompromisse, sondern forttranszendentalisiert, d.h. der Welt enthoben. Qutb ist sich der Konflikte bewusst, aber mit dem islamischen System werden diese verschwinden. Denn Interessen werden implizit in harmonische und nicht-harmonische/konfliktbeladene unterteilt. Dass diese Vorstellung überhaupt keine realistische Umsetzung besitzen kann, außer dem Appell, ist offensichtlich.

Daher bringt Qutb ein weiteres Axiom ein, die menschliche Natur (fitrah). Das menschliche Bedürfnis ist nicht das Bedürfnis, das man empirisch feststellen kann. Nach Qutb besitzt der Mensch eine spezifische Natur, welche bestimmte Bedürfnisse besitzt, die man befriedigen kann. Neben materiellen Notwendigkeiten, wären dies vor allem die spirituellen.

Das Wachsen des Menschen, sein Gesundheitszustand, sein Leben und Tod stehen unter dem Entwurf dieser natürlichen Gesetze, die von Gott kommen. Sogar im Ergebnis seiner selbst gewählten Handlungen steht der Mensch hilflos vor dem universellen Gesetz. (Qutb 1972, S.22)

Die Sharia, die Gott dem Menschen gegeben hat um sein Leben zu gestalten, ist folglich ein universelles Gesetz, da es bezogen ist auf die allgemeine Ordnung des Ganzen [die Gesellschaft, Anm. daeva] und sich harmonisch zu ihm verhält. Dieser Gehorsam zur Sharia wird eine Notwendigkeit für die Menschen, so dass ihre Leben in Einklang mit dem Rest des Ganzen werden können. (…) Vollkommene Harmonie zwischen dem menschlichen Leben und dem Gesetz des Ganzen ist für die Menschheit vollkommen [allumfassend, Anm. Sauvradaeva] nützlich, weil das die einzige Garantie gegen jegliche Zerwürfnisse im Leben ist. Nur in diesem Zustand wird man mit sich selbst und dem Ganzen in Frieden sein (…). Auf dieselbe Weise wird man Seelenfrieden finden, da die Handlungen mit seinen wahrhaften, natürlichen Ansprüchen übereinstimmt … (Qutb S.46)

Diese Natur ist somit von Gott gegeben. Der Mensch kann dabei frei wählen, ob er ihr folgt oder nicht. Allerdings ist ihm von der Natur her immer das Streben nach Sinn mitgegeben, das befriedigt werden muss. Dies kann nur der Islam erfüllen. Denn nur durch ihn werden die materiellen Wünsche befriedigt. materiellen und körperlichen Leidenschaften bezwungen und Sinn gestiftet. Dies ist auch das einzige Moment der Dynamik in der Beziehung Gläubiger – Gott. Denn erst dadurch erfährt der Gläubige eine Erhöhung. 23 Das grundsätzliche Bedürfnis danach verankert Qutb wie gesagt in der Natur:

Es war Gott, der den Menschen geschaffen hat und der ihre Natur und den Weg zu ihren Herzen kennt. Er weiß wie sie die Wahrheit annehmen. (Qutb 1972, S.83)

b) Souveränität und islamisches System

Entgegen der weit verbreiteten Behauptungen über eine islamische Diktatur, sah Qutb niemals einen Kalifatsstaat vor. Er hatte überhaupt keine Angaben zu den Institutionen in einem islamischen Staat gemacht. Er beschäftigte sich vorwiegend mit der Frage, was das herrschende Prinzip 24 in Gesellschaft, Ökonomie und Politik sein soll und vollzog es in einem, wie man heute sagt, bottom-up-Ansatz. Zuerst wird das Individuum tugendhaft und anschließend wird sich der Rest ergeben. (Khatab 2006, S.160, FS 89) Dieses herrschende Prinzip ist die Souveränität (hukumiyyah) Gottes, durch die letztendlich wie von einer „unsichtbaren Hand“ (Adam Smith) geleitet die Menschen in harmonischen Beziehungen zueinander leben und ihren materiellen und spirituellen Wohlstand ausleben dürfen.
Qutb weitere Ausführungen sind, wie bereits erwähnt, sehr vage. Er geht davon aus, dass es feste Prinzipien gibt, auf denen das System beruht, aber das System selbst veränderlich ist, je nach dem, welchen Umständen es unterliegt.

Das islamische System kann in seinen materiellen und organisatorischen Strukturen verschiedene Formen annehmen, aber die Prinzipien und Wert, auf denen sie basieren sind ewig und unveränderlich. Das sind die Anbetung Gottes, die Bildung menschlicher Beziehungen zueinander im Wissen um Tawhid, die Überlegenheit der menschlichen Natur über materielle Dinge, die Entwicklung menschlicher Werte und die Kontrolle animalischer Gelüste, Respekt vor der Familie, die Übernahme der Repräsentantenrolle Gottes auf Erden gemäß seiner Anleitung (…)

Die Gestalt des islamischen Systems (…) hängt von den augenblicklichen Umständen ab und ist beeinflusst und wird sich ändern gemäß dem Stadium des industriellem, ökonomischem und wissenschaftlichem Fortschritts. (Qutb 1972, S.55, Hervorhebung. Sauvradaeva)

Wie Qutb diese Grenze zwischen fixen Regeln und Modifikationen bestimmt, kann man am Beispiel der Wissenschaften nachvollziehen.

Diese Wissenschaften (Anm. Sauvradaeva: Chemie, Militärkunde, Verwaltung, Medizin) stehen in keiner Beziehung zu den Grundprinzipien eines Moslems über das Leben, das „Ganze”, die Menschheit, den Zweck der Schöpfung, die Verantwortung des Menschen und seine Beziehung mit der Welt und mit dem Schöpfer. Sie stehen auch nicht in Beziehung zu den Grundlagen der Gesetze, der Normen und Vorschriften, die das Leben des Individuums und der Gemeinschaften ordnen, noch sind sie bezogen auf Moral, Anstand, Tradition, Gepflogenheiten und Werte, die in der Gesellschaft vorherrschen und die ihr ihre Form geben. Deshalb besteht keine Gefahr, dass ein Moslem, der sie von einem Nichtmoslem lernt, in seinem Glauben gestört wird oder zur jahiliyyah zurückkehrt. (Qutb 1972, S.57)

Philosophie, die Interpretation der Geschichte, Psychologie (außer von den Untersuchungen und experimentellen Ergebnissen, die nicht Teil des allgemeinen Verständnisses sind), Ethik, Theologie und vergleichende Religionswissenschaft, Soziologie (ausgenommen Statistik und empirische Untersuchungen) – all diese Wissenschaften folgen einem Trend, der in der Vergangenheit oder in der Gegenwart jahili-Ansichten und Tradition beeinflusst hat. Deswegen kommen all diese Wissenschaften in Konflikt (…) mit den Grundlagen jeder Religion, insbesondere mit dem Islam. (Qutb 1972, S.63)

c) Qutbs Wirtschaftsordnung

Bevor such Qutb zum Islamiten wandelte, vertrat er sozialdemokratische Positionen (siehe u.a. „Al Adala“). Der Staat hat dafür zu sorgen, dass die Menschen charakterlich und so von ihren Fähigkeiten gebildet werden, dass sie in der Arbeitswelt bestehen können. Gewisse Härten würde der Staat abfedern. Auf Unternehmensseite bleibt das Eigentum unangetastet, allerdings muss die Entlohnung gerecht gestaltet werden. In der „Al Adala“ griff er auch das Zinsverbot auf. Banken sollten weder an Haushalte, noch an Unternehmen Kredite vergeben um im Gegenzug Zinsen erhalten. Stattdessen sollten sie einen Anteil am Gewinn erhalten. Dadurch würden sie auch einen Teil des Risikos mittragen. 25

In den „Ma’alim” äußert sich Qutb nur an wenigen Stellen zur wirtschaftlichen Ordnung. Im Gegensatz zur „Al Adala“ gehen hier nun Funktion vom Staat auf die Religion über. Da die Menschen charakterstärker werden, entstehen keine sozialen und ökonomischen Probleme. Denn über den Islam entwickelt sich ein System, in dem die Beziehungen der Menschen zueinander harmonisch werden. Was diese Harmonie ist, wird nun geklärt:

(1)
Der Islam selbst, der den Menschen zu Repräsentanten Gottes auf Erden erhebt, (…) erklärt materielles Streben verpflichtend für uns alle. (Qutb 1972, S.4)

(2)
Er (der Marxismus, Anm. Sauvradaeva) beraubt die Menschen ihrer spirituellen Bedürfnisse, die sie von den Tieren unterscheidet. Vor allen anderen ist dies der Glaube an Gott und die Freiheit den Glauben anzunehmen und zu verbreiten. Genauso beraubt er die Menschen der Freiheit sich individuell auszudrücken, die eine sehr spezifische menschliche Eigenschaft ist. Die Individualität einer Person drückt sich verschiedenartig aus wie Privateigentum, die Wahl der Arbeit und die Spezialisierung in der Arbeit sowie verschiedene künstlerische Ausdrucksformen. Da unterscheidet ihn von Tieren und Maschinen. (Qutb 1972, S.41)

(3)
Ebenso in Ländern, die industriell und wissenschaftlich zurückgeblieben sind, lehren diese Werte den Menschen nicht nur stille Beobachter zu bleiben, sondern nach industriellem und wissenschaftlichem Fortschritt zu streben. Eine Zivilisation mit diesen Werten kann sich überall und in jeder Umgebung entwickeln (…)
Als der Islam in die Kernbereiche Afrikas eintrat, kleidete er nackte Menschen an, sozialisierte sie, zog sie aus den Untiefen der Isolation und lehrte sie die Freuden der Arbeit um materielle Ressourcen zu erschließen. Er brachte sie aus den engstirnigen Zirkeln von Stamm und Clan und integrierte sie in den großen Zirkel der islamischen Gemeinschaft und aus der Anbetung heidnischer Götter (…). Wenn das nicht Zivilisation ist, was soll es dann sein? (Qutb 1972, S.55)

Hier lassen sich eigentlich die Kernthesen von „New Labour“ und dem „Blair-Schröder-Papier“ erkennen. Streben ist die Leiteigenschaft der „islamischen Zivilisation.“ Das kapitalistische Wachstumsparadigma unterwirft alle Lebensbereiche seiner Zurichtung, was Qutb nur bestätigt. Er gibt dem Individuum nur ein etwas anderes Selbstverständnis. Fortschritt und Reichtum werden zu Ergebnis religiöser Tugendhaftigkeit, die erst die Sekundärtugenden hervorbringt um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Hier ist ein gewisser Sprung zu erkennen. Auch die Sozialdemokratie und der Kommunismus haben das Streben verinnerlicht, allerdings sollte die gesamte Gemeinschaft danach streben. Bei Qutb und bei Tony Blair sollte der Einzelne aufstreben. Oder anders ausgedrückt: Wer arm ist, ist nur zu faul zu arbeiten. Wie der klassische europäische Rassismus, rückt natürlich auch der „Schwarzafrikaner“ als negatives Bild für Faulheit in den Fokus, dem man erst mal das Arbeiten beibringen muss. Es darf natürlich nicht fehlen, dass Eigentum und Arbeit als individueller Ausdruck benannt werden. Denn wer anständig arbeitet, darf sich auch wohl fühlen.

All dem verleiht Qutb einen tugendhaften Glanz, wie es die Al Mezzan Bank eigentlich auch wunderschön ausdrückt: „Pure. Profit

Al Meezan Bank, Pakistan

 

5. Zum Vergleich Qutb mit Nationalkonservatismus und Faschismus

Anstelle eines Fazits möchte ich den zuletzt verbreiteten Trend zum Vergleichen aufgreifen. Sehr häufig trifft man die Gleichsetzung des Islamismus mit Nationalismus oder Faschismus um bestimmte Gemeinsamkeiten aufzeigen zu wollen. Diese Vergleiche beschränken sich aber in der Regel auf Gewalt, Totalitarismus, Kollektivismus und weitere illiberale Eigenschaften. Wie aus den obigen Ausführungen zu Qutb hervorging treffen nur die illiberalen Phänomene, z.B. zur Frau, zu. Ansonsten gibt es auf ideologischer Ebene kaum Gemeinsamkeiten. 26 Er möchte kein zurück und er möchte auch nichts bewahren wie z.B. Nationalisten. Mit den Traditionen den “islamischen Gesellschaften” seiner Zeit möchte er überhaupt nichts zu tun haben und verwendet viel Energie darauf, einen deutlichen Trennungstrich zwischen sich und ihnen zu ziehen. Grundsätzlich ist sein Bezugspunkt schon deutlich unterschiedlich. Er bezieht sich auf Gott und dessen islamisches System, während Nationalisten die Nation bewahren möchten. Qutb lehnt solche Ideen wie die von der Nation oder der Rasse vollkommen ab. 27 Er schreibt ja selbst, dass man dadurch etwas anderes als Gott anbeten und sich einer Idee unterwerfen würde. Auch ein von vielen Gleichsetzern korrespondierende Elemente zur Nation wie die Ummah gibt es nicht. Natürlich gibt es sie zwar, aber sie ist nicht positiv besetzt. Die muslimische Gesellschaft, also die Ummah, steht der islamischen Gemeinschaft gegenüber. Diese islamische Gesellschaft ist auch keine partikulare Gesellschaft wie die Nation. Die islamische Gesellschaft ist universell, da sie Gültigkeit über alle Menschen beansprucht. Ihr Ziel ist es auch nicht über andere Nationen oder Rassen zu herrschen, sich Ressourcen, Märkte oder Arbeitskraft anzueignen. Qutb kennt keine Vorstellung vom „Lebensraum im Osten“ (Hans Grimm) oder unterteilt Menschen in Rassen um ihnen ihre soziale und ökonomische Position zuzuweisen wie z.B. die Slawen oder Schwarze als Sklaven arbeiten zu lassen, damit die eigene Nation sich deren Leistung aneignen kann. Ebenso wenig orientiert er sich an einem “Nützlichkeitsrassismus”, der “fremde Rassen und Kulturen” nur dann akzeptiert bzw. deren “Mitglieder” nur dann duldet, wenn sie nützlich sind.
Ein deutscher, italienischer oder französischer Nationalist würde einen homogenen Körper aus Volk und Ideologie/Volkscharakter unterstellen. Amerikanisierung, Liberalismus oder 68er wären für ihn die grundlegende Ursache der “sozialen Probleme”. Der „eigenen“ Gesellschaft wären diese liberalen Praktiken sogar selbst zuwider und an und für sich, würden sie den Sekundärtugenden im Alltag folgen. Bei Qutb haben die Moslems selbst den Kulturverfall herbeigeführt, in dem sie den Islam korrumpiert haben. Der wichtigste Unterschied ist jedoch das Verhältnis von Individuum und Kollektiv.
Für Nationalisten steht an oberster Stelle das Kollektiv. Die Menschen bilden darin ein organisches Ganzes und nehmen je nach Eignung bestimmte Rollen ein, z.B. Frauenrollen, soziale Rollen gesellschaftlicher Gruppen um das optimale Funktionieren zu gewähr leisten. 28 Statuszuschreibungen sind hier sehr wichtig, die gesellschaftliche Funktionen, Positionen und Hierarchien vor- und festschreiben. Diese gesellschaftlichen Rollen greifen je nach Autor ineinander über wie die Teile einer Maschine oder die Glieder eines Körpers. Natürlich weichen in der Praxis, insb. seit etwa den 60er Jahren Konservative davon ab und verweisen zusehends auf die Leistungsbereitschaft. Sie passen sich zunehmend rationalen Erwägungen an und verweisen auf den Nutzen von Werten um alltägliche Probleme zu lösen. 29 All das hat mit Qutb auch wieder nichts zu tun. Wie die Liberalen stellt er das Individuum ins Zentrum. Dieses soll nicht blind irgendwelchen Ideologien nachlaufen, sondern durch Erkenntnis 30 den Islam annehmen um Wissen (‘alm) zu bilden. Hinzu kommt, dass es keine Rollenvorgaben gibt, außer für die Frau, sondern Verhaltensanweisungen. Diese sind einerseits klar in Verbote formuliert, andererseits relativ offen, sogar geradezu amorph, in Äußerungen, dass sie nur einen bestimmten Rahmen vorgeben, innerhalb dessen es sich zu bewegen hat. Dieses Prinzip entspringt damit nicht individuellen Ansichten. Die individuelle “Willkür” – also nach beliebigem Maßstab zu handeln – wird somit durch die Reflektion ersetzt, in welcher das Individuum von sich selbst abstrahiert, d.h. von sich selber absieht. Es soll so handeln, dass sein Handeln allgemeinen – also nicht individuellen – Kriterien entspricht, die für andere nachvollziehbar sind. Das Spektrum des individuellen Denkens erweitert sich somit, in dem weitere Faktoren einbezogen werden und das Handeln allgemein verständlich und allgemein zurechenbar, d.h. verlässlich und nachvollziehbar, wird bzw. sein soll. Dadurch wird schließlich jedes Handeln rational. 31
Ich selbst sehe den Islamismus als Spielart des Konservatismus. Leider liegt hier das Dilemma, dass sich viele kaum mehr mit dem Konservatismus auseinander setzen oder darüber informieren und häufig nur auf den rechten Rand konzentrieren. Eine virtuelle “bürgerliche Mitte” wird nicht nur als liberal, progressiv, schaffend und vorwärtsgewandt illusioniert, sondern auch interessengeleitet. Das Gegenstück zu dieser Eigenschaft ist ideologiegeleitet, d.h. Menschen und Gruppen, die Ideologien durchsetzen wollen, anstatt (materielle) Interessen, über die man auch entsprechend verhandeln kann/muss. Ideologiegeleites Handeln wäre demnach nicht kompromissbereit und letztendlich deswegen gewaltbereit und gewalttätig. Das setzt man sowohl mit Nationalismus, als auch mit Kommunismus und Islamismus gleich. Als Gegenmaßnahme empfiehlt man regelmäßig eine Erhöhung des Lebensniveaus, zumindest um “den Ideologen” die Massenbasis abzuschneiden. Dieser Ansatz ist natürlich selber gänzlich ideologisch und spiegelt im Wesentlichen ein gewisses bürgerliches Selbstverständnis wieder.
Üblicherweise verwendet man den Begriff Konservatismus/konservativ nach seiner Wortbedeutung conservare = bewahrend, erhaltend. Damit wäre dieser Begriff für Qutb zunächst vollkommen unpassend, sogar widersprechend, schwebt Qutb doch die komplette Zerstörung aller Ideologien und Lebensstile vor und noch nicht einmal die vorhandenen Elemente, abgesehen von den meisten Menschen natürlich, möchte er weiter verwenden. Auch den zeitgenössischen Islam möchte er davon nicht ausnehmen. Jedoch will Qutb den Islam bewahren und nach dessen Untergang wieder neu unter die Menschen bringen. Die ersten Moslems (as salaf as salih) dienen ihm nur als Beispiel, wie einst die islamische Gesellschaft beschaffen sein soll. Zurück zu deren Zeitalter möchte er nicht und kann er auch nicht. Ganz im Gegenteil geht es darum die heute herrschenden Strukturen zu islamisieren. Sie dienen daher nur als Beispiel wie man durch starken Gruppenzusammenhalt und Glauben die Herrschaft erringen kann. Das korrespondiert auch mit Entwicklungen des Konservatismus. Der Begriff konservative Revolution von Armin Mohler, einem Schweizer, der zuerst in der Waffen-SS und dann in der CSU gedient hat, bringt dieses gewisse Spannungsverhältnis zum Ausdruck. Denn “Revolution” – Umsturz – ist eigentlich nicht mit der “Bewahrung” vereinbar. Dennoch hielt er ihn für tragfähig um die Umstände der 20er und frühen 30er Jahre zu charakterisieren. Eine Revolution sollte es aber werden, gegen die Weimarer Republik, um eine neue Gesellschaft zu schaffen. Arthur Moeller van den Bruck führte dies in seinem Buch “das Dritte Reich” (1923) aus, dessen Name sich etwas unintelligentere Vertreter des Konservatismus borgten. Was es zu erhalten gibt, muss erst noch geschaffen werden. 32 Damit sind sie nicht antimodern, sie wünschen eine konservative Moderne. Ähnlich sieht es der marokkanische Islamistenführer Abdessalam Yassine, der “die Moderne islamisieren” möchte. In Anbetracht der obigen Zitate, insb. in Kapitel 3 und 4, ist klar, dass dies eine enorme Parallele zu Qutb ist. Der größte Dissens besteht natürlich zu allen nationalistischen Vorstellungen bzgl. Kollektive und dem Kampf derselben gegeneinander, so z.B. zu Oswald Spengler und dessen “Untergang des Abendlandes“.
Der Konservatismus ist natürlich in viele Strömungen untergliedert. Die bis heute am stärksten wirkende Strömung sind die Staatskonservativen, die einen starken Staat, ein abgesichertes Gewaltmonopol und Bürgerferne als Kardinaltugenden zelebrieren. In ihrem Selbstverständnis thront der Staat über dem Volk wie der Vater über der Familie, streng und gütig zugleich. Er löst nicht nur gesellschaftliche Konflikte und sorgt für Ruhe und Ordnung, er kümmert sich auch um das allgemeine Wohlergehen, in dem er eben nicht Partikularinteressen nachgibt. In anderen konservativen Fraktionen gibt es sogar Kapitalismuskritik, allerdings nur als Kultur- und Gesellschaftskritik. Demnach würde der Kapitalismus die Gesellschaft zersetzen, z.B. die Familie, und zur Individualisierung und individueller Befriedigungsmoral (Helmut Schelsky) führen. Auch werden die Automatisierung und die Unterordnung des Menschen unter die Maschine (Ernst Jünger) thematisiert. 33

Literatur

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Hourani, A. (1983). Arabic thought in the liberal age, 1798 – 1939. Cambridge University Press. Cambridge.

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Riexinger, M. (2009). Hans-Peter Raddatz: Islamkritiker und Geistesverwandter des Islamismus. in: Schneiders, T.G. (Hrsg.). Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. VS Verlag. Wiesbaden. S.457-467.

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Salvatore, A. & M. LeVine (2004). Religion, Social Practice, and Contested Hegemonies: Reconstructing the Public Sphere in Muslim Majority Societies. Palgrave Macmillian. New York.

Stauth, G. (2001). Islamische Kultur und moderne Gesellschaft. Gesammelte Aufsätze zur Soziologie des Islams. Transcript Verlag.

Wedel, K.-H. (2003). Die Höllenfahrt des Selbst. Zur Kritik von Wille und Freiheit bei Kant.

Fußnoten

1. Jörg Sundermeier versucht es trotzdem. Er bemerkt dabei in einem Vortrag, dass ihm zum Verständnis die Grundlagen fehlen. Wieso er sie sich dann aber nicht aneignen möchte, verstehe, wer will. Es ist ja nicht so, als ob es an Fachliteratur mangeln würde.

2. Zu den Hauptproblemen zählten die internationale Konkurrenz, das erlösarme Produkt, Mängel bei der Entwicklung eines eigenen Maschinenbausektors und damit verbunden die Notwendigkeit ausländische Produkte einzukaufen, u.a. aus England, Frankreich, Italien und einigen indischen Staaten.

3. Aus dieser Zeit stammt auch Kyplings Appell von der “Bürde des weißen Mannes”, den “Untermenschen” die Zivilisation zu bringen. Heute nennt sich dies Islamkritik und dient dazu sozialen Ausschluss zu rechtfertigen. Zu Kyplings Zeit schob man den Vorwand vor die Sklaverei beenden zu wollen. Am Ende des Krieges stand man sich schließlich mit französischen Soldaten in Faschoda gegenüber. Wer nun meint, dass Islamisten hier anders sind, möge bis Kapitel 4 abwarten.

4. “Islamische Lösung” (al Islam huwa al hall) wird relativ häufig von Islamisten verwendet um ihr Programm vorzulegen. Yusuf al Qaradawi hat in den 70er Jahren diesen Aphorismus in die Welt gesetzt.

5. Dieser Sprachnationalismus vollzog sich im Vergleich zu Europa um etwa 50 bis 100 Jahre später. Das moderne Türkisch, um in der Region zu bleiben, wurde von Atatürk erst 1932 geschaffen. Der Sprachnationalismus türkischer Nationalisten und Faschisten halluziniert sich natürlich etwas anderes herbei. Im Gegensatz zum deutschen Sprachnationalismus sind sie allerdings sehr integrativ. Auch Menschen, die überhaupt nichts mit ihnen zu tun hatten oder ihren eigenen Nationalismus pflegen, werden integriert. Dies reicht von Hunnen über Mongolen, das Moghulreich bis zu den Kurden.

6. Wegen der Verfolgung unter König Faruks zog er es vor im Ausland zu bleiben.

7. Er jammert natürlich fürchterlich, dass “westliche” Ideen den Islam abgelöst hätten, z.B. in der Türkei und in Pakistan, und weint besonders dem Osmanischen Reich hinterher. Folgerichtig nannte er auch sein wichtiges Buch “Was die Welt durch den Niedergang des Islam verloren hat“. Ein Beispiel daraus ist, wie die USA und Finnland daran gescheitert waren die Prohibition durchzusetzen, während sie in der islamischen Welt erfolgreich gewesen sei.

8. “Mission” im christlichen Sinne von aktivem Werben unter “Heiden” und devianten Konfessionen ist damit aber nicht gemeint. “Da’wa” wurde und wird entgegen aller Verschwörungstheorien europäischer Rechtsextremer nur von den Islamisten genutzt und nicht von allen Moslems. Diese Mission hat zum Ziel die Glaubensbrüder zu (re-)islamisieren, insb. durch ein tugendhaftes Vorbild, die Schaffung eines reinen Lebensumfeldes und die Abwehr von “Sünden”. Somit kann Da’wa quasi alles umfassen. Auf diese “Kleinigkeit”, die integraler Bestandteil des Islamismus ist, kommen in den vergangenen 10 Jahren mittlerweile immer mehr Autoren zu sprechen, u.a. Salvatore & LeVine 2004, Stauth 2001, Hirschkind 2006, Bayat 2007, Reetz 2001 und 2003.

9. Ich verwende hier eine Ausgabe aus den 70er Jahren, die mittlerweile online vorliegt. Einige arabische Vokabeln habe ich direkt übernommen, in der Regel, weil sie unter Islamisten geläufig sind. Allerdings gibt es auch bei einigen das Problem sie passend ins Deutsche zu übersetzen, z.B. fitrah (Natur) oder aqida (Quelle).

10. Hier sei auch an meine Lieblingsstelle aus Khameneis Ruh-e Tawhid verwiesen: “In heidnischen Gesellschaften, in welcher Menschen entlang der zwei Klassen der Unterdrücker und der Beherrschten geteilt sind – im Besonderen der Klasse der reichen Ausbeuter und der Klasse der Verelendeten und Benachteiligten -, ist die am meisten auffallende Erscheinung der Beziehung zwischen dem „Objekt der Verehrung“ und dem „Verehrer“ die ungerechte Beziehung zwischen den beiden Klassen. Es ist für die Identifizierung von Idolen und Göttern historischer Gesellschaften bei weitem nicht ausreichend eine Studie von Realem und Imaginiertem, Belebtem und Unbelebtem der Gottheiten ihrer Kulte zu machen; ihre wahren Idole und Götter sind die Unterdrücker selbst, die die Unterdrückten unter ihre Autorität gezwungen haben und sie zu verehrenden Sklaven machten um ihre eigene Gier, Streben nach Macht und räuberischen Zwecken zu befriedigen.
Leider blieb Khamenei bis heute die Erkenntnis nicht vergönnt, in diesen Worten sein eigenes Regime zu entdecken. Aber vielleicht hat er es auch und es geht ihm letztendlich nur um die Petrodollar.

11. Die Eitelkeit gewisser Propheten, in diesem Falle Qutbs, kennt bekanntlich keine Grenzen und so sieht er sich nicht nur verfolgt wie Mohammed, sondern auch selber als Prophet wie dieser selbst. Diese Erscheinungen gibt es in der Alltagstheologie tatsächlich, nämlich als mujadid (Erneuerer), der einmal im Jahrhundert erscheint um die Lehre Gottes wieder auf die richtigen Füße zu stellen. Aber eigentlich würde das gegen Qutbs Prinzipien verstoßen.

12. In ähnlicher Absicht hat auch Nabhani den Namen der „Hizb ut-Tahrir“ gewählt – Partei der Befreiung.

13. Es ist eine in Europa weit verdrängte Tatsache, aber auch die Aufklärung selbst war niemals in ihrer Gänze liberal. Viele Aufklärungsphilosophen waren stockkonservativ oder bigott. Die Freiheit des Denkens war fast immer nur die Freiheit des Mannes zum Denken. Nicht von ungefähr nahmen Rassismus und Antisemitismus unter Aufklärungsphilosophen ihren Anfang, z.B. bei Kant. Hier reduziere ich natürlich die Aufklärung nur auf den Erkenntniszugang des Menschen. Im übrigem korrespondiert der Begriff Aufklärung gut mit dem arabischen Begriff der Islamisten: as sahwa an nur (Streben zum Licht), kurz nur, und dem englischen Enlightment/Lumination.

14. Der Sufismus, arabisch tasawwuf (Spiritualität/Erleuchtung), lautet zwar ähnlich (zur Unterscheidung siehe letzter Buchstabe), hat aber mit Qutbs Entwurf nichts zu tun. Auch der gleichlautende Begriff tasawwuf im Sufismus hat damit selbstverständlich auch wieder nichts gemeinsam. Man könnte aber vermuten, dass Qutb sich diese positiv besetzten Vokabeln “ausgeliehen” hat um seinen Entwurf besser zu vermarkten. Allerdings gibt es einige islamistische Sufiorden, u.a. die Naqschbandiyas in der Türkei, Zentral- und Südasien.

15. Tariq Ramadan verwendet für tasawwur den philosophischen Begriff Prinzip, d.h. der letztendliche Ursprung. In diesem Artikel möchte ich allerdings nicht so spritzfindig vorgehen und habe daher den allgemeinverständlichen Begriff “Entwurf” verwendet, um die Gerichtetheit und das Prozesshafte darzustellen.

16. Halal bedeutet nicht “rein” wie man es in populären Übersetzungen liest, sondern, dass bestimmte Kriterien erfüllt sind. Im Gegensatz zum Verbot – haram/harem – gibt es keine Untersagungen und keinen Zwang, sondern Anweisungen wie etwas abzulaufen hat und welche Anforderungen es erfüllen muss. So findet z.B. eine aktuelle Debatte um den Schleier – Niqab – in Ägypten statt. Während Theologen der Al-Azhar-Universität sie als nicht notwendig oder gar unislamisch einstufen, verfechten die Islamisten das es im Islam zwar keine Regel, aber geboten sei. Im Kopftuch sind sie sich aber beide Gruppen einig, dass es eine Pflicht und seine Ablehnung haram sei.

17. Genau genommen ist der Nationalismus weltweit gesehen selten älter als 200 Jahre, häufig sind es sogar nur 60 bis 70 Jahre.

18. Wenn fachfremde Politikwissenschaftler dagegen vom Ummasozialismus reden, wird offenbar, dass sie vom Islamismus überhaupt keine Ahnung haben. Nicht nur spielt die Ummah keine Rolle, außer als Negativbild, sondern es gibt auch keinen Sozialismus.

19. In den 80er Jahren galt Takfir wa’l Hijra als ultimative Terrororganisation, die für so ziemlich alles verantwortlich gemacht wurde. Ebenso verfuhr man mit der libanesischen Hizbollah und den iranischen Islamisten. Je nach Stand der Hysterie waren auf die Anschläge der NATO-Kasernen 1983 in Beirut einer dieser drei Gruppen verantwortlich. Bis heute hat sich aber keine von ihnen dazu bekannt. Das ist aber sehr unwahrscheinlich, dass sich keiner zu mehreren hundert toten NATO-Soldaten bekennen sollte, während sie gleichzeitig nicht allzu subtil ”Tod Amerika” skandieren und US-Fahnen verbrennen. Für ihre tatsächlichen Anschläge, z.B. in Buenos Aires, hat sich aber niemand sonderlich interessiert. In den 90er Jahren waren die Moslembrüder/Hamas für jeden Anschlag verantwortlich und seit 2001 Al Qaida. Natürlich gibt es zahlreiche Journalisten und Pseudo-Wissenschaftler, die sich sehr bemühen diese Verschwörungstheorien von der “Islamic insurgency” aufzudecken und überall Netzwerke dieser Terrorgruppen vermuten. Interessant ist dabei natürlich der Fokus, dass sie in dieser Vorstellung nämlich immer nur Westler ermorden. Nicht-Westler scheinen keine besondere Aufmerksamkeit zu genießen. Ein schönes Beispiel gibt der aktuelle Vergleich zwischen den Selbstmordanschlägen im Irak und Israel. In der öffentlichen Wahrnehmung werden Anschläge in Israel hysterisch mit Kampf der Kulturen und islamischen Imperialismus aufgenommen. Irakische Opfer werden dagegen aufreizend stoisch zur Kenntnis genommen.

20. Rassisten mit ihrer Behauptung der Parallelgesellschaft greifen das übrigens nicht auf. Das thematisieren sie nicht und setzen sich folglich auch nicht mit dem Islamismus auseinander. Mit dem Vorwurf der Parallelgesellschaft wird einfach nur Hetze gegen Arme betrieben. Denn die Menschen sind aufgrund der Armut in Vierteln konzentriert und nicht frei gewählt.

21. So z.B. die Ermordung Farag Fodas oder das Attentat auf Nagib Mahfuz. Auch die Politik von Mawdudi in Pakistan, der den Separatismus in Belutschistan und Bengalen offiziell als Feindschaft zum Islam interpretierte um ihre Unterdrückung zu rechtfertigen, aber auch das beliebte Stigma der iranischen Islamisten im Umgang mit Oppositionellen, die als Heuchler (monafiq, also einer, der den Islam nicht verstehen will), Feinde des Islam bezeichnet oder deren Äußerungen als Beleidigung des Islam als nicht-diskutabel behandelt werden.

22. Es gibt in den (westlichen) Demokratietheorien zwei große Sujets. Das Eine ist die Form der politischen Entscheidung. Das Andere ist die Lösung von Interessenkonflikten. Natürlich kann man sie nicht exakt voneinander trennen, da Entscheidungen immer auch Interessen voraus gehen. Qutb wäre im zweiten Bereich einzuordnen.

23. Qutb hätte am besten gleich von Identität und Status geschrieben. Dann hätte auch der Letzte erkennen können, welche gesellschaftlichen „Werte“ er anstrebt.

24. Je nach Autor handelt es sich dabei um Totalitarismus oder nicht. Qutb ging allerdings im 1. Kapital der Ma’alim davon aus, dass die beiden Systeme seiner Zeit, der Westen und der Osten, von jeweils einem Prinzip beherrscht wurde. Für muslimische Gesellschaften sollte der Islam das herrschende Prinzip bilden. Die Vorherrschaft von Menschenrechten im Westen würde er vermutlich brüsk zurückweisen angesichts der Unterdrückung von Minderheiten in vielen Ländern und dem (Neo-)Kolonialismus, abgesehen von seinen eigenen Erfahrungen mit dem Rassismus in den USA der späten 40er Jahre.

25. Da eine Gewinnbeteiligung bei Haushalten nicht funktioniert, stellt sich natürlich die Frage, was hier Banken im Gegenzug erhalten. Qutb hatte dies aber nicht thematisiert. Islamisten haben dies heute durch eine „jährliche Nutzungsgebühr“ gelöst, also auch Zinsen.

26. Eine davon ist der Antisemitismus, z.B., dass die Juden hinter dem Kulturrelativismus stecken um alle “Begrenzungen, insbesondere, die durch Glauben und Religion erlassen wurden” zu beseitigen “um ihre schlechten Pläne” voranzutreiben. “An erster Stelle dieser Aktivitäten steht der Wucher/riba, dessen Ziel es ist, allen Reichtum der Menschheit in den Händen jüdischer Finanzeinrichtungen, die Zinsen nehmen, zu sammeln.” (Qutb 1972, S.58). Das Original stammt übrigens von Henry Ford, von dem er es übernommen hat. Henry Fords Werk hatte u.a. maßgeblich den Nationalsozialismus inspiriert.

27. Das hindert ihn trotzdem nicht rassistisch zu sein wie sein Zitat im Kapitel 4c zu Afrika beweist.

28. Dieser Klassiker des Konservatismus findet sich meines Wissens zuerst bei Platon.

29. Das hat Martin Greiffenhagen als das Dilemma des Konservatismus bezeichnet.

30. Meines Wissens hat im deutschen Nationalismus nur Fichte ähnliches geschrieben.

31. Die große Meisterleistung des Kapitalismus liegt darin, den Menschen in eine arbeitsteilige Gesellschaft zu integrieren, in welchem der Arbeitsprozess die Rationalität vorgibt. Denn erfüllt in der Arbeitsteilung ein Element seine Funktion nicht, so zieht dies entsprechende Verzögerungen und Stillstände bei den anderen nach sich. Dem Individuum kann man dies nun entweder repressiv oder über einen Appell vermitteln wie z.B. Kant, dass die Maxime des eigenen Handelns auch zu Maxime aller anderen werden kann. vgl. auch Lohoff 2005, Wedel 2003. Diesen Uniformierungsprozess des Denkens und Handelns Islamisten wie Qutb als Totalitarismus auszulegen, sieht eben davon ab und stellt ihn somit falsch dar.

32. Natürlich ist das Hl. Römische Reich deutscher Nation das Ideal, zu dem van den Bruck und sein jungkonservativer Zirkel zurückkehren möchten.

33. Einige Islamhasser, z.B. Hans-Peter Raddatz, teilen diese Ansicht und zitieren deswegen gerne Robert Kurz. Kritiker von Hans-Peter Raddatz wie Martin Riexinger (2009), der selbe gerne auf das nationalliberale, neoliberale Blättchen “eigentümlich frei” verweist, können damit trotz Geschichtsstudium nichts anfangen und halluzinieren eine Annäherung der Totalitarismen herbei (S.463).


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